Befreiungstheologie

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web: http://www.theology.de/page11.html#Befreiungstheologie
http://buddhanetz.net/religion/religio2.htm

Theologie der Befreiung

Als Befreiungstheologie bezeichnet man die vor allem von katholischen Theologen in Lateinamerika und anderen Ländern der dritten Welt entwickelte Theologie.

Hierbei geht es zum einen um eine angemessene Reaktion auf die gegenwärtige Situation der dritten Welt, die entscheidend geprägt ist von Armut, Hunger, Überbevölkerung, ökonomischer und politischer Ausbeutung. Zum anderen geht es um eine Inkulturation des Christentums, d. h. um eine Einbindung der oft jahrtausendealten kulturellen und religiösen Traditionen.

Seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts bildeten sich in Lateinamerika kleine Gruppen, die die Ausbeutung der Massen für eine "zynische Beleidigung Gottes" hielten und davon ausgingen, daß Jesus ein ganz anderes Modell von Leben, nämlich der Gemeinschaft gerade mit den Schwachen, verwirklicht habe. Sie schlossen sich zu Basisgemeinden zusammen und fanden zunehmend Theologen, die diese Sicht und Praxis des Christentums programmatisch vertraten.

Befreiung sei nicht nur ein neues Thema der Theologie, sondern "eine neue Art, Theologie zu machen" (Gustavo Gutiérrez).

Basis dieses Anspruchs ist das Massenelend in vielen lateinamerikanischen Staaten. Im einzelnen wird der verbreitete Analphabetismus kritisiert, wodurch vielen der Zugang zu Bildung, Einkommen und Selbstbestimmung versperrt sei. Daneben herrsche in Lateinamerika ein Rassismus, der Indios, Schwarze und Mischlinge verachte und unterdrücke, und ein "Machismo", durch dessen extrem patriarchalische Mechanismen die Frauen - besonders die der armen Schichten - unterdrückt würden. In vielen Staaten fanden und finden sich ungerechte politische Strukturen, Militärdiktaturen und Oligarchien, die eine Willkürherrschaft ausüben. Vor allem aber werden die ökonomischen Verhältnisse als bedrückend erfahren: Der Grundbesitz und das Kapital befinden sich in den Händen weniger Familien.

Unter diesen Bedingungen wurde ein traditionelles Christentum zunehmend als unzureichend erfahren, das die Massen der Armen auf ein besseres Los im Jenseits zu vertrösten schien. Wenn Christentum noch einen Sinn haben sollte, dann müsse es eine "Option für die Armen" ergreifen und praktisch dazu beitragen, die Armen aus ihrem Elend zu befreien. Gemäß der Überzeugung der Befreiungstheologen darf das verkündete Heil nicht eine rein jenseitige Erlösung beinhalten, sondern muß auch in einer Befreiung von der "strukturellen Sünde" des vorhandenen Unrechts bestehen. Gefordert wird eine Solidarisierung der Kirche mit dem "geschichtlichen Befreiungskampf" der Armen gegen ihre Unterdrücker.

Von der Sache her besaß diese Auffassung Affinität zum Marxismus; im Laufe der Zeit traten die Unterschiede zum Marxismus aber deutlich hervor. Die in der Befreiungstheologie angezielte Befreiung ist umfassender als die bloße Korrektur der gesellschaftlichen Verhältnisse. Gerade die freiwillige Ohnmacht und Gewaltlosigkeit Jesu sowie die Befreiung gerade in der Niederlage des Kreuzes hat dazu beigetragen, diesen Begriff nicht gänzlich mit dem geschichtlichen Erfolg des Kampfes zu identifizieren. Auch wird die Unmöglichkeit einer totalen Befreiung im Rahmen der Geschichte festgehalten.

Träger der neuen Bewegung sind die allerorten entstandenen Basisgemeinden, in denen durch die Veränderung des Bewußtseins eine neue solidarische Praxis gelebt wird.

Führende Vertreter der Befreiungstheologie sind die Theologen Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff.

Leicht veränderter Auszug aus: Brockhaus Enzyklopädie 1987

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Donnerstag, 1. September 2011

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Montag, 9. Juli 2001

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