Das radelnde Klassenzimmer

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In Tumbaco/Ecuador ist eine Schule entstanden, die Kinder lernen lässt, wie Kinder lernen.

Text: Elisabeth Gründler Foto: Daniel Mayer, Leonardo Wild

Der 14-jährige Juan weist mit ausgestrecktem Arm auf einen imaginären Punkt am Horizont und blickt fragend in die Runde. Zwei Erwachsene und 16 Jugendliche haben sich mit ihren Mountainbikes in Tena versammelt, einer Stadt im ecuadorianischen Amazonas-Gebiet. Die Gruppe kommt aus Tumbaco, einem kleinen Ort 15 Kilometer westlich der Hauptstadt Quito. Die fünftägige Schulfahrt per Fahrrad hat sie über einen Pass in 4100 Metern Höhe zu den heißen Quellen von Papallacta geführt. Die Sehnsucht nach dem unbekannten Ort jenseits des Horizontes spüren alle.


"Wo sind hier die 200 Kinder und Jugendlichen?", frage ich mich, als ich zum ersten Mal das weitläufige Gelände der Fundación Educativa Pestalozzi (FEP) betrete. Obwohl ich den Weg bergauf mit dem Auto gefahren bin, fällt mir das Atmen schwer - 2500 Meter Höhe sind gewöhnungsbedürftig. Ich gehe an dem runden Kindergartenbau vorbei, wo 60 drei- bis siebenjährige Kinder von sieben Erwachsenen betreut werden, zum Fußballplatz. Hier sind etwa ein Dutzend Acht- bis Zwölfjährige in ein hitziges Match vertieft. Kein Erwachsener ist als Schiedsrichter oder Aufpasser zu sehen. Doch wenn sich ein Kind wehgetan hat, bricht die Gruppe das Spiel ab und kümmert sich um ihn. Einmal, als es ernster scheint, rennt einer sofort los, um einen Erwachsenen zu holen. Danach geht das Spiel weiter, die Spieler wechseln, doch das Match wird kaum unterbrochen. Eine zweite Gruppe Jugendlicher fängt am anderen Tor ein eigenes Spiel an, ohne dass sich jemand daran stört. Offenbar ist genug Platz für alle da.

Eine Schule ohne Noten, ohne Klassen

Auf meinem Weg vom Fußballplatz in die Primaria sehe ich ordentlich in Reihe etwa 15 Kinder vor einem Tisch stehen, an dem zwei zehnjährige Mädchen Saft ausschenken: Frühstückspause. Wer etwas bekommen hat, nimmt sich zwei Kekse und geht. Einige stellen sich gleich wieder hinten an. Alles läuft ohne Geschrei und Gedränge ab. Erwachsene sind in der Nähe, ohne sich einzumischen. Saft ausschenken ist eines der beliebtesten Ämter, erfahre ich später. Andere Aufgaben sind weniger beliebt, etwa mittags in der Schreinerei das Werkzeug einsammeln und in die Holzkiste einschließen, damit es nicht geklaut wird. Um Kandidaten auch für diese unbeliebten Ämter zu finden, hat sich die Schüler-Vollversammlung folgende Regel ausgedacht: Wer schwatzt oder stört, während die Aufgaben verteilt werden, ist für eine Woche dran. Seither geht es in der Vollversammlung für diesen Moment besonders ruhig und diszipliniert zu.

Ich betrete das Gebäude der Primaria und folge dem Duft nach Gebratenem. Die Küche ist nur durch eine Arbeitsplatte abgeteilt. Drei Jungen zwischen sechs und neun Jahren machen Pommes frites. Mir wird angst, als ich die Kinder mit Pfanne und Gasfeuer hantieren sehe, doch hier scheint es niemanden zu beunruhigen. Bald wird klar, dass es dazu auch keinen Grund gibt: Sachkundig schälen und schneiden die Jungen Kartoffeln und fritieren sie in heißem Fett. Alle drei scheinen schon satt zu sein, doch immer wieder kommen Kinder vorbei und erbitten sich einen Anteil. Keines wird abgewiesen, jedes darf probieren. Schließlich kommt ein ganzer Trupp von 10- bis 14-Jährigen, verschwitzt, hungrig und durstig vom Fußballspiel. Sie stellen sich in einer Reihe auf, jeder erhält zwei Pommes frites und bedankt sich bei den Köchen. Der Vorrat ist schnell verschwunden. Doch die Pfanne ist noch heiß, Kartoffelschnitzel sind noch übrig, Abnehmer für die Produkte finden sich. Eine Betreuerin erinnert daran, dass in einer halben Stunde der Schultag zu Ende ist. Die Kinder wissen, was das bedeutet: Aufräumen nicht vergessen. Doch es kommt keine Hektik auf. Während einer schon mal Teller wäscht, legt ein anderer neue Kartoffelschnitzel in die Pfanne.

"Wie lernen die Kinder je lesen, schreiben und rechnen, wenn ihnen niemand sagt, was sie tun sollen?" Das ist die meistgestellte Frage von Besuchern. Und Besucher kommen häufig, denn "das Pesta", wie es seine Gründer Rebeca und Mauricio Wild nennen, ist längst ein Modell. Wofür, das ist schwer zu sagen. Denn mit einer Schule hat die Lernstatt in Tumbaco, dem kleinen Ort 15 Kilometer östlich von Quito in Ecuador wenig gemein: keine Klassen, keine Noten, kein Stundenplan, kein Pausengong. Und doch lernen die etwa 200 Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 18 Jahren, die hier an jedem Werktag von acht bis zwölf Uhr zusammenkommen, was sie für ein Leben mit Chancen brauchen.

Fußball ist aktive Mathematik

Auf dem Fußballplatz? Zum Beispiel. "Fußball ist aktive Mathematik", sagt Mauricio Wild, "solange ein Kind aktiv ist, machen wir uns keine Sorgen. Beim Mannschaftsspiel lernt es, Regeln zu beachten und die Operationen mit seinem Körper und seinen Sinnen zu vollziehen, die es später als mathematische und physikalische Gesetze kennen lernen wird."

Was für Jungen die Mannschaftsspiele sind, scheint für die Mädchen das Rollenspiel zu sein, in das sie sich in kleinen Gruppen viele Stunden lang vertiefen. Auf dem weitläufigen Gelände mit vielen Höhlen und Butzen ist dafür genug Raum. "Jedes Kind ist von Natur aus kooperationswillig und möchte sein wie die Großen", erläutert Rebeca Wild. "Früher oder später, so unsere Erfahrung im Pesta, entschließt es sich, die in seiner Kultur erforderlichen Techniken und Fertigkeiten zu lernen, die man als Großer können muss. Es ahmt die größeren Kinder nach, bittet die Erwachsenen um Hilfe und ist stolz und glücklich, über das, was ihm gelingt. Wenn das Kind selbst entscheiden kann, ob es sich einem Thema öffnen will, lernt es meist schnell und leicht. Seine natürliche Neugier treibt es."

Diese Einsicht hatte schon die italienische Ärztin Maria Montessori, auf deren Ideen und Erfahrungen das Pesta aufbaut. Die Anfänge der FEP gehen auf das Jahr 1977 zurück, als Mauricio und Rebeca Wild in Tumbaco einen Kindergarten für ihren zweiten Sohn Rafael gründeten. Rebeca Wild, gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1939, lebt seit 1961 in Ecuador. Mauricio Wild ist als Sohn Schweizer Eltern hier geboren. Anfangs hatten die Wilds in Quevedo gelebt, das damals inmitten von Urwald und Bananenplantagen lag. Später arbeiteten sie als Leiter einer Plantage und als Angestellte einer Import-Export-Firma in der Hafenstadt Guayaquil. Von 1965 bis 1970 studierten sie Sozialwissenschaften in New York und Puerto Rico und kehrten dann nach Ecuador zurück, um ein landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt in den Anden zu leiten. Als Eltern hatten sich die Wilds sehr früh an den Ideen und Erfahrungen Maria Montessoris orientiert. Die italienische Ärztin hatte entdeckt, dass Kinder in einer vorbereiteten Umgebung, die ihren Bedürfnissen und ihrer Reife entspricht, selbstständig aktiv werden und mit allen Sinnen lernen und dass in bestimmten sensiblen Phasen Lernprozesse sehr schnell stattfinden. Der Schulkarriere ihres ältesten Sohnes Leonardo hatten die Wilds wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Er besuchte eine Dorfschule, wo noch der Rohrstock regierte und 55 Kinder im Chor auswendig lernten. Als er auf der höheren Schule in Quito zunehmend schulmüde und lebensunlustig wurde, sahen die Eltern genauer hin.

Ihrem zweiten Sohn wollten die Wilds eine solche Schulerfahrung nicht zumuten. So mieteten sie 1977 in Tumbaco ein Haus, das gleichzeitig Wohnhaus und Kindergartengebäude war. Sie suchten sich Jobs im nahe gelegenen Quito, um abends und am Nachmittag das nötige Geld zur Finanzierung ihres Projektes zu verdienen.

Zwölf Jahre Arbeit am Rande des Ruins

1980, als ihr Sohn fünf Jahre alt war, eröffneten die Wilds zusätzlich eine Grundschule (Primaria), 1986 eine Sekundarschule (Sekundaria). 1989 wurde das Pesta als Experimental-Schule für Ecuador anerkannt. Schon 1981 hatten die Wilds zusammen mit Eltern die Schule in eine Stiftung, die FEP, umgewandelt, die allerdings keinerlei staatliche Zuschüsse erhält.

Seit 1989 darf die FEP einen Sekundarschulabschluss vergeben, der unserem Realschulabschluss entspricht. Für die Abiturprüfung als Externe können die Jugendlichen im Pesta weiterlernen, und viele haben das Abitur nach wenigen Monaten Vorbereitung in staatlichen oder privaten Kursen geschafft. Mit einem autodidaktischen Netzwerk, das Jugendlichen und Erwachsenen offen steht, versucht die FEP zurzeit, ein Weiterlernen auf Hochschulniveau zu ermöglichen. Was in der Chronologie wie eine lineare Entwicklung erscheint, war in Wirklichkeit ein mühevolles Vortasten, ein tägliches Ringen um den nächsten Schritt und ein ständiges Balancieren am finanziellen Abgrund. Zwölf Jahre lang arbeitete das Pesta in relativer Illegalität, jederzeit von der Schließung bedroht. In Ecuador ist Schulbildung ein weitgehend privates Geschäft, jeder kann eine Schule eröffnen, wenn er sich verpflichtet, den staatlichen Lehrplan zu erfüllen. Genau das aber lehnten die Wilds ab. Sie beriefen sich auf einen Verfassungsartikel, der Eltern das Recht gibt, über die schulische Erziehung ihrer Kinder selbst zu bestimmen und machten der Bürokratie unmissverständlich klar, dass sie im Falle einer Schließung das Verfassungsgericht anrufen würden.

Eltern, die ihre Kinder zu den Wilds in das Pesta schickten, hatten keinerlei Garantie, dass sie damit der Schulpflicht Genüge taten oder ihre Kinder irgendwelche Abschlüsse erwerben würden. Jahrelang war immer erst wenige Tage vor Schuljahrsbeginn klar, ob das Pesta weitergeführt werden konnte, denn viele Eltern, denen es schwer fiel, das notwendige Schulgeld aufzubringen, zögerten mit der Anmeldung bis zum letzten Tag. Den erwachsenen Betreuern konnten die Wilds, ebenso wie sich selbst, nur minimale Gehälter zahlen. Bei einer Inflation von 30 bis 120 Prozent im Jahr reichte das kaum zum Überleben.

Kinder lernen gern, wenn man sie lässt

Doch bei aller Unsicherheit gab es keine Zweifel. Rebeca und Mauricio Wild waren sich der Prinzipien und Werte, nach denen sie Kindergarten und Schule entwickelten, immer ganz sicher. Denn sie sahen, dass Lernprozesse, die in der herkömmlichen Schule oft Jahre brauchen, im Pesta manchmal in ganz kurzer Zeit geschehen. Plötzlich kann ein Kind lesen, und niemand hat so recht bemerkt, wie es dazu gekommen ist.

Ein Blick in den Mathematikbereich des Pestas: Zwei Betreuer sind für etwa zwölf bis 15 Kinder und Jugendliche da, die die unterschiedlichsten mathematischen Aufgaben lösen. Auch hier ist ein Kommen und Gehen, in der letzten Stunde des Schulmorgens ist die Nachfrage meist am größten. Raumprobleme gibt es nicht: Auf einer überdachten Veranda stehen den Kindern weitere Plätze für ruhiges Arbeiten zur Verfügung. Dicht am Äquator kann man jederzeit nach draußen ausweichen. Was das Lesen- und Schreibenlernen betrifft, haben die Wilds bei den Kindern im Pesta häufig Folgendes beobachtet: Einige nutzen spielerisch das Material, das ihnen schon im Kindergarten zur Verfügung steht. Im Alter von sieben bis acht Jahren, wenn in der Kultur Lesenlernen dran ist, interessieren sie sich meist intensiv dafür und arbeiten mit den entsprechenden Materialien. Wenn sie die Buchstaben schreiben und Texte entziffern können, lässt das Interesse oft nach.

Wer wissen will, lernt auch lesen

Es erwacht erst wieder, wenn die Kinder zehn oder elf sind und ein wirkliches Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation entwickeln, weil sie es mit Alltagserlebnissen in Verbindung bringen können. Mit zwölf oder 13 werden viele Kinder im Pesta zu echten Leseratten. Manche Kinder allerdings zeigen über Jahre kein Interesse am Lesen und Schreiben - zur Beunruhigung der Eltern. Veronika zum Beispiel: Ihre Motorik entwickelte sich gut, sie zeigte all die Jahre ein lebhaftes Interesse an Mathematik, erarbeitete sich selbstständig viele Themen und entschied sich für immer neue Aktivität. Sie übernahm Verantwortung, baute Beziehungen zu Gleichaltrigen und Erwachsenen auf - doch für Lesen und Schreiben konnte sie sich bis zu ihrem zwölften Lebensjahr nicht erwärmen. Die Wilds ermutigten die Mutter, sich in Geduld zu üben. Dann, plötzlich, lernte Veronika innerhalb weniger Wochen lesen. Und berichtete ihrer Mutter von dem sexuellen Missbrauch, den sie im Alter von vier Jahren im Hause eines Onkels erlitten hatte.

Die Wilds erklären das so: Veronika hatte intuitiv den richtigen Zeitpunkt abgewartet, um gleichzeitig mit dem Erlernen der Kommunikationstechniken auch reif genug zu sein, um das schlimme Erlebnis mitteilen zu können. Solche Erfahrungen bestärken die Wilds darin, Förderprogramme und Therapien für die Kinder im Pesta abzulehnen. Lieber vertrauen sie auf die von innen gesteuerte Lernaktivität und die Selbstheilungskräfte des lebendigen Organismus. Kindern, die sich über lange Zeit für keine persönliche Aktivität entscheiden können, werden Grenzen gesetzt, meist, indem für sie die Wahl der Möglichkeiten eingeschränkt und die Entscheidung für eine Aktivität verlangt wird.

Voraussetzung: Die Eltern lernen mit

Gleichzeitig versuchen die Lehrer in intensiven Gesprächen mit den Eltern herauszufinden, was das Kind daran hindert, selbstständig aktiv zu werden, und wie das Kind darin unterstützt werden kann, zu eigenen Entscheidungen zu finden. Die Arbeit im Pesta beruht auf dieser engen Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern. Für viele Erwachsene ist das der schwierigste Teil des Prozesses, weil er sie unweigerlich dahin führt, das eigene Verhalten in Frage zu stellen. Eltern, die sich nicht entschließen können, auch zu Hause die echten Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen, neigen am ehesten dazu, Forderungen nach verbindlicheren Lernangeboten zu stellen; oder sie melden nach einiger Zeit ihr Kind aus der FEP ab.

Vier Nachmittage in der Woche sind im Pesta für den Austausch der erwachsenen Betreuer untereinander, für Fallbesprechungen, Fortbildung und intensive Elterngespräche reserviert. Nur durch diesen ständigen Austausch der Erwachsenen ist eine Arbeit, wie sie im Pesta geleistet wird, überhaupt möglich.

Die Zeugnisfrage wurde im Einvernehmen mit der Schulbehörde so gelöst: Die Wilds haben eine Benotung mit Zensuren immer als sinnlos und destruktiv abgelehnt, sich jedoch bereit erklärt, jederzeit Auskunft darüber zu geben, welche konkreten Operationen ein Kind in den Kulturtechniken wie ausführt und wie es sich sozial, emotional und kognitiv entwickelt. Mauricio Wild hat ein Computerprogramm entwickelt, in dem 650 Aktivitäten, die für die Kinder im Pesta möglich sind, beschrieben und klassifiziert sind.

Die erwachsenen Betreuer machen sich Notizen über die Aktivitäten der Kinder und klassifizieren sie nach Dauer, Konzentration und Autonomie. Diese Informationen werden über einen Code in den Computer eingegeben. Jeder Betreuer ist für etwa 15 Kinder zuständig, über die er berichtet. So entsteht im Laufe von Monaten ein Bild von den Aktivitäten des Kindes, das ergänzt wird durch einen persönlichen Bericht des zuständigen Betreuers, eine Stellungnahme der Eltern und ab dem Alter von 14 Jahren auch der Jugendlichen. Zweimal im Jahr erhalten die Eltern einen etwa 50-seitigen Bericht über ihr Kind.

Lasst uns nach Brasilien fahren!

Bei meinem Besuch im Pesta im Mai 1997 ist die Planung für die Radtour nach Manaus in Brasilien in vollem Gange. Die Jugendlichen haben die Erwachsenen davon überzeugt, dass es möglich sein muss, mit dem Fahrrad über eine Route, die von Quito über Kolumbien und Venezuela führt, nach Manaus zu fahren.

Die Wilds haben sich entschlossen, das Vorhaben zu unterstützen. "Wir waren lange Zeit sehr unsicher, wie eine vorbereitete, entspannte Umgebung aussehen soll, die den echten Lebensbedürfnissen der Jugendlichen gerecht wird und in der sie entsprechend lernen können", erinnert sich Mauricio Wild. "Denn: Was sind eigentlich die echten Bedürfnisse von Jugendlichen?" So sicher sie bei den Kleinsten waren, dass sie Möglichkeiten zu Sinnesaktivität brauchen, und bei den größeren Kindern, dass es ihr Bedürfnis ist, etwas zu machen - die Projekte der Jugendlichen blieben immer wieder stecken. Die einzige Aktivität, die ein dauerndes wirkliches Bedürfnis zu sein schien, war: zusammenzusitzen und miteinander zu reden. "Wir verstehen das heute so, dass in der Adoleszenz die Menschen ihre Sprache aus der egozentrischen und halb sozialisierten Form der frühen und späten Kindheit zu ihrer vollen Reife entwickeln, zur sozialisierten Sprache, wie Piaget es nennt. Und das geschieht aktiv - also durch Miteinander-Reden."

Eine Radtour als Lern-Projekt

Die Vorbereitung der Radtour nach Manaus bietet mehr als ein Jahr lang Anlass zur Kommunikation: Informationen über die Reiserouten müssen gesammelt, Etappen, Ausrüstung und vor allem die Kosten berechnet werden. Die Finanzierung ist das zentrale Thema. Sponsoren müssen her - aus eigener Kraft konnten Eltern und Stiftung das Reisegeld nicht aufbringen.

Die Jugendlichen verfassen und drucken eine Projektbeschreibung und sprechen, unterstützt von den Erwachsenen, mit potenziellen Sponsoren. Und tatsächlich, Nestlé, Toyota und einige Privatpersonen erklären sich bereit, das Projekt zu einem Teil zu finanzieren. Den anderen Teil wollen die Jugendlichen selbst verdienen: durch Beschreibungen, Gebrauchsanweisungen und didaktisches Material, das sie unterwegs in Schulen gegen freie Unterkunft anbieten. Der Schulvormittag reicht bald für die Vorbereitungen nicht mehr aus, immer öfter bitten die Jugendlichen um die Extra-Stunde, für die ein Erwachsener als Betreuer länger im Dienst bleibt.

30 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren haben sich für die fünfmonatige Radtour nach Brasilien angemeldet. Endlos tagen Komitees und Untergruppen, um alles zu besprechen und vorzubereiten. Regeln werden aufgestellt: Maximal sechs Erwachsene sollen die Gruppe begleiten - sonst, so befürchten die Jugendlichen, werde es zu stressig für sie. Sie veranstalten mehrtägige harte Trainingstouren, an denen - nur so zum Spaß - auch 13- und 14-jährige Schüler teilnehmen. Schnell ist klar, dass sie den Strapazen der steilen Steigungen auf ungepflasterten Straßen mindestens so gut gewachsen sind wie die Älteren. Und: Sie wollen mit auf die Tour. Am 1. Januar 1998 ist es endlich so weit. 45 Personen, 37 Jugendliche und acht Erwachsene sammeln sich im Zentralpark von Quito, um gemeinsam aufzubrechen. Fast 6000 Kilometer liegen vor ihnen, jeder hat etwa 40 bis 50 Kilo Gepäck auf speziell gefertigten Gepäckträgern verstaut.

In fünf Tagen erreichen sie die kolumbianische Grenze. Ihre Route führt sie einen Monat lang durch Kolumbien, über Bogota nach Venezuela. Selten sind gute Straßenkarten verfügbar. Meist muss sich die Gruppe auf vage mündliche Auskünfte verlassen. In Kolumbien durchqueren die Radler ein Gebiet, vor dem sie dringend gewarnt worden waren, weil es von Guerillas beherrscht sein soll. Doch sie erleben, dass die Leute hier besonders freundlich und hilfsbereit sind und dass sich dort kein Militär blicken lässt. In der kolumbianischen Kordilliere bewältigen sie an einem Tag einen Höhenunterschied von 2700 Metern, um einen 3600 Meter hoch gelegenen Pass zu überwinden.

Fahrradsattel statt Schulbank?

Die Radlergruppe organisiert sich in Untergruppen von sieben bis acht Jugendlichen mit je einem Erwachsenen, in der alle Kompetenzen, vom versierten Mechaniker, über die Erste Hilfe bis zum guten Sprinter, vertreten sind. Täglich bildet eine andere Untergruppe die Vorhut und übernimmt die Verantwortung, am Zielort des Tages die Ankunft vorzubereiten und ein möglichst kostenloses Nachtquartier zu finden. Sie schlafen in Schulen, Stadien und Kasernen oder campieren in den mitgeführten Zelten. An einem Ort wird für eine Nacht das Gefängnis von den einzigen beiden Gefangenen geräumt, um den 45 Radfahrern Unterkunft zu bieten. Täglich gibt es vor Beginn der Abreise eine Vollversammlung, um alle Themen des Tages zu besprechen und die Regeln für die neue Situation zu verabreden.

Die größten Schwierigkeiten, darüber sind sich die Jugendlichen und die Wilds einig, waren die Konflikte der Erwachsenen untereinander. So manchen Eltern fiel es schwer, auf das Verantwortungsbewusstsein und die Reife der Jugendlichen zu vertrauen - sie wollten das Kommando übernehmen. Drei Unfälle erlebt die Gruppe. Ein Mädchen, dessen Rad von einem Lastwagen gestreift wurde, muss mit gebrochenen Knöcheln zurück nach Quito geflogen werden. Die übrigen 51 Stürze laufen glimpflicher ab. "Die Unfälle, die passierten, ließen uns vorsichtiger werden", erzählt ein 15-jähriges Mädchen. "Ich begriff, wie unverantwortlich es ist, zu denken: Es wird schon nichts passieren. Jedem kann etwas passieren. Die Unfälle brachten uns auf den Boden der Tatsachen zurück."

Die längste Etappe, fast 3000 Kilometer, radelt die Gruppe durch Venezuela. Zu ihrer Ankunft in Caracas sperrt die Polizei die Autobahn und geleitet sie in die Stadt. Der letzte Abschnitt führt die Jugendlichen rund 1000 Kilometer durch den brasilianischen Urwald, meist über Schotterstrecken, teils durch Indianerreservate. Am 3. Mai erreichen sie Manaus. Eine Woche später, am 11. Mai 1998, kehrt die Gruppe in zwei Flugstunden nach Quito zurück. Heute ist für alle, die dabei waren, klar, dass die Tour ein intensiver, realitätsbezogener Lernprozess war, bei dem die Jugendlichen (und die Erwachsenen) Disziplin, Verantwortung und soziale Kompetenz üben und entwickeln konnten. Dass dabei Wissen, Verständnis und Ausdrucksvermögen keineswegs zu kurz gekommen sind, darüber gibt der Bildband Auskunft, dessen Texte von den Jugendlichen nach der Rückkehr verfasst wurden. "Das Fahrrad hat die Kraft und die Magie, dich zu dir selbst zu bringen", schreibt darin die 17-jährige Maria, "es verbindet dich und verinnerlicht dich. Du und dein Rad, sie werden eins. Es gibt auch noch Raum für die Landschaft und dafür, die Geschwindigkeit zu spüren und den Wind, der gegen dein Gesicht schlägt. Manchmal bekommst du Angst, dich packt ein plötzlicher Zweifel, ob du die Kurve noch kriegst. Wenn du zum nächsten Dorf kommst, erzählst du, was du erlebt hast, teilst mit, was in diesem Augenblick mit den anderen in Einklang scheint. Den ganzen Rest behältst du für dich."

Offen für alles, was da kommen mag

Dass die Radtour bestens auf eine Zukunft vorbereitet hat, zu der Unsicherheit und Unplanbarkeit gehören, formuliert der 17-jährige Victor so: "Die Reise auf dem Fahrrad verwandelt dich in ein Wesen, das offen ist für alles, was da kommen mag. Du steigst in eine Routine ein, aber du lässt dich von ihr nicht gefangen nehmen, denn jeder Tag ist anders. Du weißt nicht, was morgen auf dich zukommt. Ich spüre, dass wir jungen Leute besser vorbereitet sind für dieses Öffnen. Wir wissen nicht, was auf der anderen Seite ist, und es ist uns egal. Wir fahren hin und werden schon sehen. Die Erwachsenen neigen dazu, vorauszusehen, was passieren wird. Sie haben zu viel Erfahrung und machen zu." Kann das Pesta ein Modell sein dafür, wohin Schule sich entwickeln kann? "Wir sind keine Pädagogen", betont Mauricio Wild, "wir haben als Eltern gehandelt, die für ihr Kind eine bessere Schule wollten." - "Jede Kultur muss ihre eigenen Lösungen entwickeln", sagt Rebeca Wild. Sie hat vier Bücher auf Deutsch veröffentlicht, die detailliert Auskunft geben über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen im Pesta. Übersetzungen ins Spanische und Englische sind gerade erschienen, ihr fünftes Buch wird im nächsten Jahr auf Deutsch veröffentlicht.

Seit 1988 reisen die Wilds jeden Sommer mehrere Monate lang durch Europa und halten Seminare und Vorträge für interessierte Eltern, die auf der Suche nach Alternativen sind. Lehrer verirren sich selten in diese Auditorien. Bildungspolitiker wurden noch nie gesehen.

aus http://www.brandeins.com/magazin/ar ... wegt/artikel1_1.html

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Mittwoch, 2. Juni 2004

Welche alternativen Wege der Pädagogik werden versucht ?