Der Bielefelder Subsistenzansatz

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von Andrea Baier und Christa Müller, ITPS Bielefeld

Der Bielefelder Subsistenzansatz war originär durch die Frage bestimmt, welche Bedeutung die Subsistenzproduktion, also die gebrauchswertorientierte, unmittelbar auf die Herstellung und Erhaltung des Lebens gerichtete Arbeit für das Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise hat. In den achtziger Jahren galt die Lohnarbeit unangefochten als eigentlich wertschöpfende Arbeit - einfache Warenproduktion, Kleinhandel, Hausarbeit, die Arbeit der Kleinbauern und der Marginalisierten in den Slums der Städte des Südens dagegen als vernachlässigenswerte, eben "informelle" bzw. "inexistente" Faktoren der Produktion, die folgerichtig nicht in die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen eingehen.

Es gehörte innerhalb der gleichermaßen vom Modernisierungsdenken geprägten "linken" wie "rechten" Theorien zum Konsens, daß die Subsistenzproduktion im Zuge der fortschreitenden gesellschaftlichen Entwicklung nach und nach überall auf der Welt der Warenproduktion weichen würde, daß sie also ein "traditionelles" Element "zurückgebliebener" Gesellschaften sei und sich im Zuge der Entfaltung der Produktivkräfte, sprich der weltweiten Industrialisierung, von selbst "auflösen" würde. Von daher sah man wenig Veranlassung, sich dieser Subsistenzproduktion und ihrem Verhältnis zur Warenproduktion näher zu widmen.

Im Gegensatz dazu bestand die zentrale Arbeitshypothese der Bielefelder EntwicklungssoziologInnen darin, daß trotz der zunehmenden Tendenz des Niedergangs eigenständiger regionaler Subsistenzwirtschaften, also Gesellschaften oder Gemeinschaften, die primär an der Versorgung ihrer Mitglieder orientiert sind, die Subsistenzproduktion als unverzichtbare Produktion des Lebens keineswegs verschwindet, sondern lediglich ihren Charakter verändert, insofern sie der Warenproduktion untergeordnet wird. Damit ist der analytische Begriff der Subsistenzproduktion nicht nur ein historischer, sondern auch einer, der die Kontinuität von Versorgungstätigkeiten aufzuzeigen vermag.

Dabei entdeckten die BielefelderInnen zum einen theoretische Parallelen zum Weltsystemansatz von Wallerstein, der den Kapitalismus nicht als Phänomen einzelner, "fortgeschrittener" Nationalstaaten sieht, die sich von "zurückgebliebenen" Ländern strukturell unterscheiden würde, sondern vielmehr von Anfang an als Weltsystem, bestehend aus Zentrum ("Erste" Welt) und Peripherie ("Dritte" Welt), entstanden sei. Zum anderen spielte Rosa Luxemburg s Studie über den Imperialismus eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Bielefelder Ansatzes. Luxemburg war die erste marxistische Theoretikerin, die erkannte, daß der Kapitalismus primär von etwas anderem als der Ausbeutung der Lohnarbeit "lebt"; nämlich von der fortgesetzten Zerstörung der von ihr als "nichtkapitalistische Formationen" bezeichneten Naturalwirtschaften.

Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen übernahmen Luxemburgs Analyse und weiteten sie auf die Hausarbeit aus; nicht jedoch ohne einen wichtigen Schritt in der Analyse weiter zu gehen: Der Kapitalismus besteht ihrer Meinung nach notwendigerweise aus einer Kombination von Waren- und Subsistenzproduktion. Folgerichtig ist auch die Subsistenzproduktion "kapitalistisch". Und nicht nur das: Die Subsistenzproduktion und nicht die Warenproduktion ist die eigentliche Grundlage der Wertschöpfung. "Das Kapital-Lohnarbeitsverhältnis ist nur die Spitze des Eisbergs, die aus dem Wasser hervorragt. Diese Spitze hat aber als Fundament alle jene Nicht-Lohnarbeitsverhältnisse und eben auch das räuberische Verhältnis zur Natur."

Die Ausblendung der "Bereiche", die das Leben der Menschen - und damit auch die Akkumulation von Kapital - erst ermöglicht, nämlich die Arbeitskraft der Frauen, der Menschen des Südens und der Natur - die Bielefelderinnen sprechen von den drei "Kolonien" des Kapitals - führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die insbesondere auch die Sozialwissenschaften charakterisiert.

Werlhof, Mies und Bennholdt-Thomsen stellten fest, daß die Aneignung der Subsistenzarbeit in der "Ersten" wie der "Dritten" Welt nach einem ähnlichen Muster verläuft und zudem Analogien zum gesellschaftlichen Naturverhältnis aufweist. Zum einen ist das Mittel zur Herstellung und Erhaltung eines Arbeitsverhältnisses nicht der Arbeitsvertrag, sondern die Gewalt. Zum anderen werden die Ausbeutungsverhältnisse dadurch verschleiert, daß behauptet wird, die Natur sei ein beliebig benutzbares Objekt und die weibliche Arbeitskraft stehe der Gesellschaft ebenso zur Verfügung wie die Natur, denn es gehöre zur "Natur der Frau", Kinder aufzuziehen und Hausarbeit zu verrichten.

Insbesondere Claudia von Werlhof hat in ihrem Aufsatz "Zum Natur- und Gesellschaftsbegriff im Kapitalismus" deutlich gemacht, daß es zum ökonomischen Kalkül gehört, Frauen in den Bereich der Natur hineinzudefinieren.

"Aus der Sicht der Herrschenden ... ist banalerweise jeweils alles das 'Natur', wofür sie nichts bezahlen oder bezahlen wollen, was sie nichts (oder möglichst wenig) kosten soll. Das ist alles, was sie sich durch Raub (anstatt Tausch) aneignen können ..."

Der Mangel an homogenen Arbeitsverhältnissen charakterisiert also nicht nur den aus diesem Grund angeblich "zurückgebliebenen" Süden. Die Hausfrau ist für die Metropolen das, was die Marginalisierten und Kleinbauern für die Peripherie sind, nämlich Produzentin billiger Arbeitskraft; und insofern wiederholt sich im Verhältnis Erste und Dritte Welt das Verhältnis zwischen Mann und Frau: Ungleicher Tausch, Aneignung unbezahlter Arbeit, Abhängigkeit und Gewalt sind kennzeichnend für die Verhältnisse hier wie dort, was wiederum nicht automatisch bedeutet, daß diese strukturellen Ähnlichkeiten auch zu einer Angleichung der Lebenswirklichkeiten führt. Die privilegierten materiellen Lebensverhältnisse im Norden schützen Frauen allerdings nicht vor Gewalt, die ihrerseits in den siebziger Jahren zentrales Thema der Frauenbewegung und -forschung wurde. Hier waren es die Bielefelderinnen, die die Gewalt gegen Frauen erstmals in Zusammenhang mit ihrem Status innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung stellten.

Dabei prägten sie den Begriff der Hausfrauisierung . Gemeint ist damit der Prozeß der Umdefinierung von arbeitenden Frauen zu "müßiggehenden" Hausfrauen. Der Begriff Hausfrauisierung erfaßt den historischen und ideologischen Prozeß, in dem die Produktion für das Leben aus dem Bereich der anerkannten gesellschaftlich relevanten Tätigkeiten herausdefiniert und entwertet sowie an die Hausfrauen delegiert wird. Hausfrauisierung heißt aber nicht nur, daß die Hausfrau als historisches Pendant zum Lohnarbeiter neu entsteht, sondern daß die Arbeit aller Frauen, auch die weibliche Lohnarbeit, tendenziell angesehen und behandelt wird, als sei sie Hausfrauenarbeit und deshalb umsonst oder billig zu haben. Hausfrauisierung ist also, wie Mies schreibt, strukturelle Bedingung für die Entwertung aller weiblichen Arbeit im Kapitalismus. Hausfrauisierte Arbeitsverhältnisse gewinnen jedoch auch zunehmend Bedeutung in Lohnarbeitsverhältnissen und tangieren damit auch die Arbeitswirklichkeit von Männern. Die Etablierung von Billiglohnsektoren und der massive Abbau von Erwerbsarbeitsplätzen auch in den bislang privilegierten Ländern auf der nördlichen Erdhalbkugel bestätigen Werlhofs frühe These von der tendenziellen Verallgemeinerung hausfrauisierter Arbeitsverhältnisse.

Dem Anspruch nach ist der Bielefelder Ansatz kritische Gesellschaftstheorie, d.h. es geht nicht nur darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu analysieren, sondern auch zu verändern. Dieser Anspruch findet sich sowohl im Kampf gegen das Multilaterale Abkommen über Investitionen MAI als in der Formulierung der Subsistenzperspektive wieder, die zu einem alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwurf ausgearbeitet wird. Der Subsistenzbegriff ist damit sowohl analytische Kategorie für die Interpretation von Vergangenheit und Gegenwart als auch Ausblick auf eine mögliche Zukunft. Ausgangspunkt ist dabei die Erkenntnis, daß es die Subsistenzproduktion ist, die das Überleben der Menschen garantiert und nicht die auf beständigem Wachstum basierende kapitalistische Warenproduktion, auf der jedoch wiederum bislang alle gesellschaftlichen Utopien aufbauten. Dagegen ist die utopische Dimension der Subsistenz heute nur mehr schwer zu entdecken, zu groß ihre Diskreditierung durch den evolutionistischen Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt durch Entfaltung der Produktivkräfte. Dabei liegt ihr Potential für eine weltweit zukunftsfähige Gestaltung der Produktion auf der Hand: Subsistenzproduktion folgt einer grundlegend anderen Logik als die Warenproduktion. Sie ist an der Herstellung und Erhaltung des Lebens orientiert. Für eine subsistenzorientierte gesellschaftliche Produktion ist deshalb ein vorausschauender Umgang mit den Ressourcen unverzichtbar. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund steht Subsistenz dem Prinzip der Fülle näher als dem des Mangels. Sie umschließt alles, was notwendig ist zum (guten) Leben, nicht nur Güter und Dienstleistungen, auch menschliche Beziehungen, Erfahrungen von Kompetenz und Bezogenheit, Arbeit, ein Tag an der Sonne. Manches ist herstellbar - wie ein gutes Essen -manches einfach vorhanden - wie die Luft. Manches ist materiell - wie die Kleidung - anderes immateriell - wie die Liebe. Manches ist ein Resultat von Arbeit - von Subsistenzproduktion - wie eine aufgeräumte Küche - manches stellt sich en passant her, durch eine Freundlichkeit.

Dennoch hat Subsistenzorientierung nichts mit Altruismus zu tun; auch sie impliziert Aushandlungsprozesse, Tauschbeziehungen, interessegeleitetes Handeln. Mit der Juchitán-Studie, die ein Bielefelder Forschungsteam Anfang der neunziger Jahre in Südmexiko durchführte, gelang ein qualitativer Sprung in bezug auf die Definition der Subsistenzproduktion: Selbst der über Geld vermittelte Tausch kann subsistenzorientiert sein, wenn mit ihm die regionalen sozial-kulturellen Bezüge gestärkt werden. Deutlich wurde in dieser wie auch in der neueren Borgentreich-Studie, daß die Realisierung der Subsistenzperspektive in dezentralisierten, regionalisierten und auf Reziprozität beruhenden ökonomisch-sozialen Verhältnissen eine beständige Reflexion des Geschlechter- und anderer Herrschaftsverhältnisse voraussetzt.

Die kompromißlosen entwicklungs- und fortschrittskritischen Aspekte der Bielefelder Analysen haben stets in der öffentlichen Kritik gestanden. Weder erklärten sich die Bielefelderinnen bereit, in die Forderung nach Lohn für Hausarbeit einzustimmen, noch wollten sie die Hausarbeit oder die Gebärfähigkeit von Frauen als Instrument der Frauenunterdrückung "abschaffen". Vielmehr wird im Kontext der Bielefelder Diskussionen erstmals denkbar, was Subsistenzproduktion "... sein könnte, wenn sie unter anderen als den herrschenden Bedingungen stattfinden würde, wenn sie den Lebensinteressen der Menschen statt den Verwertungsinteressen des Kapitals dienen könnte. Zugespitzt: Nicht die Subsistenzproduktion ist das Problem, sondern ihre Funktionalisierung im Sinne des herrschenden Systems."

LITERATUR

Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen (Hg.) (1979): Subsistenzproduktion und Akkumulation, Saarbrücken

Baier, Andrea (Hg.) (1996): Lesebuch Frauenstudien. Grundlagentexte der Frauenforschung, Oberstufenkolleg der Universität Bielefeld

Bennholdt-Thomsen, Veronika (Hg.) (1994): Juchitán - Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat, Reinbek

Bennholdt-Thomsen, Veronika / Mies, Maria (1997): Eine Kuh für Hillary. Die Subsistenzperspektive, München

Bennholdt-Thomsen, Veronika / Holzer, Brigitte / Müller, Christa (Hg.) (1999): Das Subsistenz-Handbuch. Widerstandskulturen in Europa, Asien und Lateinamerika, Wien

Holzer, Brigitte (1996) Subsistenzorientierung als "widerständige Anpassung" an die Moderne in Juchitán, Oaxaca, Mexiko, Frankfurt/M.

Rosa Luxemburg, (1923): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, Frankfurt/M.

Mies, Maria (1983): Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 9/10, S. 115-124, Köln

Mies, Maria (1995): Zur Geschichte des Subsistenzansatzes, in: Ev. Akademie Bad

Boll (Hg.): Subsistenz-Ökonomie. Ein neues - altes - Konzept in der Entwicklungspolitik, Reader zur gleichnamigen Tagung, S. 1-33

Mies, Maria / Shiva, Vandana (1995): Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie, Zürich

Mies, Maria / von Werlhof, Claudia (1998): Lizenz zum Plündern. Das Multilaterale Abkommen über Investitionen MAI, Hamburg

Müller, Christa (1998): Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf. Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung, Campus, Frankfurt/New York

Rodenberg, Birte (1998): Von der Mülltrennung zum Machtgewinn: Internationale Frauen-Umwelt-Politik, in: Ruppert, Uta (Hg.): Lokal bewegen - global verhandeln. Internationale Politik und Geschlecht, S.106-129, Frankfurt/New York

Wallerstein, Immanuel (1986): Das moderne Weltsystem - Die Anfänge kapitalistischer Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert, Frankfurt/M.

Werlhof, Claudia von (1978): Frauenarbeit: Der blinde Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 1, S. 18-32

Werlhof, Claudia von (1983): Zum Natur- und Gesellschaftsbegriff im Kapitalismus, in: dies. u.a.: a.a.O., S. 140-163

Werlhof, Claudia von / Mies, Maria / Bennholdt-Thomsen, Veronika (1983): Frauen, die letzte Kolonie, Reinbek

vgl. Wallerstein 1986 Mies 1995:4 vgl. Mies 1995:5 Werlhof 1983:141 vgl. Mies 1983:118 vgl. Werlhof 1984 vgl. Mies / Werlhof 1998 vgl. Bennholdt-Thomsen 1994; Holzer 1996 vgl. Müller 1998 Baier 1996:7

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Samstag, 2. Februar 2002

Die Subsistenz ( spätlat. subsistentia: Bestand haben) - eigentlich : Selbständigkeit, Durch-sich-selbst-Existieren - bezeichnet ein philosophisches Konzept, bei dem sich das Bestehende aus sich selbst erhält.