Die Einstellung der Yequana zu Geschäftsbeziehungen

Version 11, 88.72.231.233 am 25.6.2006 06:53
Daten
q: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

Beispiel für eine Kooperative Ökonomie in der Yequana-Kultur.

Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Handelsmethoden ebenso "zivilisiert" werden wie die der Yequana, nicht für sehr hoch ein. Diese Geschichte biete ich nur als ein Beispiel dessen, was als gangbarer Weg anerkannt werden kann, wenn die Kultur es vorschreibt und damit zu rechnen ist, dass die Mitglieder der Gesellschaft, was ihre Beweggründe betrifft, eher sozial als "antisozial" eingestellt sind.

aus der Oekonux-Mailingliste:

Als ich eure Auslassungen über die Umsonstläden las, fiel mir sofort eine Stelle in einem Buch ein, das ich vor nicht langer Zeit las.

Der eine oder andere kennt es, ich zitiere gerne jetzt daraus, weil ich es einfach schön finde:

Jean Liedloff, "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück"

von Seite 185 an


Die Einstellung der Yequana zu Geschäftsbeziehungen schien mir ebenso wie ihre Art, Neuankömmlinge zu empfangen, auf dem übergreifenden Bedürfnis zu basieren, keine Spannung zu schaffen. Ich erhielt die seltene Gelegenheit zu einem weiteren Einblick in das Ausmass ihrer Höflichkeit, als ich mit Anchu, dem Dorfältesten der Yequana, ein Geschäft abzuwickeln hatte. Es geschah, nachdem er allgemein angeregt hatte, mich zu einem Verhalten wie dem ihrigen anzuleiten, anstatt mich auf die übliche Weise als Nicht-Menschen zu behandeln, dem man nicht dieselbe Achtung entgegenzubringen braucht wie einem wirklichen Menschen (einem Yequana) und von dem man auch nicht die Erwartung hegt, dass er sich wie ein solcher benehme. Die Unterweisungen, die er mir gab, bestanden in keinem Fall aus verbalene Anleitungen oder Erklärungen, sondern aus Erfahrungen, die meine angeborene Fähigkeit in mir hervorbringen oder besser entwirren sollten, das den Umständen am besten Entsprechende zu erkennen und zu wählen. Man könnte sagen: Er versuchte, mein Kontinuum-Gefühl von den zahllosen Einmischungen, mit der meine eigene Kultur es befrachtet hatte, zu befreien.

Es geschah bei der vorerwähnten Gelegenheit, bei der Anchu mich gefragt hatte, was ich im Austausch für ein Stück venezianischen Glasschmucks haben wolle. Ich sagte sofort, ich wolle Zuckerrohr, da unsere Expedition unseren Zuckervorrat beim Kentern eines Kanus in einer Stromschnelle verloren hatte; mein Verlangen nach etwas Süssem glich allmählich einer Besessenheit. Am folgenden Tag gingen wir mit seiner Ehefrau zum Zuckerrohrfeld (bei den Yequana schneiden nur die Frauen Zuckerrohr), um den Handel zu vollziehen.

Anchu und ich sassen auf einem Baumstamm neben dem Feld, während die Frau hineinging und mit vier Rohren wieder herauskam. Sie liess sie auf die Erde fallen, und Anchu fragte mich, ob ich mehr wolle.

Natürlich wollte ich mehr; ich wollte so viel, wie ich kriegen konnte, also sagte ich ja.

Die Ehefrau ging zurück und kam mit zwei weiteren Rohrenwieder. Sie legte sie zu den anderen.

"Mehr?" fragte Anchu mich.

Und wiederum sagte ich "Ja, mehr!" Aber dann dämmerte es mir. Wir feilschten nicht in der Jeder-für-sich-Art, wie ich angenommen hatte. Anchu wollte von mir, dass ich auf kameradschaftliche und vertrauende Weise beurteilte, was ein fairer Tausch sei; und er war gewillt, sich mit meiner Bewertung abzufinden. Als ich meinen Fehler erkannte, war ich verlegen und rief hinter seiner Frau her, die mit ihrer Machete zurück ins Feld gegangen war. "Toini!" - Nur eins! Also wurde das Geschäft um sieben Rohre abgeschlossen, ohne dass der Handel auf irgendeine Weise beinhaltet hätte, dass sich einer gegen den anderen stellte, noch, dass irgendwelche Spannung in einem von uns aufkam (nachdem ich begriffen hatte).

Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Handelsmethoden ebenso "zivilisiert" werden wie die der Yequana, nicht für sehr hoch ein. Diese Geschichte biete ich nur als ein Beispiel dessen, was als gangbarer Weg anerkannt werden kann, wenn die Kultur es vorschreibt und damit zu rechnen ist, dass die Mitglieder der Gesellschaft, was ihre Beweggründe betrifft, eher sozial als "antisozial" eingestellt sind.


Wo leben diese Yequana? Wann ist dieser Text entstanden und kann mir jemand etwas über die Autorin verraten? JohSt


Ok, die Yequana, bzw. Yekuana, Ye'kuana, Yekwana - Dekuana, De'kuana, Dekwana - Maiong Kong, Maiongong, Mayongong, Majongong Maquiritare, Maquiritai, Makiritare - Ihurnana, Ihuruana - Cunuana, Kunuana - Guayancomo, Kununuyangumu, Yayongomo - Pawana, Pabanoton, Soto, sind ein etwa 3000 Mitglieder zählender Stamm, der im Süden Venezuelas siedelt und der vor allem seines religiösen Symbolismus und ausgefallener psychedelischen Praktiken wegen von Ethnologen gern frequentiert wird.

http://www.research.ucla.edu/lsweb/Fowler/HTML/Universe.htm


Das Buch enthält übrigens sehr viel von den Ideen der "Freien Kooperation", zum Beispiel das Gehen, wenn es langweilig wird, niemand wird zu etwas gezwungen, es passt, es ist richtig, was man tut.

Von Bestrafung, wenn man abweicht, ist nirgendwo die Rede.


Homepage des deutschsprachigen Liedloff Continuum Netzwerks http://www.continuum-concept.de/

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