Die gleichwürdige Gemeinschaft

Version 5, 88.72.228.93 am 26.6.2006 18:35

aus Jesper Juul: Das kompetente Kind Seite 39ff


Die gleichwürdige Gemeinschaft

Im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre vollzog sich im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern eine entscheidende qualitative Verbesserung. Am klarsten läßt sich das vielleicht an dem Faktum ablesen, daß sich Kinder und Jugendliche heute viel selbstverständlicher und selbstbewußter in der Welt bewegen. Sie sind nicht länger wie frühere Generationen automatisch darauf eingestellt, Übergriffen und Kränkungen durch Eltern und anderen Erwachsenen ausgesetzt zu sein.

Gleichwohl gilt aber auch, daß sowohl Familien wie Gesellschaft auf vielen Gebieten das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen, sich als wertvolle Mitglieder einer Gemeinschaft zu fühlen, geringachten, während der Machtmißbrauch in engen Beziehungen nicht mehr so verbreitet ist und nicht mehr allgemein hingenommen wird.

Das Auftauchen von Gleichwürdigkeit ist auch in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen deutlich zu bemerken. Es gibt klare Zeichen dafür, daß mit der Rollenfixierung der beiden Geschlechter in sehr vielen Bereichen Schluß ist. Das augenblickliche Vakuum kann nur durch grundlegende menschliche Qualitäten gefüllt werden, welche die Gleichwürdigkeit der oft sehr unterschiedlichen Arten zu denken, zu erleben und zu handeln fördern. Die Frage, inwieweit diese Unterschiede biologischen oder kulturgeschichtlichen Ursprungs sind, ist in diesem Zusammenhang zweitrangig, denn die Gleichwürdigkeit gewichtet eben die Unterschiede und strebt nicht danach, sie auszugleichen oder aufzulösen. Es sind deshalb dieselben Qualitäten in Haltung und Verhalten wichtig, ob wir nun über persönliche Beziehungen zwischen Mann und Frau, Erwachsenen und Kindern, Heiden und Christen, Afrikanern und Europäern, Arzt und Patient, Leiter und Mitarbeiter sprechen.

Es gibt viele gute Gründe für die Unsicherheit und Ratlosigkeit moderner Familien, die mutig genug waren, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um auszuprobieren, auf humanere Weise Gemeinschaften aufzubauen. Einer der wichtigsten ist vermutlich, daß wir seit rund zwei Jahrhunderten die Forderung nach gleicher Würde zwar als Prinzip kennen, aber nur ausnahmsweise aus der Praxis. Uns fehlen ganz einfach klare und verständliche Rollenmodelle.

Während «Gleichheit» eine statische, meßbare Größe ist, ist gleiche Würde ein dynamischer Prozeß, ein periodisches Erlebnis, das beide Partnerin ihrer Beziehung haben, das aber in anderen Perioden bearbeitet werden muß, um es immer wieder herbeizuführen. Gleichwürdigkeit unterscheidet sich von Gleichheit insoweit, als sie sich nicht unbedingt in irgendeiner festgelegten Rollenverteilung spiegelt.

Selbst wenn die Frau am Sonnabend nachmittag in der Küche steht, während der Mann im Fernsehen Fußball sieht oder umgekehrt -, sagt das nichts über den Grad der Gleichwürdigkeit zwischen ihnen aus. Ungleichheit spielt für Gleichwürdigkeit nur eine Rolle, wenn sie aufgezwungen ist, und Gleichheit nur in dem Ausmaß, wie unterschiedliche Verantwortungs- und Arbeitsbereiche einige zentrale, allgemein menschliche Qualitäten bei denen ausbilden, die sie übernommen haben.

Wenn sich beispielsweise Väter viel mehr der Kinder annehmen, kann das natürlich für die Mütter eine Erleichterung sein. Aber die Partnerschaft der Eltern wächst nur in dem Ausmaß, wie das allgemein menschliche Potential der Väter als Folge des Zusammenseins mit den Kindern zunimmt.

Die Fähigkeit, sich unmittelbar gleichwürdig in Beziehung zu einem Erwachsenen oder zu einem Kind verhalten zu können, ist wie so vieles andere von den Erfahrungen abhängig, die wir in unserer Herkunftsfamilie gemacht haben, und von den Rollenmodellen, die wir dort erlebten. Es kann schwierig sein, anderen Menschen gleichwürdig zu begegnen, wenn wir in unserer Familie Opfer waren. Es kann genauso schwierig sein, wenn man stets wegen seines Aussehens vergöttert wurde oder wegen seiner Hilfsbereitschaft, oder wegen seiner guten Noten in der Schule. Für die meisten Menschen ist Gleichwürdigkeit noch eine Qualität, die bewußte Einübung und tägliches Training verlangt.

Ich habe mich entschlossen, in diesem Buch die Kinder und ihre Entwicklung als Ausgangspunkt zu wählen, weil das der natürliche Ausgangspunkt ist, sowohl wenn wir mit unseren Kindern zusammen sind, als auch um uns selbst besser kennenzulernen. Wenn Psychotherapie überhaupt ein wenig Aufklärung und ein paar Prinzipien beitragen kann, um Beziehungen auf der Ebene gleicher Würde zwischen Familienmitgliedern zuwege zu bringen, dann insofern, als Gleichwürdigkeit immer der einzig dauerhafte Ausweg aus psychischen Konflikten und existentiellen Krisen war.

Selbstwert, Würde, sich selbst treu sein, der sein, der man ist, sich selbst ausdrücken, nein sagen und Grenzen setzen, solche Vorstellungen waren stets zentrale Elemente im Heilprozeß. Wir wissen deshalb, daß sie eine wichtige Rolle nicht nur für die psychische, soziale und spirituelle Gesundheit des einzelnen spielen, sondern auch, wenn wir erfolgreich Familien und Gemeinschaften bilden wollen.

Kinder haben alle diese Qualitäten entweder von Geburt an oder brauchen nur ein wenig unterstützt zu werden, um sie zu entwickeln. Historisch gesehen liegen genau diese Eigenschaften bei den meisten Menschen ungefähr vom zweiten Lebensjahr an bis ins Erwachsenenalter hinein im Winterschlaf. Bei vielen dauert dieser Winterschlaf ihr Leben lang, für andere kommt der Zeitpunkt eines persönlichen Durchbruchs -nicht selten in Form eines Zusammenbruchs.

Das ganze 20. Jahrhundert hindurch haben wir uns daran gewöhnt, daß geringes Selbstwertgefühl, Mißbrauch und andere Formen destruktiven Verhaltens, psychosomatische Leiden, Depressionen und vieles mehr den Status von Volkskrankheiten haben. Zwei Dinge könnten dieses Bild jetzt an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert ändern. Vom Ideal des gut angepaßten Massenmenschen entfernen wir uns, und wir haben genug Kenntnisse und Erfahrungen über die Gesundheit und Entwicklung von Menschen sammeln können, die auf vielerlei Weise unser Menschenbild vollständig auf den Kopf stellen.