Der heilige Markt

Version 2, 62.206.113.171 am 29.10.2005 16:18
Daten
aus: Horst Kurnitzky, Der heilige Markt, Frankfurt am Main 1994

(Suhrkamp), S.31-33


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Der Markt und das den Austausch auf dem Markt vermittelnde Geld entstammen historisch einem Opferkult . Geld verkörpert in allen Gesellschaften bis heute Opferverhältnisse. Nicht Tauschverhältnisse, sondern Opferverhältnisse waren immer wieder die Grundlage der gesellschaftlichen Synthesis, die in Tauschverhältnissen die Ambivalenz dieses Unternehmens vor Augen führt: Opfer und den Versuch, die geopferten Triebwünsche im Tausch gegen Ersatz für geopferte Triebziele wenigstens zum Teil zu befriedigen. Alles baut darauf auf: der Markt, die Geldwirtschaft, das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, die gesamte Ökonomie bis in die Triebökonomie jedes einzelnen Individuums. Auch in der Triebökonomie der Individuen werden unmittelbare Triebziele geopfert und durch neue Triebziele ersetzt. Es ist die mit der Natur identifizierte und mit der Natur assoziierte weibliche Sexualität - darin besteht die Funktion des Inzesttabus -, die ökonomischen Reproduktionsinteressen geopfert wird. Das war historisch der Ausgangspunkt, und das ist bis heute die Basis. In den Kulten wurde dieses ökonomische Prinzip zunächst durch reale Opfer weiblicher Gesellschaftsmitglieder dargestellt, die später durch Tieropfer ersetzt wurden: ihre Stellvertreter.

Gewissermaßen als Zertifikat steht das Geld dafür ein. Es verkörpert die Ambivalenz derartiger Veranstaltungen: das Opfergebot, das mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist, und den Versuch seiner Aufhebung, indem das Opfer durch ein anderes Opfer ersetzt wird. Denn gerade der Konservativismus des unterdrückten Triebs, der befriedigt werden will, läßt die Gesellschaft von Befriedigungsersatz zu Befriedigungsersatz fortschreiten. Der treibende, mächtige Vereinigungswunsch bleibt bestehen und richtet sich auf die Stellvertreter und Stellvertreterinnen. Die im tabuierten, aber immer noch mächtigen Vereinigungswunsch zum Ausdruck kommende Geschlechterspannung ist die treibende Kraft des zivilisatorischen Prozesses. Der Weg der vermeintlichen und auch zu Teilen realen Befreiung vom Opfer führt von Ersatz zu Ersatz. Das Geld, das all dies vermittelt, vermittelt auch die Objektivationen der daraus resultierenden neuen Bedürfnisse, deren Befriedigung uns im ständig revoltierenden Konsumversprechen durch Waren angeboten wird. Aus diesen Opferverhältnissen ist die gesamte Kultur, Kunst und Wissenschaft hervorgegangen. Die Ambivalenz dieses Verhältnisses hat zu Sublimierungsversuchen in Kunst und Kultur geführt, aber auch dazu, via Revolutionen zu konkreten Versuchen einer rationaleren Organisation der Gesellschaft zu kommen, um endlich die archaische Erbschaft abstreifen zu können. Was die Mythen der Antike ausdrückten, versuchte bislang auch jede der Aufklärung verpflichtete historische Rekonstruktion zu artikulieren: die Hoffnung auf eine einmal vom Opfer befreite Gesellschaft. Dafür trat die Aufklärung bis in die Moderne ein: als Ziel der Geschichte eine von überflüssiger Arbeit befreite, vernünftig organisierte Gesellschaft, die ihren Mitgliedern die freie Entfaltung und Organisation des Individuums gestattet. Das war die rationale Übersetzung eines uralten Traums: der in die Zukunft projizierte, als paradiesisch vorgestellte Ursprung der Gattung, nämlich eine mit sich und der Natur versöhnte Gesellschaft.

Der Hermes-Mythos beschreibt die komplizierten, durch den Markt vermittelten Reproduktionsverhältnisse der Gesellschaft, bestimmt durch die Ambivalenz von Gesetz und Freiheit, nämlich dem durchs Gesetz artikulierten Verbot, das die Realisierung unmittelbarer Bedürfnisse verhindert, und der Suche nach einem Ausweg, nach Ersatz, nämlich der Freiheit, die unterdrückten, eventuell verdrängten, aber keinesfalls zerstörten Triebwünsche doch noch ' befriedigen zu können. Für beides steht der Tauschhandel ein: Als gerechter, aber auch als ungleicher Tausch verlangt er von den Tauschpartnern Opfer. Sie bekommen dafür Ersatz: Geld oder eben Waren, mit denen sie dann ihre unbefriedigten Wünsche hoffen befriedigen zu können. Im Grunde drückt jeder Tauschhandel schon ein Kommunikationsbedürfnis aus, das seinerseits auf einen allgemeinen Vereinigungswunsch zurückgeht und den tabuierten Inzestwunsch ersetzen soll, um schließlich in der freien Assoziation der Individuen das Verbot gegenstandslos zu machen. Das ist eine historische Utopie des Marktes. Darum sprengen Tausch und Handel tendenziell die durch Opfer vermittelte Organisation von Menschen, sei es in Familie, Stamm oder Staat. Was die Opfergesetze ausschließen, versucht der Tausch wieder zu vereinigen, zu verbünden - verbindend entspringt er dem Bestreben, die verbotene Verbindung auf einer anderen Ebene, in anderer Form, wiederherzustellen. Selbst Natursurrogat, vermittelt er die gesellschaftliche mit der noch nicht vergesellschafteten Natur, vor allem der den Opfergesetzen widerstrebenden Natur des Menschen selbst. Das ist der historische Beitrag des Handels zur Humanisierung der Natur, indem er den natürlichen Bedürfnissen der Menschen in der Gesellschaft zu ihrem Recht verhilft.

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FRankfurt hatte gerade Buchmesse mit 80.000 neuerscheinungen also sakrales Marktgeschehen auch nach 11 Jahren zitat: "Das ist der historische Beitrag des Handels zur Humanisierung der Natur, indem er den natürlichen Bedürfnissen der Menschen in der Gesellschaft zu ihrem Recht verhilft" nabittelöschen uweb

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