Autonomie und/oder Abhängigkeit

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Auszug aus dem Buch "Miteinander vertraut werden" erschienen im Arbor Verlag (http://www.arbor-verlag.de)

siehe auch http://www.mit-kindern-wachsen.de/anna-tardos

Autonomie und/oder Abhängigkeit

von Anna Tardos

Emmi Pikler hat sich in ihrem ersten Buch, das 1940 zum ersten Mal in ungarisch und seitdem in mehreren Auflagen, inzwischen auch in deutsch erschien (Friedliche Babys, zufriedene Mütter), in erster Linie mit der Bewegungsentwicklung des Säuglings und Kleinkindes beschäftigt.

In diesem Buch zweifelt sie ein in der ganzen Welt verbreitetes, als natürlich betrachtetes Verhalten der Eltern an. Sie stellt dar, daß das Aufsetzen, Aufstellen sowie das An-der-Hand-Führen eines Kindes für die Bewegungsentwicklung nicht nur ungünstig ist, sondern diese sogar behindert. Als Leboyer 30 Jahre später bezweifelte, daß ein Kind natürlicherweise weinend zur Welt kommt, stellte er in gleicher Weise etwas in Frage, das von der ganzen Welt als normal erachtet wurde. Ein wesentlicher Teil des Buches sind 61 Fotografien von Kindern aus den Familien, die Emmi Pikler als Hausärztin beraten hat. Die Kinder sind auf diesen Bildern in selbständiger Aktivität, ohne Erwachsene zu sehen. Das Verhalten der Kinder vermittelt etwas, das Emmi Pikler für sehr wichtig hielt. Wenn wir den Fähigkeiten des Kindes und seinen selbständigen Aktivitäten vertrauen und ihm für seine eigenen Lernversuche eine unterstützende Umgebung schaffen, ist es zu weit mehr fähig als allgemein angenommen wird.

Unsere Erfahrung, daß die Bewegungsentwicklung des Säuglings kontinuierlich abläuft und die Beweglichkeit in jeder Entwicklungsphase relativ gleich ist, konnten wir aufgrund von 700 Beobachtungsprotokollen von je 30 Minuten Dauer genau feststellen und bestätigen. Die Protokolle spiegeln mit einer Genauigkeit von einer viertel Minute die großmotorischen Bewegungen eines Kindes, wie Positionswechsel und Platzwechsel wider und geben an, wie lange das Kind, das sich frei bewegen kann, in einer Position bleibt. Diese regelmäßigen Beobachtungen haben wir für die Entwicklung vom ersten Sich-auf-die-Seite-Drehen bis zum sicheren freien Gehen gemacht. Diese Entwicklung dauert etwa ein Jahr. Das Ergebnis ist, daß die Kinder während der Zeit, in der sie wach sind und auf ihrem jeweiligen Platz spielen, in 30 Minuten durchschnittlich fast 60 mal ihre Position wechseln. Wenn ein Kind jedoch länger als eine halbe Minute in einer Position verbringt, bleibt es nicht länger als 1½ bis 2 Minuten ohne Unterbrechung in dieser Position.

Vermutlich sind wir hier auf einen biologisch bedingten Rhythmus gestoßen, der sich in einem regelmäßigen Positionswechsel ausdrückt. Die durchschnittliche Zeit, die verschiedene Kinder ohne Unterbrechung in einer Position verbringen, variiert nicht in besonderem Ausmaß, wenn man von der Bauchlage, die manche Kinder anfangs noch nicht eigenständig wieder verlassen können, absieht. Schon aufgrund dieser Zahlen kann man sich vorstellen, was dem Säugling an Entfaltungsmöglichkeiten verlorengeht, wenn wir nicht für seine Bewegungsfreiheit sorgen, sondern ihn in Kinderwagen, Baby-Wippe oder Laufgeräten fixieren. Das Bewegungsbedürfnis des Säuglings kann sich nur dann entfalten, wenn man die freien Bewegungsmöglichkeiten nicht dadurch einschränkt, daß man die Kinder in Positionen bringt oder hält, die sie weder selbständig aufsuchen, noch verlassen können. Dies geschieht unter anderem durch gewisse Kindermöbel, durch Aufsetzen, wenn das Kind dies noch nicht selbständig kann, oder auch durch stundenlanges Herumtragen in Positionen, die das Kind noch nicht selbst aufsuchen kann. In einer anderen Untersuchung beschäftigten wir uns mit den Eigenarten des Lernprozesses im Verlauf der Bewegungsentwicklung. Wir haben festgestellt, daß das Auftreten einer neuen Bewegung oder Position zugleich auch der Anfang eines neuen Lernprozesses ist. Dieser Lernprozeß dauert oft noch Monate. Der Säugling sucht die neu entdeckte Position mit der Zeit immer häufiger auf. Dabei ist interessant, daß sich das Üben und Lernen nicht dadurch ausdrückt, wie lange ein Kind in einer Position bleibt, sondern wie oft das Kind diese neue Position einnimmt. Wenn es ihm z. B. zum ersten Mal gelungen ist, sich aufzusetzen, sucht es diese Position immer öfter auf, wobei die Zeit, die es sitzend verbringt, durchschnittlich ungefähr weniger als zwei Minuten beträgt.

In den letzten Jahrzehnten hat man die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung, die zum Verständnis der frühesten Kindheit wesentlich ist, immer mehr erkannt. Das Begriffssystem zahlreicher psychologischer Schulen baut auf leitenden Begriffen wie Zuneigung, Bindung, Symbiose, Kontakt, Beziehung, Nähe, Berührung und neuerdings sich Ablösen auf. Diesen Begriffen ist, wenn ich mich nicht irre, die Erkenntnis der Bedeutung der Abhängigkeit gemeinsam. In der Pikler-Lóczy Sichtweise sind Bewegung, Aktivitä, Selbständiges Lernen, aus eigener Initiative hervorgehende selbständige Bewegung, Spiel und Aktivität und neuerdings auch der Begriff der Kompetenz für wesentlich erachtete Begriffe. Diese betonen die Autonomie des Säuglings und Kleinkindes. Folglich steht die Pikler-Lóczy-Sichtweise im Gegensatz zu all denen, die durch Begriffe wie Zuneigung, gegenseitige Verbundenheit und Abhängigkeit ein Verständnis des Säuglings und Kleinkindes aufbauen.

Das klingt so, als hätte man zwischen Abhängigkeit und Autonomie zu wählen, bzw. als sollte man entscheiden, ob nun Abhängigkeit oder Autonomie der Begriff ist, der zur Klärung von Entwicklungsfragen führt. Dies ist jedoch hinsichtlich des Konzeptes von Emmi Pikler ein weit verbreitetes und weit zurückreichendes Mißverständnis.

Im folgenden möchte ich versuchen klarzustellen, daß es bei unserer Konzeption nicht um ein "entweder oder" geht, das heißt nicht um Selbständigkeit & Autonomie einerseits, oder Beziehung & Abhängigkeit andererseits. Dazu möchte ich zunächst klären, was wir unter der Autonomie des Kindes verstehen. Für uns heißt dies, daß der Säugling sich frei bewegen kann, und währenddessen aktiv Erfahrungen mit seiner Umgebung sammelt und damit in gewisser Hinsicht zu kompetenter Aktivität und zu selbständigem Lernen fähig ist. Ein Säugling, dessen innere und äußere Ruhe nicht gestört wird, ist friedlich mit sich selbst, mit seinen Händen, mit seinen Bewegungen und seiner Umgebung beschäftigt und wechselt seine Aktivitäten dabei ständig. Mal schaut er herum, dann ist er mit etwas beschäftigt, das seinen ganzen Körper in Anspruch nimmt, oder er konzentriert sich auf einen Gegenstand in seiner Hand. Außerdem variiert er die Arten seiner Aktivitäten, indem er die Bewegungen, die er schon gut und mit Leichtigkeit beherrscht und häufig ausprobiert oder aufsucht, mit solchen abwechselt, bei denen er sich noch in der Phase des Ausprobierens, des aktiven Lernens befindet. Er wechselt zwischen verschiedenen Tätigkeiten, bei denen er sich in verschiedenen Stadien des sich Erarbeitens, des Erlernens befindet. Auf diese Weise reguliert er das Ausmaß seiner inneren Spannung. Während dieser selbständig und auf eigene Verantwortung ausgeführten Aktivitäten folgt er ganz besonderen Möglichkeiten des Lernens, die durch nichts anderes ersetzbar sind. Er lernt dabei nicht nur sitzen, stehen und gehen. Er lernt vielmehr, die Wirkungen seiner Handlungen zu beobachten, vorauszusehen, was die Folgen seiner Tätigkeiten sind, sowie seine Handlungen, Kräfte und Bewegungen zweckmäßig und ökonomisch einzusetzen. Er lernt zu beobachten und zu handeln. Er lernt zu lernen und entwickelt dabei seine Kompetenz sowie sein Bedürfnis, kompetent zu sein. All das kann der Säugling nur unter gewissen Bedingungen verwirklichen, wobei die Beziehung zum Erwachsenen die bedeutendste Rolle spielt. Der Säugling benötigt eine Beziehung, die ihm Sicherheit gibt und Geborgenheit und Wärme vermittelt. Nur wenn diese Sicherheit gewährleistet ist und wenn das Kind das Erlebnis hat, geliebt zu sein, hat es Freude daran und ist es fähig, selbständig zu handeln und zu lernen, das heißt, etwas Neues auszuprobieren und manchmal dafür auch etwas zu riskieren.

Die Autonomie des Kindes ist somit nicht von der Mutter-Kind-Beziehung zu trennen. Um dies zu verdeutlichen, reicht es nicht aus, zu sagen, daß die Entfaltung der Autonomie eine zusätzliche vorteilhafte Möglichkeit zu lernen ist. Denn wenn der Erwachsene die Bedeutung der aus eigener Initiative selbständig ausgeführten Aktivität erkennt und akzeptiert, beeinflußt dies auch auf tiefgreifende und grundlegende Weise die Beziehung zwischen dem Säugling und seinen Eltern. Die Widerstände, die unsere Konzeption jahrzehntelang hervorgerufen hat, halfen mir, diesen Zusammenhang immer besser zu verstehen. Innerhalb und außerhalb unseres Institutes, in Ungarn wie im Ausland, bot sich mir oft die Gelegenheit, unser Konzept der Bedeutung der freien, selbständigen Bewegungs- und Spielentwicklung den verschiedensten Fachkreisen vorzustellen. Die dadurch ausgelösten, ablehnenden Reaktionen waren für mich am Anfang in vielen Fällen überraschend. Heute habe ich den Eindruck eher zu verstehen, woher diese Reaktionen kommen. Drei verschiedene Arten von Fragen und zweifelnden Bemerkungen tauchten immer wieder auf.

Zum einen gab es Menschen, die ihre Zweifel ausdrückten. Sie glaubten nicht, daß ein Kind auch dann wirklich fähig ist, sich selbständig, seinem Interesse folgend mit einem Gegenstand zu beschäftigen, wenn man ihm dazu keine Hilfe gibt. Ich erinnere mich an einen ausländischen Professor, der zweifelnd und ungeduldig auf der Terasse neben dem Spielgitter stehengeblieben war: >>Jetzt stehe ich hier seit 5 Minuten, und es spielt immer noch nicht.<< Das 5 Monate alte Mädchen hatte ihn währenddessen gerade aufmerksam betrachtet. Viele bezweifelten, daß das Kleinkind auch dann wirklich lernen wird, frei zu gehen, wenn man es ihm nicht beibringt. Nach dem Anschauen der Diaserie, in der die 18 Monate alte Marie eine Treppe auf allen Vieren hinabkriecht, wurde mir die Frage gestellt, ob wir nicht befürchten müßten, daß dieses Kind später nicht aus eigenem Antrieb Treppen aufrecht hinauf- und hinuntergehen würde.

Andere, die unserem Konzept begegneten, machten Bemerkungen wie: >>Man soll also nicht zu früh anfangen, den Säugling von Zeit zu Zeit aufzusetzen, aufzustellen usw.<<. Damit akzeptierten sie zwar, daß es weder notwendig noch zweckmäßig ist, den Kindern diese Bewegungen beizubringen, aber sie suchten trotzdem nach Kompromißlösungen. Sie fragten, warum man dies, wenn auch nicht, um ihm etwas beizubringen, so doch vielleicht zur Freude des Säuglings, zu seiner Unterhaltung oder nur zum Spiel tun könnte.

Wieder andere fragten, was uns über den späteren Verlauf des Lebens und über die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, die im Säuglingsalter auf diese Weise aufgewachsen sind, bekannt sei. Genauer gesagt fragten sie danach, wie sie sich an neue Umstände anpassen können, in welchem Maße sie zu führen sind. Nach einer Vorführung unserer Filme über selbständige Bewegung und freies Spiel wurde sogar die Frage gestellt, ob diese Kinder denn den Erwachsenen gehorchen. Diese Reaktionen haben für mich nicht nur den Ausdruck eines inneren Widerstandes gemeinsam, sondern in vielen Fällen auch das vielleicht gar nicht bewußt wahrgenommene Gefühl, daß hier eigentlich von mehr die Rede ist, als nur davon, wann und mit wieviel Hilfe ein Säugling lernt, sich aufzusetzen, aufzustehen oder aufrecht zu gehen. Hinter diesen Widerständen spüre ich die Besorgnis, daß der Respekt der Autonomie des Säuglings die gewohnte und übliche Art der Beziehung in Frage stellen könnte.

Die Kritiker haben vielleicht das Gefühl, daß wir bezweifeln, daß der Säugling den Erwachsenen überhaupt benötigt, wenn wir davon reden, daß er etwas selbständig lernt. Die Kompromißbereiten wollen ungern auf die sowohl für den Säugling als auch für den Erwachsenen gewohnten Spielchen verzichten. Die Fragen und Zweifel der um die Zukunft Besorgten zeigen die Befürchtung, daß die Kinder, die auf diese Weise aufwachsen konnten, sich nicht anpassen können bzw. daß der Erwachsene seine Dominanz, seine Macht über das Kind verliert, wenn es sich einmal daran gewöhnt hat, frei zu handeln. Die verschiedenartig reagierenden Kollegen sind letztlich alle über die Veränderung der Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem besorgt und sie haben recht, daß sich dies eigentlich nicht nur auf den Bereich der Bewegung bezieht, wenn wir auch bloß von Selbständigkeit auf diesem Gebiet sprechen. Wie wird nun die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem beeinflußt, wenn der Erwachsene die Bedeutung der Aktivität des Kindes erkannt hat und diese respektiert? Für den Außenstehenden fällt als erstes auf, was wir nicht tun: unsere Betreuerinnen, bzw. in der Familie die Eltern, verzichten auf gewisse, sonst übliche Interventionen. Sie nehmen das Kind nicht auf, wann immer sie Lust dazu haben, sie tragen es nicht den ganzen Tag auf dem Arm herum, sie bieten ihm nicht Spielzeug an, wenn es ihnen gerade einfällt, sie setzen es nicht auf, stellen es nicht auf, führen es nicht an der Hand haltend herum, sie spornen es nicht zu irgendwelcher Bewegung an.

Dieses Unterlassen allein löst schon viel Widerstand aus. Die Verbote, die für uns keine Verbote sind, sondern Ausdruck unseres Respektes für die Autonomie des Säuglings, halten wir für begründet, weil wir annehmen, daß es auch im Leben der allerjüngsten Säuglinge schon Situationen gibt, in denen ein Eingreifen stört. Er kann nicht nur gestört werden, wenn er schläft, sondern auch dann, wenn er z.B. im Bett wach auf dem Rücken liegt, strampelt und dabei sein Blick auf seine Hand fällt, oder wenn er gerade mit einem Tüchlein oder mit dem Zipfel der Decke beschäftigt ist. Auch wenn der Erwachsene oft hingeht und auf seine Gegenwart aufmerksam macht, lenkt er schon dadurch die Aufmerksamkeit des Säuglings ab und unterbricht dadurch die Aktivität, mit der er gerade beschäftigt ist. Wenn die Mutter dazu z. B. noch dem Rat folgt: >>Nimm dein Kind in den Arm, so oft du Lust dazu hast, du kannst nicht genug mit deinem Baby zusammen sein<< und den Säugling immer wieder auf den Arm nimmt, lenkt sie ihn weiter von seiner eigenen Aktivität ab und bietet ihm stattdessen eine andere Freude.

Es wird gesagt, die körperliche Nähe, im Arm der Mutter zu sein, sei ein Urbedürfnis des Kindes, und wenn es weint, würde es dadurch beruhigt. Dies ist tatsächlich ein Bedürfnis, sogar ein wichtiges Bedürfnis, aber nicht zu jeder Zeit das einzige. Hunger und Durst, die auch lebensnotwendige, grundlegende Bedürfnisse sind, rechtfertigen es z.B. auch nicht, dem Säugling bei jedem Unruhigwerden die Flasche zu geben oder ihn zu stillen, weil man davon ausgeht, daß er gewiß hungrig ist. Ebensowenig ist das Herumtragen eine allgemeingültige Lösung für alle Beschwerden und Kümmernisse.

Häufig lenkt der Erwachsene die Aufmerksamkeit des Säuglings jedoch nicht nur auf die oben erwähnte Weise ab, sondern er beschäftigt sich mit ihm, um ihm etwas beizubringen. Er nähert sich ihm, weckt sein Interesse, lockt Reaktionen hervor oder läßt ihn Bewegungen ausüben. Wenn der Erwachsene den Säugling in eine Position bringt, die er noch nicht selbständig einnehmen und verlassen kann, wenn er ihn aufsetzt, bevor er fähig ist, sich aus dem Sitzen niederzulegen, wenn er ihn aufstellt, bevor er fähig ist, sich aus dem Stehen niederzulassen, verunsichert er den Säugling, macht er ihn künstlich hilflos. Er macht ihn inkompetent. Wenn er ihn mit Spielzeug unterhält oder ihn anspornt zu spielen, so stört er nicht nur die autonome Situation, sondern verstärkt die momentane Abhängigkeit des Kindes.

Dies ist an sich leicht einzusehen, doch für viele schwer zu akzeptieren, weil es sich so sehr vom gewohnten Verhalten unterscheidet. Wegen der abschreckenden Wirkung der sogenannten Verbote lehnen sie die ganze Konzeption ab. Das ruhige, abwartende, zuschauende und aufmerksame Verhalten, das Emmi Pikler vorschlägt, wird von vielen als ein passives, kaltes, herzloses Sichabwenden vom Kind mißverstanden.

Etwas, das gewöhnlich nicht so schnell auffällt, für uns jedoch noch viel wichtiger ist, als das Weglassen von überflüssigen, störenden Eingriffen, ist die unterstützende, den Lebensraum organisierende Aktivität der Eltern. Die Möglichkei- ten des Säuglings und Kleinkindes in der Begegnung mit sich selbst und seiner Umgebung aktiv zu sein, sind begrenzt. Ein wirklich kompetentes Verhalten, während sie sich bewegen und spielen, ist nur in einer Umgebung möglich, die sich zu ungehinderter Tätigkeit und Bewegung eignet und keine Gefahren birgt. Es ist also der Erwachsene, der es dem Säugling und Kleinkind ermöglicht, seine Kompetenz zu entfalten. Es ist nicht sinnvoll, den Säugling zu schützen, indem man ihn in eine Babywippe setzt, in der er seine Position nicht verändern kann. Zur Ausübung und Entfaltung seiner Kompetenz benötigt er nicht unbegrenzten Raum, sondern einen ausreichend großen, begrenzten, von Gefahren befreiten Raum, und er sollte seinem Tätigkeitsniveau entsprechende Spielzeuge in seiner Reichweite zur Verfügung haben.

Eine wichtige Besonderheit in Emmi Piklers Konzeption ist, daß sie, was die Kleidung oder räumliche Einrichtung anbelangt, ganz praktisch bis ins unscheinbarste Detail beschrieben hat, was die Entwicklung des Säuglings ermöglicht und indirekt anregt. Sie stellt z. B. die Frage, wieviel Raum das Kind in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen zum Spielen braucht, oder wie man größere von kleineren Gefahren unterscheidet, so daß man den Säugling vor den größeren Gefahren schützen kann und ihm gleichzeitig nicht die Möglichkeit nimmt, kleinere kennenzulernen. Diese Erkenntnisse über die unterstützende und organisierende Bedeutung des Erwachsenen erregen zwar weniger Widerstand als die Verbote, aber ohne die entsprechende Überzeugung sind auch sie schwer zu verwirklichen. Der Respekt vor der selbständigen Aktivität des Kindes wirkt sich noch weiter auf die Eltern-Kind-Beziehung aus. Er führt unter anderem zu klaren Situationen im Zusammenleben mit dem Säugling. Es ist ähnlich wie zwischen Erwachsenen. Im allgemeinen unterscheiden sie im Umgang miteinander eindeutig, wann sie mit etwas beschäftigt sind und wann sie sich dem anderen zuwenden. Sie werden sich normalerweise nicht den ganzen Tag über einander zuwenden. Eine Mutter, die jedoch den ganzen Tag mit ihrem Kind zusammen ist, wird, verständlicherweise, zu gewissen Zeiten innerlich mit etwas anderem beschäftigt sein. Das Kind spürt aber, ob die Mutter ganz für es da ist oder nur oberflächlich. Bei solch ständigem Zusammensein ist es nicht klar, wann es wieder einen wirklichen Kontakt erwarten kann. Es wird die ganze Zeit darauf warten und nicht fähig sein, sich ruhig selbständig zu beschäftigen. So kann es dadurch leicht verunsichert werden. Wenn die Eltern dem Säugling aber von Anfang an auch Ruhe und Zeit geben, sich allein zu beschäftigen, selbständig Erfahrungen zu sammeln, so hilft das der Mutter, dem Kind eindeutige Botschaften geben zu können, wie: jetzt bin ich mit dir zusammen, oder jetzt ist deine Spielzeit und ich bin beschäftigt. Dies kann das Kind dann auch akzeptieren. Die Mutter kann so auch ihren anderen Beschäftigungen nachgehen. Dem Kind hilft es, sich zu orientieren. Es kann die Zeit, in der es allein ist, nutzen, da es weiß, daß die Mutter in der Nähe ist, aber mit etwas anderem beschäftigt ist, und daß sie später wieder für es da sein wird und zwar ganz. Weiter beeinflußt das Respektieren und Unterstützen der Autonomie des Kindes was und wie etwas zwischen dem Erwachsenen und dem Kind geschieht. Es bereichert ihre Beziehung auf direkte Weise. Emmi Pikler hat sich nicht nur gegen das überflüssige Eingreifen gewendet und für das Akzeptieren der Selbständigkeit des Kindes eingesetzt. Sie hat sich außerdem als erste die Aufgabe gestellt, ausführlich und genau zu formulieren, wie Ereignisse, die sich täglich wiederholen und im Leben des Säuglings eine wichtige Rolle spielen, so geschehen können, daß sie mit Freude verbunden sind und die Beziehung bereichern. Sie zeigte, daß Füttern, Baden, An- und Ausziehen Ereignisse sein können, bei denen der Säugling von Anfang an ein aktiv teilnehmender Partner sein kann und nicht nur Objekt der Liebe und Sorgfalt sein muß. Die Möglichkeiten seiner Kompetenz erstrecken sich auf diese Weise auch auf soziale Gebiete. Sie hat ausführlich ausgearbeitet, wie man schon das Neugeborene und später den Säugling anfassen, aufheben oder umdrehen, seine Hautfalten säubern oder die Ärmel des Hemdchens anziehen kann, so daß jede Berührung, jedes Zusammensein angenehm ist. Wie man ihn so stillen und ihm zu trinken oder mit dem Löffel zu essen geben kann, daß sich der Säugling während der Pflege immer sicher fühlt.

Die Pflege wird so nicht zu einem kriegerischen Ereignis zwischen Erwachsenem und Kind, was nicht selten der Fall ist, sondern zu einem Zusammensein, das von Anfang an wesentliche Gelegenheit zu Kommunikation und Kontakt bietet, der auf der Beobachtung der Signale beider Seiten beruht. Die Hinweise Emmi Piklers zum Zusammensein haben sich bei der Umsetzung in die Praxis als außerordentlich hilfreich erwiesen. Als Kinderärztin antwortet sie mit ihren konkreten Hinweisen auf alltägliche, scheinbar belanglose Schwierigkeiten, die jedoch, wenn sie nicht behoben werden, leicht zu dauerhaften Konflikten führen können. Bei der Leitung des Lóczy stand sie auch der Aufgabe gegenüber, wie die Betreuerinnen eine Zuneigung zum Kind entwickeln können, die ihnen nicht wie einer Mutter auf natürliche Weise gegeben ist. Wenn wir beobachten, daß ein Kind in seiner Entwicklung stehenbleibt, oder die Betreuerin beispielsweise über Schwierigkeiten beim Essen berichtet, beobachten wir genau, woran dies liegen könnte. Beim Beispiel des Essens beobachten wir, was in dieser speziellen Situation geschieht, wie sich die Betreuerin verhält, wenn sie dem Säugling das Essen anbietet. Vielleicht reicht sie es zu rasch, vielleicht ist zuviel auf dem Löffel oder die Nahrung zu dickflüssig, vielleicht bemerkt sie nicht, daß der Säugling seinen Kopf wegdreht, um zu zeigen, daß er genug getrunken hat. Wir haben immer wieder herausgefunden, daß es unseren Betreuerinnen hilft, in einen echten Dialog mit dem Säugling zu kommen, der beiden Freude bereitet, wenn wir ihnen die Aufgabe geben, diese feinen und praktischen Details zu beobachten, die Signale des Säuglings wirklich zu beachten. Aus der beiderseitigen Freude kann dann eine erfreuliche Beziehung entstehen. Wir können immer wieder beobachten, daß die von uns erwartete Aufmerksamkeit zu einem echtem eigenen Interesse wird, aus dem nach und nach verstehendes, freundliches Verhalten, echte Zuneigung und eine liebevolle, gesunde Beziehung entstehen kann.

Zur eindeutigen Beantwortung der Frage, ob nun die Entwicklung des Säuglings autonom und abhängig bzw. autonom oder abhängig vom Erwachsenen ist, bleibt jetzt noch zu klären, was wir im Lóczy unter dem Begriff der Abhängigkeit verstehen.

Wenn unter Abhängigkeit verstanden wird, daß Säugling und Kleinkind in ihrer Entwicklung ganz allgemein auf den Erwachsenen angewiesen sind, ist es selbstverständlich, daß dies eine natürliche Abhängigkeit ist. Wenn man unter Abhängigkeit aber die totale Hilflosigkeit des Neugeborenen als natürlichen Zustand versteht, wenn man davon ausgeht, daß ein Säugling natürlicherweise traurig, frustriert und passiv ist, sich langweilt, wenn die Mutter nicht ununterbrochen bei ihm ist, wenn man glaubt, daß der Säugling ohne direkte Hilfe der Mutter nicht fähig ist, sich selbständig zu beschäftigen und seinem Interesse folgend zu lernen, sind wir anderer Meinung.

Unsere Erfahrung ist es, daß der Säugling zwar sehr leicht künstlich abhängig gemacht werden kann, daß diese Art der Abhängigkeit jedoch nicht natürlich ist. Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Anschauung verläuft die Entwicklung des Säuglings für uns nicht in jeder Hinsicht von totaler Hilflosigkeit und Unselbständigkeit zu Selbständigkeit. Wir haben vielmehr die Erfahrung gemacht, daß er von Anfang an auch zu autonomem, kompetentem Verhalten fähig ist. Die Begriffe Autonomie und Abhängigkeit in bezug auf den Säugling einander gegenüberzustellen oder isoliert voneinander zu betrachten, erscheint uns nicht sinnvoll. Denn wenn man nur über die Autonomie des Kindes ohne die Beziehung zum Erwachsenen spricht, spricht man eigentlich von Verlassenheit. Ich hoffe, daß deutlich geworden ist, daß davon bei uns nicht die Rede sein kann. Autonomie oder Abhängigkeit ist ein Mißverständnis unserer Konzeption.

Die Fragen der Abhängigkeit und Autonomie haben nicht nur philosophische Bedeutung. Sie sind tief in den alltäglichen Problemen verwurzelt. Darauf machen vielleicht die täglichen Klagen aufmerksam. Neben Eßproblemen hört man oft Klagen, daß die Kinder nicht aufpassen können, daß sie nicht alleine spielen können und die Eltern nicht in Ruhe lassen. Auch ernste Schwierigkeiten mit Schlafstörungen nehmen auf erschreckende Weise zu. Die künstlich erzeugte Abhängigkeit der Kinder ist eine bedeutende Ursache vieler dieser Sorgen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf aufmerksam machen, daß mit übertriebenem mütterlichen Verhalten nicht nur die Lust am Essen und Trinken zerstört, sondern auch der Abhängigkeitsanspruch des Säuglings bis ins Extreme gesteigert werden kann.

Die Pikler-Sichtweise kann vielleicht dabei helfen, die künstlich geschaffene, übertriebene Abhängigkeit des Säuglings und Kleinkindes von der Mutter nicht mehr als Beweis eines natürlichen Bedürfnisses des Kindes zu betrachten, sondern von Anfang an die Autonomie und Selbständigkeit des Säuglings, seinen Möglichkeiten gemäß, auch zu berücksichtigen.

Die detaillierte Kenntnis der Pikler-Sichtweise kann meiner Ansicht nach helfen, die Eltern dahin zu führen, die Autonomie ihrer Kinder zu erkennen und zu respektieren und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Autonomie und Abhängigkeit zu finden.

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den Anna Tardos in den 80er Jahren hielt, und wurde 1992 in Spanisch veröffentlicht.


Zum Problem der Verwöhnung und Mutterfixierung siehe auch:

Neue Seiten im Kontext

Montag, 11. Februar 2002

Erweiterte Auflage des Buchs Laßt mir Zeit von Emmi Pikler, mit einem Vorwort von Rebeca Wild und Beträgen von Anna Tardos und Magda Gerber.

Es geht um den respektvollen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern – vor allem während der Pflege.