Methodenstreit

Version 5, 84.130.95.221 am 10.6.2006 09:54

aus der WAK MailingListe


Hallo Liste,

bevor ich den zweiten Teil meines Referates bringe, möchte ich noch auf die Kritiken antworten, die mir in verschiedenen mails entgegengebracht wurden und die meist in sehr grundsätzlicher Weise auf das Methodische abzielen. Entschuldigt, dass ich auf die mails nicht direkt eingehe, sondern den Standpunkt der Kritik von meiner Sicht aus ganz allgemein rekonstruiere - oder dekonstruiere. Ich bin, wie gesagt, dazu derzeit nur sporadisch in der Lage.

Ich habe in Stefans Zusammenfassung des ersten Teils meines Referates die Bemerkung unkommentiert passieren lassen, ich hätte behauptet, nicht der Überbau spiegele die materielle Basis wieder, sondern umgekehrt. Mir geht es aber darum, den ganzen Klapperatismus von Basis und Überbau zu verlassen, da ich ihn nur für bedingt brauchbar halte und er immer die Gefahr einer Totalisierung des Ideologiebegriffs mit sich bringt. Dagegen habe ich den Terminus "politische Ökonomie" favorisiert und mich für dessen Erweiterung auf verschiedene Epochen der Antike ausgesprochen, da in diesem Begriff die untrennbare Verzahnung der verschiedensten Aspekte gesellschaftlicher Realität miteinander ausgedrückt ist. "Politische Ökonomie" verweist darauf, dass ein Produktionszusammenhang immer ein Bedeutungszusammenhang ist, und wir müssen uns die Frage stellen: Wer prägt die Bedeutungen? Also zum Beispiel: was bedeutet für die Mitglieder einer bronzezeitlichen Stammesgesellschaft ein Getreidefeld? Es bedeutet vielerlei, es ist nicht eine mit sich selbst identische Angelegenheit. Wie sich die religiöse Signifikanz zur politischen Signifikanz verhält, ist historisch variant.

Trotz Horkheimer/Adornos bekannter These: Mythos ist Aufklärung und Aufklärung fällt in Mythos zurück, herrscht immer noch ein Bewusstsein vor, dass die rationale und die religiös/mythische Sphäre streng voneinander scheidet. Warum beziehe ich Mythen in die Analyse gesellschaftlicher Realität mit ein? Der Mythos erzählt von der Gewinnung des Feuers, er erzählt von den Haustieren und vom Anbau des Getreides. Mythen haben einen technischen Sinn, sie haben einen sozial- strukturellen Sinn und sie haben einen religiösen Sinn. Gibt es bezüglich der Produktivkräfte einen technischen Fortschritt, so wird dieser mythologisch Begründet. Keineswegs bedeutet die Durchsetzung der Technik eine Verdrängung der Mythologie durch Rationalität. Dieser Gegensatz: Mythologie vs. Rationalität ist historisch. Er entsteht mit der griechischen Philosophie. Religionsfreie Rationalität beruht ihrerseits auf bestimmten politisch – ökonomischen Verhältnissen, sie hat die Verfassung der antiken Polis und den entwickelten Warentausch zur Voraussetzung. Die Geschichte des Rationalitätskonzepts ist auch nicht unreligiös. Meditative, technische und juristische Erfahrung kommen hier zusammen, eine Komplexion, die repräsentativ für die Intellektualität der griechischen Polis ist.

Richtungsweisend für die weitere Entwicklung des Rationalitätskonzepts wurde die aristotelische Ontologie, zunächst Grundlage der islamischen Kultur, begründete sie später die europäische Scholastik, bis sie in der Aufklärung schließlich teilweise gebrochen wurde. Das Besondere an der aristotelischen Ontologie ist, dass sie das meditative Interesse in Harmonie mit dem technischen setzt und zwar geschieht das durch den Energiebegriff. Der Energiebegriff löst das meditative Interesse vom reinen Sein (wie es sich bei Parmenides konstituiert) und richtet es auf Prozesse (dazu gehört die Produktion). Und in diesem Konzept des Prozesses gibt es eine Homologie von Natur und Technik: Die Energie der Pflanze korrespondiert mit der Energie eines menschlichen Produktes (z.B. einem Tisch). Metaphysisch betrachtet liegt hier eine Identität vor. En’ergon, wörtlich das "In-Werk", das ist die Potentialität eines Werkes in einem Begriff. Das kann theologisch rezipiert werden, in der Scholastik ist Gott ist der Werkmeister der Schöpfung (allerdings geht diese Rechnung nicht auf, da der aristotelische Gott nun mal nicht der biblische ist –davon mehr im zweiten Teil).

In der aristotelischen Rationalität koinzidieren Technik, Recht und Religion, wobei das Konzept die Technik privilegiert und sie auf Politik und Religion ausdehnt; es gibt eine Kunst der Politik und eine Kunst der Gottesverehrung. Ebenso wird die juristische Technik als Trias von Logik, Rhetorik und Dialektik (Dialektik hier nicht im hegelschen Sinne, sondern als Lehre von den falschen Schlüssen) beschrieben.

Gegen dieses Rationalitätskonzept verhält sich die neuzeitliche Rationalität in konkreter Negation, ihr konstitutives Moment ist das naturwissenschaftliche Experiment. Als wichtigsten Zeugen dieser Entwicklung hat Adorno Francis Bacon genannt - der Bruch wird also schon ziemlich früh vollzogen.

In den modernen Naturwissenschaften tut sich jetzt eine Kluft auf, zwischen den scheinbar objektiv vorliegenden Daten und ihrer Deutung. Der Positivismus hat die Metaphysik indessen nur scheinbar überwunden. Als Preis für den Verzicht der Synthesis im Begriff ist das reine Sein als Faktizität (nur eben nicht mehr als Sinnträger, wie bei Parmenides) wiederauferstanden. Und hieraus erschließt sich das klotzmaterialistische Konzept von Basis und Überbau. Die Marxisten (und nicht Marx) sagen, dass die metaphysische Kluft zwischen Daten und Deutung auf die gesellschaftliche Realität übertragen wird, kurz: die Daten sind die Realität, die Deutung ist der Überbau. Dieses Konstrukt von den Daten als dem von Reflexion unabhängig Gegebenen dirigiert nicht nur das marxistische Bewusstsein (wie gesagt, das Konstrukt stammt nicht von Marx, eher schon von Engels, und Lukács hat die Hypostasierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis durch Engels zutreffend kritisiert). In welcher experimentellen Vorrichtung, in welchem Apparat aber erscheint die gesellschaftliche Realität als Datum? Diesen Apparat gibt es nicht. Ist bereits Newtons Behauptung, dass er keine Hypothesen aufstelle, sondern nur beobachte, eine methodische Selbsttäuschung, so entpuppt sich die positivistische Übertragung des naturwissenschaftlichen Erkenntniskonzeptes auf die gesellschaftliche Realität als barer Unsinn. Von welcher "gesellschaftlichen Ebene" soll denn nun die Rede sein, wenn sie nicht durch reflexive Bestimmungen, die da zum Beispiel "Trieb" heißen können (wer den Triebbegriff ablehnt, mag mir erklären, wie er sich die Subjekt-Objekt Beziehung bitteschön anders vermittelt vorstellt – Instinkt ist’s jedenfalls nicht, und dass da pure Rationalität vorwalte, wird kein Vollsinniger behaupten wollen) ausgefüllt wird? Sicher, diese Übertragung hat einmal einen politischen Sinn gehabt, nämlich den, wie Lenin es formulierte, aus den Köpfen der Arbeiterklasse die tradierten Denkgewohnheiten zu vertreiben. Das verweist aber nicht auf eine deutungsfreie Realität, sondern nur auf eine andere Deutung (..."Sie sagen Moral und meinen Kattun").

Zusammengefasst: niemand hat unmittelbar und objektiv analytischen Zugang zur Realität (Das sagt Stefan ja auch in seiner letzten mail. Nur suggeriert seine Argumentation andererseits stets, dem bürgerlichen Denken gegenüber irgendetwas vorauszuhaben –und zwar qualitativ, so als befände er sich auf einer Stufe des Bewußtseins, die sich nicht einfach kritisch mit den eigenen Voraussetzungen auseinandersetzt, sondern jene bereits hinter sich gelassen hat). Wenn ich unter den eben dargestellten Voraussetzungen mich des Marxschen Ideologiebegriffs annehme, dann möchte ich seine Definition der Ideologie als "notwendig falsches Bewusstsein" ausdrücklich verteidigen. Nur nehmt mir die Notwendigkeit darin bitte ernst!

Gesellschaftliche Assoziation funktioniert nur über Rituale und Erzählungen (Mythen). Naturwissenschaftliche Rationalität, deren kontemplatives Moment Lukács hervorgehoben hat, kann sich in seinen Deutungsmutern nur auf das historisch Vorgefundene beziehen. Wenn von "vorgängiger" mythischer Vermittlung die Rede sein soll, dann ist diese Vermittlung selbstverständlich als konkret in den historischen Prozeß eingebunden zu verstehen.

Meine Aussage war: Der abstrakte Tausch hat sich aus dem Opferkult entwickelt. Die Organisation von Lebenszusammenhängen, die durch den abstrakten Tausch ermöglicht worden sind, sind nicht unabhängig vom Opfer zu denken. Durch abstrakten Tausch wird nicht qualitätsloser materieller Wohlstand ermöglicht, sondern es werden gesellschaftlich ganz spezifische materielle Verhältnisse, nämlich Warenbeziehungen geschaffen. Diese Warenbeziehungen reorganisieren strukturell den Opferzusammenhang. Sie sublimieren einerseits das blutige Opfer, indem sie das Geld als universellen Mittler vor alle gesellschaftlichen Beziehungen schalten. Andererseits bringen sie durch das ihnen innewohnende inhumane Äquivalenzprinzip, die grausame Abstraktion die Ungleiches als gleich setzt, das Opfer als vergeistigtes erneut hervor. Die Sublimation funktioniert auch nie vollständig, sie ist, je vergeistigter umso mehr regressionsanfällig – das ist die Basis des Antisemitismus. So wirkt das Opfer in bislang allen Stufen der Vermittlung fort. Aber nicht die Tatsache, dass sich Menschen auf ein gemeinsames Drittes beziehen ist repressiv, sondern dass sie sich auf ein schweigendes Drittes beziehen, den Ursprung als ungelöste Frage, den Ursprung in seiner ganzen Ambivalenz, das fordert das Opfer heraus.

Es kann nicht darum gehen, die Vermittlung abzuschaffen und sie durch irgendeine vermeintliche Unmittelbarkeit zu ersetzen, das ist völliger Blödsinn, entsprechende Experimente sind ein stets sich erneuernder Quell der Peinlichkeit – und von weit Schlimmerem. Es geht darum eine Form der Vermittlung zu finden, innerhalb derer alle individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten aufgehoben sind.

Bis zum nächsten Mal, Johannes.

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