Warum Linux?

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Gründe zum Einsatz von Linux, vorgestellt von Benni Baermann.

Einige Gründe für Freie Software

von Benni Baermann

Ich werde oft in Diskussionen um Linux verstrickt. Meistens fängt das damit an, dass mir jemand Word-Dokumente schicken will und meistens hört das damit auf, dass gesagt wird, "Ja ich als Nur-Anwender, was soll ich denn mit Linux, was bringt mir denn das?". Dies hier ist mal ein Versuch meine Antworten darauf strukturiert zusammenzufassen. Dabei geht es weniger um Linux sondern eher allgemein um das Prinzip Freier Software. Doch zunächst einige

Begriffserklärungen

Freie Software: Software ist dann Frei, wenn die dazugehörige Lizenz das Recht gewährt, mit dem Programm zu machen was man will, es also zu zu studieren, zu verändern, weiter zu geben und man ohne Einschränkungen deren Arbeitsergebnisse verwenden kann. Dazu benötigt man in der Praxis den

Sourcecode: Das ist ein in einer Programmiersprache und somit für Menschen und Computer gleichermassen lesbarer Text, der die Funktionsweise eines Programmes beschreibt. Dieser wird benötigt um effektiv Computerprogramme verbessern, verändern und kontrollieren zu können.

proprietäre Software: Ist solche, die nicht frei ist.

"Nur-Anwender"

Heutzutage werden zunehmend Leute mit Computern konfrontiert, die eigentlich garnichts damit zu tun haben wollen, diese nennen sich selbst dann gerne "Nur-Anwender" um sich von den ewig frickelnden Computerfreaks abzugrenzen. Dagegen ist nichts einzuwenden ich hab selbst solche Phasen. Nur möchte ich ein paar Punkte anmerken:

Gerade wenn man zu einer Sache gezwungen wird, sollte man versuchen ein Minimum an Kontrolle zu bewaren. Dies muss nicht dadurch geschehen, dass man selbst zum Experten wird, aber dies kann dadurch geschehen, dass man generell jedem die Möglichkeit gibt, Experte zu werden. Genau das tut Freie Software tendenziell. Wenn ich selbst nicht Experte sein kann, so will ich doch zumindestens die Möglichkeit haben, mehrere Experten um Rat zu fragen. Bei proprietärer Software mache ich mich aber letzten Endes vom Urteil eines Experten (nämlich der Firma, die mir das verkauft) abhängig.

Computer sind anders. Sie sind nicht wie Toaster oder Autos, zu einem bestimmten Zweck hergestellte Dinge. Sie sind universelle Werkzeuge, die alles, was im weitesten Sinne mit mechanischer Symbolverarbeitung zu tun hat, angehen können. Das macht sie so enorm reizvoll aber eben auch so enorm kompliziert. Das bedeutet aber eben auch, dass das Ideal des "Nur-Anwenders" nicht wirklich erreichbar ist, weil man dann die Universalität einschränken müsste. Natürlich kann man spezialisierte Werkzeuge bauen, nur sind das dann eben Schreibmaschinen und keine Computer mehr.Diese Grenze zwischen Anwendung und Programmierung ist nie eindeutig und immer in Bewegung.

Auch der Nur-Anwender entwickelt mit häufiger Anwendung ein Bedürfnis nach immer ausgetüftelter werdender Konfiguration und auch der Programmierer wendet sein Textprogramm nur an. Das entscheidende an Freier Software ist nun, dass sie vom mitmachen lebt und das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen Anwendung und Programmierung beliebig verschiebbar werden, wärend sie bei proprietärer Software tendenziell verordnet werden. Freie Software unterscheidet nicht mehr zwischen Konsument und Produzent, sie kennt nur noch "Prosumenten". Und das nützt eben auch gerade dem Nur-Anwender, weil er eine grössere Souveränität gewinnt und nicht auf diesen Status festgelegt bleibt.

Sicherheit

Computersicherheit wird immer wichtiger. So gut wie jeder Computer ist heutzutage am Internet angeschlossen und das bedeutet immer auch, dass er einem inzwischen gigantischen Arsenal an simplen Tools ausgesetzt ist, mit dem schon nur wenig Kundige erheblichen Schaden anrichten können. Dabei ist es nicht relevant, ob man "nix wichtiges" auf dem Rechner hat, da selbst unwichtige Rechner gecrackt werden um als Basis für weitere Angriffe zu dienen. Ausserdem ist eine Lahmlegung eines Rechners immer ärgerlich, auch (oder gerade!) wenn man nur damit spielen will.

Sicherheit ist nie absolut. Das gilt auch und verstärkt für Computersicherheit. Deswegen ist auch ein Computer mit Linux nicht gegen Angriffe geschützt. Dennoch gibt es einige Vorteile:

- Es ist wie in der Landwirtschaft: Monokulturen sind empfindlich. Viren und Würmer, die auf eine einheitliche Landschaft von Systemen stossen, können sich schneller ausbreiten. Freie Software ist ihrem Grundsatz nach vielfältig, da sie jeder verändern kann und es somit immer unterschiedliche Versionen geben wird. Bei proprietärer Software hingegen gibt es einen Trend zur Vereinheitlichung, da die Hersteller immer möglichst wenig unterschiedliche Versionen vorhalten wollen, weil das ihren Aufwand reduziert.

- Unter Experten für Computersicherheit gibt es ein geflügeltes Wort, "Security by obscurity is no security", das besagt, dass ein System nicht dadurch sicherer wird, dass man seine Funktionsweise geheimhält, sondern im Gegenteil dadurch, dass man sie möglichst vielen Leuten bekannt macht. Das beruht letzten Endes auf der Annahme, dass es immer mehr "good guys" als "bad guys" geben wird und die ersten deswegen tendenziell eher Sicherheitslücken finden als die zweiten. Dieses Prinzip wird überhaupt erst möglich gemacht durch die Öffentlichkeit des Sourcecodes.

Funktionalität

Freie Software ist oft stabiler, schneller, funktioneller als ihre proprietären Alternativen. Das gilt nicht immer, da Ansprüche an Funktionalität unterschiedlich sind. Qualität ist auch bei Software kein eindeutig zu definierendes Kriterium. Und man kann sich trefflich und lange über diesen Punkt streiten, das führt dann zu den allseits bekannten Windows-gegen-Linux-Streitereien, von denen der Deutsche Bundestag die aktuellste Version liefert.

Ein Trend lässt sich jedoch meiner Meinung nach festhalten: Die Komponenten von Freier Software, die am besten funktionieren, sind ihre Basiskomponenten, wärend es bei proprietärer Software oft umgekehrt ist. Der Grund dafür ist, dass die Hersteller von proprietärer Software darauf angewiesen sind, schnell potentielle Kunden zu beeindrucken. Das ist meiner Meinung nach auch der Kern des Problems, das viele "Nur-Anwender" mit Freier Software haben. Sie wirkt manchmal auf den ersten Blick umständlich und somit für sie dysfunktional. Doch sollte man sich schon bewusst machen, dass es sich oft um Potemkinsche Dörfer handelt, denen man da aufsitzt.

Auch ist es inzwischen nicht mehr war, dass keine einfach zu bedienenden Programme für Linux zur Verfügung stünden. Es gibt in fast allen Bereichen gleichwertige Alternativen. Und nicht nur das, man erhält sie auch gleich dazu, wärend man sie sich bei Windows meist erst mühsam zusammensuchen muss.

Internet

Die globale Vernetzung ist zum Alltag für viele von uns geworden. Sie ist ebenso Arbeits- wie Unterhaltungs- und Informationsmedium. Das bedeutet aber auch, dass die Strukturen wie das ganze funktioniert, nicht egal sind. Das ganze entwickelt seine Dynamik die jedem Einzelnen zu Gute kommt eben gerade durch einen freien Fluss von Informationen und Basis dieses freien Fluss von Informationen sind Offene Standards. Sobald eine Firma (z.B. Microsoft) diese Standards bestimmt, bestimmt sie darüber wie Informationen dargestellt werden können und wie nicht und hat darüber einen enormen Einfluß der letzten Endes die ganze Dynamik zerstört und für jeden von uns unbrauchbar macht.

Was hat das jetzt mit Freier Software zu tun? Proprietäre Software und Offene Standards leben immer in einem Spannungsverhältnis. Jede Firma möchte eigentlich am liebsten die Standards ganz alleine setzen und bekennt sich nur notwendigerweise bei einem groben Kräftegleichgewicht zu Standardisierungen. Anders bei Freier Software, diese atmet geradezu offene Standards. Sie sind ihr Lebenselixier.

Diese Beziehung zwischen Internet und Freier Software zeigt sich auch ganz praktisch. Grosse Teile der Internetinfrastruktur (Mailserver, Router, Webserver, ...) basieren auf Freier Software und umgekehrt ist das Internet Basis für die globale Prosumption Freier Software.

Raubkopien

Ein oft vorgebrachtes Argument für Freie Software sind die niedrigeren Kosten. Das ist zwar richtig, aber gerade für viele "Nur-Anwender" nicht von Bedeutung, weil endweder die Firma für sie bezahlt oder sie sich eben die benötigte Software zusammenklauen. Ich halte nicht viel vom moralischen Anspruch, dass Raubkopien verwerflich seien und man deswegen Freie Software verwenden soll. Vielmehr sollte man sich bewusst machen, dass Raubkopien oft in der Anfangsphase der Durchsetzung neuer Produkte absichtlich geduldet werden. Microsoft hat zum Beispiel früher eine verhältnismässig liberale Einstellung gegenüber Raubkopierern vertreten. Doch in den letzten Jahren, mit Durchsetzung ihres Monopols, werden sie zunehmend aggressiver. Raubkopierer werden angezeigt, verfolgt und versucht mit technischen Massnahmen auszugrenzen. Denn jetzt haben die Leute ja keine Wahl mehr. Wenn man das zu Ende denkt, kommt man dazu, dass Raubkopien nur dann geduldet werden, solange es Alternativen gibt und sich die Raubkopierer ihre eigene Existenzgrundlage austrocknen gerade dadurch, dass sie eine Produkt durchsetzen.Die stärkste Alternative zur Zeit ist Freie Software, also warum nicht gleich das Original nehmen?

... und der ganze Rest

Für mich wird immer offensichtlicher das wir in einer Welt leben, die zunehmend zerfällt. Freie Software ist für mich eine Möglichkeit diesen Zerfall aufzuhalten. Das klingt gewagt, deshalb eine kurze Erklärung:

Der Zentrale Motor für unsere Gesellschaft ist der Anreiz aus Geld mehr Geld zu machen. Und das ist auch der zentrale Motor hinter all der gesellschaftlichen Zerstörung, die ich wahrnehme. Freie Software ist vielleicht nicht der erste aber doch ein global wirksamer Versuch daran etwas zu ändern. Zwar dreht sich auch bei Freier Software viel ums Geld (IBM zB. hat eine Milliarde in Freie Software investiert), dennoch gibt es immer einen Kern, der von diesem Mechanismus ausgespart bleibt, da die Software immer weitergegeben werden darf, und dennoch enorm produktiv ist. Es ist also ein praktisch funktionierendes Beispiel dafür, dass wir auch ohne den Geldfetisch und seine zerstörerische Gewalt leben können. Und davon hat dann ganz sicher auch der "Nur-Anwender" etwas.

Wer sich tiefergehend für diese gesellschaftstheoretischen Fragen interessiert sei auf das ProjektOekonux verwiesen (http://www.oekonux.de).


Ich wünsche mir sehr etwas ähnliches in der Richtung:

"Warum sollten Sie die OpenDocumentationLicense für Ihre emanzipatorischen Schriften einsetzen ?"

Die Welt ist voller Weltverbesserer, die über künstliche Verknappung versuchen, ihre Weltverbesserung zu finanzieren.