Fetisch

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Versuche für kurz und bündig:

Marxistisch

Der Fetischcharakter der Waren ist ihr "gegenständlicher Schein", d.h. der Anschein als seien die Waren mit Leben begabte Dinge, die sowohl mit den Menschen, wie auch zueinander in einem selbständigen Verhältnis stehen. Was in diesem Schein untergeht ist, daß die Waren in Wirklichkeit Produkte menschlicher Arbeit sind; es geht also das gesellschaftliche Verhältnis der Arbeitsprodukte verloren. Denn die Arbeit, als eigentlich wertschaffende Arbeit ist allgemein menschliche Arbeit, also abstrakte Arbeit, die in Arbeitszeit gemessen wird. Darum verkörpert der Tausch die Substanz der Waren, die aber als konkrete Dinge das in den Waren enthaltene Produktionsverhältnis verschleiern, nur in seiner verdinglichten Form zeigen und so als Fetische die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen "versachlicht" widerspiegeln, während sie als Waren im eigentlichen gesellschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, dem Austausch. Dabei ist es das abstrakte Verhältnis des Privateigentums, zum Privateigentum, das im Geld sich fortsetzt. Als universaler Tauschwert ist im Geld die vollständige Herrschaft der entfremdeten Sachen, die als Produkte der Menschen ihnen als fremde Dinge gegenübertreten, über die Menschen in Erscheinung getreten. Der Geldfetischismus ist also notwendige Folge des Warenfetischismus. Dieser Fetischcharakter der Waren ist ein nicht unwesentliches Vehikel kapitalistischer Reproduktion, indem es jederzeit private Aneignung ermöglicht, ohne daß das sich bereichernde Individuum direkt in das Spannungsfeld der Sozialität eintreten muß. Die Struktur des Bedürfnisses selbst, das diesem Fetischismus zugrundeliegt, das was also den "Schein" ausmacht, bzw. was daran so verlockend ist, ist nicht Gegenstand der marxistischen Fetischdiskussion.

Das Fetischismuskonzept von Marx und sein Kontext: http://www.culture.hu-berlin.de/HB/ ... e/texte/fetisch.html

Psychoanalytisch

Der Fetisch ist in der Psychoanalyse nicht eigentlich zu behandelndes Symptom neurotischer Störung, sondern eher Beiprodukt der Analyse. Er tritt während der Analyse zutage, ohne eigentlich Gegenstand zu sein. Denn der Fetisch gewährt dem Fetischisten, wie verstümmelt auch immer, doch die Möglichkeit sexueller Befriedigung und treibt ihn deshalb noch nicht zum Analytiker. Freud hat in seiner ersten kurzen Arbeit über Fetischismus bemerkt, daß die übermäßige Kastrationsangst des Knaben, die durch den Schock hervorgerufen wird, den der Anblick des penislosen weiblichen Genitals verursacht, nachdem eine Kastrationsdrohung erfolgt ist, ihn zu Ersatzbildungen des nicht vorhandenen weiblichen Penis zwingt, um die Wirkung der Kastrationsdrohung zu mildern. "Der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter) an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es - wir wissen warum - nicht verzichten will" schreibt Freud. Warum der Knabe auf den weiblichen Phallus nicht verzichten will, ist unter der Bedingung der Kastrationsdrohung leicht zu verstehen, denn der fehlende weibliche Phallus läßt die Mutter als kastriert erscheinen, was der Realität der Kastrationsdrohung Nachdruck verleiht. Erweiternd oder einschränkend betont Freud am Schluß seiner Arbeit, daß das Normalvorbild des Fetisches der Penis des Mannes sei so wie die als Minipenis vorgestellte Klitoris der Frau. Festzuhalten ist jedoch, daß die Entstehung des Fetischismus mit der sogenannten phallischen Phase der Entwicklung des Knaben verbunden ist, in der ja die Kastrationsdrohung auf die inzestuösen Wünsche des Knaben erfolgt. Es ist ontogentisch die Phase der Kastrationsdrohung und des Ödipuskomplexes, mithin des verstümmelten und zugleich des verstümmelnden, nämlich das weibliche Genitale verdrängenden Genitalprimats, der auch nach der sogenannten Latenzperiode nur in einer phallischen Genitalität wiederbelebt wird. Eine wirklich genitale Stufe sexueller Entwicklung, in der alle Stufen der sexuellen Entwicklung aufgehoben und auch das weibliche Geschlecht nicht verdrängt ist, bleibt der Freudschen Utopie vorbehalten, denn Freud selbst konnte die faktische Existenz einer genitalen Stufe der Entwicklung nicht konstatieren, jedenfalls hat er, wie er selbst betonte, niemals die Evidenz dieser Stufe angetroffen. Und das wundert uns nicht, denn phylogenetisch, wenn dieses Analogon einmal erlaubt ist, leben wir durchaus in einer Stufe der sexuellen Entwicklung, in der die Konkurrenz der konkurierenden Phalli alle Produktionsverhältnisse bestimmt, die auf konkreter und abstrakter Leistung und Konkurrenz aufbauen. damit fällt zugleich das weibliche Geschlecht der Verdrängung anheim.
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Der Fetisch steht insofern für den Phallus der Frau, die ja keinen hat (auch die Klitoris zu "phallisieren", kann nicht darüber hinwegtäuschen ), als er die Frau nun als phallische Frau in der phallisch strukturierten Gesellschaft substituiert. Einer der ältesten Fetische dieser Art ist das patriachale Blild der vollbrüstigen, gebärenden Mutter, ein Sexidol nicht nur patriachaler Gesellschaften, sondern auch überall dort, wo das weibliche Geschlecht auf Fruchtbarkeit reduziert wird.

Horst Kurnitzky in "Triebstruktur des Geldes", Berlin 1974

Neue Seiten im Kontext

Dienstag, 14. Mrz 2006

Das Kapital wird derzeit als Kompendium der Kulturkritik aufbereitet.

Anhand der wichtigsten Textstellen wird der Argumentationsstrang von Marx dargelegt und kommentiert. Momentan geht das Kompendium bis zur Geldform und wird Ende der Woche mit dem Warenfetischismus fertig sein.

Donnerstag, 7. Februar 2002

Das war mal der Anfang einer Sammlung. Sollte eine Gegenüberstellung dessen sein, was eine abstrak- und eine konkret- vermittelte Kultur ausmacht. Es gibt so was ähnliches (aber ausführlich) von Maturana in Liebe und Spiel (im Essay Matristische und patriarchale Konversationen)

Samstag, 14. Juli 2001

Text von Wolf Göhring.

Ich will nicht gleich ins Allgemeine einsteigen und dort versacken, sondern erstmal über einer Tasse Kaffee etwas praktisches bereden, nämlich wie man eigentlich zu Kaffee kommt. Danach ist Gelegenheit, entlang dieser Praxis zwei wesentliche Züge unserer Zeit zu behandeln, nicht ohne Nachhilfe bei Marx zu nehmen. Das eine ist die Produktion der Güter als Waren, die erst nach einem Tausch brauchbar werden. Das andere ist, daß alle versuchen, den Tausch "irgendwie" so in den Griff zu bekommen, daß man hinterher nicht der Gelackmeierte ist.