Die Dartington-Hall-Schule

Version 9, 88.72.241.161 am 2.2.2007 09:05

Die Dartington-Hall-Schule

Die Geschichte der Dartington-Hall-Schule beginnt mit dem Jahr 1926, als sie in einer Atmosphäre von abenteuerlichem Idealismus gegründet wurde, und geht bis zum Jahr 1987, als sie mit Gefühlen von Bitterkeit und Enttäuschung geschlossen wurde. Weder die Kinder noch die Lehrer waren über die Schule enttäuscht, sondern die Treuhänder; und Kinder und Lehrer waren von den Treuhändern enttäuscht. (Genaugenommen wurde die Schule von einem Schulbeirat geleitet, und das Gelände der Dartington-Hall-Schule wurde von den Treuhändern verwaltet. In der Praxis hatten die Treuhänder jedoch die endgültige Entscheidungsbefugnis über die Schule und das Gelände.)

Die folgende Geschichte illustriert, daß verschiedene Gruppen sehr unterschiedliche Wahrnehmungen von einer Schule haben können. Was für die Lehrer die wichtigsten Aspekte an einer Schule sein mögen, ist für die Kinder unter Umständen ziemlich unbedeutend. Was den Kindern am Herzen liegt, ist unter Umständen für den Schulbeirat nicht von Bedeutung. Die Ansichten des Schulbeirats unterschieden sich grundlegend von den Ansichten der lokalen Presse oder der breiteren Öffentlichkeit.

Ich selbst war in den Jahren von 1959 bis 1961 und dann von 1963 bis zur Schließung 1987 dort als Lehrer tätig, was nur von einem kurzen Pensionierungsversuch im Jahre 1986 unterbrochen wurde. Meine erste Frau war von 1947 bis 1960 dort Schülerin, meine zweite Frau war dort Lehrerin, und alle meine vier Kinder waren ab dem dritten Lebensjahr dort, so daß ich die Schule aus vielen verschiedenen Blickwinkeln kennengelernt habe, aus erster wie aus zweiter Hand. Michael Young hat die Schule in seinem Buch The Elmhirsts of Dartington wieder aus einem anderen Blickwinkel beschrieben. Was mir an dem Buch beim zweiten Lesen am meisten aufgefallen ist, war die Art und Weise, wie sich seine Einstellung gegenüber der Schule in der Zeit, nachdem er selbst dort Schüler gewesen war, und seinen späteren Jahren als Treuhänder der Dartington-Hall-Stiftung und Beirat der Schule verändert hatte.

Seine Zeit als Schüler beschreibt er mit leidenschaftlicher Aufrichtigkeit und hebt die Diskrepanz zwischen den Erwartungen idealistischer Erwachsener und der Realität, so wie er sie erlebt hat, hervor. Im folgenden Zitat widerspricht er Bertrand Russell:

: Bertrand Russell zufolge "wird der Mensch, der Achtung besitzt, es nicht : als seine Pflicht ansehen, junge Menschen zu ,formen’. Er fühlt in allem, : was lebt, und insbesondere in Kindern, etwas Heiliges, Undefinierbares, : Unbegrenztes, etwas Individuelles und seltsam Kostbares, das wachsende : Prinzip des Lebens, ein Fleisch gewordenes Fragment des stummen Strebens : der Welt." Ich habe das nie so empfunden. Ich habe niemals stumm : gestrebt. Ich habe lärmend nach meinem Abendessen gestrebt, insbesondere : dann, wenn ich genug Eier auf dem Markt verkauft hatte, um mir : nicht nur Chips, sondern auch Fisch leisten zu können. That’s all, Folks

Und hier widerspricht er Curry, dem ersten Direktor, indem er aus seinem Buch The School zitiert:

: Es ist "wünschenswert für Jungen und Mädchen, daß sie einander sozusagen : als Teil der täglichen Arbeit ganz oder teilweise unbekleidet sehen.” : Und zwar deshalb, weil "Nacktheit nach den ersten Malen das sexuelle : Interesse schwinden statt zunehmen läßt.” Ich und andere empfinden das : nicht so. The Elmhirsts of Dartington

Später, als er über die siebziger Jahre schreibt, zitiert er den damaligen Direktor Royston Lambert, anscheinend ohne sich zu erinnern, daß ein Direktor über das, was in seiner Schule vor sich geht, nicht immer so genau informiert ist. Insbesondere war sich Royston Lambert der Gefühle seiner Mitmenschen nicht immer bewußt, und er schien auch die tatsächliche praktische Wirkung seiner Innovationen, deren Wert er manchmal unterschätzte, nicht zu verstehen. In seinem Buch kann ihn Michael Young nur anhand seiner eigenen Maßstäbe bewerten.

Das macht mir bewußt, daß ich extrem vorsichtig in meinen Äußerungen sein muß, denn ich hatte ebenfalls eine besondere Beziehung zu der Schule. Ich habe nicht nur die meiste Zeit meines Lehrerdaseins in Dartington zugebracht, sondern ich habe es auch sehr geliebt. Es war die Schule, die mir die Möglichkeit einer aufrichtigen Beziehung zwischen Lehrern und Kindern aufgezeigt hat. Es war die erste Schule, die ich kennengelernt habe, in der es keine Notwendigkeit für die irrationale Autorität gab, die ich, als ich an anderen Schulen unterrichtete, so schwer annehmen konnte. Dort konnte ich mit Kindern auf derselben Stufe sein, dort respektierten mich die Kinder wegen meiner selbst und nicht aufgrund meiner Position. Es war die erste Schule, die ich kennengelernt habe, in der ich intuitiv auf die Vernunft, das Einfühlungsvermögen und den Altruismus der Kinder reagieren konnte, anstatt zu versuchen, unnötig viele Regeln durchzusetzen.

Jenifer Smith, eine Lehrerin, die später im Countesthorpe-College tätig war, (vergleiche Kapitel sieben) hat ihre Reaktionen auf Dartington in ihrer Doktorarbeit An Exploration of Teaching in Action festgehalten. Sie ähnelten den meinigen.

: Ich habe zwei Jahre lang in der Aller-Park-Schule, der Mittelschule der : Dartington-Hall-Schule, unterrichtet.

: In Dartington habe ich eine andere Art des Zusammenseins mit Kindern : erlernt. Dort war es anders als in den meisten Schulen, die ich kennengelernt : hatte, und anders als mit vielen Eltern und Kindern, die ich : kannte.

: In Dartington konnten viele Redewendungen mit denen bestimmte : Lehrweisen oder Formen des Zusammenseins mit Kindern gewöhnlich : beschrieben werden, in der Praxis erfahren werden, und es wurden keine : Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die lediglich vorgaben, die oben : erwähnte Beschreibung zu erfüllen. Es scheint leicht, diese Worte zu : benutzen, zu fordern, wie man sich Kindern gegenüber verhalten soll, aber : es ist nicht leicht, tatsächlich umzusetzen, was diese Einstellungen beinhalten.

: Wir können von Respekt für das Kind sprechen oder von dem : Potential des Individuums, von der Bedeutung der Erfahrung des Kindes, : von dem Kind im Zentrum seines Lernprozesses und im gleichen Atemzug : all das verleugnen, wenn wir von unserer überlegenen Position als : Erwachsene aus zu dem unerfahrenen Kind sprechen.

: In Dartington schienen Erwachsene nicht eine solch überlegene Position : gegenüber Kindern oder auch untereinander aufrechterhalten zu : müssen. Noch haben sie sich auf irgendeine Art von Kameradschaftlichkeit : oder auf Verhaltensweisen eingelassen, bei denen sie sich selbst verleugneten, : und die eigentlich eine herablassende Haltung Kindern gegenüber : zum Ausdruck bringen.

: Die Erwachsenen haben Kinder mit aufrichtiger Höflichkeit behandelt. : Sie haben sie wie andere Menschen behandelt.

Später beschreibt sie, was sie dort gelernt zu haben glaubt:

: Da in Dartington die oberflächlichen Gesetze abgeschafft waren, war es : mir und den Kindern erlaubt, unseren Geist auf Dinge zu richten, die : unserem Gefühl nach wichtig sind. Ich habe etwas über das Wesen von : Freiheit innerhalb der Einschränkungen einer Schule gelernt; über das, : was ich loslassen könnte, wie ich mich verhalten könnte und welches Verhalten : ich von anderen erwarten könnte, so daß die Freiheit nicht mißbraucht : würde oder sich in Chaos verwandelte.

: * Ich habe aus der Freiheit und der mit ihr einhergehenden Verantwortung gelernt, die mir im Klassenzimmer zugestanden wurden; und durch das Zusammensein mit Kindern und Erwachsenen in Dartington habe ich etwas gelernt. : * Ich habe erlebt, wie es ist, mit Kindern in friedlicher, offener Weise zusammenzusein. : * Ich habe Leichtigkeit zwischen Erwachsenen und Kindern erlebt. : * Ich habe gesehen, daß Erwachsene Kinder, die sich schrecklich benommen hatten, mit Entschlossenheit, Mitgefühl und Fairneß in einer Weise behandelt haben, die sie unterstützt und genährt hat, statt sie zu verdammen. : * Ich habe Erwachsene und Kinder erlebt, die in Unterhaltungen vertieft waren; die freudvolle Aktivitäten miteinander geteilt haben, wie Musik machen, Drachen steigen lassen, Kanu fahren, Zelten; ich habe sie bei ernsthaften Beschäftigungen miteinander erlebt, bei denen beide voneinander gelernt haben; beim Beobachten von Dachsen, beim Fotografieren mit der Lochkamera und beim Bienen züchten. : * Und ich hatte die Gelegenheit, diese Dinge selbst zu tun. : * Ich habe Erwachsene erlebt, die in den Hintergrund traten und es Kindern erlauben konnten, ihre eigenen Interessen ohne Einmischung zu verfolgen. Trotz einer fein ausgeklügelten Philosophie schienen Kinder länger Kinder sein zu dürfen. : * In Dartington haben Kinder mich und meine Annahmen in Frage gestellt, und ich mußte ihre Kritik und ihre Antworten entsprechend anerkennen. : * Ich habe festgestellt, daß die Kinder aufrichtig an dem interessiert waren, was ich zu sagen hatte, selbst wenn sie nicht immer mit mir übereinstimmten. Ich habe festgestellt, daß Kinder mich trotz unserer Unterschiedlichkeit schätzten, und ich habe mich von ihnen geachtet gefühlt.

Leonard und Dorothy Elmhirst haben das vernachlässigte Grundstück von Dartington Hall in Devon im Jahre 1925 mit der Absicht gekauft, der dort ansässigen ländlichen Dorfgemeinschaft zu neuem Schwung zu verhelfen. Sie wollten der Abwanderung in die Städte ein Ende setzen und durch experimentelle Land- und Forstwirtschaft, ländliche Industrie und die Schaffung eines Kulturzentrums dem Rest der Welt ein Beispiel geben. Und sie wollten eine Schule gründen, die von der herkömmlichen Erziehungspraxis abwich und zu einer Verbesserung der Gesellschaft führte. Leonard Elmhirst erzählte mit Vorliebe die Geschichte von dem Immobilienmakler, der mit ungewöhnlichen Anforderungen konfrontiert wurde: "Es muß guten Boden haben, denn wir wollen Landwirtschaft betreiben, und es muß Wald und Obstbäume haben, denn wir wollen Vielfalt. Und wir werden eine Schule gründen, also muß es schön sein." Es sollte jedoch nicht in erster Linie eine Schule für diejenigen sein, die auf dem Grundstück arbeiteten, sondern ein Internat mit ein paar regulären Schülern. Als die Schule im Jahre 1926 ihre Pforten öffnete, gab es sechs Internatsschüler und nur drei Tagesschüler, und diese drei waren die Kinder der Elmhirsts.

Es war eher als Großfamilie denn als Schule gedacht, und das gesamte Grundstück stand zur Verfügung, um den Lehrplan zu stellen. Kinder, die Gemüse oder Obst anpflanzen oder Bienen züchten wollten, sollten in der Gartenabteilung arbeiten, wo sie auch Landschaftsgärtnerei oder Botanik erlernen konnten. In der Werkstatt konnten sie beim Reparieren und beim Bauen helfen, in der Geflügelabteilung sollten sie alles Mögliche über Ernährung, Statistik, Buchhaltung und Handelsverkehr lernen ebenso wie über die Versorgung von Hühnern. (Michael Young hat selbst in der Geflügelabteilung gearbeitet, ohne, wie er sagt, irgend etwas über Ernährung oder Statistik gelernt zu haben – ein weiteres Beispiel für die Mißbilligung, die er als Jugendlicher den Erwartungen der Erwachsenen entgegenbrachte.)

Es sollte keine Strafen geben, keine Schüler, die Aufsicht führten, keine Uniformen, keine Geschlechtertrennung, keinen obligatorischen Religionsunterricht oder obligatorische Spiele und keine Konkurrenz. Dorothy und Leonard waren beide selbst in der Schule als Lehrer tätig, und die wenigen Erwachsenen, deren besondere Aufgabe es war, sich um die Kinder zu kümmern, wurden von Freunden oder aufgrund persönlicher Empfehlungen ausgesucht. Es sollte keinen Direktor geben, denn Leonard wollte, daß "alles recht natürlich aus unserem eigenen Leben zu Hause erwachsen sollte", wie er sagte, aber er und Dorothy waren trotzdem de facto verantwortlich. Es wurden viele Ausflüge unternommen, und häufig waren hochrangige Persönlichkeiten zu Gast. Dorothy leitete einen "Fragenclub", in dem Kinder fragen konnten, was immer sie wollten, und die Fragen, die in bezug auf Sexualität gestellt wurden, wurden genauso direkt und aufrichtig beantwortet wie alle anderen, und das in den zwanziger Jahren. Um eine zu scharfe Unterscheidung zwischen Lehrern und Schülern zu vermeiden, wurden diese als Senioren beziehungsweise Junioren bezeichnet. Michael Young faßt das folgendermaßen zusammen:

: Es gab immer mehr sogenannte Regeln vervielfachten sich, einige von : ihnen entstanden mit Zustimmung der allgemeinen Versammlung aller : Junioren und Senioren. Aber die Regeln sind nicht das, an was sich die : Leute erinnern. Nur sehr wenigen Kindern erschien Dartington im ersten : oder den darauffolgenden Jahren wie eine Schule. Neben den Projekten, : die mit dem Umbau zu tun hatten, der mit großer Geschwindigkeit voranging, : und der Verwaltung des Grundstücks muß es auch einige normale : Schulstunden gegeben haben, ohne Besuche in prähistorischen Höhlen. : Aber daran erinnert man sich nicht. Rückblickend erscheint es wie die : Großfamilie, als die Leonard es haben wollte, bestehend aus den Leuten : auf einem Grundstück und in einer Schule, wobei sich diese nicht wirklich : voneinander unterschieden. The Elmhirsts of Dartington

Im Jahre 1929 gab es dann 25 Schüler, und die Schule sah es als notwendig an, die älteren Kinder auf die Schule und die höheren Abschlüsse vorzubereiten. Michael Young sagt, daß die Schule daraufhin orthodoxer wurde, jedoch sagt er ebenfalls:

: Mir und mehreren anderen Kindern, die im September eingetroffen : waren, erschien es jedoch nicht so. Für diejenigen, die konventionelle : Schulen besucht hatten, schien der Unterschied ungeheuer groß zu sein, : besonders was das Verhalten der Erwachsenen anbelangte. Als Pauline : Church hörte, daß sie einen Halbbruder hatte, der noch ein Baby war, saß : sie praktisch zwei Tage lang auf Vics Schoß, bevor sie sich zu erholen : begann. Ernest Gruenberg machte es soviel Spaß, von Bernard und David : Leach das Töpfern zu lernen, daß er fast beschloß, damit weiterzumachen : anstatt mit der Psychologie. Dougie Hart fand die ersten Erwachsenen in : seinem Leben, die ,auf seiner Seite’ waren. Was mich angeht, so sind die : entsetzlichen Gefühle, die ich vorher hatte, verschwunden, weil ich glücklich : war. Die Erwachsenen haben vielleicht unter Zweifeln und Sorgen : gelitten. Uns erschien es so, als ob jene kleine Welt, die Dorothy und Leonard : da geschaffen hatten, nicht weit von einem Kinderparadies entfernt : war. --The Elmhirsts of Dartington

Michael Young gibt die offizielle Sicht dessen, was sich abspielte, wieder und schreibt: "So erschien es mir jedoch nicht." Der wichtigste Aspekt einer jeden Schule ist jedoch nicht das, was die Lehrer oder der Direktor oder der Schulbeirat denken. Es ist das, was die Kinder denken.

Im Jahre 1931 war die Schülerzahl auf mehr als 50 angestiegen, und W. B. Curry wurde zum Direktor der Schule ernannt. Er erhielt großzügige finanzielle Unterstützung. Curry beschrieb die Situation folgendermaßen:

Nach den ersten Jahren wurde es als angebracht angesehen, die eigentliche Organisation des Geländes und der Schule so zu trennen, daß beide Bereiche in administrativer Hinsicht autonom wären, aber auch Kooperation möglich wäre, um so gegenseitige Interessen wahren zu können. Da sowohl die Schule als auch das Gelände einen Zustand erreicht haben, wo eine Garantie für ihren Fortbestand und ihre Kontinuität wünschenswert wäre, sind sie jetzt als Treuhandeigentum registriert worden und werden bei den Verantwortlichen des Wohlfahrtsvereins als solche aufgeführt. Im Treuhandvertrag verpflichten sich die Gründer, auf eigene Kosten alle notwendigen Gebäude und Materialien für die Schule zur Verfügung zu stellen, und weiterhin dauerhaft ein jährliches Einkommen bereitzustellen, das auf eine Höhe festgelegt worden ist, die ausreicht, um die Aufrechterhaltung hoher Standards bei Lehrern und Materialien zu gewährleisten.

Das macht die Schule einzigartig, da es wahrscheinlich das erste Mal in England ist, daß eine Schule, die erklärtermaßen liberal und progressiv in ihren Ansichten ist, in einem Maße mit Stiftungsgeldern ausgestattet worden ist, die denjenigen der besten traditionellen Schulen entsprechen. The Modern Schools Handbook 1934

Diese finanzielle Unterstützung wurde im Laufe der Geschichte der Schule allmählich ausgehöhlt, teilweise durch die Inflation, teilweise durch notwendige Sparmaßnahmen während des Krieges, und in den letzten Jahren, nach dem Tod der Elmhirsts, teilweise auch durch eine scheinbar beabsichtigte Politik von seiten der Treuhänder, die begonnen hatten, die Schule als teures Ärgernis anzusehen. Einige von ihnen hatten zumindest das Gefühl, daß sie einerseits nicht länger zu Erziehungsexperimenten beitrüge und andererseits nicht in der Lage sei, mit modernen Jugendlichen fertig zu werden, die Disziplin benötigten, um die Verderbtheit, die ihrer Meinung nach durch die freizügige Einstellung gegenüber Sexualität und Drogen entstand, zu vermeiden. Curry blieb bis 1957 Direktor. Er war eine charismatische Figur, und unter seiner Leitung erlangte die Schule ihre große Reife. Die Verbindungen zum Staat verkümmerten; von einem pädagogischen Standpunkt aus gesehen deshalb, weil Praktiker nicht unbedingt fachlich qualifizierte Lehrer sind, und von einem kommerziellen Standpunkt aus gesehen, weil Männer, die versuchten, Möbel zu verkaufen, es haßten, mit einer Schule in Verbindung gebracht zu werden, die vor allem dafür bekannt war, daß sie Nacktbaden erlaubte. Die Schule verteilte sich schließlich auf drei Orte, die alle in einem Umkreis von 1,5 Kilometern lagen – einen kleinen Kindergarten, die Grundund Mittelschule für Kinder bis zum Alter von dreizehn Jahren und eine weiterführende Schule. Die Selbstverwaltung weitete sich aus und durchlief verschiedene Phasen. Schließlich wuchs ein relativ stabiles System mit einem gewählten Rat in der Grund- und Mittelschule heran, der begrenzten Einfluß hatte, jedoch in der Lage war, Empfehlungen jeglicher Art auszusprechen. In der weiterführenden Schule gab es ein zweistufiges System, das theoretisch Einfluß in allen Angelegenheiten hatte, mit Ausnahme der Regeln zur Sicherheit und zur Erhaltung der Gesundheit. Wichtige Entscheidungen wurden von der sogenannten "Volksversammlung" getroffen, einer offenen Versammlung, bei der alle teilnehmenden Schüler und Lehrer gleiches Stimmrecht hatten, und einem gewählten Tagesordnungsausschuß, der weniger wichtige Angelegenheiten regelte und entschied, welche Angelegenheiten vor die "Volksversammlung" gebracht werden sollten. Seit Curry dort Direktor war, legte Dartington Wert auf akademische Leistungen und war stolz auf die Anzahl der Schüler, die später ein Universitätsstudium aufnahmen. Das steht in krassem Gegensatz zu den meisten Schulen in diesem Buch. Currys Interesse galt nicht bestimmten Lehrstilen; sie mußten nur effektiv sein. – Er hatte das Gefühl, daß automatisch die richtige Atmosphäre im Klassenzimmer entstehen würde, wenn die soziale Atmosphäre stimmte.

Es wurden sowenig Regeln wie möglich aufgestellt, und es gab kein Bestrafungssystem. Wenn man sich in einer Unterrichtsstunde schlecht benahm, dann konnte man ausgeschlossen werden, aber nichts weiter. Wenn man etwas zerbrach, dann mußte man es vielleicht reparieren oder für die Reparatur bezahlen. Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern beruhte auf Gleichberechtigung.

Internatsschüler hatten ihre eigenen Räume, und Jungen und Mädchen lebten auf dem gleichen Flur und teilten dieselben Bäder und Duschen miteinander. Außenseiter, die erwarteten, daß das zu sexueller Aktivität führen würde, irrten sich. Maurice Punchs Buch Progressive Retreat beruht auf Untersuchungen von zwei Gruppen ehemaliger Schüler, wovon eine in den dreißiger Jahren und die andere in den fünfziger Jahren die Schule besuchten. Die folgenden Kommentare veranschaulichen zwei Einstellungen, die meiner Meinung nach unter den Schülern üblich waren. (Punch hat keine Namen verwendet, und die umständlichen Beschreibungen "Frau aus den dreißiger Jahren" etc. sind auf diese Tatsache zurückzuführen.) Die Jungen bestellten Kondome per Post. Die meisten blieben unten auf dem Hof zurück, mit Wasser gefüllt. Das war ein toller Spaß. Eigentlich war das für uns eine ziemlich ernste Sache in Dartington, aber mein Mann würde das nie verstehen; es ist schwer für euch alle, die ihr nicht dort gewesen seid, das zu verstehen. Da gab es dieses ungeheure Gefühl von Achtung vor dieser Art von Dingen; aber wir waren auch irgendwie Romantiker. Ich kann mich erinnern, daß ich mit 15 endlos darüber gesprochen habe, daß man nicht mit jemandem ins Bett geht, es sei denn, man ist wirklich verliebt, und um wirklich verliebt in jemanden zu sein, mußte man miteinander reden können und sich in allem verstehen. Frau aus den dreißiger Jahren in Progressive Retreat Interviewer: War es schwierig, mit Jungen aufzuwachsen und gleichzeitig sehr romantische Gefühle ihnen gegenüber zu entwickeln? Frau aus den fünfziger Jahren: Man konnte das nicht wirklich, nicht wirklich. Wenn man sie im Schwimmbad gesehen hatte, und als sie gewogen und gemessen wurden, und man ihre Socken gewaschen hat und solche Dinge, die man gelegentlich getan hat, dann konnte man ihnen gegenüber nicht besonders romantisch sein. Progressive Retreat Während der gesamten Zeit, in der ich als Lehrer an der Schule tätig war, gab es, glaube ich, fünf Schwangerschaften unter den Schülerinnen, aber diese Zahl ist viel niedriger, als sie bei vergleichbaren Schülergruppen ist, die zu Hause leben. Es gab eine allgemeine Offenheit zwischen Jungen und Mädchen in bezug auf das Thema "Beziehung”, die dienigen, die das mißbilligten, bedrohlich fanden. Diejenigen ohne Vorurteile fanden es beruhigend. Im Jahre 1957 wurde Currys Position von Hu und Lois Child übernommen. Als Curry 1931 in die Schule gekommen war, waren die Kinder empört über das Verbot von Kraftfahrzeugen und Waffen; im Jahre 1957 waren sie empört darüber, daß das Nacktbaden auf die Zeit vor dem Frühstück eingeschränkt wurde. Unter den Childs bekam die akademische Seite der Schule eine stärkere Betonung – der Stundenplan der Mittelschule wurde zum Beispiel bis in den Nachmittag ausgedehnt; mit Französisch wurde im Alter von zehn Jahren anstatt mit dreizehn begonnen (was, wie sich herausstellte, keinen Unterschied für die Examensergebnisse mit sechzehn machte). Abends wurde eine Ruhestunde eingeführt, in der alle auf ihren Zimmern bleiben sollten, um zu lesen, zu arbeiten oder zu schlafen. Trotz dieses Respektes für das akademische Lernen hatten viele Kinder viel Zeit für sich selbst; als ich dort ankam, gab es einen Jungen, der nur zwei Unterrichtsstunden pro Woche hatte. Die Schule wuchs, und es entstanden neue Gebäude. Es herrschte ein Gefühl von Stabilität und Vertrauen.

Stabilität und Vertrauen waren jedoch nicht das, was die Treuhänder wollten. Im Jahre 1969, als die Schule 293 Kinder und 150 Interessenten in ihrer Kartei hatte, ernannten sie Royston Lambert, der sich zum ersten Nicht- Direktor einer Antischule erklärte. In vier Jahren regte er eine Reihe von Experimenten an, die viel Aufregung verursachten und für viele Kinder von großem Wert waren, jedoch das Geflecht der Schule auseinanderrissen und eines nach dem anderen aufgegeben werden mußten. Er brachte die Abiturienten in einem separaten Internatszentrum unter, wo sie Autos haben durfte, ihre eigene Bar hatten und kaum überwacht wurden. Der Rest der Oberstufe erschien sozusagen ,führungslos’, und da die Abiturienten an Wochenenden mit ihren Autos wegfuhren, verlor die Schule ihren sozialen Zusammenhalt, und plötzlich fuhr jeder in den Ferien in der Mitte des Tertials nach Hause, anstatt in der Schule zu bleiben, weil es dort aufregender war. Er stellte Verbindungen zur Northcliffe-Schule her, einer weiterführenden Schule in einer Bergbaugemeinde in Yorkshire, und hieraus ergaben sich viele wertvolle Impulse; der Austausch mußte jedoch aus Geldmangel aufgegeben werden. Er baute einen neuen Kindergarten, der mit der städtischen Schulbehörde geteilt werden mußte. Private Geldgeber lehnten ab, weil Eltern ihre Kinder ohne Beitrag zu bezahlen dorthin schicken konnten. Die Einrichtung wurde zu einem staatlichen Kindergarten, der wertvoll, aber nicht besonders einzigartig war. Der Direktor erstickte in Verwaltungsarbeit, und die Grundschule verlor eine stete Quelle an neuen Schülern. Er organisierte jedes Jahr für eine Gruppe von Schulabgängern einen sechsmonatigen Sizilienaufenthalt. Dort konnten sie als Bauern unter Bauern leben. Die Erfahrung war überwältigend, aber das Experiment überlebte nur ein paar Jahre. Unter der gemeinsamen Leitung der Childs hatten die Schüler viele eigene Bands gehabt, eine eigene Zeitschrift, eigene Spiele und eine eigene Rundfunkstation auf dem Gelände. Unter Royston Lambert wurde sehr viel von Erwachsenen organisiert; sehr viele Schüler waren an Wochenenden nicht da, und es gab so viele Projektwochen, die alles andere unterbrachen, so daß die Initiative der Schüler dahinschwand. Viele Änderungen wurden ohne Befragung der "Volksversammlung" eingeführt, und das System der Selbstverwaltung geriet ebenfalls in Mitleidenschaft. Mit den Treuhändern kam es zu Mißverständnissen hinsichtlich der Finanzen, und es wurde wesentlich mehr Geld für neue Gebäude ausgegeben, als von ihnen beabsichtigt worden war. Als Folge davon schossen die Schulgebühren in die Höhe. Nach vier Jahren, fünf waren in seinem ursprünglichen Vertrag vereinbart worden, kündigte Royston Lambert an, daß er die Veränderungen eingeführt habe, die er habe einführen wollen, und daß er seinen Verpflichtungen jetzt nur noch eine Woche im Monat nachkommen könne. Das führte zu seiner Entlassung, und es oblag John Wightwick, dem Englischlehrer und Vizedirektor, die Leitung zu übernehmen und zu versuchen, einen Teil dessen, was verlorengegangen war, wieder zum Leben zu erwecken.

England war zu dieser Zeit von einer nationalen Rezession betroffen, was zur Folge hatte, daß das Schulgeld weiter erhöht werden mußte und die Schülerzahlen schwanden. Die Punk-Welle beeinflußte selbst einige Kinder in Dartington. Die Moral nahm ab, und dies war die Zeit, als meine eigenen Kinder die Oberstufe durchliefen, und weder sie noch ich hätten sich gewünscht, daß sie irgendwo anders gewesen wären. Damals war ich Direktor der Grund- und Mittelschule, und außer daß ich mir Sorgen um sinkende Schülerzahlen machte, war ich sehr glücklich. Die Katastrophe, die folgte, werde ich erst am Ende des Kapitels schildern, denn Sie müssen noch mehr über das Wunder der Schule in ihren besten Zeiten erfahren, um zu verstehen, warum ihr Ende eine Tragödie darstellt. Dafür ist es notwendig, denen zuzuhören, die tatsächlich Schüler an der Schule waren. Die Schülerkommentare, die ich zitieren werde, stammen aus Progressive Retreat und That’s all, Folks, der Sammlung von Erinnerungen und Reflexionen, die im Jahre 1986 produziert wurde, nachdem die Schließung der Schule angekündigt worden war.

Maurice Punch hat sein Buch auf seinen Interviews aufgebaut, aber er hatte sich bereits eine feste Meinung über die Schule gebildet, bevor er mit seinen Nachforschungen begann. Er meinte nämlich, daß sie auf der einen Seite ein Rückzugsort für die verwöhnten Kinder reicher Liberaler sei, die wünschten, daß ihre Nachkommen vor dem Kontakt mit der verdorbenen Außenwelt beschützt würden, und auf der anderen Seite ein letztes Refugium für verhaltensgestörte Jugendliche, deren wohlhabende Eltern lange konventionelle Erziehungsmethoden ausprobiert, aber schließlich jegliche Hoffnung aufgegeben hatten, daß dabei irgend etwas herauskommen würde. Den Kindern wurden, so glaubte er, Freiheiten zugestanden, die es für sie schwierig machten, sich an die Einschränkungen des gewöhnlichen Lebens anzupassen, nachdem sie die Schule einmal verlassen hatten. Er schien die andere Seite seiner vorgefaßten Meinungen nicht zu sehen. Er schien weder zu erkennen, daß sich die ideale Schule notwendigerweise von der Konvention absetzen mußte, noch daß die Rettung verhaltensgestörter Kinder, auch wenn sie reiche Eltern haben, eine lohnende Aufgabe ist. Auch sah er nicht, daß es dem normalen Leben nach der Schule vielleicht so an menschlichen Werten mangelt, daß es eine unmoralische Tat ist, Kinder darauf vorzubereiten, dort erfolgreich zu sein. Ebensowenig verstand er, daß es wichtig ist, daß Lehrer und Schüler eine angemessene Beziehung zueinander haben, selbst wenn der Staat sie nicht dafür bezahlt.

Er fand Beweise, die all seine vorgefaßten Meinungen stützten. Sein Ansatz kann durch seinen Abschnitt über Curry verdeutlicht werden. Er sagt, daß von den Antworten auf seine Fragen "einige an Heiligenverehrung grenzten, viele schmeichelnd, andere skeptisch und einige wenige verurteilend waren". Dann zitiert er fünfzehn Auszüge, von denen acht negativ sind, fünf neutral und nur zwei positiv. Dennoch ist es möglich, selbst in Maurice Punchs Buch etwas von dem Wunder der Schule zu finden.

Eines Tages sagte Reg (ein Mitglied des Lehrerkollegiums): "Das ist absolut daneben. Laßt uns alle die Rollen tauschen." Also tauschten wir alle ganze vierundzwanzig Stunden lang die Rollen. Die Lehrer wurden die Kinder, und die Kinder wurden die Lehrer. Für ein Kind war das, wenn man jetzt zurückschaut, wunderbar. Es war lebensrettend. Um zehn Uhr abends sagte Frank ein Mitglied des Lehrerkollegiums plötzlich: "Laßt uns alle nach Goodrington fahren und ein Picknick am Strand machen." Und wir sprangen alle in diese alten Autos und in einen alten Bus und haben dann am Strand von Goodrington ein riesiges Feuer gemacht und bei Mondlicht gebadet.

Aufgezeichnetes Interview

Meinen ersten Eindruck bekam ich, als ich die Dartington-Schüler im Zug nach Paddington traf, und mir fiel die außergewöhnlich offene Freundlichkeit der Kinder auf. Die Art und Weise, wie sie auf mich zukamen, um mich zu begrüßen, so daß die Reserviertheit, das Mißtrauen und die verborgene Egozentrik, die so charakteristisch für die Prep. School*

Mann aus den dreißiger Jahren, Manuskript

Ich bin in Fragen "Für oder gegen Curry” kein sehr nützliches Barometer, weil ich ihm in emotionaler und praktischer Hinsicht so viel verdanke. Seltsamerweise war er kein besonders guter Lehrer, aber er hatte eine große persönliche Ausstrahlung. Als geschlagenes Kind hat er mir den Eindruck vermittelt, daß er ein sehr tiefes Interesse an mir und meinen Problemen hatte. Ich hatte das Gefühl, daß er sich total um meine Probleme kümmerte. Frau aus den fünfziger Jahren, Pilotinterview Es war ein idealer Platz für jemanden, der arbeiten wollte und wußte, was er tun wollte; und gleichzeitig war der Unterricht absoluter Spitzenstandard. Als ich in der letzten Klasse der Oberstufe war, lebten wir in einem Trakt mit dem Namen "Old Postern”. Es gab keine festen Schlafenszeiten, und man konnte eigenständig arbeiten. Es war ein wenig wie eine Universität. Es war sogar viel lebendiger als meine Universität. In Dartington ging es

Neue Seiten im Kontext

Donnerstag, 28. Mrz 2002

Ein Buch über AlternativeSchulen von David Gribble

Zwei Jahre lang bereiste David Gribble in der ganzen Welt Schulen mit alternativem Ansätzen – Schulen, bei denen der Respekt vor jedem einzelnen Kind im Mittelpunkt steht. Das Ergebnis seiner Reise ist dies außerordentlich ermutigende und inspirierende Buch.