Am Anfang war Erziehung

Version 32, 84.56.140.91 am 25.4.2010 08:13

von Alice Miller:

suhrkamp tb Frankfurt (Main) 1980 ISBN 3-518-37451-6 322 S.

"Das Bewußtsein der Öffentlichkeit indessen ist noch weit von der Erkenntnis entfernt, daß das, was dem Kind in den ersten Lebensjahren angetan wird, unweigerlich auf die ganze Gesellschaft zurückschlägt, daß Psychosen, Drogensucht, Kriminalität ein verschlüsselter Ausdruck der frühesten Erfahrungen sind. Diese Erkenntnis wird meistens bestritten oder nur intellektuell zugelassen, während die Praxis (die politische, juristische oder psychiatrische) noch stark von mittelalterlichen, an Projektionen des Bösen reichen Vorstellungen beherrscht bleibt, weil der Intellekt die emotionalen Bereich nicht erreicht."

im Volltext in engl. - http://www.nospank.net/fyog.htm


Diskussion

Heute möchte ich über eine Thematik schreiben, die mir sehr am Herzen liegt: Mißhandlung von Kindern und ihre Folgen. Ich verbinde dies mit einem Buch, welches einen großen Einfluß auf mich ausgeübt hat. Es geht um ein Werk der Autorin Alice Miller mit dem Titel "Anfang war Erziehung". Es ist kein leichtes Sujet, zu dem ich mich hier äußern möchte, aber ich nehme die Herausforderung an, auch, weil ich meine eigenen Erfahrungen interessierten Lesern nicht vorenthalten möchte.

Vor ungefähr viereinhalb Jahren habe ich u.a. im Zuge einer Psychotherapie begonnen, den Weg zu mir selbst zu beschreiten. Ein nicht immer einfaches Unterfangen, denn solch eine Reise führt zunächst immer erst einmal durch die dunkle Seiten des eigenen Selbst, die es zu erlösen gilt. Damit meine ich die tiefe und kritische Auseinandersetzung mit einschneidenden negativen Erlebnissen und Prägungen aus meiner eigenen Kindheit. Die Kindheit eines Menschen bildet den Schlüssel zu seinem Leben als Erwachsener. Konditionierungen und negative Beeinflussung, entstanden aus "Erziehung" durch Eltern und Pädagogen, hinterlassen tiefe Spuren in der Psyche des Kindes und können später - sofern man sie erkennt - nur unter großen Schmerzen wieder außer Kraft gesetzt und transformiert werden. Ich schreibe dies aus eigener Erfahrung, möchte aber auch darauf hinweisen, daß jene größtenteils psychischen Schmerzen, die eine Erkenntnis und Aufarbeitung der verdrängten Erlebnisse und falschen Programmierungen mit sich bringt, notwendig sind, d.h., zunächst vom Betroffenen in ihrer Intensität gefühlt werden müssen, um anschließend eine Verarbeitung zu erfahren. Sehr geholfen haben mir bei meinem Prozeß die Bücher Alice Millers, einer Frau, die meines Erachtens mit ihren Werken einen erheblichen Anteil dazu beigetragen hat, die Folgen schädlicher Erziehungsmethoden und deren Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen sichtbar zu machen.

Zunächst kurz zur Autorin selbst: Die Schweizerin Alice Miller, Jahrgang 1927, widmete sich viele Jahre ihrer Arbeit als Psychoanalytikerin. Bereits in dieser Zeit begann sie, sich mit dem Zusammenhang zwischen frühkindlicher Prägung durch drastische, autoritäre Erziehungsmethoden und/ oder durch traumatische Erlebnisse wie Mißbrauch, Prügel etc. und deren Nachwirkungen auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt auch im Zuge ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk Siegmund Freuds entstanden dabei Werke wie "Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst" (Suhrkamp, 1979), "Du sollst nicht merken" (Suhrkamp, 1981) oder eben das von mir im folgenden besprochene Buch. 1980 schloß Miller ihre Praxis, um sich ganz der Erforschung der Kindheit zu widmen. Mit Hilfe einer selbst absolvierten Therapie bei dem Schweizer Primärtherapeuten J. Konrad Stettbacher gelangte sie zu der Erkenntnis, daß sich die Methodik der Psychoanalyse nur sehr bedingt eignet, erlittene negative Prägungen aufzuarbeiten bzw. dies zuweilen sogar verhindert. Aus diesem Grund trat sie 1988 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus.

"Am Anfang war Erziehung", mit dieser bezeichnenden Formulierung betitelt Miller ihr 1980 entstandenes Buch, welches im Suhrkamp-Verlag mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt. (Taschenbuch, 19,90 DM)

Miller fragt: Was geschieht mit einem Kind, das in seinen ersten Lebensjahren nur mit Mißhandlung, Unterdrückung und gar Mißbrauch konfrontiert wird, das jedoch keine Möglichkeit hat, sich einer helfenden Person mitzuteilen, dem sogar jegliches Aufbegehren gegen die ihn "erziehenden" Erwachsenen unter Androhung strengster Strafen verboten wird? Nicht selten brechen sich die nicht ausgelebten Emotionen im Erwachsenenalter Bahn, um ausgelebt zu werden. Oftmals werden somit aus ehemaligen Opfern selbst Täter. Das Drama, welches in frühen Jahren erfahren wurde, wird somit unbewußt wiederholt, verschlüsselt in der Sprache selbstzerstörerischen Verhaltens oder von psychischer bzw. physischer Gewalt an Schwächeren, zu denen dann entweder die eigene Person oder in erster Linie die eigenen Kinder zählen. In den schlimmsten Fällen, so zeigt die Geschichte, müssen ganze Völker der persönlichen Tragödie eines ehemals Mißhandelten Rechnung tragen. Denn: ""Falls wir keine Möglichkeit hatten, die uns in der eigenen Kindheit erwiesene Verachtung bewußt zu erleben und zu verarbeiten, geben wir sie weiter." (A. Miller, Am Anfang war Erziehung, S. 17) Alice Miller verdeutlicht dies in ihrem Buch zum einen durch eine Analyse der Pädagogik vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte, zum anderen durch die Darstellung der Kindheit der Drogensüchtigen Christiane F., des politischen Führers Adolf Hitler und des Kindesmörders Jürgen Bartsch.

Im ersten Teil ihres Buches untersucht Miller die Erziehungsmethoden, mit denen z.T. noch unsere Eltern, vor allem aber unsere Groß und Ugroßeltern aufwuchsen. Die Schriften der sogenannten "Schwarzen Pädagogik", zusammengefaßt in dem gleichnamigen Buch von Katharina Rutschky (Ullstein, 1977; neue Auflage erschien 1997) liefern ihr hierfür eine ergiebige Quelle, in der sie die Bestätigung der Erkenntnisse fand, zu denen sie im Verlauf ihrer Arbeit als Analytikerin gelangte. In den von Miller zitierten Abschnitten diverser Erziehungsschriften werden Methoden beschrieben, mit denen das Kind bereits im frühesten Alter gezähmt und nach den Vorstellungen der Erziehungsberechtigten zurechtgebogen werden sollte. Es ging sowohl den Verfassern dieser Schriften als auch den Eltern, welche die beschriebenen Richtlinien befolgten, immer auch darum, das zu erziehende Kind am MERKEN zu hindern, denn auch sie durften als Kinder nicht erkennen, in welchem Ausmaß sie für die Vorstellungen ihrer Erzieher geopfert wurden. Miller entwickelt auf der Grundlage iherer Auseinandersetzung mit diesen Schriften die These, daß die in der "Schwarzen Pädagogik" verankerten Erziehungsrichtlinien die Hauptursache dafür bilden, daß die in höchstem Maße vernichtende Propaganda, verbunden mit dem Funktionieren einer schrecklichen Tötungsmaschinerie im Dritten Reich unter Adolf Hitler überhaupt erst möglich war. Denn sowohl der selbsternannte Führer als auch tausende Deutsche waren mit der "Schwarzen Pädagogik" aufgewachsen, welche zum einen das Fühlen der erlittenen Demütigungen in der Kindheit unterband und zum anderen jedoch gleichzeitig absoluten Gehorsam forderte. Wer in seinen frühen Lebensjahre nichts anderes kennenlernen durfte als eben "Zucht und Ordnung", wird sich auch als Erwachsener widerstandslos einer Führung unterordnen, dabei gleichzeitig aber die erfahrenen Zwänge unbewußt auf Schwächere bzw. auf "Feinde" projizieren.

Das Drama der Kindheit kann aber auch zu einem "Vernichtungskrieg gegen das eigene Selbst" (Miller) führen, wenn dem Kind keine schützende Instanz begegnet ist, die es vor Repressalien durch mißhandelnde Erwachsene zu schützen vermochte. Auch hier wird dem kleinen Menschen jede Kritik an der Unfehlbarkeit der es drangsalierenden Eltern, jegliches Auflehnen gegen die Demütigungen unter Androhung schlimmster Strafen untersagt. Schließlich traut das Kind weder einem Mitmenschen noch sich selbst. Der seelische Druck, unter dem es steht, verstärkt sich mit dem Einsetzen der Pubertät. Um dem Gefühlsansturm in Innern Herr zu werden und um das Fühlen des Schmerzes über das eigene Elend zu verhindern, greifen viele Jugendliche in dieser Zeit zu Drogen. Man "baut" sich quasi eine bessere Welt, in der negative Emotionen und psychische Erschütterungen keinen Platz haben sollen. Das funktioniert natürlich nur, solange der Trip ins selbstgeschaffene Paradies anhält. Verliert der konsumierte "Stoff" seine Wirkung, kommt das Erwachen in der schmerzlichen Realität, vor der es mit der neuerlichen Einnahme von Drogen wieder zu flüchten gilt. Am Beispiel von Christiane F. und ihrer Autobiographie ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", Gruner & Jahr) demonstriert Miller, wohin der Weg eines verzweifelten und hilflosen Kindes führen muß, bekommt es in den prägenden, schlimmen Jahren keinen adäquaten Beistand.

Jürgen Bartsch hingegen führt Miller als alarmierendes Beispiel dafür an, wenn sich früh erlittene Grausamkeiten nicht gegen die eigene Person, sondern in erster Linie gegen Schwächere richten. Die gepeinigte Seele des einstigen Kindes sieht mit dem Eintritt in die Pubertät nur ein Ventil: sich für erlittene Schmach an wehrlosen Opfern zu rächen, oftmals unter Zwang. Auch hier wird das erlittene Drama auf schauderliche Weise neu inszeniert, da dem einstigen Kind die Sprache verwehrt blieb. Serientäter wie Bartsch wissen oftmals sogar um die Verwerflichkeit ihres Tuns, können sich aber dem Drang nach Umsetzung ihrer grausamen Phantasien, die ihren Ursprung ebenfalls in verdrängten, abgespaltenen Emotionen haben, nicht entziehen. Der entsetzten Öffentlichkeit wird in verschlüsselter Form das Drama der eigenen Vergangenheit erzählt.

"Die Zerstörung ist die Kreativität der Hoffnungslosen und Verkrüppelten, sie ist die Rache, die das ungelebte Leben an sich selber nimmt." Erich Fromm, Psychologe und Soziologe

Ich möchte jedoch ausdrücklich darauf hinweisen, daß die Beschreibung und Deutung der Mißhandlungen in den Kinderjahren der erwähnten Personen NICHT dazu dienen soll, die späteren Greueltaten der erwachsenen Opfer zu ENTSCHULDIGEN. Die aufgeführten Fakten dienen lediglich der Erklärung, was die Ursachen der furchtbaren Aktionen von Tätern sind.

Ich bin der Meinung, daß es nicht genug Menschen geben kann, die sich ernsthaft mit dem Problem der Kindesmißhandlung und deren Folgen sowohl für das betreffende Opfer als auch für die Gesellschaft auseinandersetzen. Jedoch kann in der Pädagogik und Psychologie in den letzten Jahren erfreulicherweise bereits eine Besserung festgestellt werden. Fachleute wie Medien stehen diesem Thema weniger furchtlos gegenüber. Im Bewußtsein der Öffentlichleit hat ein Prozeß des Umdenkens eingesetzt, woran die Aufklärungsarbeit durch Menschen wie z.B. Alice Miller sicherlich einen recht großen Anteil hat. Ich persönlich wünsche mir, daß die Zahl derer weiterhin wächst, welche sich der Verantwortung, die sie Schwächeren UND auch sich selbst gegenüber haben, bewußt werden.

Ich selbst hatte das Glück, auf einfühlsame Therapeuten zu stoßen, die mir dabei halfen, die Dämonen meiner Kindheit sichtbar zu machen und es mir ermöglichten, erstmals wirklich zu FÜHLEN. Ich wäre sicherlich weder ein größenwahnsinniger Politiker noch ein Serientäter geworden, hätte aber mit großer Wahrscheinlichkeit die erlittenen Schmerzen und die nicht ausgelebten Emotionen auf meine zukünftigen Kinder übertragen; außerdem hätte sich der Druck in meinem Inneren sicherlich irgendwann mit körperlicher oder seelischer Krankheit ein Ventil verschafft. Falls überhaupt, möchte ich erst dann Kinder bekommen, wenn ich innerlich einen totalen "Hausputz" gemacht habe und somit in der Lage bin, die volle Verantwortung für mich selbst mit all meinen Handlungen und Reaktionen zu übernehmen.

"Sich mit Hilfe verschiedener Techniken von negativen Gefühlen wie Angst, Wut, Schuld, Eifersucht, Neid und vielem anderen mehr zu befreien, ist eine ausgezeichnete Vorbereitung, Kinder verantwortlich zu erziehen. Kinder können in Eltern oft unangenehme Reaktionen auslösen, falls die Ursache der Reaktion nicht erkannt und überwunden wurde. Oft lassen Eltern ihre Wut über Nichtigkeiten an ihren Kindern aus, die den Grund des übertriebenen Ausbruches meist nicht erkennen können." (Phyllis Krystal, Frei von Angst und Ablehnung. Lösung aus kollektiven Bindungen, S. 27 f.) Ich möchte diesen Beitrag mit einem Zitat von Alice Miller beenden: "Ein Mensch, der seinen Zorn als Teil von sich selbst verstehen und integrieren kann, wird nicht gewalttätig. Er hat erst das Bedürfnis, den anderen zu schlagen, wenn er seine Wut eben nicht begreifen kann, wenn er mit diesem Gefühl als kleines Kind nicht vertraut werden durfte, es nie als Stück von sich selbst erleben konnte, weil dies in seiner Umgebung völlig undenkbar war." (A. Miller, a.a.O., S. 84)

Liebe Leser dieses Beitrages, ich bitte Euch hiermit um Kommentare! Bitte spart dabei auch nicht mit Kritik und eventuellen Anregungen! Mir liegt viel an diesem Thema und ich möchte meine Informationen und Ansichten zur Diskussion stellen.

Danke im Voraus, Eure Shivani.

E-Mail: hawk73@web.de


Hier eine kleine Auswahl weiterführender Literatur:

ÜBER KINDESMISSHANDLUNG:

Alice Miller: siehe Titel oben und "Bilder einer Kindheit"(1985), "Das verbannte Wissen" (1988), "Der gemiedene Schlüssel"(1991), "Abbruch der Schweigemauer" (1990) sowie "Wege des Lebens" (1998) und "Evas Erwachen" (2001); Lloyd de Mause (Hrsg.): "Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit" (1980); Ray E. Helfer und C. Henry Kempe: "Das geschlagene Kind"(1978); Kinderschutz-Zentrum Berlin: "Kindesmißhandlung. Erkennen und helfen." ÜBER THERAPIE: J. Konrad Stettbacher: "Wenn Leiden einen Sinn haben soll. Die heilende Begegnung mit der eigenen Geschichte"(1993); Krystal, Phyllis: "Frei von Angst und Ablehnung. Lösung aus kollektiven Bindungen" (1999) Bradshaw, John: "Das Kind in uns. Wie finde ich zu mir selbst" (2000) Forward, Susan: "Vergiftete Kindheit. Vom Mißbrauch elterlicher Macht und seinen Folgen" (1993) Kreisman, Jerold J.; Straus, Hal: "Ich hasse dich, verlaß' mich nicht. Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit" (2001)


IM INTERNET:

www.againstchildporn.de

www.mehr-respekt-vor-kindern.de

www.alice-miller.com

www.pappa.com/reform/tt1.htm

www.selbstschutz-fibel.de/Kinder/Kindesmisshandlung/kindesmisshandlung.html


Kommentare:

Ein schönes Buch über die natürliche Erziehung der Kinder bei Naturvölkern und Indianern und was wir davon vergessen haben, ist: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück' von Jean Liedloff, ISBN 3 406 32078 3 , Beck'sche Reihe; - Es hat mir sehr gut gefallen und ich habe viel in der Erziehung meines Kindes umgesetzt. Liedloff bringt leider wenig Vorschläge, wie wir von ihnen lernen und es heute umsetzen können, manch einer dem es an Glauben mangelt könnte hier kritisieren, daß das purer Idealismus ist. Doch ich weiß, daß es möglich ist, da ich es tue. --FlorianKonnertz,10-29

Erziehen ist gemein --benni