Die Kunst des Dialogs

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aus Erziehung und Wissenschaft 31. Oktober 2001

Die Kunst des Dialogs

Ein System kommt mit sich selbst ins Gespräch

Unter welchen Rahmenbedingungen lernen Kinder gut, werden Schwächere wie Begabte optimal gefördert? Bei der Suche nach Antworten richtet sich der Expertenblick immer wieder nach Schweden. Schweden ist nicht das Bildungsparadies auf Erden, doch nachweislich finden sich hier ein höheres Bildungsniveau und bessere Leistungsergebnisse. Zwei Bildungsreisende, der Journalist Reinhard Kahl und die Pädagogin Anne Ratzki (siehe Seite 10), reflektieren ihre Impressionen vom schwedischen Schulsystem.

Schweden, ausgerechnet Schweden, soll die besten Schulen haben? Jedenfalls liegen die Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich vorn. Und wenn die Studien solide sind, also wenn TIMSS nichts anderes gemessen hat als PISA misst , wird sich dieses Ergebnis am 4. Dezember (s. auch Seite 19) bestätigen.

In Deutschland wundern sich fast alle über das gute schwedische Abschneiden. Konservative sind überrascht, weil sie glauben, sozialdemokratische Reformen in der Bildung seien immer und überall eine Art Appeasement Politik gegenüber den Härten echter Leistung. Ungläubig reagieren aber auch Bildungsreformer. Beim Schwedenbesuch der Hamburger Schulbehördenspitze wurden die Gastgeber immer wieder erstaunt gefragt: Wie kommen sie zu diesen Spitzenleistungen, obwohl sie keine Leistungsdifferenzierung bis zum Ende der gemeinsamen neunjährigen Schule machen und obgleich es bis zur 8.Klasse keine Noten gibt? Und erst recht treten Irritationen beim Oberstufenvergleich auf, in dem die schwedischen Schüler international Spitze sind, obgleich dort die Sekundarstufe II, das "Gymnasium", von mehr als 90 Prozent eines Jahrgangs besucht wird und mehr als 70 Prozent die Hochschulreife erwerben? Misstraut auch die Reformfraktion dem Verzicht auf Noten und Leistungsdifferenzierung? Glaubt auch sie, es handle sich dabei bloß um Tribute ans Soziale? Förderlich zwar dem Kinderglück, nicht aber von Vorteil fürs Lernen selbst? Die Deutschen scheinen sich im Zweifelsfall einig zu sein: Es kann doch gar nicht sein, dass echte Gesamtschulen auch erfolgreich sind.

Skola - Basta

Aber was heißt schon Gesamtschule? In Schweden spricht man von der Skola, der Schule. Basta. In der Statik des Systems allein wird man kaum Erklärungen für den schwedischen Erfolg finden. Aber wie erspürt man den Geist einer Institution? Aus statistischen Korrelationen, die wir nach dem 4. Dezember zu Hauff lesen werden, kausale Erklärungen abzuleiten, ist heikel und daraus unmittelbar Konsequenzen zu ziehen, ist es erst recht. Würden zum Beispiel Lehrer in Schweden besonders gut bezahlt - sie werden es nicht, sie verdienen deutlich schlechter (etwa 30 Prozent weniger!) als ihre deutschen Kollegen -, man würde nach diesem so bestechend plausiblen Argument sofort greifen und hätte den Beweis: Hohes Lehrereinkommen ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für hervorragende Schülerleistungen! Oder?

Gegenseitiger Respekt

Tatsächlich genießen Lehrer in Schweden bei nur mäßigem Einkommen hohes Ansehen. Alle Gesprächspartner im Skolverket, der nationalen Bildungsbehörde sowie Lehrer und Schüler in den Schulen betonen aber auch den Respekt der Lehrer gegenüber Schülerinnen und Schülern. Der Respekt ist gegenseitig. Vielleicht sind wir damit dem schwedischen Geheimnis schon etwas mehr auf der Spur.

Und vielleicht noch etwas mehr, wenn wir uns die Bildungsgeschichte des Landes anhören. Die deutsche Delegation hat sich im Skolverket, der nationalen Bildungsbehörde, eingefunden. Mats Ekholm, dessen Direktor, soll uns ins schwedische Schulsystem einführen. Die Deutschen hoffen, dass man ihnen erklärt, wie man’s richtig macht. Aber Ekholm enttäuscht alle Erwartung auf technisch-pädagogische Blaupausen.

!Learning history

1919, erzählt Ekholm, wurden in Reaktion auf den Krieg zum ersten Mal in Schweden Lehrpläne geschrieben. Ihr Tenor: so ein Krieg darf sich nicht wiederholen. Das war nationaler Konsens. Ein ähnlicher Impuls wiederholte sich 1948. Die Schule sollte der verlässliche Sockel einer demokratischen Gesellschaft werden. Es muss in dieser Zeit viel Aufbruch gewesen sein. Aus Mitarbeitern und Direktoren der nationalen Schulbehörde gingen in den 50er Jahren führende Politiker hervor. Die Öffentlichkeit debattierte, wie Schulen, wir würden heute sagen, nachhaltig demokratisch werden können? Die nationale Schulbehörde forderte die Gemeinden daraufhin zu Schulexperimenten auf. Nach ein paar Jahren sollten die Erfahrungen gesammelt und ausgewertet werden. Noch gab es neben der Volksschule ein aus Lateinschulen hervorgegangenes grundständiges Gymnasium, das Lerverket. Einige Jahre wurde über eine neunjährige Grundschule für alle diskutiert. Aber die alte Elite wollte ihr Gymnasium nicht aufgeben. Ende der 50er Jahre führte die Schulbehörde eine nationale Studie über Schülerintelligenz und erwartete Schulerfolge durch. Das Ergebnis: 30 Prozent der Schüler traute man das Abitur zu. Aber nur drei Prozent gingen zum Gymnasium. Das brachte nach Jahren der Schuldebatte einen Stimmungsumschwung. "Auch viele Konservative", berichtet Mats Ekholm, "empfanden das als schlechte Ökonomie." Der Widerstand gegen eine Schule für alle bröckelte. Die neunjährige Grundschule wurde 1960 als Pflichtschule eingeführt. In den Schulexperimenten der 50er Jahre hatten sich bereits die Überzeugung durchgesetzt, dass bessere Auskünfte und Rückmeldungen über Schüler denkbar sind, als die aus dem 19. Jahrhundert geerbten Instrumente der Außensteuerung, die Zensuren. Noten sollten fortan dem Verwaltungsakt am Ende der Schulzeit vorbehalten bleiben. Diese Kurzschrift der Beurteilung stehe auf dem Passierschein nach draußen. Als Lernmotiv für die Schüler seien sie ungeeignet und auch kein Medium für den Dialog zwischen Lehrern, Schülern und Eltern.

Mats Ekholm schildert die Schulgeschichte seines Landes als eine learning history. Schulen sind im kollektiven Gedächtnis der Schweden ein Gemeinschaftsfeld. Zwar gibt es über sie immer wieder Streit und Fraktionierungen, aber keine Glaubenskriege. Lernprozesse, die Produktion des Eigenen, das ist in Schweden zu erleben, machen stolz, das gilt für Individuen wie für Kollektive.

Klimafaktoren

Tag für Tag verstärkt sich während des Schwedenbesuchs der Gedanke, dass es für den Lernerfolg von Individuen und von Kollektiven mindestens so sehr auf das schwer fassbare Mentalitätsklima ankommt, wie auf die harten Ressourcenökonomie, die bisher in bildungspolitischen Debatten unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Um die Bedeutung von Klimafaktoren für Bildungsprozesse zu begreifen, bietet sich ein Begriff aus der neueren Kulturwissenschaft an: das kollektive Imaginäre. Von ihm hängt zum Beispiel ab, ob Erwachsene in der Lage sind, der nächsten Generation gegenüber für die Welt einzustehen, auch wenn sie mit ihr nicht einverstanden sind. Oder aber ob sie einen Untermieterstandpunkt vorziehen und in vielen Varianten wiederholen: "Ich war es nicht - ich bin es nicht - fragt mich nicht - es steht im Lehrplan ..." Verdirbt in den Händen solch schwacher Erwachsener nicht bereits das Wissen, das sie weiter geben wollen? Können sie denn durch ihre Person beglaubigen, was sie mitteilen wollen? Ist dieses schreckliche deutsche "Nicht-Ich", sind die Schuldzuweisungen und die Tendenz, sich zu rechtfertigen, vielleicht die eigentliche Ursache für das durchschnittliche und zum Teil sogar unterdurchschnittliche Abschneiden deutscher Schüler? Bestimmt das kollektive Imaginäre vielleicht stärker als Unterrichtsausfall, Klassengröße und finanzieller Aufwand den Lernertrag der nächsten Generation?

Power to the people

Von der deutschen Nachtmahr wieder zurück in den sonnigen Stockholmer Herbstmorgen. Wir sitzen immer noch in einem Sitzungsraum des Skolverkets. Nach den "dezentralen Impulsen in den 50er Jahren" fährt Mats Ekholm, der smarte Direktor, fort, wuchs und wuchs in den 60er und 70er Jahren die nationale Schulbehörde. Ihr Umsatz an Lehrplänen und Regelungen stieg. Obwohl die Zentrale bald mehr als 1000 Beamte ernährte, (vielleicht auch deshalb) war sie mit der Reglung des Schulsystems zunehmend überfordert. "Anfang der 70er Jahre begann man zu erkennen, dass zentrale Kontrolle der Schulen kein scharfes Instrument ist. Wir waren nicht sehr wirksam." Die schwedische Lernkurve nahm eine neue Richtung. Von 1976 an begann die Regierung Schritt für Schritt - jetzt muss man Ekholm auf Englisch zitieren - mit "power to the people, who are doing it." Wurden 1975 nur drei Prozent des nationalen Etats für Schulen an sie direkt ausgezahlt, wird seit 1990 fast das ganze Geld den Schulen zugewiesen. Zum Schulbudget gehören auch Lehrergehälter, Mittel für Gebäude oder für die Fortbildung. Es wird nach Schülern berechnet. Für benachteiligte Schüler gibt es mehr. Seit Mitte der 90er Jahre können individuelle Lehrergehälter ausgehandelt werden, sie differieren untereinander um bis zu 50 Prozent. Dennoch gibt es nationale Tarifverträge mit den Gewerkschaften.

Unten und oben

Die Regierung beschränkt sich auf die Festlegung ganz grundsätzlicher und knapp formulierter Schulziele und übergibt die Verantwortung für die Schulen seitdem den Kommunen. Die Schulen wiederum müssen der Kommune berichten, wie sie sich sehen und was sie vorhaben. Und die Kommunen berichten an das Skolverket, die neue nationale Bildungsagentur. Die alte Behörde wurde Anfang der 90er Jahre geschlossen. "Die Bürokratie wurde geschlachtet", sagt Mats Ekholm. Skolverket, die neue Einrichtung, soll Schulen einen Spiegel vorhalten, in dem sie sich selbst erkennen. Tests werden entworfen, die ebenso die Schule, wie den Lernfortschritt der Schüler testen. Nationale Durchschnittwerte der Schülerleistungen werden veröffentlicht, nicht um Rankings zu erstellen, sondern damit sich jede Schule mit anderen vergleichen kann. Skolverket erinnert an eine Beuyssche soziale Skulptur. Es stellt die Idee von Rückmeldung und Auswertung selbst dar, die sich als Leitidee im gesamten Schulkörper durchsetzen soll. Das ist moderne Führung. Veränderungen müssen unten und oben zugleich anfangen. Wenn man oben darauf verzichtet, reduziert sich die Wirksamkeit, dann bleiben nur Sozialtechnologie, Theologie und Kommando.

Eine wichtigstes Datum der stetig rollenden schwedischen Reform ist das Jahr 1989. Seitdem sind Lehrer verpflichtet, zwei bis drei Tage die Woche von morgens bis nachmittags in der Schule zu arbeiten. Lehrer gehen 194 Tage im Jahr zur Schule, Schüler 178 Tage. An schülerlosen Tagen stehen Fortbildung, Vorbereitung des Schuljahres und die Selbstverständigung des Kollegium auf dem Plan. Die Lehrerwoche ist auf 45 1/2 Stunden festgelegt, davon 34 Stunden, die sie in der Schule anwesend sind. Dafür musste in den Schulen Platz geschaffen werden. "Das konnten und sollten keine Einzelzimmer sein", erinnert sich Mats Ekholm. Gewöhnlich teilen sich vier bis sechs Lehrer einen Raum. In den 70er Jahren hatten Debatten über die Vereinzelung der Lehrer begonnen. Nicht nur der Staat, auch Eltern und die Lehrergewerkschaften verlangten mehr Teamarbeit. "Nun haben die Lehrer etwas, das es in schwedischen Schulen nie gegeben hatte, Arbeitsplätze für Lehrer." Aber der wichtigste Effekt ist, dass dadurch eine informelle Atmosphäre zwischen ihnen entsteht. Lehrer lernten Zusammenarbeit.

Entwicklungskonferenz

Dialog ist das Geheimnis des schwedischen Erfolges. Mit jedem Schüler und häufig zusammen mit den Eltern machen Klassenlehrer oder Tutoren jedes Halbjahr eine halbstündige "Entwicklungskonferenz". Viele Schulen haben sich in kleinere Units, in Schulen in der Schule organisiert, um die Atmosphäre für unaufwendigen, beiläufigen Austausch zu schaffen. Zur Auswertung von Lernprozessen - weniger zur Bewertung - wurden vielfältige Formen, ja Rituale erfunden. Sie zielen auf Respekt und Anerkennung. Eine Folge davon ist natürlich auch die größere Bereitschaft eines jeden, mit sich selbst in Dialog zu treten. Und der "Dialog zwischen mir und mir selbst" ist nach Plato Denken. Dialoge bilden mehr und mehr das Bindegewebe in den Schulen. Und wie kräftig es ist, das lässt sich messen.

Spiegelreflexionen

Das Skolverket mit seinen Evaluationsinstrumenten entwickelt sich dabei von einer Instanz "oben" im System zu einer mit der Position "außen". Von dort beobachtet es, stellt es Fragen, macht Vorschläge und hält dem System den Spiegel vor. "Wir wollen den Schulen viele Bilder liefern, in denen sie sich erkennen können", sagt Ekholm. Wie dieser Prozess eine Grammatik von Anerkennung und Stolz ohne Überheblichkeit bildet, kann Besucher faszinieren. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass die Inkubationszeit dieser schwedischen Infektion (man findet Ähnliches in Dänemark, Finnland oder Kanada) ihre Zeit braucht. Reicht eine Generation? Manches allerdings könnte man schnell übernehmen.

Die mathematischen Spitzenleistungen beispielsweise, die TIMSS schwedischen Schülern bescheinigt, erklärt Mats Ekholm damit, dass Schüler viel Unterrichtszeit darauf verwenden, sich untereinander auszutauschen. Häufig könnten sie voneinander mehr lernen als von ihren Lehrern, die zuweilen einen blinden Fleck für das Nichtwissen der Schüler hätten. Dialoge ernähren sich von Heterogenität. Werden Lerngruppen homogenisiert und zudem auch noch pasteurisiert, verhungert in den keimfrei gemachten Lerncontainern als erstes dieses Lebens- und Lernelixier.

Reinhard Kahl


siehe auch GruenderWiki:DieKunstDerMotivation


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Freitag, 13. Juli 2001

Als Alternativschulen werden oft Schulen bezeichnet, die sich in einigen typischen Merkmalen von Regelschulen unterscheiden. Darunter zählen sehr unterschiedliche pädagogische und philosophische Konzepte, wie zum Beispiel Montessori-Schulen, Waldorf-Schulen und demokratische Schulen.

Einen Überblick über verschiedene Versuche weltweit liefert das Buch Schule im Aufbruch von David Gribble.