Wissenschaft als Ausdruck unserer Entfremdung von uns selbst

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Zitat aus Der Verlust des Mitgefühls von Arno Gruen

Wissenschaft als Ausdruck unserer Entfremdung von uns selbst

Das Bezeichnende an unserer abstrakten Denkweise ist deren Trennung vom Erlebten. Das müßte nicht so sein, denn-wie der Vergleich mit den Primitiven zeigt - Abstraktion hat den Vorteil, daß Wesentliches auf Begriffe gebracht werden kann und Denkprozesse dadurch verkürzt werden können. Bei den Primitiven geht, wie zuvor ausgeführt, abstraktes Denken nicht mit einer Trennung vom Erlebten einher. Das Erlebte ist für sie selbstverständlich. Außerdem ist ihr Erleben nicht von mangelnder Selbstachtung und fehlendem Respekt für andere gekennzeichnet, im Gegensatz zu unserem Erleben, und das von Geburt an. Wenn Achtung für das Kind dessen Entwicklung nicht selbstverständlich begleitete, dann wird auch verständlich, warum sich abstraktes Denken als Schutz gegen die Erlebnisse in der Kindheit entwickelt hat. Denn es verhindert ein Wiedererleben der Verletzungen während der Kindheit.

Diese Verletzungen abzustreiten oder gar nicht erst zu erwägen ist jedoch verbreitet. B. F. Skinner (1972), der bekannte Behaviorist an der Harvard University, schrieb sogar ein Buch, in dem er zu beweisen beabsichtigte, daß Würde und Freiheit gar nicht existierten. Das Innere war für ihn ein Feind. Noam Chomsky (1959) kommentierte dies einmal, indem er sagte, Skinners reduzierendes Denken habe keine Rückendeckung im wirklich Erlebten. Und er bezeichnete Skinners »Wissenschaftlichkeit« deshalb als »play acting at science«, also als eine Art Schauspielerei mit Wissenschaft.

Skinners Denken spiegelt, was in der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts zur absoluten Voraussetzung wurde, nämlich daß Realität objektiv sein müsse. Damit wurde die Trennung des abstrakten Denkens vom Erlebten offiziell etabliert. Was man nicht sehen und was man nicht messen konnte, existierte nicht. Damit wurden natürliche innere seelische Vorgänge als wissenschaftliche Objekte abgetan. Der Mann, der das philosophische Fundament dafür zementierte, war Descartes. Für Descartes war der ideale Mensch ein leeres Subjekt, das allmählich mit Objektivität gefüllt werden müsse. Der finnische Theologe und Philosoph Arne Siirala (1964b) faßte Descartes' Intention so zusammen: »Der Mensch muß lernen, seine Beziehung zur Kindheit abzuschneiden und zu vergessen.«

In seinem Buch »Out of Revolution: The Autobiography of Western Man« schreibt E. Rosenstock-Huessy (1969): »Beschäftigen wir uns noch einmal mit Descartes (...) In seinem Buch über die Methodik beklagt er sich sehr ernsthaft und ohne eine Spur von Humor dar- über, daß der Mensch Eindrücken ausgesetzt sei, bevor sich sein Geist zu voller logischer Kraft entwickelt habe. Zwanzig Jahre lang, so seine Klage, wurde ich von Objekten verwirrt und beeindruckt, die ich nicht verstehen konnte. Statt daß mein Gehirn mit zwanzig eine leere Tafel war, fand ich unzählige falsche Ideen dort eingraviert vor. Wie schade, daß der Mensch vom ersten Tag seiner Geburt an nicht klar denken kann, ohne Erinnerungen an sein früheres Leben (...) Dies sagt uns, daß der menschliche Geist nur jene Eindrücke entziffern sollte, die außerhalb seines Selbst entstehen. Deswegen denken Wissenschaftler heute - denn sie alle gehören der Cartesianischen Schule des Denkens an -, daß sie nicht beeindruckt sein sollen, daß es ihre Pflicht ist, kühl zu bleiben, desinteressiert, neutral und leidenschaftslos.« Mit Descartes wurde der fehlende Respekt gegenüber unseren ureigenen Reaktionen vor und nach der Geburt als wissenschaftlich institutionalisiert. Und dieses Vermächtnis gibt unsere heutige Wissenschaft immer noch weiter: Die Gefühle und Wahrnehmungen des Kindes wie auch des Erwachsenen haben keine Basis in der objektiven Wirklichkeit und können deshalb abgetan werden. Rosenstock-Huessy schreibt weiter: »Je mehr ein Mensch die Eindrücke, die auf ihn wirken, unterdrückt, desto mehr wird er in seiner Orientierung und in seinen Schlußfolgerungen abhängig von Überbleibseln und Eindrücken, welche das Leben auf anderen hinterläßt. Er unterdrückt einen Teil der Zeugnisse der Welt, die er zu studieren glaubt, wenn er für sich beansprucht, mit einem reinen Verstand zu arbeiten (...) Die Wahrheit ist, daß der große Descartes, als er die Eindrücke des Kindes Rene auslöschte, sich für jegliche gesellschaftliche Wahrnehmung außerhalb der Naturwissenschaften verstümmelte. Dies ist der Preis, den jegliche Methodik in den Naturwissenschaften bezahlen muß. In dem Maß, in welchem diese angewandt wird und einen Geologen, Physiker oder Biochemiker neutralisiert, löscht sie sein persönliches, soziales und politisches Erleben aus. Aus diesem Grund entwickeln die Wissenschaften eine Gewohnheit, die verheerend für den gesellschaftlichen Denker ist« (alle Rosenstock-Huessy- Zitate übersetzt von A. G.). Aber dadurch wird Wissenschaft selbst zum Ausdruck und Förderer des entfremdenden, dissoziierenden Bewußtseins, das nicht nur den Schmerz und das Leid der Kindheit verneint, sondern einer Lüge gewidmet ist, die dem Erleben keinen Raum gibt.

Nicht alle Wissenschaftler und Denker sind dieser Denktradition verhaftet. Viele haben an ihrer Kindheit als Quelle des Lebendigen festhalten können. Beispielsweise Albert Einstein - ich zitierte ihn bereits - sagte, daß er nur deshalb zu neuen Einsichten habe kommen können, weil er an seinen Kindheitserlebnissen festgehalten habe. An einer Sicht festzuhalten, die das Erleben respektiert und ernst nimmt, ist schwierig angesichts des Drucks, der von der etablierten Wissen- schaft ausgeht. Einer, der dies vor kurzem versuchte, ist der amerika- nische Wissenschaftsphilosophj. R. Searle. In seinem Buch »Die Wie- derentdeckung des Geistes« (1993), in dem er die etablierte wissen- schaftliche Denkweise in Frage stellt, schreibt er, daß die Vorausset- zung, daß alle Realität objektiv sei, »sich in vielerlei Hinsicht als nütz- lich erwiesen (hat), aber offenkundig falsch ist«, wie dies uns allein schon ein momentanes Reflektieren unserer subjektiven Empfindun- gen zeigt. »In der Philosophie des Geistes (...) bestreiten viele - viel- leicht sogar die meisten - der auf diesem Gebiet führenden Denker ganz routinemäßig die offenkundigsten Tatsachen: zum Beispiel, daß wir subjektive, bewußte Geisteszustände wirklich haben und daß sie sich nicht zugunsten von irgend etwas anderem eliminieren lassen.« Die etablierte Wissenschaft geht davon aus, daß der einzige wis- senschaftliche Weg, die Psyche oder das Bewußtsein zu studieren, über das Studium objektiver Phänomene verlaufen müsse. Doch die- se Annahme impliziert zwei weitere Annahmen: »Sobald wir die An- nahme akzeptieren, daß alles Objektive jedwedem Beobachter glei- chermaßen zugänglich sein muß, verschieben sich die Fragen ganz von selbst; es geht dann nicht mehr um die Subjektivität von Geistes- zuständen, sondern um die Objektivität äußeren Verhaltens. Und das führt dazu, daß nicht mehr gefragt wird: >Was ist das: einen Wunsch haben?< Statt dessen stellen wir Fragen, die vom Standpunkt der drit- ten Person formuliert sind: >Unter welchen Bedingungen würden wir einem anderen System von außen Überzeugungen, Wünsche usw. zu- schreiben?< Das kommt uns ganz natürlich vor, denn selbstverständ- lich geht es bei den meisten Fragen, die wir zu geistigen Phänomenen haben, um andere Menschen und nicht bloß um uns selbst (...) Aber der Umstand, daß für die Erkenntnistheorie der Standpunkt der drit- ten Person charakteristisch ist, sollte uns nicht blind machen für die Tatsache, daß die tatsächliche Ontologie der Geisteszustände eine Ontologie der ersten Person ist. Die Art und Weise, wie der Stand- punkt der dritten Person in der Praxis angewandt wird, macht es uns schwer, den Unterschied zu sehen zwischen etwas, das wirklich einen Geist hat (ein Mensch zum Beispiel), und etwas, das sich so verhält, als ob es einen Geist hätte (ein Computer zum Beispiel). Und wenn die Unterscheidung zwischen einem System mit wirklichen Geistes- zuständen und einem mit bloßem Als-ob-Verhalten erst einmal aus dem Blickfeld geraten ist, dann entgeht einem auch ein wesentliches Merkmal des Geistigen: daß nämlich die Ontologie des Geistigen we- sentlich eine Ontologie der ersten Person ist. Überzeugungen, Wün- sche usw. sind immer jemandes Überzeugungen und Wünsche, und sie sind immer potentiell bewußt, auch dann, wenn sie de facto unbe- wußt sind.«

Das ist auch Paul Claudels (1903) Sicht, derzufolge unser eigenes Bewußtsein der Grundstein unserer Weltanschauung sein müsse. Dieses Bewußtsein spiegelt eine in sich selbst ruhende Wirklichkeit wider, die nicht reduzierbar ist. Sobald wir Bewußtsein aber nicht in diesem vollen Ausmaß betrachten und uns zum Beispiel nur auf sei- ne neurologischen Strukturen besinnen, die ja seine Bausteine sind, verlassen wir die Ebene der Bewußtseinserlebnisse und operieren auf einer anderen Ebene. Ein Denken jedoch, das von Bewußtseinsspal- tung geprägt ist, kann die Existenz beider Ebenen nicht zulassen und wird die Existenz der Bewußtseinsebene bestreiten. Auch Searles datiert die Festschreibung dieser reduzierenden Sicht des Erlebten in den Anfängen von Descartes' Dualismus. Die Eintei- lung der Welt in Geist und Körper legte fest, daß jedes Erlebnis sub- jektiv sei und deswegen nicht real. Nur »objektive« Phänomene konnten Gegenstand wissenschaftlichen Studiums sein. Dadurch verlagerte sich auch das Studium des Erlebten automatisch auf die Dinge, die objektiv studiert werden konnten. Insofern wurde der ge- samte psychologische Bereich, wenn auch unbewußt, nur vom Stand- punkt der dritten Person aus angegangen, was dem Beobachter wie- derum die tatsächliche Ontologie unserer Erkenntnisse, die eine Ontologie der ersten Person ist, versperrte. So wurden etwa soziolo- gische Erklärungsmodelle über die Bedingungen, unter denen sich bestimmtes menschliches Verhalten zeigt und menschliche Entwick- lung stattfindet, zur automatischen und einzig legitimen Deutungs- weise, obwohl es letztlich immer um die Frage geht, wie das Indivi- duum diese Bedingungen integriert.

Wenn der Standpunkt der ersten Person ausgeschaltet wird, passiert noch etwas anderes Folgenschweres. Die Wissenschaft setzt vor- aus, daß alles zu Studierende allen Studierenden gleichermaßen zugänglich sein müsse. Davon auszugehen ist jedoch völlig unzutref- fend, da die Studierenden individuell unterschiedlich, keinesfalls in gleicher Weise wahrnehmen. Wovon die Wissenschaft da ausgeht, grenzt an Gleichmacherei. Denn nur das, was »allen zugänglich« ist, zum Objekt wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu machen, schließt jene aus, deren Bewußtsein einen erweiterten Zugang zum Erlebten erlaubt. Mit anderen Worten: Wissenschaft reduziert sich selbst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner dessen, was Beobachter wahrnehmen können.

Jene zum Beispiel, die keinen Zugang zu ihrem eigenen Schmerz haben, weil sie ihn in ihrer eigenen Entwicklung verneinen mußten, werden ihn nicht wahrnehmen können, werden ihn auch verneinen müssen und werden Erscheinungsformen, die nicht verleugnet werden können, auf anderen Ebenen erklären müssen. Dies werden dann die Wissenschaftler sein, die Schmerz auf neurologischer und genetischer Basis »erklären« werden. Sie können nicht beobachten, was sie aus ihrem Bewußtsein ausgeklammert haben.

So glauben Forscher, über Schmerz etwas aussagen zu können, ohne diesen in ihrem eigenen Leben erkannt und gewürdigt zu haben. Das spiegelt nur das Ausmaß der heutigen Verarmung unseres wissenschaftlichen Begehrens wider. Da seelischer Schmerz nicht allen gleichermaßen zugänglich ist, vor allem in unserer Zivilisation, wirkt das Diktat, daß das, was objektiv ist, allen gleichermaßen zugänglich sein müsse, destruktiv. Die, die ihren eigenen Schmerz nicht erleben können, werden so zu Schiedsrichtern über das, was objektiv und wissenschaftlich sei. Sie betreiben dann Forschungen auf dem Gebiet des Schmerzes - zum Beispiel auf dem Gebiet der Schizophrenie, wie ich später zeigen werde - im Namen des Schmerzes, um diesen als uns formendes Erlebnis auszuschalten.

Der Versuch, die neurologische Verdrahtung des Schmerzes und dessen genetische Grundlagen mit seinem Erleben gleichzusetzen, ist ein solches Beispiel. Dieser Denkfehler basiert aber auf dem allgemeinen -jedoch für unsere Zivilisation typischen - Mißverständnis zu glauben, man habe ein Phänomen wie etwa den Schmerz im Griff, weil man ihn durch Psychopharmaka zum Verschwinden bringen kann, und dies sei dasselbe wie diesen Gefühlszustand zu verstehen. Die Erforschung des Schmerzes mag hier nur als Beispiel gelten, um die allgemeine Verneinung der menschlichen Entwicklung als eines Erlebnisvorgangs, der Sinn und Bedeutung hat, zu illustrieren. Deshalb werde ich mich nun dieser Problematik, dem Konzept der Entwicklung im Leben, zuwenden.


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