Der Baum der Erkenntnis

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Der Baum der Erkenntnis

Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens

ISBN:3-442-11460-8

Zusammenfassungen

Maturana und Varela behaupten, dass Menschen strukturdeterminierte, autopoetische Wesen sind, die autonom und rekursiv organisiert sind, aber auf Perturbationen der Umwelt mit der Konstruktion idiosynkratischer Konzepte antworten. Eine ihrer wichtigsten Aussagen ist: "Alles Wissen ist konstruiert". Lebewesen sind nach Maturana und Varela informationell geschlossene Systeme, d.h. sie nehmen Informationen nicht wie objektive Gegebenheiten, sondern nur nach eigenen Regeln durch Interpretation auf.

Rolf Schulmeister: Theorien des Lernens. In: Ders., Grundlagen hypermedialer Lernsysteme (1996), S. 71.

Schlussabschnitt des Buches

Als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, so sagt die Bibel, wurden sie in andere Wesen verwandelt, die nie mehr zu ihrer ursprünglichen Unschuld zurückkehren sollten. Vor dem "Sündenfall" kam ihre Erkenntnis der Welt in ihrer Nacktheit zum Ausdruck. In ihrer Nacktheit bewegten sie sich in der Unschuld des bloßen Kennens. Nach dem "Sündenfall" wußten sie, daß sie nackt waren; sie wußten, daß sie wußten, sie erkannten, daß sie kannten.

In diesem Buch sind wir zum "Baum der Erkenntnis" zurückgekehrt. Wir haben den Leser eingeladen, von der Frucht des Baumes zu essen, indem wir ihm eine wissenschaftliche Untersuchung der Erkenntnis als biologisches Phänomen vorgelegt haben. Und wenn wir der Argumentation dieses Buches gefolgt sind und seine Konsequenzen verinnerlicht haben, stellen wir auch fest, daß diese unentrinnbar sind. Die Erkenntnis ist der Erkenntnis verpflichtet.

Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit. Sie verpflichtet uns dazu einzusehen, daß unsere Gewissheiten keine Beweise der Wahrheit sind, daß die Welt, die jedermann sieht nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie verpflichtet uns, da wir, wenn wir wissen, daß wir wissen, uns selbst und anderen gegenüber nicht mehr so tun können, als wüßten wir nicht.

Deshalb impliziert alles, was wir in diesem Buch gesagt haben (auf Grund unseres Wissens, daß wir wissen), eine Ethik, die unentrinnbar ist. Bezugspunkt der Ethik ist die Bewußtheit der biologischen und sozialen Struktur des Menschen. Es ist eine Ethik, die aus der menschlichen Reflexion entspringt und die die Reflexion, die das Menschliche ausmacht, als ein konstitutives soziales Phänomen in den Mittelpunkt stellt. Wenn wir wissen, daß unsere Welt notwendig eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Konfliktes mit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiter koexistieren wollen, nicht auf dem beharren, was für uns gewiß ist (auf einer absoluten Wahrheit), weil das die andere Person negieren würde.

Wollen wir mit der anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, daß ihre Gewißheit - so wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag - genauso legitim und gültig ist wie unsere. Wie unsere Gewissheit ist auch die Gewissheit des anderen Ausdruck seiner Bewahrung der Strukturkoppelung in einem Existenzbereich - so wenig verlockend uns dieser Bereich auch erscheinen mag. Die einzige Chance für die Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenden Perspektive, einem Existenzbereich, in dem beide Parteien in der Hervorbringung einer gemeinsamen Welt zusammenfinden. Ein Konflikt ist immer eine gegenseitige Negation. Er läßt sich niemals in dem Bereich lösen, in dem er stattfindet, wenn die beiden Parteien sich ihrer Sache "sicher" sind.

Ein Konflikt ist nur zu überwinden, wenn wir uns in einen anderen Bereich bewegen, in dem Koexistenz stattfindet. Das Wissen um dieses Wissen ist der soziale Imperativ jeder auf dem Menschlichen basierenden Ethik.

Was die Biologie uns zeigt, ist, daß die Einzigartigkeit des Menschseins ausschließlich in einer sozialen Strukturkoppelung besteht, die durch das In-der-Sprache-Sein zustande kommt. Dadurch werden einerseits die Regelmäßigkeiten erzeugt, die der menschlichen Dynamik eigen sind, wie zum Beispiel individuelle Identität und Selbstbewußtsein. Andererseits wird die rekursive soziale Dynamik des menschlichen Lebens erzeugt, zu der eine Reflexion gehört, welche uns in die Lage versetzt zu sehen, daß wir als menschliche Wesen nur die Welt haben, die wir zusammen mit anderen hervorbringen - ob wir die anderen mögen oder nicht.

Die Biologie zeigt uns auch, daß wir unseren kognitiven Bereich ausweiten können. Dazu kommt es zum Beispiel durch eine neue Erfahrung, die durch vernünftiges Denken hervorgerufen wird, durch die Begegnung mit einem Fremden als einem Gleichen oder, noch unmittelbarer, durch das Erleben einer biologischen interpersonellen Kongruenz, die uns den anderen sehen läßt und dazu führt, daß wir für sie oder für ihn einen Daseinsraum neben uns öffnen. Diesen Akt nennt man auch Liebe oder, wenn wir einen weniger starken Ausdruck bevorzugen, das Annehmen einer anderen Person neben uns selbst im täglichen Leben.

Dies ist die biologische Grundlage sozialer Phänomene: Ohne Liebe, ohne daß wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Menschlichkeit. Alles, was die Annahme anderer untergräbt - vom Konkurrenzdenken über den Besitz der Wahrheit bis hin zur ideologische Gewissheit - unterminiert den sozialen Prozess, weil es den biologischen Prozess unterminiert, der diesen erzeugt. Machen wir uns hier nichts vor: Wir halten keine Moralpredigt und predigen nicht die Liebe. Wir machen einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, biologisch gesehen, ohne Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt. Lebt man ohne Liebe zusammen, so lebt man heuchlerische Indifferenz oder gar aktive Negation des anderen.

tbc

Auszüge

ab S. 250 Sprache als Bedingung für Geist:

"Alles menschliche Tun findet in der Sprache statt. Jede Handlung in der Sprache bringt eine Welt hervor, die mit anderen im Vollzug der Koexistenz geschaffen wird und das hervorbringt, was das Menschliche ist. So hat alles menschliche Tun eine ethische Bedeutung, denn es ist ein Tun, das dazu beiträgt, die menschliche Welt zu erzeugen. Diese Verknüpfung der Menschen miteinander ist letztlich die Grundlage aller Ethik als eine Reflexion über die Berechtigung der Anwesenheit des anderen.

(...)

Was die Biologie uns zeigt, ist, dass die Einzigartigkeit des Menschseins ausschließlich in einer sozialen Strukturkoppelung besteht, die durch das In-der-Sprache-Sein zustande kommt. Dadurch werden einerseits die Regelmäßigkeiten erzeugt, die der menschlichen sozialen Dynamik eigen sind, wie zum Beispiel individuelle Identität und Selbstbewusstsein. Andererseits wird die rekursive soziale Dynamik des menschlichen Lebens erzeugt, zu der eine Reflexion gehört, welche uns in die Lage versetzt zu sehen, dass wir als menschliche Wesen nur die Welt haben, die wir zusammen mit anderen hervorbringen - ob wir die anderen mögen oder nicht. (265/266 Ohne Liebe keine Menschlichkeit)

(...)

Die Identität zwischen Erkennen und Handeln zu leugnen, nicht zu sehen, dass jedes Wissen ein Tun ist und dass alles menschliche Tun sich im In-der-Sprache-Sein abspielt und damit ein soziales Geschehen ist, hat ethische Implikationen."

Links


siehe auch:

Diskussion

Ich finde die Aussagen zwar grundsätzlich richtig, aber in ihrer Radikalität falsch. Schon Parazelsus hat erkannt, dass jede Substanz, abhängig von der Menge, Heilmittel oder Gift ist. Genauso erscheint es mit dem Konstruktivismus . Das Menschsein schlechthin, "Alles Tun" oder die Ethik mit der sprachlichen Repräsentation = Konstruktion zu verkoppeln, scheint falsch. Es würde z. B. bedeuten, dass ein Baby, dass noch nicht Sprache gelernt hat, nichts "Tut" oder dass ein sprachgestörter Schlaganfalls- oder Komapatient eine Einbusse seines Menschseins erleidet. Es handelt sich hier wieder um eine Zentralreduktion .

Beziehst Du Dich auf die Zitate, oder hast Du das Buch gelesen ?

Es scheint mir anders gemeint: Ein Baby ist in der Definition von Maturana wohl (IMHO) ein potentieller Mensch, es lebt noch nicht in Sprache. Du scheinst "Menschsein" mit der Summe der Individuen gleichzusetzen, wobei mir Maturana eher das spezifische des Menschen durch Menschsein zu beschreiben scheint.

Auch Deine Vorstellung von Sprache als Repräsentation scheint mir entfernt von dem Gebrauch durch Maturana. Was ist denn in Deiner Sprache dieses, welches "Sprache" repräsentieren kann ?

Ich beziehe mich auf die Zitate, bin auch gerne bereit das Buch zu lesen, wenn du meinst, dass Missverständnisse bestehen. Mir ist schon klar, dass man beim Baby so argumentieren wird, aber die Probleme werden dadurch nicht kleiner, wenn ich den Begriff eines "potentiellen Menschen" einführe.

Ich sehe "Menschsein" allerdings als etwas, was mit konkreten Individuen verbunden ist. Ein abstraktes "Menschsein", als "Wesen des Menschseins" erscheint mir eine große Konstruktion, eine Idealisierung des Menschseins. Damit nimmt der Konstruktivismus dann eine selbsterfüllende Haltung an.

Die Frage betreffend der Sprache verstehe ich leider nicht. Für mich ist Sprache ein Werkzeug zur Benennung und Beschreibung von Phänomenen. Für mich sind die Phänomene interessanter als das Werkzeug. Der Begriff "Mensch" oder die Logik mit dem Begriff zu operieren oder spekulieren ("Wesen des Menschseins") hat für mich keine besondere Wichtigkeit im Vergleich zur Wichtigkeit der konkreten Menschen. Ich weiß nicht, ob das die Frage beantwortet.

Mittlerweile habe ich das Buch gelesen.

Hat sich dadurch was geändert ?

Ja und nein. Ja, weil ich jetzt das Gesamtbild sehe und die Funktion einzelner Elemente. Ich würde jetzt bei einer Buchbeschreibung oder -kritik ganz woanders ansetzen. Der flammende Schlussappell zu "Liebe und sich gegenseitig annehmen" ist eigentlich der Ausgangspunkt des Buches, sehr wohl eine Art Predigt oder Glaubensbekenntnis. Mir ist dieser Appell sehr sympathisch. Nein, weil das übrige Buch nur der mühsame Versuch ist, über Begriffsbildungen (Metazeller, Perturbation, Strukturkoppelung, Driften und viele mehr) und Nebeneinanderstellungen und rekursive Wiederholungen diese "vorgegebene Ansicht der Autoren" als "biologische Erkenntnis" herbeizureden. In diesem Sinne ist es ein konstruktivistisches Buch, indem es eine schlüssige Argumentation suggeriert, die jedoch nicht mal ansatzweise vorhanden ist. Der eigene Konstruktivismus wird aber nicht reflektiert - statt dem von den Autoren verdammten Wahrheits- oder Gewißheitsanspruch enden sie mit einer Unentrinnbarkeit.

Zudem sind die Ansprüche überzogen. Wir wissen, dass soziales Leben nicht so sehr mit Erkenntnis der Erkenntnis verbunden ist (also mit Rationalität) - sonst gäbe es kein soziales Leben mit Kleinkindern - und dass eine menschliche Gesellschaft über weite Strecken keine tiefe Liebe braucht, sondern wesentlich nur ein kleines Mindestmaß an Fairness. Auch das mag schwer genug sein.

Auch sind die Autoren inkonsequent, sprechen sie doch von der Notwendigkeit in Zusammenarbeit ein gemeinsame Welt (der Erkenntnis, der Sprache, der Kultur) zu erzeugen. Genau dieser gemeinsamen Weltsicht wird zuvor die Existenzmöglichkeit abgesprochen, da jedes Individuum in seiner eigenen Strukturkoppelung zu seiner individuellen Lebenssituation existiert. Nichts anderes als eine gemeinsame Sicht der Welt sucht auch die Naturwissenschaft im Rahmen der Hypothese, dass es eine solche Weltsicht als "objektive Welt" irgendwo draußen als Fernziel geben muss. Im Grunde gibt es gar nicht so gravierende Unterschiede im Ziel, sehr wohl aber in der Methode brauchbare Vorschläge für annehmbare Sichtweisen oder Argumentationen zu schaffen.


"Regelmäßigkeiten, der menschlichen Dynamik, z.B.: individuelle Identität und Selbstbewußtsein"
Ein Glück, daß Tag und Nacht, aufgeschlafensein und einwachtsam, so wie Leben und Tod innerhalb dieser Dynamismen ernannt wurden; dadurch relativiert sich ein So-sein von der Sehn-sucht; erschöpft den Irrtum aus seiner Maßhaftigkeit; befreit von der Vorstellung außerhalb der Natur zu sein, in einer indivuduellen (unteilbar mit den Schwert) jedoch mitteilbarsten Identistät (auf den Zahn gefühlt), versteckt der Mensch in einer Haut sich oder fühlt er durch sie? --UweB

Beides. Der Mensch ist gleichzeitig einsames Individuum und die Illusion eines Individuums, die nur als Bruchteil von Gesellschaft, Ökosphäre, Kosmos von uns gemeinsam konstruiert wurde. Jede sprachliche Fassung ist wirkungslos ohne das Bewusstsein, dass diese Wort-Labels nur als Platzhalter dienen und bei jedem Verständnisvorgang wie Masken von erfahrenen und erkannten Gesichtern der Realität heruntergenommen werden müssen. Das Wort "Liebe" würde nichts bedeuten, wenn man Liebe nicht an anderen gesehen hätte und man würde das Wort "Liebe" vielleicht sogar hassen müssen, wenn die "Realität Liebe" nicht auch Teil der eigenen Lebenserfahrung wäre. Genauso ist eine objektive Realität oder eine gemeinsame Realität nichts, was sich automatisch oder ohne Mühe erschließt.

alle drei in Eins³, der Mensch ist gleich-zeitig Mensch und gleich seitig die Gleichheit von Einheit und als solche ist er allemal stärker als alles einsamenhafte.
Interessant ist die Kraft, die einer entfesselnd allein identifizieren kann. Im Gegensatz zu den Mühen einer Gruppe: dem Einzelnen einen Film vorzumachen, damit dieser seine individual-Macht entfesselt.
achteten wir uns unangetastet unserer Individualität könnten wir uns gegenscheitig durchdringen. Da wir aber an der Verdrängung haften, verdrung VVer d-d ringendes ins Drängelische --*u*VVeB


Ich würde ergänzend oder alternativ Rupert Riedl und sein Buch Biologie der Erkenntnis empfehlen, das etwas vor Der Baum der Erkenntnis entstanden, und das die gleiche Problematik mit einer anderen wissenschaftlichen Methode und philosophischen Sicht darstellt. IMHO sehr viel einleuchtender und überzeugender. Allerdings ohne den moralischen Anspruch.


Bios ex macina, mal an den Baum gelegt
Weiden Zedern Tannen Linden
ein Kranz das läßt sich mit vielen winden
Eichenlaubericht leicht sich ab
gebunden wird es wie ein Faß
http://www.irganic.com/
http://www.systemfehler.de/

UweB

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