Konstruktivismus

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Radikal konstruktivistisches Denken geht davon aus, dass wir nur über unsere eigenen Wahrnehmungen der Welt sprechen können.

Im Konstruktivismus wird nicht etwa geleugnet, dass es eine Welt "dort draußen" gibt. Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt nur via Beobachtung zugänglich ist, d.h. immer schon eine interpretierte Welt ist, über die wir uns nur kommunikativ verständigen/einigen können; es gibt also keine objektive Wirklichkeit, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich wäre.

Begründer des Konstruktivismus sind u.a. Glasersfeld, Paul Watzlawick, Heinz von Foerster, Humberto R. Maturana ....

Eine ethische Dimension des konstruktivistischen Weltbilds resultiert aus der Bedeutung der Verantwortung, die sich für jeden Einzelnen ergibt, wenn er zu der Einsicht gelangt, dass sein rationales Sein in der Welt vollkommen abhängig von seiner Beobachtungsweise bzw. Wahrnehmung ist.

Diskussion

Eine Ampel auf "rot" wird von allen Beteiligten - Konstruktivisten oder nicht - als objektiver Bestandteil aller Realitäten oder Wirklichkeiten angesehen. Ein Film eines Unfallherganges kann das Ganze zusätzlich unzweifelhaft machen. Radikaler Konstruktivismus ist als "alles ist in der Wahrnehmung konstruiert" ein theoretisch übertriebenes Konzept. Unsere Wahrnehmung hat sich in Jahrmillionen der Evolution entwickelt, um uns brauchbare Bilder der Realität zu liefern. Ein Bild der Realität ist nicht die Realität selbst - das ist im Kern trivial. Wenn man sich klar ist, dass alles nur einen Grad (Gehalt, Wahrscheinlichkeit) an Objektivität (Realität, Wahrheit) besitzt, dann hat sich der Konstruktivismus als philosophisches Konzept schon erledigt. Angewandter Konstruktivismus findet sich in Werbung, Rhetorik und Propaganda, wo man meint, den Menschen ein X für ein U verkaufen zu können. Auch dieses stimmt - nur teilweise. Ein schlechtes Auto lässt sich auch mit der besten Werbung nicht verkaufen und eine misslungene Politik lässt sich nicht wirklich schönreden.

Helmut, ich merke, du bist kein "Freund" des Kontruktivismus :) - daher mal humorvoll mit Popper "gekontert": ein Farbenblinder wird das Rot der Ampel nicht sehen. Klar, das ist keine Widerlegung deines Beitrags. So ist der Einwand auch nicht gedacht. Soll nur ein weiterer "Denkanstoss" sein... - Noch: kennst du das Bespiel mit dem U-Boot-fahrer bei Maturana? - Das bringt imho die Sache gut rüber.

karl 1704

Zweifelsohne ist der konstruktivistische Ansatz geeignet unsere Aufmerksamkeit auf wichtige erkenntnistheoretische Fragen zu lenken! Auch die sich daraus ergebenden ethischen Implikationen sind nicht von der Hand zu weisen.
Allerdings übersieht der K. (m.E. und soweit ich informiert bin) etwas Wesentliches: Ein Gehirn entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern es durchläuft/durchlief eine lange stammes- und individualgeschichtliche Entwicklung (vgl. Ernst Haeckel), und es entstand und entsteht in Auseinandersetzung mit gegebenen Umweltbedingungen, an die es sich anpaßt, auf die es reagiert etc. ... Also: bei aller Einmaligkeit eines jeden Gehirns wird es doch ein paar grundsätzliche Gemeinsamkeiten geben, die alle möglichen Gehirne miteinander teilen (Äußerlich z.B. gewisse allen gemeinsame Strukturmerkmale; Inhaltlich z.B. die allen gemeinsame Sehnsucht nach Glück und Sinn).
Ein - mehr persönliches, gefühlsmäßiges - Bedenken zielt auf den abschließend-alles-erklären-wollenden Charakter des K. Mir sind offene, (echte) Transzendenz nicht prinzipiell ausschließende Konzeptionen des "Hinterm-Horizont-geht's-weiter" und weiter und weiter und unendlich weiter, in denen der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, irgendwie sympathischer ...

Bezüglich der Ampel: deswegen ist die Ampel so konstruiert, dass das rote Licht oben ist und ein farbblinder Mensch das Signal verstehen kann. Ich behaupte ja nicht, dass jeder das gleiche wahrnimmt, sondern dass wir gelernt haben (persönlich und in der Evolution), vieles Wesentliche objektiv wahrzunehmen.

Ich sehe die Dimension (Objektivität↔Subjektivität) bzw. (Realismus↔Konstruktivismus) als ein fundamentales Paradoxon, dem wir nicht entrinnen können. Jeder Wahrnehmung, jede Aussage wird immer Anteile von beidem enthalten. Damit bedarf es individueller Beurteilung in jeder spezifischen Situation. Radikaler (naiver) Realismus erscheint mir genauso "dumm" wie radikaler (naiver) Konstruktivismus. Man kann eine Dimension (=eine Gerade, unendlich viele Möglichkeiten) nicht auf einen Punkt reduzieren, auch wenn diese Vereinfachung bequehm wäre.

christian:

Die Beispiele dieser Diskussion funktionieren nur, wenn diese Ampel nicht nur begrifflich als "Ampel" bestimmt, erkannt und identifiziert sowie (unterschiedlich) wahrgenommen wird, sondern wenn diese eine bestimmte Ampel auch Teil der dinglichen Außenwelt ist, auf die wir uns gemeinsam beziehen können. Unsere Wahrnehmung braucht einen Gegenstand (nicht unbedingt ein Ding), unsere Begriffe müssen diesen Identifizieren. Sonst könnten wir nie darüber einig werden, worüber wir sprechen und dass wir es unterschiedlich wahrnehmen. Es tritt zu unserem Wahrnehmen, Denken und Reden ja auch die Praxis hinzu: Wir können an dieser Ampel die Straße überqueren, wir können sie berühren, wenn wir den Taster drücken... ich will damit sagen, von unterschiedlicher subjektiver Wahrnehmung (dem Farbenblinden) einer Ampel können wir nur sprechen, wenn wir uns der von uns unabhängigen Existenz dieser Ampel versichern können - dies wäre eine Möglichkeit, von Objektivität zu sprechen, auch wenn diese sprachlich vermittelt ist. Unterschieden werden könnte zwischen einem

  • wissenschaftstheoretischen und einem

  • wahrheitstheoretischen Konstruktivismus.

Der wissenschaftstheoretische Konstruktivismus analysiert, wie die Gegenstände der Wissenschaft durch verbales und nonverbales Handeln (mit-)konstruiert werden (methodischer Konstruktivismus). Diskursanalytische Reflexionen nimmt z.B. die feministische Kritik an den Konstruktionen der Geschlechteridentitäten vor.
Problematisch wird es, wo der Konstruktivismus z.B. zu einem wahrheitstheoretischen Paradigma wird, welcher der eigenen Selbstreferenzialität zum Opfer fällt: Wenn alles Konstruktion ist, ist der Konstruktivismus auch eine - und muss behaupten, was er verwirft: Über Wahrheit (im konstruktivistischen Sinne) sprechen zu können, um Wahrheit doch zu verwerfen etc.
Wir bewegen uns nicht nur in Sprache oder Konstruktionen, sondern auch in einer materiell strukturierten, widerständigen, dinglichen (in diesem Sinne objektiven, intersubjektiv zugänglichen) Wirklichkeit, die wir umgestalten, auch wenn diese von kulturellen Bedeutungsnetzen durchzogen ist. Der methodische Konstruktivismus wurde weiterentwickelt zum Kulturalimus (Verlag Suhrkamp: "Die kulturalistische Wende").

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