Matristische und patriarchale Konversationen

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q: Liebe und Spiel

Matristische und patriarchale Konversationen

Dieser Essay ist das Ergebnis vieler inspirierender Gespräche, die ich mit Dr. Verden-Zöller geführt habe und in denen ich viel gelernt habe über die Mutter-Kind-Beziehung; Konversationen, die mich dazu geführt haben, mir Fragen zu stellen über das Emotionieren im Prozeß kultureller Veränderung. Aber nicht nur das, diese Gespräche haben mir erlaubt, meine Aufmerksamkeit auf die Mann-Frau-Beziehungen zu lenken, unbelastet von den Besonderheiten der patriarchalen Perspektive, hinein in eine Betrachtungsweise der Frau-Mann-Beziehungen, wie sie entstehen im Aufbau des ursprünglichen Beziehungsraumes des heranwachsenden Kindes.

Ich bin mir der fundamentalen Teilhabe von Dr. Verden-Zöller an der Hervorbringung der Ideen, die ich in dieser Arbeit darstelle, bewußt, und danke ihr dafür.

Die Fragestellung

Dieser Essay ist eine Einladung zum Nachdenken über die Welt, die wir modernen menschlichen Wesen leben, indem wir ihre emotionalen Grundlagen betrachten. Ich gehe davon aus, daß menschliches Leben, wie jedes animalische Leben, in einer fließenden emotionalen Dynamik gelebt wird, die in jedem Moment das Grundszenario bildet, aus dem unsere Handlungen entstehen. Ich gehe weiter davon aus, daß es unsere Emotionen (Wünsche, Vorlieben, Ängste, unser Ehrgeiz) sind, die in jedem Augenblick unser Tun bestimmen, nicht unsere Ratio, und daß wir – uns selbst und anderen gegenüber – die emotionalen Grundlagen verbergen, auf denen unsere rationalen Argumente stehen, wenn wir behaupten, rational zu sein.

Gleichzeitig denke ich, daß die Mitglieder verschiedener Kulturen leben, sich bewegen oder handeln, von verschiedenartigen Konfigurationen von Emotionen getragen, die bestimmen, was sie sehen oder nicht sehen, die die Bedeutung dessen festlegen, was sie tun, die die Inhalte ihrer Symbolisierungen und den Verlauf ihres Denkens auf eine Art und Weise bestimmen, die tatsächlich die jeweilige Identität ihrer Kultur ausmachen.

Schließlich glaube ich, daß wir, wenn wir die emotionalen Grundlagen unserer Kultur betrachten, besser verstehen, was wir tun und nicht tun, und daß wir vielleicht dadurch, daß wir uns der Grundla gen unseres kulturellen Lebens bewußt werden, unsere Handlungen von unserem Verstehen und unserer Bewußtheit beeinflussen lassen. Was ist eine Kultur?

Wir menschliche Wesen traten auf in der Geschichte der Familie zweibeiniger Primaten, zu der wir gehören, als Sprache, als die Form des Zusammenlebens in konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Handlungen (Maturana 1988) Teil der Lebensweise wurde, die unsere Linie definiert. Das heißt, unsere Linie entstand, als das Zusammenleben in konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Handlungen, das Sprache ausmacht, begann, von Generation zu Generation bewahrt zu werden als eine gelernte Standardpraxis der Lebensweise einer bestimmten Gruppe dieser Primaten.

Als Sprache entstand und dadurch, bewahrt zu werden, begann, daß sie in einer historisch bewahrten Gruppe unserer Vorfahren jeweils von der neuen Generation gelernt und gelebt wurde, wurde sie im täglichen Leben unserer Vorfahren zusammen mit dem Emotionieren unserer Vorfahren bewahrt und konstituierte das, was ich Konversationen nenne. So entstand die Menschheit streng genommen, als unsere Vorfahren begannen, in Konversationen zu leben durch die Verflechtung ihres Emotionierens mit ihren Sprachhandlungen.

Als die Menschheit entstand, entstanden menschliche Tätigkeiten als Konversationen (Verflechtung von Koordinationen von Koordinationen von Handlungen und Emotionen). So wurde alles menschliche Leben zu einem Leben in Konversationen (Maturana 1988). Mit anderen Worten: Alle menschlichen Tätigkeiten ereignen sich konstitutiv als Konversationen in einem Netzwerk von Konversationen, und all das, was wir als Beobachter von Homo sapiens sapiens außerhalb des Bereichs von Konversationen feststellen, ist keine menschliche Tätigkeit. So sind jagen, fischen, Vieh hüten, Kinder pflegen, anbeten, Haus bauen, töpfern, heilen als menschliche Tätigkeiten unterschiedliche Arten von Konversationen, die als solche unterschiedliche Koordinationen von Koordinationen von Handlungen und Emotionen umfassen.

In der Geschichte des Ursprungs der Menschheit gehen Emotionen der Sprache voraus, denn sie sind ein konstitutives animalisches Merkmal. Wann immer wir menschliche Wesen eine Emotion unter scheiden in uns selbst oder in anderen Tieren, menschlich oder nicht, treffen wir eine Einschätzung der möglichen Handlungen dieses Wesens. Und die verschiedenen Worte, die wir benützen, um auf verschiedene Emotionen hinzuweisen, bezeichnen die verschiedenen Handlungsbereiche, in denen wir und andere Tiere uns bewegen oder uns bewegen können. Das heißt, indem wir von Liebe, Furcht, Scham, Neid, Ärger usw. sprechen, bezeichnen wir damit verschiedene Handlungsbereiche, und wir handeln mit dem Verständnis, daß ein Tier oder eine Person in jedem dieser Handlungsbereiche bestimmte Dinge tun kann und andere nicht.

Ich behaupte in der Tat, daß die Emotion die Handlung bestimmt und daß, biologisch gesprochen, Emotionen dynamische körperliche Bereitstellungen zu Handlungen sind, die in jedem Moment die Handlung angeben, die eine Bewegung oder ein Verhalten ist. In Übereinstimmung damit sage ich, daß es die Emotion ist, mit der sich eine bestimmte Geste ereignet oder empfangen wird, die diese Geste zu einer Einladung oder zu einer Drohung macht. Daraus folgt, daß wir, wenn wir verstehen wollen, was in einer laufenden Konversation geschieht, auf die Emotion schauen müssen, die den Handlungsbereich angibt, in dem die Koordination von Handlungen stattfindet, die diese Konversation enthält.

Wenn wir verstehen wollen, was in einer Konversation geschieht, müssen wir auf die Verflechtung des Emotionierens mit der Sprachhandlung achten, die diese Konversation enthält. Dabei ist zu beden ken, daß jedes Sprachhandeln stets Teil einer ablaufenden Konversation ist oder sich aus bereits wirksamem Emotionieren ergibt. Das Ergebnis ist: Die Bedeutung der Worte, das heißt die Handlungen und Emotionen, die Worte als einzelne Verhaltenselemente im Fluß einer Konversation koordinieren, verändern sich mit dem Fluß des Emotionierens, der sich in ihnen ereignet. Und vice versa, wie die Bedeutung der Worte sich verändert im Fluß einer Konversation, so verändert sich auch der Fluß des Emotionierens, der sich in ihr ereignet, ebenso wie die Handlungen, die die Worte koordinieren.

Aufgrund der ununterbrochenen Verflechtung der in Konversationen enthaltenen Sprachhandlungen mit dem Emotionieren stabilisieren immer wiederkehrende Konversationen das Emotionieren, das in ihnen enthalten ist. Gleichzeitig bringen Veränderungen der Umstände, die Konversationen verändern, auch Veränderungen im emotionalen Fluß und im Fluß der Handlungen derer, die an den Konversationen teilnehmen, mit sich.

Was ist nun eine Kultur von dieser Perspektive aus betrachtet? Ich sage, daß das, was wir im täglichen Leben mit dem Wort Kultur meinen, wenn wir von Kultur und kulturellen Angelegenheiten sprechen, ein geschlossenes Netzwerk von Konversationen ist, die eine bestimmte Art zu leben ausmachen und als ein Netzwerk von Koordinationen von Emotionen und Handlungen bestimmen, das sich als eine bestimmte Konfiguration realisiert, in der die Menschen, die in diesem Netzwerk leben, ihr Handeln und Emotionieren verflechten. Eine Kultur ist daher konstitutiv ein konservatives geschlossenes System, das seine Mitglieder ausbrütet, indem diese dieses System durch ihre Teilnahme an den Konversationen, die es bestimmen und ausmachen, realisieren.

Daraus folgt, daß nicht nur ein bestimmtes Handeln oder nur ein bestimmtes Emotionieren eine Kultur ausmacht, weil eine Kultur ein Netzwerk von Konversationen ist, eine Konfiguration von Verflechtungen aus Handeln und Emotionieren.

Aus all dem folgt, daß verschiedene Kulturen verschiedene geschlossene Netzwerke von Konversationen sind, die als verschiedene Lebensweisen realisiert werden, als verschiedene Konfigurationen des Handelns und Emotionierens. Daraus folgt weiterhin, daß kulturelle Veränderung eine Veränderung in der Konfiguration des Handelns und Emotionierens der Mitglieder einer Kultur ist, und daß sie sich ereignet als eine Veränderung in dem geschlossenen Netzwerk von Konversationen, die ursprünglich die sich jetzt verändernde Kultur ausmachten. Somit wird klar, daß die Grenzen einer Kultur als einer Lebensweise operational sind und daß sie mit der Etablierung eben dieser Lebensweise entstehen. Gleichzeitig wird deutlich, daß auch die Mitgliedschaft in einer Kultur operational ist und nicht konstitutiv und daß jedes menschliche Wesen, zu verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens zu verschiedenen Kulturen gehören kann, je nach dem, an welchen Konversationen es teilnimmt.

Kulturelle Veränderung

Wenn wir davon ausgehen, daß eine Kultur als eine menschliche Lebensweise ein geschlossenes Netzwerk von Konversationen ist, dann entsteht eine Kultur, sobald ein geschlossenes Netzwerk von Konversationen als die Lebensweise einer menschlichen Gemeinschaft bewahrt zu werden beginnt, und verschwindet oder verändert sich, wenn dieses Netzwerk von Konversationen nicht mehr bewahrt wird. Wenn wir weiter bedenken, daß eine Kultur als ein bestimmtes Netzwerk von Konversationen eine bestimmte Konfiguration von Koordinationen von Handlungen und Emotionen (eine bestimmte Verflechtung von Sprachhandlung und Emotionieren) ist, dann entsteht eine Kultur, wenn eine bestimmte Konfiguration von Koordinationen von Handlungen und Emotionen in einer menschlichen Gemeinschaft als deren Lebensweise bewahrt zu werden beginnt und verschwindet oder verändert sich, wenn das nicht mehr der Fall ist.

Um kulturellen Wandel zu verstehen, müssen wir in der Lage sein, einerseits das geschlossene Netzwerk von Konversationen zu charakterisieren, das als eine tägliche Praxis von Koordinationen von Koordinationen von Handlungen und Emotionen, die Kultur ausmacht, in der eine bestimmte menschliche Gemeinschaft lebt, und andererseits die Bedingungen der emotionalen Veränderung zu erkennen, unter denen die Koordinationen von Handlungen der Gemeinschaft sich wandeln, so daß eine neue Kultur entsteht.

Lassen Sie uns nun zwei besondere Fälle betrachten, zum einen die europäische patriarchale Kultur, die Grundkultur, in die wir moderne westliche Menschen eingebunden sind, zum anderen die Kultur, die ihr vorausging, wie wir jetzt wissen -(Gimbutas 1982) -, und die ich matristisch nennen werde. Diese beiden Kulturen unterscheiden sich in den Netzwerken der Konversationen im Bereich der menschlichen Beziehungen, die sie hervorbringen, und folglich unterscheiden sich auch die für sie jeweils charakteristischen Konversationen, die Netzwerke von Koordinationen von Koordinationen von Handlungen und Emotionen, in diesem Bereich. Um uns in der Reflexion mit diesen beiden Kulturen vertraut zu machen, werden wir sie zunächst eher umgangssprachlich beschreiben, indem wir deutlich machen, auf welch unterschiedliche Art und Weise ihre Mitglieder ihre alltäglichen Beziehungen leben.

Zunächst aber einige Überlegungen darüber, was meines Erachtens in der Geschichte der Menschheit geschah: Die Geschichte der Menschheit folgt dem Weg menschlicher Wünsche und Vorlie ben. Unsere Wünsche und Vorlieben bestimmten in jedem gegebenen Moment das, was wir tun, nicht die Verfügbarkeit von Naturschätzen oder die ökonomischen Möglichkeiten, die als Merkmale der Welt maßgebend zu sein scheinen. In der Verflechtung unserer Biologie mit unserer Kultur entstehen in jedem Augenblick unseres Lebens unsere Wünsche und Vorlieben, und bestimmen im gleichen Augenblick unsere Handlungen und folglich das, was uns als natürlicher Reichtum, als Möglichkeit oder Chance erscheint.

Dies ist auch dann der Fall, wenn wir gegen etwas oder unter dem Zwang der Umstände zu handeln scheinen. Wir tun immer das, was wir wollen; entweder direkt, weil wir das tun wollen, was wir tun, oder indirekt, weil wir die Folgen dessen, was wir tun, wünschen, auch wenn wir nicht mögen, was wir tun. Wenn wir das nicht verstehen, dann können wir nicht verstehen, was wir als kulturelle Wesen tun, weil wir dann nicht wahrnehmen, daß uns unsere Emotionen leiten und unsere Handlungen als Mitglieder einer bestimmten Kultur bestimmen. Wenn wir das nicht sehen, dann verfügen wir auch nicht über die begrifflichen Elemente, um den Fluß der Emotionen in einer Kultur zu verstehen. Auch der Verlauf der Geschichte der Menschheit bleibt uns unerklärlich, wenn wir nicht aufmerksam werden darauf, daß der Verlauf menschlicher Handlungen dem Verlauf menschlichen Wünschens folgt.

Lassen Sie uns nun die matristischen und patriarchalen Kulturen im Sinn der für sie jeweils grundlegenden Konversationen bzw. der Netzwerke von Konversationen charakterisieren, wie sie im alltäglichen Handeln ihrer Mitglieder sichtbar werden.

Die patriarchale Kultur

Die rein patriarchalen Aspekte der Lebensweise der europäischen Kultur, zu der ein großer Teil der modernen Menschheit gehört und die wir patriarchale Kultur nennen, ist durch ein geschlossenes Netzwerk von Konversationen charakterisiert. Dieses Netzwerk patriarchaler Konversationen macht unser alltägliches Leben zu einer Form der Koexistenz, in der es um Kampf, Wettbewerb, Hierarchien, Autorität, Macht, Vermehrung, Wachstum, Inbesitznahme von Naturschätzen und die rationale Rechtfertigung der Kontrolle und Beherrschung von anderen durch die Inbesitznahme der Wahrheit geht. Wir sprechen zum Beispiel in unserer patriarchalen Kultur vom Kampf gegen Armut und Ausbeutung, wenn wir soziale Ungerechtigkeit korrigieren wollen, oder vom Kampf gegen die Verschmutzung der Umwelt, wenn wir unsere Umwelt sauber halten wollen, oder davon, der Aggression der Natur die Stirn zu bieten, wenn wir einem Naturphänomen gegenüberstehen, das für uns eine Katastrophe bedeutet.

Wir leben unser tägliches Leben in der patriarchalen Kultur, als ob alle unsere Handlungen den Einsatz von Gewalt erforderten, und als ob schöpferisches Tun nur Reaktion auf Herausforderung wäre.

Wir sind beherrscht von der Idee der Kontrolle, sprechen ununterbrochen davon, unser Verhalten zu kontrollieren oder unsere Emotionen zu beherrschen und tun viele Dinge um die Natur und das Verhalten anderer Menschen zu kontrollieren. In unserer patriarchalen Kultur akzeptieren wir Meinungsverschiedenheiten nicht als an und für sich legitime Situationen, wir müssen einander überzeugen oder korrigieren, und wir tolerieren den Andersartigen nur in der Hoffnung, daß wir sie oder ihn letztendlich doch auf den rechten Weg führen oder eliminieren können, mit der Rechtfertigung, er oder sie sei "nicht richtig".

In unserer patriarchalen Kultur ist Inbesitznahme etwas Selbstverständliches. Wir leben in Inbesitznahme und wir handeln, als ob es legitim wäre, der Mobilität anderer Menschen in bestimmten Handlungsbereichen Grenzen zu setzen, während wir uns selbst die Privilegien der freien Bewegung darin reservieren, und zwar mit dem Anspruch des Besitzrechtes dessen, was wir Naturschätze, Ideen oder die Wahrheit nennen.

In unserer patriarchalen Kultur leben wir in Mißtrauen der Autonomie des anderen Menschen gegenüber und nehmen ständig für uns selbst das Recht in Anspruch zu entscheiden, was für andere Menschen legitim ist oder nicht, in einem ununterbrochenen Versuch, das Leben anderer Menschen zu kontrollieren.

Wir leben hierarchisch in unserer patriarchalen Kultur, verlangen Gehorsam voneinander und behaupten, daß Ordnung im Zusammenleben nicht möglich sei ohne Autorität und Unterordnung,

Überlegenheit und Unterlegenheit, Macht und Schwäche oder Unterwerfung. Und nur allzu leicht sind wir bereit, alle Beziehungen zu menschlichen und zu nichtmenschlichen Wesen auf diese Weise zu leben.

Wir leben im Wettbewerb, das heißt wir führen einen Kampf mit dem Ziel der gegenseitigen Ausschaltung. So etablieren wir Hierarchien von Privilegien und behaupten, daß dadurch sozialer Fortschritt gewährleistet würde, weil auf diese Weise die Besten sich auslesen und aufsteigen würden.

In unserer patriarchalen Kultur verstehen wir Meinungsverschiedenheiten als Kampf oder Streit und Argumente als Waffen, und wir beschreiben harmonische Beziehungen als friedlich, das heißt als das Gegenteil des Krieges, so, als ob Krieg die wesentliche menschliche Tätigkeit wäre.

Die matristische Kultur

Die matristische präpatriarchale europäische Kultur muß nach dem Zeugnis der archäologischen Funde an der Donau, im Balkan und in der Ägäis (Gimbutas 1982) durch ein ganz anderes Netzwerk von Konversationen bestimmt gewesen sein als die patriarchale Kultur. Wir haben keinen direkten Zugang zu einer derartigen Kultur. Ich denke aber, daß das konstitutive Netzwerk ihrer Konversationen rekonstruiert werden kann aus dem, was offenbar wird aus dem Alltagsleben der Menschen, die eine solche Kultur immer noch leben, und aus nichtpatriarchalen Konversationen, die noch in den Maschen des Netzwerkes der Konversationen, die unsere heutige patriarchale Kultur bestimmen, vorhanden sind.

Aus dem, was wir in den archäologischen Funden vorfinden, können wir ableiten, daß die Menschen, die zwischen 7000 und 5000 vor Christus in Europa lebten, Sammler und Bauern waren, die ihre Städte nicht befestigten und die keine hierarchischen Unterschiede kannten zwischen den Gräbern von Männern und Frauen, Männern und Männern oder Frauen und Frauen. Wir können auch sehen, daß jene Menschen keine Waffen als Schmuck benutzten und meist weibliche Bilder und Statuetten in ihren Schreinen hatten. Ihre kultischen Aktivitäten kreisten um die Sakralität des täglichen Lebens, in einer Welt, die durchdrungen war von der ununterbrochenen Verwandlung der Natur durch Tod und Wiedergeburt, abstrahiert in einerbiologischen Göttin in Gestalt einer Frau oder einer Kombination von Frau und Tier.

Wie lebten diese matristischen Menschen? Die Felder zum Sammeln und Pflanzen waren nicht unterteilt, keine Besitzrechte wurden in Anspruch genommen. Jedes Haus hatte einen kleinen Schrein, zusätzlich zum Schrein der Gemeinschaft. Die Frauen und Männer waren ganz ähnlich gekleidet wie die Frauen und Männer der minoischen Kultur Kretas. Sie verehrten die dynamische Harmonie der Natur in der Form einer Göttin. Sie benutzten das Zunehmen und Abnehmen des Mondes, die Metamorphose der Insekten und andere tierische Merkmale nicht um die Göttin darzustellen, vielmehr um ihr eigenes Bewußtsein für diese Harmonie zu erwecken, auch wenn die ganze Natur für sie eine ununterbrochene Erinnerung an die Göttin gewesen sein muß, Teil ihrer Gegenwart und so von Sakralität erfüllt.

Die emotionale Dynamik des Besitzens gab es für diese Menschen nicht. Sie lebten nicht in der Dynamik der Aneignung und lagen deshalb nicht im Wettstreit miteinander. Besitztümer waren keine zentralen Elemente ihrer Existenz. Weil sie unter der Muttergöttin, wie alle Kreaturen, Ausdruck deren Gegenwart waren und so Gleiche -keiner besser als der andere, wie verschieden auch immer-müssen sie in der sinnenfrohen Schönheit der täglichen Aufgaben gelebt haben, ohne den Wunsch, einander zu beherrschen. Ihre täglichen Aufgaben lebten sie als sakrale Verrichtungen. In der Fülle verfügbarer Zeit gestalteten sie ihre Welt und sannen über sie, ohne jede Nötigung. Gegenseitiger Respekt, nicht die unterdrückte Ablehnung der Toleranz oder verdeckte Konkurrenz, muß ihre Art des Zusammenlebens geprägt haben bei der gemeinsamen Bewältigung der vielfältigen Aufgaben, die die Erhaltung der Gemeinschaft stellten. Harmonie in einem Netzwerk von Beziehungen, vergegenwärtigt in der Abstraktion der Göttin, enthält keine kontrollierenden Handlungen und auch nicht die Einräumung von Macht durch Selbstverneinung im Gehorsam.

Da die Göttin, wie ich gesagt habe, eine Abstraktion der systemischen Harmonie des Netzwerkes des Lebens ist, konnte das Leben nicht zentriert gewesen sein um Handlungen, die auf der Aneignung der Wahrheit beruhen. Alles war offenbar für den unschuldigen Blick derer, die in stets gleichbleibender Weise in einer dynamischen, immer wiederkehrenden, zyklischen Welt von Geburt und verwandelndem Tod lebten.

Das Leben ist konservativ. Kulturen sind konservativ, denn sie sind die Medien, die jene hervorbringen, die sie durch ihren Lebensprozeß konstitutieren, während sie als ihre Mitglieder heranwachsen und die Netzwerke der Konversationen verwirklichen, die die jeweilige Kultur ausmachen. So müssen die Kinder dieser matristischen Kultur herangewachsen sein wie unsere Kinder in unserer Kultur heranwachsen, und für sie war matristisch zu sein in der Ästhetik der Harmonie mit der Natur, ein natürlicher und spontaner Vorgang.

Ohne Zweifel gabe es auch Momente erfüllt von Schmerz, Zorn und Aggression. Aber Aggression war kein Merkmal ihrer Lebensweise und in ihr gefangen zu sein, muß für diese Menschen, gelinde gesagt, ein Zeichen schlechten Geschmacks gewesen sein.

Aus dieser Lebensweise können wir schließen, daß das Netzwerk der Konversationen, die die matristische Kultur ausmachten, nicht durch Konversationen von Krieg, Kampf, gegenseitiger Ablehnung im Wettbewerbsverhalten, Ausschluß und Inbesitznahme, Autorität und Gehorsam, Macht und Kontrolle, Gut und Böse, Toleranz und Intoleranz und die rationale Rechtfertigung von Aggression und Ausbeutung konstituiert gewesen sein kann. Im Gegenteil, sie müssen bestimmt gewesen sein von Teilnahme, Solidarität, Zusammenarbeit, Teilen, Verstehen, Übereinstimmung, Respekt und gemeinsamer Inspiration. Ohne Zweifel weist die Tatsache, daß diese Worte in unseren modernen Sprachen vorhanden sind, darauf hin, daß die Handlungen, die sie hervorrufen und bezeichnen, auch noch zu uns heutigen Menschen gehören. Doch ihr Gebrauch ist für spezielle Gelegenheiten bestimmt, jedenfalls werden sie nicht gebraucht, um unsere allgemeine Lebensweise zu beschreiben. Sie werden vielmehr eingesetzt, um ideale, utopische Situationen zu beschwören, eher geeignet für Schulkinder als für das "wirkliche", das Erwachsenenleben - es sei denn, sie werden in dem sehr speziellen Fall der Demokratie praktiziert.

Das Emotionieren

Als Kinder wachsen wir zu Mitgliedern einer Kultur heran, das heißt, wir wachsen in ein Netzwerk von Konversationen hinein, indem wir mit unseren Müttern an einem kontinuierlichen Prozeß konsensueller Verwandlung teilhaben, der uns in eine Lebensweise einbindet, die auf diese Weise unsere eigene wird. In diesem Prozeß gewinnen wir unsere individuelle Identität, unser Selbstbewußtsein und soziales Bewußtsein (Verden-Zöller 1978,1979,1982).

Auf eine selbstverständliche Weise folgen wir dem Emotionieren unserer Mütter und älterer Kinder und lernen im emotionalen Fluß unserer Kultur zu leben, der alle unsere Handlungen als richtige Handlungen in ihr bestimmt. Mit anderen Worten: Unsere Mütter lehren uns, ohne daß sie wissen, daß sie uns lehren, und wir lernen von ihnen in der Unschuld unreflektierten Zusammenlebens das Emotionieren ihrer Kultur nur dadurch, daß wir mit ihnen leben. Sobald wir aber einmal zu Mitgliedern einer bestimmten Kultur herangewachsen sind, ist alles in ihr für uns richtig und selbstverständlich. Ohne daß wir uns dessen bewußt sind, leitet uns der Fluß unseres Emotionierens (Wünsche, Vorlieben, Abneigungen, Bestrebungen, Absichten, die Auswahlen, die wir treffen) in den sich ständig verändernden Umständen unseres Lebensprozesses, so zu handeln, daß unsere Handlungen Handlungen sind, die zu unserer Kultur gehören.

All das geschieht uns einfach, und was immer wir in jedem Augenblick unserer Existenz als Mitglieder einer Kultur tun, tun wir im Vertrauen auf seine natürliche Richtigkeit, bis wir anfangen zu reflektieren ... und das tun wir hier. Lassen Sie uns daher, wenn auch nur in kursorischer Weise, das Emotionieren betrachten, das in der europäischen patriarchalen und in der präpatriarchalen matristischen Kultur die wichtigsten Geflechte der Koordinationen von Handlungen und Emotionen freilegt, die die jeweilig bestimmenden Netzwerke von Konversationen ausmachen.

a - Das Emotionieren in der europäischen patriarchalen Kultur

In ihrer frühen Kindheit wachsen Jungen und Mädchen in der europäischen patriarchalen Kultur, zu der die meisten modernen Men schen gehören, in innigem körperlichen Kontakt mit ihren Müttern heran, eingebunden in den biologischen Prozeß in operationalem Selbst- und sozialem Körperbewußtsein integrierte menschliche Wesen zu werden. Dieser Prozeß enthält für das Kind immerwiederkehrende körperliche Begegnungen in totalem Vertrauen und totalem Angenommenwerden und ist die Grundlegung seines zukünftigen Lebens als eines sozialen Wesens (Verden-Zöller, 1978, 1979, 1982). Zusammenspiel, nicht Wettbewerb, Respekt, nicht Ablehnung, Einladung, nicht Forderung, Teilen, nicht Inbesitznahme, sind die grundlegenden emotionalen Züge, die das Leben des Kindes bestimmen.

Doch dieser Prozeß ändert sich bald. Aufgrund der Erwartungen von Mutter und Vater, die das Kind auf das "wirkliche", das Erwachsenenleben, vorbereiten wollen, tauchen Forderungen auf, Forderungen, die im Kind bis dahin legitime Emotionen verneinen und durch andere, ihnen entgegengesetzte, ersetzen sollen, Forderungen, die als religiöse Wahrheiten oder traditionelle Werte gerechtfertigt werden, deren Gültigkeit als selbstverständlich angesehen oder mit Hilfe rationaler Argumente bewiesen werden, die ihrerseits auf den gleichen Emotionen beruhen, die sie selbst rechtfertigen.

So lebt das Kind zum Beispiel in seiner frühen Kindheit in Teilen und Teilnahme, Spielzeug ist zum Spielen da, der Garten und das freie Feld sind da, um sich daran zu freuen, sich mit anderen Tieren darin zu bewegen, und es wird angehalten, andere Wesen, menschliche und nichtmenschliche, mit denen es spielt, zu respektieren. Später aber muß das Kind lernen, sein Eigentum zu verteidigen, Grenzen für seine Bewegungsfreiheit zu akzeptieren, die sich nicht aus der Harmonie des Lebens ergeben, sondern aus der zwangsweisen Durchsetzung von Eigentumsrechten.

Oder: Am Anfang seines Lebens erlebt das Kind seinen Körper als angenehm und schön in den Liebkosungen mit seiner Mutter oder voller Spielfreude in den körperlichen Begegnungen mit seinen Ge schwistern. Bald aber weist die Mutter seine Liebkosungen zurück, nicht einfach nur als störend, sondern als obszöne Handlungen, deren man sich schämen muß. Das Kind versteht das nicht, hat aber keine Möglichkeit, Widerstand zu leisten gegen das, was ihm geschieht, ohne als widerspenstig, dumm oder eigensinnig abgelehnt und bestraft zu werden und nachgebend übernimmt es selbst das Emotionieren, das die Forderungen enthalten, die an es gestellt werden.

Zunehmend lernt es Wettbewerb, Inbesitznahme, Beherrschung und Kontrolle anderer Menschen als Ausdruck von Stärke und Autonomie zu schätzen, beginnt Toleranz mehr Wert beizumessen als Respekt, äußerem Schein mehr als Integrität, Hierarchie und Autorität mehr als Ehrlichkeit und Vertrauen, Wachstum und Reichtum mehr als Harmonie und Ausgewogenheit, und es hält schließlich Fortpflanzung für einen transzendentalen Wert, durch den sich eine Frau als Frau verwirklicht.

In diesem Prozeß werden die sexuellen Aspekte unserer Körperlichkeit zu einer Quelle der Scham, die Diskriminierung der Frau erscheint legitim und wird gerechtfertigt durch Argumente, die auf die eine oder andere Weise, explizit oder implizit, die angeblich wesensmäßig bedingte Überlegenheit des Mannes über die Frau begründen in einer Art und Weise, die dem Mann sogar Macht einräumt über den Körper der Frau und ihre Sexualität.

So verlieren sich, während das Kind heranwächst und ein Mann oder eine Frau wird, Kooperation und gegenseitiger Respekt als leitende Emotionen (Handlungsbereiche) immer mehr und werden im Beziehungsraum durch Autorität und Unterordnung, Gehorsam und Macht, Wettbewerb und Ansehen, ersetzt. Freunde und Feinde entstehen. Das Leben wird zur ständigen Herausforderung. Krieg, Kontrolle, Inbesitznahme und Ausbeutung stehen im Mittelpunkt des Lebens, so sehr, daß Autorität und Gehorsam zu hohen Tugenden werden. Erfolg im Sinne des skrupellosen Erwerbs einer einflußreichen Position, Reichtum und Autorität sind dann die höchsten Ziele des Mannes, Sicherheit, Ergebenheit einem Mann gegenüber und Fortpflanzung die der Frau. Schließlich werden wir als Mitglieder unserer europäischen patriarchalen Kultur alle zu Vollzugsgehilfen im Prozeß der ständigen Aufrechterhaltung patriarchaler Lebensweise, denn wir geben unsere patriarchale Lebensweise an unsere Kinder weiter, während diese unter unserer sogenannten liebenden Fürsorge heranwachsen.

So kommt es, daß unsere europäische patriarchale Kultur ihren ureigensten Konflikt in sich trägt, denn sie ist auf einen sich stets neu entfachenden Widerspruch gegründet, der uns leidend macht oder zur Reflexion führt. In unserer modernen europäischen patriarchalen Kultur stoßen wir auf zwei einander widersprechende Phasen. Die eine ereignet sich in der Kindheit, wenn das Kind beginnt, ein menschliches Wesen zu werden und gleichzeitig als ein Mitglied seiner Mutterkultur heranwächst, durch einen Prozeß, der um die Biologie der Liebe zentriert ist als dem Handlungsbereich, der im nahen Zusammenleben den anderen als einen legitimen anderen hervorbringt, in einer Welt, die dem in der patriarchalen Lebensweise verstrickten Erwachsenen als eine unwirkliche Welt des Vertrauens, unendlich verfügbarer Zeit und Sorglosigkeit kurz gesagt: als ein Paradies, erscheint.

Die andere Phase beginnt, wenn das Kind in die "reale" Welt, in das Erwachsenenleben eintritt oder vielmehr hineingestoßen wird und anfängt, ein Leben zu leben, das zentriert ist um Kampf und Inbesitznahme, in einem ständigen beziehungsmäßigen Wechselspiel, dem Wechselspiel von Autorität und Unterordnung.

Das Kind lebt die erste Phase seines Lebens als einen Tanz freudvoller Koexistenz in einer ästhetischen und harmonischen, systemisch kohärenten Welt des Zusammenspiels und des Verstehens. Die zweite Phase unseres europäischen patriarchalen Lebens wird vom Kind, das in sie eintritt, und vom Erwachsenen, der bereits in ihr lebt, als ein ständiger Kampf um Besitz und die Kontrolle über das Verhalten anderer Menschen gelebt, ein Kampf, der mit immer neuen Feinden ausgetragen werden muß, ein Kampf, in dem die natürliche Sinnenhaftigkeit zwischen Männern und Frauen von beiden Seiten abgelehnt und unterdrückt wird.

Das jeweils verschiedene Emotionieren, das diese beiden Phasen unseres europäischen patriarchalen Lebens bestimmt, ist so widersprüchlich, daß es sich gegenseitig verdunkelt. Im allgemeinen herrscht im Erwachsenenleben das Emotionieren des Erwachsenen vor, solange, bis die stets gegenwärtige biologische Legitimität des Mitmenschen aufscheint. Wenn das geschieht, geraten wir in einen emotionalen Widerspruch. Wir erleiden diesen Widerspruch, weil wir uns selbst kontrollieren und uns selbst beherrschen. Wir können unseren emotionalen Widerspruch in Literatur verwandeln und Utopien schreiben oder ihn akzeptieren als eine Gelegenheit zur Reflexion und schaffen dann ein neues anspruchsvolles patriarchales System, oder wir verlassen die Welt und ziehen uns zurück in Verzweiflung, oder wir werden neurotisch. Wir können aber auch beginnen, in der Biologie der Liebe ein matristisches Leben zu leben.

b - Das Emotionieren in der matristischen Kultur

Die frühe Kindheit in der präpatriarchalen europäischen matristischen Kultur kann nicht sehr verschieden gewesen sein von unserer eigenen. Die frühe Kindheit bildet die biologische Fundierung der Menschwerdung durch unser Hineinwachsen in Sprache. Sie kann daher in verschiedenen Kulturen nicht sehr unterschiedlich verlaufen, ohne daß der normale Sozialisationsprozeß des Kindes empfindlich gestört wird. Die Emotion, die soziales Zusammenleben konstituiert, ist Liebe, das heißt der Bereich der Handlungen, die den anderen als einen legitimen anderen im Zusammenleben mit einem selbst hervorbringen, und wir menschliche Wesen werden zu sozialen Wesen durch unsere Kindheit in der Intimität des sozialen Zusammenlebens mit unseren Müttern.

Das Kind, das in seiner frühen Kindheit nicht in totalem Vertrauen und totalem Angenommenwerden in innigem körperlichen Kontakt mit seiner Mutter lebt, entwickelt sich nicht zu einem wohl integrierten sozialen Wesen (Verden-Zöller 1978,1979,1982). Die Art und Weise, in der die frühe Kindheit und das Heranwachsen von der Kindheit zum Erwachsensein in Beziehung zum Erwachsenenleben der jeweiligen Kultur gelebt werden, macht den Unterschied der Kindheiten in verschiedenen Kulturen aus.

Aufgrund dessen, was wir über matristische Kulturen in verschiedenen Teilen der Welt wissen, können wir davon ausgehen, daß die Kinder in der präpatriarchalen europäischen matristischen Kultur in ihr Erwachsensein hineinwuchsen, eingebunden in das gleiche Emotionieren, das ihre Kindheit bestimmte, das heißt in Annahme, Teilen, Zusammenarbeit, Teilhabe, Selbstrespekt und Würde in einer Form des Zusammenlebens, in dem Selbstrespekt und Respekt für den anderen Menschen das Wesentliche sind.

Doch vielleicht ist es möglich, mehr zu sagen. Das Leben in der europäischen matristischen Kultur kann nicht gelebt worden sein als ein ununterbrochener Kampf und Krieg um Beherrschung und Macht, denn es wurde nicht in Kontrolle und Inbesitznahme gelebt. Wenn wir die kultischen Figuren der matristischen Göttin betrachten, dann sehen wir sie als eine Darstellung der Erkenntnis der dynamischen Harmonie der Existenz, an diese Erkenntnis erinnernd, sie ins Bewußtsein rufend. Beschreibungen der Göttin in Begriffen von Macht, Autorität oder Beherrschung passen nicht zu ihr.

Die Statuetten, die die Göttin darstellen - vor dem Einbruch der patriarchalen Lebensweise -, zeigen sie als nackte Frau mit Vogel - oder Schlangenmerkmalen, oder einfach mit kräftigem weiblichen Leib mit langem Nacken in Form eines Phallus, oder als Frau ohne Gesicht und mit kaum angedeuteten Händen. Diese Darstellungen weisen, so denke ich, auf die Eingebundenheit in eine Existenz hin, die nicht auf Selbstbehauptung und Manipulation ausgerichtet ist.

In der europäischen matristischen Kultur muß das menschliche Leben als Teil eines Netzwerkes von Prozessen gelebt worden sein, dessen Harmonie nicht von irgendeinem seiner Einzelmerkmale abhängig war. Das menschliche Denken muß demnach systemisch gewesen sein und eine Welt hervorgebracht haben, in der nichts, das, was es war, aus sich selbst oder in sich selbst war, sondern in der alles war, was es war, nur in seiner Verbundenheit mit allem anderen.

Das Kind muß herangewachsen sein, um ein Erwachsener zu werden, in einem Lebensprozeß, in dem die Welt zwar immer komplexer wurde, mit neuen Aktivitäten und sich ausweitender Verantwortung, der aber immer in freudvoller Teilhabe an einer Welt bestand, die in jedem ihrer Aspekte als Ganzes gegenwärtig war. Die europäischen matristischen Menschen müssen ein Leben totaler Verantwortung gelebt haben. Verantwortlich handeln heißt, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewußt zu sein und in der Akzeptanz dieser Konsequenzen zu handeln.

Patriarchales Denken ist seinem Wesen nach linear. Es ereignet sich auf einem Hintergrund von Inbesitznahme und Kontrolle, es fließt hauptsächlich auf ein bestimmtes Ergebnis hin orientiert und ist blind für die Verbundenheit allen Seins. So ist patriarchales Denken systemisch verantwortungslos.

Im Gegensatz dazu ereignet sich matristisches Denken auf einem Hintergrund der Bewußtheit der Verbundenheit allen Seins und kann nicht anders gelebt worden sein, als in dem ständig anwesenden Verständnis, daß jede menschliche Handlung Konsequenzen für die Gesamtheit des Lebens hat. Wenn das Kind also in der europäischen matristischen Kultur zum Erwachsenen heranreifte, erlebte es die kontinuierliche Ausweitung der gleichen Lebensart: Harmonie, Teilhabe, Eingebundensein in eine Welt und ein Leben, für die er oder sie selbst Verantwortung trug.

Nichts deutet darauf hin, daß die europäische matristische Kultur mit dem inneren Widerspruch gelebt wurde, in dem wir unsere europäische patriarchale Kultur leben. Die Göttin war keine Macht, keine Herrscherin über verschiedene Bereiche der Natur, der man in Selbstverleugnung zu gehorchen hatte, wie wir, ausgehend von unserer auf Autorität und Beherrschung gegründeten Lebensweise, zu denken geneigt sind. Die Göttin war ein mystischer Ausdruck der Bewußtheit der systemischen Kohärenz, die zwischen allen Dingen existiert, und deren harmonischer Fülle. Ihre Riten wurden als mystische Erinnerungen der nie endenden menschlichen Verantwortung für die Bewahrung dieser Harmonie gelebt.

Sexualität und Körperlichkeit waren natürliche Merkmale des Lebens, nicht Quellen der Scham und Obszönität. Sexualität und Körperlichkeit wurden in der Verbundenheit des Seins gelebt, als eine Quelle der Freude, in der ästhetischen Harmonie des Lebens, in dem jeder Teil seine Berechtigung hat durch seine Teilhabe am Ganzen - und nicht hauptsächlich zum Zwecke der Fortpflanzung. Menschliche Beziehungen waren nicht Beziehungen der Kontrolle und Beherrschung. Sie waren Beziehungen der Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit, nicht in der Verwirklichung eines großen Planes, vielmehr in der Verwirklichung vielfältig verbundenen Lebens, dessen normaler Ausdruck Sinnenhaftigkeit und natürliche Schönheit ist.

In einer solchen Lebensweise waren gelegentliche Leiden, unerwarteter Tod oder Naturkatastrophen, Einbrüche in die gewohnte Harmonie des Seins, Hinweise darauf, achtsam zu sein einer systemischen Verzerrung gegenüber, die, durch menschliche Blindheit entstanden, alles Leben gefährdet.

Auf diese Weise zu leben erfordert die emotionale Offenheit der Legitimität der Vieldimensionalität des Lebens gegenüber, die nur aus der Biologie der Liebe erwächst. So war das europäische matristische Leben, wie der Ursprung der Menschheit selbst, auf Liebe gegründet.

Der Ursprung unserer patriarchalen Kultur

Wenn aber die präpatriarchale europäische matristische Kultur im Bewußtsein der spontanen Harmonie allen Lebens im dynamischen Fluß kontinuierlicher Erneuerung in den verwobenen Zyklen von Leben und Tod um Liebe und Ästhetik zentriert war, wie entstand dann das Patriarchat als eine Kultur, die um Inbesitznahme, Vermehrung, Hierarchie, Feindschaft, Krieg, Gehorsam, Beherrschung und Kontrolle zentriert ist?

Die Archäologie sagt uns, daß die präpatriarchale europäische Kultur durch patriarchale indoeuropäische Hirtenvölker, die vor etwa 6500 Jahren aus dem Osten kamen, brutal zerstört wurde. Das europäische Patriarchat begann also nicht in Europa, auch wenn es erst durch das Zusammentreffen mit den in Europa ursprünglich ansässigen matristischen Kulturen entstanden ist. Patriarchale Lebensweise wurde von Eroberern nach Europa gebracht, von Invasoren, die durch ihre eigene Geschichte kultureller Veränderungen patriarchal geworden waren.

Lassen Sie uns darüber nachdenken, wie sich die kulturelle Veränderung, durch die patriarchale Lebensweise entstand, in unseren indoeuropäischen Vorfahren ereignet haben kann. Einführend sagte ich, daß eine Kultur ein Netzwerk von Konversationen ist, das in einem System menschlicher Gemeinschaften als Lebensweise bewahrt wird, und daß wir, um zu verstehen, wie sich eine kulturelle Veränderung ereignet, die Umstände betrachten müssen, die den Anlaß geben zu einer Veränderung des Netzwerkes von Konversationen, das die sich verändernde Kultur bestimmt.

Weiter sagte ich, daß sich kulturelle Veränderung ereignen kann, wenn die Handlungsbereiche des Netzwerkes der Konversationen, das die sich verändernde Kultur bestimmt, sich verändern, und daß sich kulturelle Veränderung nicht ereignen kann ohne eine Veränderung im Emotionieren der Menschen. Mit anderen Worten: Um verstehen zu können, wie sich kulturelle Veränderung in der Geschichte ereignet hat, muß man die Umstände rekonstruieren, unter denen die neue Konfiguration des Emotionierens, das die neue Kultur bestimmt, Generation für Generation als das neue Netzwerk von Konversationen in einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft bewahrt zu werden begann.

Diese menschliche Gemeinschaft muß nicht größer als eine Großfamilie gewesen sein, und zu Beginn mußte das neue Emotionieren nicht stark ausgeprägt gewesen sein. Das neue Emotionieren entsteht als eine zufällige, triviale Variation des Emotionierens, das die Norm der alten Kultur ausmacht. In diesem Prozeß entsteht die neue Kultur, wenn das Vorhandensein des neuen Emotionierens zur Realisierung der Bedingungen beiträgt, die das Vorkommen eben dieses Emotionierens ermöglichen.

Das Ergebnis dieses Vorgangs ist, daß das neue Emotionieren als ein Hauptmerkmal der Lebensweise der sich verändernden Gemeinschaft bewahrt wird und auf selbstverständliche Weise von den jungen Menschen und Neuhinzukommenden gelernt wird, während sie als Mitglieder dieser Gemeinschaft leben. Mit anderen Worten und zugleich allgemeiner: Weil eine biologische oder kulturelle Linie sich dadurch etabliert, daß eine Lebensweise Generation für Generation auf selbstverständliche Weise von den jungen Menschen einer Gemeinschaft praktiziert wird, während sie als Mitglieder dieser Gemeinschaft leben, konstituiert jede zufällige Variation der gebräuchlichen Lebensweise einer Gemeinschaft, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, die Veränderung, die eine neue Linie entstehen läßt. Ob diese neue Linie dauert oder nicht, hängt von den Umständen ab, die mit den Konsequenzen der Bewahrung der neuen Lebensweise verbunden sind.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß, sobald eine neue Linie beginnt, jede weitere Veränderung der Linie sich nur als eine Variation in der Lebensweise, die die neu etablierte Lebensweise definiert, ereignen kann. In dem besonderen Fall von Kulturen als Linien menschlicher Lebensweisen tritt eine Veränderung dann ein, wenn in einer menschlichen Gemeinschaft eine neue Lebensweise als ein neues Netzwerk von Konversationen Generation für Generation bewahrt zu werden beginnt. Das geschieht, wenn eine neue Konfiguration von Emotionen, und damit eine neue Konfiguration des Handelns, Teil der normalen Aufzucht der Kinder der Gemeinschaft wird. Das muß sich ereignet haben in der Umgestaltung der Lebensweise, aus der die indoeuropäische patriarchale Kultur hervorging, als das Emotionieren entstand, das das für sie typische Leben in Inbesitznahme und Feindschaft, in Hierarchie und Kontrolle, in Autorität und Gehorsam, in Sieg und Niederlage, Generation für Generation bewahrt wurde, als ein einfaches Ergebnis spontanen Lernens durch die Kinder der Gemeinschaft, nachdem es ursprünglich nur ein gelegentliches Merkmal der Lebensweise ihrer Vorfahren gewesen war. Lassen Sie mich nun imaginieren, wie sich diese Veränderung abgespielt haben kann.

Ein Teil der matristisch lebenden steinzeitlichen Menschen, die vor mehr als 20 000 Jahren in Europa lebten, wurde zu seßhaften Sammlern, ein anderer Teil zog nach Osten, nach Asien, den jährli chen Wanderungen der Herden wilder Tiere folgend, so wie die Lappen noch bis hinein in die jüngste Zeit mit den Rentierherden zogen. Diese Menschen waren keine Hirten, denn auch wenn sie von ihnen lebten, besaßen sie die Tiere nicht, denen sie folgten. Sie besaßen die Herden nicht, von denen sie lebten, denn sie setzten der Mobilität dieser Herden keine Grenzen, die den selbstverständlichen Zugang zur Nahrung beschränken würden, den andere Tiere, wie zum Beispiel der Wolf, auch zu diesen Herden hatten. Selbst wenn der Wolf gelegentlich verjagt wurde, verblieben ihm, durch die Abwesenheit einer solchen Beschränkung, unbestrittene Nahrungsrechte. Mit anderen Worten: In diesen Zeiten waren die matristischen Vorfahren unserer patriarchalen Lebensweise keine Hirten, weil sie den Zugang anderer Tiere zu den Herden, von denen sie selbst lebten, nicht beschränkten, und sie beschränkten den Zugang nicht, weil das Emotionieren der Inbesitznahme nicht Teil ihrer normalen Lebensweise war.

In der Landwirtschaft verlangt das Großziehen domestizierter Tiere eine andere Lebensweise als die der Hirten, unter anderem weil Fürsorge und Pflege, nicht Inbesitznahme, das Hauptmerkmal des Emotionierens ist, das das Großziehen domestizierter Tiere bestimmt. Ich gehe deshalb davon aus, daß die Hirtenkultur, das heißt das pastorale Netzwerk von Konversationen, entsteht, wenn die Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft, die davon lebt, einer bestimmten wandernden Herde zu folgen, beginnen, anderen normalen Mit-Essern, wie dem Wolf, den gewohnten Nahrungszugang zur Herde zu verweigern; und das nicht nur gelegentlich, sondern als eine regelmäßige, alltäglich praktizierte Handlungsweise, die durch die Aufzucht der Kinder der Gemeinschaft von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Lebensweise der Hirten kann nicht entstanden sein ohne die grundlegende emotionale Veränderung, die sie möglich macht, und diese emotionale Veränderung muß im Prozeß der Annahme des Hirtenlebens stattgefunden haben.

Wir sehen gewöhnlich die sich wechselseitig bedingende Beziehung zwischen emotionaler Veränderung und kultureller Veränderung nicht, weil uns nicht bewußt ist, daß jede Kultur, als ein Netz werk von Konversationen, eine ganz bestimmte Verflechtung des Emotionierens und Sprachhandelns ist. Außerdem ist es nicht einfach für uns moderne patriarchale Menschen, die emotionalen Veränderungen zu verstehen, die die Annahme einer neuen Lebensweise enthalten, denn wir sind gewohnt, das, was wir tun, oder das, was uns geschieht, mit rationalen Argumenten, die Emotionen ausschließen, zu erklären.

Wir stellen jedoch relativ häufig fest, daß ein Mensch starke emotionale Veränderungen erfahren kann, wenn sich seine Lebensweise verändert. Emotionale Veränderungen sind im Gefolge von Veränderungen des Arbeitsplatzes oder des wirtschaftlichen Status zu beobachten. Wenn sich solche emotionalen Veränderungen ereignen, hält man sie häufig für Konsequenzen der Veränderung des Arbeitsplatzes oder der Lebensumstände. Ich gehe aber davon aus, daß das nicht so ist, daß es vielmehr eine Veränderung im Emotionieren ist, die die Lebensumstände möglich macht, in denen die Veränderung des Arbeitsplatzes oder des wirtschaftlichen Status zur Gelegenheit wird, die Lebensweise zu verändern; und wenn das geschieht, laufen beide Prozesse, die Veränderung der Lebensweise und die Veränderung des Emotionierens, einmal begonnen, sich gegenseitig auslösend, unterstützend und zusammenwirkend ab.

Wenn wir historische kulturelle Veränderung verstehen wollen, dann müssen wir die Lebensumstände imaginieren, die die Veränderung des Emotionierens möglich gemacht haben, demzufolge kulturelle Veränderung stattfand, auf eine Art und Weise, der zufolge sich die Bewahrung der neuen Konversationen ergab, die in einer solchen Veränderung enthalten waren.

Lassen Sie uns nun darauf zurückkommen, was sich meines Erachtens im Prozeß der Annahme des Hirtenlebens bei unseren indoeuropäischen präpatriarchalen Vorfahren ereignet haben muß.

Der erste Schritt muß die unbewußte Handlung der Inbesitznahme gewesen sein, das Setzen einer operationalen Grenze, die dem Wolf seinen normalen Nahrungszugang zur Herde verweigerte. Die Realisierung einer solchen operationalen Grenzziehung muß früher oder später die Tötung des Wolfs mit sich gebracht haben. Einem anderen Tier das Leben zu nehmen, das war nichts Neues für unsere Vorfahren. Der Jäger nimmt dem Tier, von dem er sich und die Seinen ernähren will, das Leben. Aber einem Tier das Leben zu nehmen, weil man sich von ihm ernähren will, und einem Tier das Leben zu nehmen, um ihm den Zugang zu seiner natürlichen Nahrungsquelle 40

zu verweigern, und das systematisch zu tun, sind Handlungen, die sehr unterschiedliche emotionale Voraussetzungen haben.

Im ersten Fall, im Fall des Jagens, vollziehen der Jäger oder die Jägerin eine sakrale Handlung, eine Handlung, die zum Lebenszusammenhang, in den man eingebettet ist, gehört. Ein Leben wird genommen, damit ein anderes Leben leben kann. Im zweiten Fall zielt der Mörder direkt auf das Leben des getöteten Tieres, und hier geht es nicht darum, daß ein Leben genommen wird, um ein anderes zu erhalten. Im zweiten Fall wird ein Leben ausgelöscht, um Besitz zu erwerben, und Besitz wird durch eben diesen Akt definiert.

Die Emotionen, die diese beiden Handlungen als total verschiedene Handlungen konstituieren, sind völlig entgegengesetzt. Im ersten Fall ist das erjagte Tier ein heiliges Wesen, das getötet wird als Teil der normalen Harmonie des Seins. In diesem Fall ist der Jäger oder die Jägerin, die das Leben des erjagten Tieres nehmen, dankbar. Im zweiten Fall ist das Tier, dem das Leben genommen wird, eine Bedrohung für eine künstliche Ordnung, die die Person schaffen will, die ein Hirte wird. Und die Person, die dem getöteten Tier das Leben nimmt, ist stolz. Im folgenden werden wir daher nur im ersten Fall von Jagen sprechen. Im zweiten Fall würden wir von Mord sprechen.

Beachten Sie, daß in dem Moment, in dem die Emotionen sichtbar werden, die die beiden Handlungen definieren, ebenso sichtbar wird, daß die erste Handlung das erjagte Tier zum Freund, die zweite Handlung dagegen das ermordete Tier zum Feind macht. Ich nehme an, daß der Feind mit dem Hirtenleben entstand, der Feind als derjenige, dessen Leben der Hirte nehmen will, um eine neue Ordnung zu sichern, durch die Verteidigung von etwas, das durch eben diese Handlung sein oder ihr Besitz wird. Das heißt, Hirtenleben entstand in unseren Vorfahren, als eine Familie, die davon lebte, den freien Bewegungen einer wilden Herde zu folgen, sich die Gewohnheit zu eigen machte, anderen Tieren, die sich ebenfalls von der Herde ernährten, ihren normalen Zugang zur Herde zu verweigern.

In diesem Prozeß wurde diese Gewohnheit ein Merkmal der normalen Lebensweise dieser Familie, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Darüber hinaus muß die Annahme dieser Gewohnheit in dieser Familie, als Merkmal des gleichen Prozesses, zusätzliche Veränderungen im Emotionieren mit sich gebracht haben. Die Merkmale, die mit dem Emotionieren der Inbesitznahme zur Einbeziehung anderer Emotionen führten, wie Feindschaft, die Hochschätzung der Vermehrung, die Bindung der Sexualität der Frauen an die Vermehrung, die Kontrolle der Sexualität der Frauen durch den Patriarch (die Frauen wurden zu Instrumenten der Fortpflanzung für den Patriarchen), die Hochschätzung von Hierarchie und Gehorsam, wurden zu Wesensmerkmalen des Netzwerkes der Konversationen, die die Lebensweise der Hirten ausmachten.

Durch die Generalisierung des Verstehens, die uns Menschen, wie allen Tieren mit einem zentralen Nervensystem, eigen ist, wurde das Netzwerk der Konversationen, das das pastorale patriarchale Leben begründete, zum Netzwerk der Konversationen, das das Patriarchat als Lebensweise im allgemeinen, unabhängig von aktuell gelebtem Hirtendasein, konstituierte:

a) Beziehungen der Inbesitznahme und des Ausschließens; Beziehungen von Feindschaft und Krieg, von Hierarchien und Unterordnung, von Macht und Gehorsam;

b) Beziehungen zur Natur, die von einem praktizierten Vertrauen in die spontane Harmonie allen Seins zu einem praktizierten Verlust des Vertrauens in diese Harmonie und in den Wunsch nach Beherrschung und Kontrolle überging;

c) Beziehungen zum Leben, die vom Vertrauen in die spontane Fruchtbarkeit einer sakralen Welt in der harmonischen Fülle der Übereinstimmung und des natürlichen Gleichgewichts aller Lebensformen übergingen zu ängstlicher Sorge, zur Suche nach Sicherheit, die künstlichen Reichtum bringt, den man sich durch grenzenlose Vermehrung und Wachstum verschafft; und

d) Beziehungen eines mystischen Daseins, die von der ursprünglichen Akzeptanz der Teilhabe an der Einheit des Lebens durch die Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer menschlichen Gemeinschaft, die sich ausdehnt auf die Gesamtheit alles Lebendigen, überging in den Wunsch, die Gemeinschaft des Lebendigen zu verlassen mit Hilfe der Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer kosmischen Einheit, die das Leben transzendiert und den Menschen anpaßt an eine unsichtbare kosmische Spiritualität.

Lassen Sie mich nun wieder zurückkommen auf mein Vorhaben, zu beschreiben, wie die indoeuropäische patriarchale Kultur entstanden sein kann, und wie sich unsere moderne europäische Kultur von ihr herleiten läßt. Schrittweise werde ich versuchen, die geschichtlichen Ereignisse zu rekonstruieren, die bedeutsam waren in diesem Prozeß.

Die Mitglieder einer kleinen menschlichen Gemeinschaft (einer Familie), die davon lebten, einer Herde wandernder Tiere zu folgen, verfolgten gelegentlich die Wölfe, die von der gleichen Herde lebten. Weil dieses Verjagen der Wölfe nur ein gelegentliches Ereignis war und die Wölfe nicht getötet wurden, fand keine grundlegende Veränderung im Emotionieren der Mitglieder der Gemeinschaft statt. Aber als es eine normale Praktik wurde, den Wolf zu verjagen, um zu verhindern, daß er sich von der Herde ernähre, ereignete sich eine grundlegende Veränderung im Emotionieren der Mitglieder der Gemeinschaft. Sie begannen zu leben, um die Herde zu schützen, und es entstand eine Lebensweise, die zentriert war um das Emotionieren der Inbesitznahme und der Verteidigung dessen, was in Besitz genommen worden war.

Als diese Art des Emotionierens von Generation zu Generation weitergegeben wurde, weil die Kinder der Gemeinschaft in Handlungen zu leben begannen, deren Ziel es war, dem Wolf den normalen Nahrungszugang zur Herde unmöglich zu machen, traten andere Emotionen mit in Erscheinung, die ebenfalls von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Als sich das Verjagen des Wolfes ereignete, trat, durch den Verlust des Vertrauens, das die ständige Aufmerksamkeit auf die Handlungen mit sich brachte, die notwendig waren, um die Herde zu schützen und den Wolf als Mit-Esser auszuschließen, Unsicherheit auf. Mehr noch: Als die Emotion der Unsicherheit entstand, begann Sicherheit, durch den totalen Ausschluß des Wolfs, durch seine Tötung, gelebt zu werden.

Als diese Veränderung sich im Emotionieren und Handeln ereignete, muß noch eine andere emotionale Veränderung vor sich gegangen sein, die eine weitere grundlegende Wandlung in der Lebensweise der Gemeinschaft mit sich brachte, nämlich Feindschaft, als den immer wiederkehrenden Wunsch, einen bestimmten anderen zu negieren. Und als Feindschaft entstand, entstand der Feind, und damit wurden die Instrumente der Jagd zu Waffen, denn sie wurden nun benutzt, den Wolf als einen Feind zu töten.

Doch welche Folgen haben nun die genannten Veränderungen der Lebensweise? Lassen Sie uns einen Moment darüber nachdenken. Eine Kultur, als eine Lebensweise, ist ein Netzwerk von Konversationen, das Generation für Generation bewahrt wird als der Kern konsensueller Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Handlungen und Emotionen, um den neue Handlungen und Emotionen auftreten. Wenn also diese neuen Handlungen und Emotionen beginnen, Generation für Generation bewahrt zu werden in dem Netzwerk von Konversationen, das diese Gemeinschaft bestimmt, dann hat eine kulturelle Veränderung stattgefunden.

Menschliche Handlungen und Emotionen können als solche gleich sein in vielen verschiedenen Bereichen des Seins und Tuns. Das heißt, das, was man in einem Bereich des Seins oder Tuns lernt, kann leicht auf einen anderen Bereich übertragen werden. Sobald im Hirtenleben Feindschaft und Inbesitznahme gelernt worden waren, konnten sie ebensogut in anderen Bereichen des Seins und Tuns gelebt werden, in Beziehung zu Land, Ideen oder Überzeugungen, wenn die dafür geeigneten Lebensumstände entstanden. Auch wenn Inbesitznahme und Feindschaft als männliches Emotionieren begonnen haben mag, weil es Männer waren, die als Hirten zu leben begannen, ist unter den Bedingungen, die wir diskutiert haben, dieses Emotionieren nicht auf Männer zu beschränken. Patriarchat als eine Lebensweise ist keine männliche Eigenschaft, sie ist eine kulturelle Eigenschaft, die auf gleiche Weise von Männern und Frauen gelebt werden kann.

Lassen Sie mich nun fortfahren mit der Rekonstruktion des Ursprungs des indoeuropäischen Patriarchats und damit unseres modernen europäischen Patriarchats. Als das Hirtenleben beibehalten wurde, in der Sorge um die in Besitz genommenen Tiere und deren Verteidigung gegen den Wolf, der zum Feind geworden war, ging das Vertrauen in den natürlichen Zusammenhang und die natürliche Harmonie des Seins verloren, und die Gewißheit der Verfügbarkeit des Lebensunterhalts begann zum Gegenstand der Sorge zu werden. Das Bedürfnis nach Sicherheit wurde nun durch die Vergrößerung der Herde befriedigt. In diesem Prozeß müssen drei weitere Veränderungen in der Emotionsdynamik der Lebensweise unserer Vorfahren begonnen haben und Generation für Generation bewahrt worden sein: das ständige Bedürfnis nach mehr in der endlosen Anhäufung von Dingen, die Sicherheit geben; die Hoch44

Schätzung der Vermehrung als der Art und Weise, Sicherheit z erlangen durch die Vergrößerung der Herde; und der furchtsam Blick auf den Tod als einer Quelle des Schmerzes und des totale Verlustes.

Fruchtbarkeit wurde nicht mehr als die natürliche, folgerichtig und harmonische Fülle aller Lebensformen in der spontanen| zyklischen Dynamik von Geburt und Tod erlebt, sondern mit Sicherheit in Verbindung gebracht, einer Sicherheit, die durch Vermehrung und Wachstum gegeben schien. Das innere Leben der Hirtenfamilie] muß sich demgemäß verändert haben. Die Teilhabe des Mannes bei der Vermehrung, bisher als ein Teil der Harmonie des Daseins betrachtet, wurde nun in Zusammenhang gebracht mit der Inbesitznahme der Kinder der Frauen der Familie, und hier muß es begonnen haben, daß die Sexualität der Frauen Eigentum der Männer geworden ist, die von nun an Urheberschaft an der Entstehung der Kinde; beanspruchten.

Das Ergebnis war, daß Frauen und Kinder ihre ursprünglich( Freiheit verloren und zum Besitz wurden und durch die Verbindung ihrer Sexualität mit Vermehrung wurden Frauen, wie die Weibchen der Herde, zu einer Quelle des Reichtums. Schließlich wurde, durch diese kulturelle Transformation, in der sich die Inbesitznahme des sexuellen Lebens der weiblichen Wesen durch die als Hirten lebenden Männer ereignete, zugleich mit der Inbesitznahme der Kinde] sowie der Hochschätzung der Vermehrung die Hirtenfamilie, zu] patriarchalen Familie, und der als Hirte lebende Mann wurde zum Patriarch.

Diese Verwandlung der Lebensweise einer kleinen Gruppe von Menschen, einer Familie, die einer wandernden Herde wilder Tiere gefolgt war, hin zu einer pastoralen, patriarchalen Lebensweise hatte eine fundamentale Konsequenz: die Explosion des Wachstums der Bevölkerung. In der Tat, die Hochschätzung der Vermehrung bringt Handlungen mit sich, die dem exponentiellen Wachstum der Bevölkerung Tür und Tor öffnen, denn sie richtet sich gegen alle Handlungen, die Geburten und Bevölkerungswachstum regulieren, und damit gegen die Handlungen, die die matristische Betrachtungsweise der Fruchtbarkeit, als den systemischen Zusammenhang aller lebenden Wesen in ständigem Kreisen von Leben und Tod, erlaubten.

Wir dürfen nicht vergessen, daß diese kulturellen Veränderungen als Veränderungen im Netzwerk der Konversationen, das die Lebensweise der sich verändernden Familie bestimmte, Veränderungen im Emotionieren und in den Handlungskoordinationen verursachten, die sich ursprünglich in der Harmonie des täglichen Lebens ereignet haben müssen. Sie müssen sich als allmähliche Wandlung der gewohnten Lebensweise ereignet haben, an der alle Mitglieder der Familie auf selbstverständliche Weise beteiligt waren. So muß, als die Frauen und Kinder gemeinsam mit den Männern patriarchal wurden, im Prozeß der Annahme des Hirtenlebens, die Biologie der Liebe unverändert die Basis des Zusammenlebens als einer sich verändernden Familie geblieben sein, in einem Vorgang, in dem Männer und Frauen nicht in einer wesensmäßigen Opposition lebten, und die Kinder müssen in der Annahme und dem Vertrauen einer unreflektierten Mutter-Kind-Beziehung herangewachsen sein.

Die Männer hegten keine Zweifel gegenüber den Frauen und Kindern ihrer Familien, und die Frauen und Kinder hegten keine Zweifel gegenüber den Männern. Ihre Beziehungen waren nicht belastet von grundsätzlichen Widersprüchen, und die fundamentalen Veränderungen, die sich in der Transformation, die die patriarchale Hirtenfamilie hervorbrachte, ereignet haben müssen, müssen sich als ein Prozeß abgespielt haben, der nicht wahrnehmbar war. Mit anderen Worten: Die Veränderung im Emotionieren der Familie, im Hinblick auf die Mobilität und die Autonomie der Frauen und Kinder, die in der entstehenden patriarchalen Hirtenfamilie stattfand, wurde innerhalb der Familie nicht sichtbar, denn Männer, Frauen und Kinder wurden patriarchal in diesem Prozeß, ohne Konflikt untereinander.

Das Leben der Kinder veränderte sich von der Kindheit hin zum Erwachsensein in einem Vorgang, in dem das Emotionieren des Erwachsenenlebens das Emotionieren des Lebens des Kindes negierte, aber die Veränderung fand nicht auf dem Hintergrund der Ablehnung der Frau durch den Mann statt und wurde innerhalb der patriarchalen Hirtenfamilie ganz unschuldig als eine reine Transformation gelebt.

Wir müssen verstehen, daß sich diese Veränderungen im Emotionieren und Handeln im einfachen Fließen des täglichen Lebens ereigneten, ohne Reflexion und Absicht, auch wenn sich durch sie die Lebensweise der patriarchalen Hirtenfamilie völlig umgestaltete, verglichen mit der ursprünglich matristischen Lebensweise. Als der Mann begann im alltäglichen Prozeß die Herde zu 46

schützen, als er lernte, die Herde zu schützen, indem er den Wolf tötete, lernten die Frauen und die Kinder mit, und auch sie nahmen teil an der Etablierung der neuen Lebensweise, an der Feindschaft gegenüber dem Wolf und der Inbesitznahme der Herde.

In diesem Prozeß wurden Inbesitznahme und Feindschaft, Verteidigung und Aggression Teile der neuen Lebensweise, die über die Generationen dieser Gemeinschaft hinweg bewahrt wurden. Dieses Emotionieren muß Abgrenzungshandlungen mit sich gebracht haben, die diese Gemeinschaft zeitweise oder andauernd von anderen Gemeinschaften trennten, wenn jene nicht bereit waren, das neue Emotionieren und Handeln zu lernen und zu übernehmen. Da, wie ich oben gesagt habe, emotionales Lernen übertragbar ist, kann Feindschaft und Inbesitznahme, einmal gelernt, in einem ganz bestimmten Erfahrungsbereich, auch in anderen Erfahrungsbereichen gelebt werden.

Nachdem also Feindschaft und Inbesitznahme Merkmale der Lebensweise zum Schutz der Herde geworden waren, wurden sie auch Teil anderer Merkmale dieser Lebensweise, auch Ideen, Rechte und Überzeugungen konnten in Besitz genommen werden, und so wurden Fanatismus, Gier und Krieg möglich. Außerdem wuchsen die Gelegenheiten zur Feindschaft und zur Verteidigung des eigenen Besitzes, da das Wachstum der Bevölkerung und die dadurch erzwungenen Völkerwanderungen Menschengruppen aufeinanderstoßen ließen, die unterschiedliche Überzeugungssysteme entwickelt hatten, die sie, wenn sie patriarchale Hirten waren, nur allzu bereit waren zu verteidigen, mystische Überzeugungen zum Beispiel.

Wir menschliche Wesen können im einen oder anderen Moment unseres Lebens eine besondere Erfahrung machen, die wir als plötzliche Bewußtheit unserer Verbundenheit mit und unserer Teilhabe an einem umfassenderen Existenzbereich als dem unserer gewohnten, unmittelbaren Umgebung erleben. Diese besondere, über das eigene Leben hinausgehende Erfahrung umfassender Verbundenheit und Zugehörigkeit ist gemeint, wenn in den verschiedenen Kulturen von einer mystischen oder spirituellen Erfahrung gesprochen wird. Die mystische Erfahrung, ich wiederhole, diese Erfahrung, in der man sich selbst als einen integralen Bestandteil eines umfassenderen Beziehungsbereiches erlebt, kann sich in uns entweder spontan ereignen, wenn bestimmte innere und äußere Bedingungen auf natürliche Weise erfüllt sind im Laufe unseres Lebens, oder als das Ergebnis absichtsvoller Ausübung bestimmter Praktiken, die diese Bedingungen künstlich schaffen.

In beiden Fällen hängt jedoch die Art, in der die mystische Erfahrung gelebt wird, von der Kultur ab, in der sie sich ereignet, das heißt, sie hängt ab von dem Netzwerk der Konversationen, in dem die Person, die die mystische Erfahrung hat, lebt, in das sie eingebunden ist. Ich bin deshalb der Meinung, daß in der matristischen Ackerbauer- und Sammlerkultur des präpatriarchalen Europa die mystischen Erfahrungen als Erfahrungen der Gemeinschaft und der systemischen Integration in dem Netzwerk allen Lebens gelebt worden sein müssen. "Die Gemeinschaft und ich, die Welt alles Lebendigen und ich, sind eins, wir alle gehören zum gleichen Reich ineinanderverwobenen Seins ... wir alle kommen von der gleichen Mutter- und wir sind sie, weil wir eins mit ihr sind in der zyklischen Dynamik von Geburt und Tod", könnte eine Beschreibung mystischer Erfahrung in diesen matristischen Menschen gewesen sein.

Teilen und Teilhabe an der Harmonie des Zusammenlebens durch die Gleichheit und Gleichartigkeit aller lebenden Wesen, unabhängig davon, was auch ihre besonderen individuellen Unterschiede in den ständig wiederkehrenden Zyklen der Erneuerung des Lebens sein mögen, müssen die vorherrschenden Beziehungselemente der matristischen mystischen Erfahrung gewesen sein. Ich glaube, daß die mystische Erfahrung der matristischen präpatriarchalen europäischen Menschen diese Charakteristika gehabt haben muß, denn die sammelnden und ackerbebauenden Menschen haben kaum je die völlige Trennung von der sie tragenden und unterstützenden Gemeinschaft erfahren, zu der sie gehörten, oder von ihrer Verbundenheit mit einer harmonischen, unterhaltsspendenden Natur. Mit anderen Worten, die mystische Erfahrung der matristischen präpatriarchalen europäischen Menschen muß in dem Verbundensein mit der Konkretheit des täglichen Lebens bestanden haben, und als solche muß sie die Offenheit, das Sichtbare zu sehen, beinhaltet haben. Matristische "Spiritualität" ist deshalb konstitutiv irdisch. Mit der patriarchalen Hirtenkultur muß sich das verändert haben.

Da das fundamentale Emotionieren, das das Netzwerk der Konversationen der patriarchalen Hirtenkultur ausmacht, um Inbesitznahme, Verteidigung, Feindschaft, Kontrolle, Autorität und Gehor sam zentriert ist, muß die mystische Erfahrung unserer frühen 48

indoeuropäischen Vorfahren sehr verschieden gewesen sein von der mystischen Erfahrung der europäischen präpatriarchalen matristischen Kultur, die ich zu beschreiben versucht habe. Der Hirte muß viele Nächte und Tage während des Sommers entfernt von der tragenden Begleitung seiner ihn unterstützenden Gemeinschaft verbracht haben, um seine Herde zu schützen und sie auf gute Weidegründe in den Bergtälern zu führen. Einsam fand er sich der Unermeßlichkeit des Sternenhimmels und der überwältigenden Mächtigkeit der Berge gegenüber und muß, gleichzeitig bezaubert und erschreckt, viele unerwartete elektrische Lichtphänomene beobachtet haben, die sich in den Bergen nicht nur an stürmischen Tagen ereignen.

Ich denke, daß ein Hirte, dem unter diesen Umständen eine spontane mystische Erfahrung widerfuhr, diese als Zugehörigkeit zu und Verbundenheit mit einem kosmischen Reich gelebt haben muß, einem Reich von drohender Macht und gebieterischer Stärke, voller Feindschaft und Freundschaft zugleich, beides, schön und gefährlich, ein kosmisches Reich, in dem man nur existieren konnte, wenn man sich unterwarf und gehorchte. "Der Kosmos und ich sind eins, ungeachtet meiner unendlichen Kleinheit, und ich unterwerfe mich der Macht dieser Totalität, gehorche ihren Forderungen, wie ich mich der Autorität des Patriarchen unterwerfe", könnte eine Beschreibung der mystischen Erfahrung sein, die unser imaginärer Hirte in der ungeschützten Einsamkeit der Bergwelt erlebte.

Ich denke also, daß, während in der präpatriarchalen matristischen Kultur Europas der Mensch, der eine mystische Erfahrung hatte, durch sie und in ihr verbunden blieb mit dem angenehmen, greifbaren Bereich des täglichen Lebens, der Hirte, der in der patriarchalen Hirtenkultur eine mystische Erfahrung hatte, in der Bergeinsamkeit, eine Wandlung durchlebt haben muß, die ihn durch diese Erfahrung mit einem ungreifbaren Reich der Unermeßlichkeit, der Macht, der Furcht und des Gehorsams verband.

Ich denke weiter, daß, während der Mensch, der in der matristischen Kultur des präpatriarchalen Europas eine mystische Erfahrung hatte, Folgerichtigkeit in der Harmonie einer sich ständig erneuernden Dynamik von Geburt und Tod erlebte, der Hirte, der in der patriarchalen Hirtenkultur eine mystische Erfahrung hatte, Unterwerfung und Faszination angesichts einer bedrohlichen Macht erlebt haben muß, einer Macht, die Leben und Tod durch Bewahrung und Zerstörung einer prekären, auf Gehorsam gegründeten Ordnung bewirkt.

Die mystische Erfahrung in der patriarchalen Hirtenkultur muß eine Erfahrung der Verbundenheit mit dem abstrakten Bereich einer transzendentalen Existenz gewesen sein, die völlig verschieden war vom Bereich des täglichen Lebens, und so muß sie die Gelegenheit geschaffen haben, das Unsichtbare zu sehen. Das, was der Hirte erzählte, als er, durch seine spontane mystische Erfahrung verwandelt, von den Bergen zurückkam, muß von der Gemeinschaft gleichzeitig mit Bewunderung und Furcht aufgenommen worden sein, denn diese Gemeinde verstand seine Rede von Autorität und Unterordnung, Macht und Gehorsam, Feindschaft und Freundschaft, Forderung und Kontrolle aufgrund ganz persönlicher Erfahrungen und konnte verführt werden durch ihre Herrlichkeit. Wenn er mit genügend Leidenschaftlichkeit begabt war, konnte ein Hirte nach einer mystischen Erfahrung zum mystischen Führer werden.

Ich fasse zusammen: In der nichtpatriarchalen matristischen Kultur des alten Europa muß die mystische Erfahrung als eine Erfahrung freudvoller Zugehörigkeit zu einem umfassenden Netz werk zyklischen Daseins, das den Fluß von Geburt und Tod allen Lebens in sich schloß, gelebt worden sein, und sie muß das Selbstvertrauen und die Würde des gegenseitigen Vertrauens und der gegenseitigen Annahme mit sich gebracht haben. Im Gegensatz dazu muß die mystische Erfahrung in der patriarchalen Hirtenkultur als Zugehörigkeit zu dem faszinierenden, furchtauslösenden kosmischen Bereich einer unberechenbaren, unsichtbaren Autorität gelebt worden sein, und die Forderung totaler Selbstverneinung und Unterwerfung mit sich gebracht haben, wie sie dem einseitigen Feindschafts- und Freundschaftsbezug jeder absoluten Autorität gegenüber eigen ist. Mit anderen Worten, während die patriarchale Mystik zu Selbstverneinung und Unterwerfung führt, und so unweigerlich fordernd, prophetisch und missionarisch wird, beinhaltet matristische Mystik Liebe und Selbstrespekt und ist deshalb annehmend, nicht fordernd, nicht prophetisch und nicht missionarisch.

Ich möchte nun einen kurzen physiologischen Exkurs einfügen. Das Nervensystem ist ein geschlossenes neuronales Netzwerk, das eine plastische Struktur hat, deren Veränderungen von den Interaktionssequenzen des Organismus, den es integriert, abhängig sind (Maturana 1983). Die Operationen des Nervensystems eines Lebewesens sind daher notwendig immer eine Funktion seiner Lebensgeschichte. Das Nervensystem verkörpert deshalb in all seinen Operationen die Lebensgeschichte des Individuums, das es integriert. Für uns Menschen bedeutet diese Beziehung zwischen der Lebensgeschichte eines Lebewesens und der Struktur seines Nervensystems, daß unser Nervensystem, unabhängig davon, ob wir wachen oder schlafen, in allen Erfahrungen, die wir leben, notwendig in seinem Operieren die Kultur verkörpert, zu der wir gehören. Mit anderen Worten: Die Werte, Bilder, Ängste, Bestrebungen und Ziele, Hoffnungen oder Wünsche, die ein Mensch in jeder Erfahrung, ob wach oder im Traum lebt, in gewöhnlichen oder mystischen Erfahrungen, sind notwendig die Werte, Bilder, Ängste, Bestrebungen und Ziele, Hoffnungen oder Wünsche seiner Kultur mit Variationen, die aufgrund der individuellen Geschichte des persönlichen Lebens entstanden sind.

Aufgrund dieser Beziehung zwischen dem Operieren des Nervensystems eines Menschen und der Kultur, zu der er gehört, behaupte ich, daß die Menschen der europäischen matristischen, und die Menschen der patriarchalen Hirtenkultur verschiedene mystische Erfahrungen gehabt haben müssen und daß die mystischen Erfahrungen in beiden Kulturen verschieden sein mußten, weil die mystischen Erfahrungen jeweils das Emotionieren der Kultur, in der sie entstehen, verkörpern. Ich schlage diese Rekonstruktion des Ursprungs unserer patriarchalen Kultur vor, weil ich mir dessen bewußt geworden bin, daß alle menschlichen Erfahrungen, mystische Erfahrungen inbegriffen, eingebettet sind in das Netzwerk der Konversationen, die die Kultur bestimmen, in der sie entstehen, und daß sie das Emotionieren der entsprechenden Kultur verkörpern. Außerdem gehe ich davon aus, daß das Emotionieren einer Kultur ihre Eigenart ausmacht. Deshalb ist die Rekonstruktion dessen, was die mystischen Erfahrungen unserer europäischen matristischen, bzw. unserer als Hirten lebenden, indoeuropäischen patriarchalen Vorfahren bestimmt haben mag, gleichzusetzen mit der Rekonstruktion des Emotionierens dieser beiden Kulturen. Ich bin der Meinung, daß diese Rekonstruktion sowohl die matristischen als auch die patriarchalen Elemente des Emotionierens in unserer modernen europäischen patriarchalen Kultur umfaßt.

Lassen Sie uns fortfahren. Als die patriarchale Lebensweise der Hirten entstand, erweiterte sich die Familie oder Gemeinschaft, in der diese Lebensweise von Generation zu Generation weitergegeben wurde, einerseits dadurch, daß sie andere Familien dazu brachte, auf die gleiche Weise zu leben, und andererseits durch ungehemmte Vermehrung. Das ungezügelte Wachstum der Bevölkerung führte zu einem entsprechenden Wachstum der Herden, zum Mißbrauch der Weidegründe, zur Ausweitung der eigenen Territorien und mußte schließlich zu Konflikten führen, wenn Gemeinschaften aufeinander trafen, unabhängig davon, ob diese auch auf Inbesitznahme und Feindschaft ausgerichtet waren oder nicht. Krieg, Piraterie, Unterdrückung und Sklaverei müssen damit begonnen haben, ebenso wie weitreichende Völkerwanderungen auf der Suche nach neuen natürlichen Reichtümern, die in Besitz genommen werden konnten.

Unter diesen Umständen müssen unsere indoeuropäischen Vorfahren in einem Ansturm von Eroberung, Piraterie und Beherrschung nach Europa gekommen sein. Wenn Inbesitznahme legitim ist, wenn Feindschaft Teil des Emotionierens der Kultur ist, wenn Autorität, Beherrschung und Kontrolle Eigenschaften der Lebensweise einer menschlichen Gemeinschaft sind, dann ist Piraterie möglich, ja sogar natürlich. Wenn Inbesitznahme Teil der natürlichen Lebensweise ist, dann kann alles in Besitz genommen werden, Männer, Frauen, Tiere, Dinge, Länder, Ideen, Überzeugungen ...; und alles kann gewaltsam in Besitz genommen werden, wenn das dazu nötige Emotionieren vorhanden ist, in der gleichen Weise, in der der Wolf ursprünglich ausgeschlossen wurde von seinem legitimen Nahrungszugang zur Herde.

Als die Indoeuropäer Europa eroberten, brachten sie Krieg, aber sie brachten nicht nur Krieg mit sich, sondern eine total andersartige Welt als die, die sie vorfanden. Die patriarchalen Hirtenmenschen waren Eigentümer von Besitztümern und verteidigten ihren Besitz. Sie waren hierarchisch, forderten Gehorsam und Unterwerfung, gaben der Vermehrung einen hohen Stellenwert und kontrollierten die Sexualität der Frauen. Die europäischen matristischen Menschen kannten nichts dieser Art. Die patriarchalen indoeuropäischen Hirtenvölker trafen in ihrer Begegnung mit den europäischen matristischen Menschen, in jeder Hinsicht, materiell und spirituell auf ihr genaues kulturelles Gegenteil. Außerdem müssen sie als patriarchale Hirtenmenschen diesen kulturellen Gegensatz als eine Bedrohung, eine Gefahr für ihre eigene Existenz und Identität erlebt haben. Und auf die gleiche Art und Weise, in der sie durch die Inbesitznahme der Herde ihre Beziehung zum Wolf geregelt hatten, muß ihre Reaktion die Verteidigung der eigenen Kultur gewesen sein durch die Ablehnung des anderen, entweder durch totale Kontrolle und Beherrschung oder durch totale Zerstörung.

Vorstellungen von Eigentumsrechten und die Verteidigung der eigenen, "rechtmäßigen" Besitztümer schaffen - wenn es sich um Ideen oder Überzeugungen handelt - Grenzen, die das Richtige vom Falschen trennen, das Legitime vom Illegitimen und das Akzeptable vom Inakzeptablen. Außerdem: Wenn wir unser Leben in Inbesitznahme zentrieren, dann leben wir unsere Ideen und unsere Überzeugungen so, als wären sie unsere Identität. Daß das in der Tat geschieht, wird dadurch deutlich, daß wir moderne europäische patriarchale Menschen jeden Widerspruch oder jeden Mangel an Übereinstimmung mit unseren Ideen und Überzeugungen als eine Bedrohung und Gefahr erleben, die die Grundlagen unserer eigenen Existenz in Frage stellt. Als die indoeuropäischen patriarchalen Hirtenmenschen der europäischen matristischen Kultur begegnet sind, müssen sie das total anders geartete Überzeugungssystem dieser Kultur als eine Bedrohung und Gefahr ihrer Identität erlebt haben, und das gilt in besonderer Weise für die mystischen Überzeugungen, die die Grundlage sind für die Erfahrungen, die dem menschlichen Leben Sinn verleihen.

Als in dem Aufeinandertreffen der patriarchalen Hirtenmenschen und der europäischen matristischen Menschen die patriarchalen Menschen ihre patriarchalen mystischen Überzeugungen zu verteidigen und den matristischen Menschen aufzuzwingen begannen, wurde zwischen beiden Systemen mystischer Überzeugungen eine Grenze der Rechtmäßigkeit errichtet, und so wurden beide Systeme mystischer Überzeugungen zu Religionen. Eine Religion ist ein geschlossenes System mystischer Überzeugungen, das von den Gläubigen als das einzig wahre und richtige verteidigt wird. Vor ihrem gewaltsamen Zusammenstoß mit patriarchaler Lebensweise, das heißt vor der Eroberung durch die patriarchalen indoeuropäischen Hirtenvölker, lebten die matristischen Menschen nicht in einer Religion, denn sie lebten nicht in Inbesitznahme und der Verteidigung von Eigentum.

Lassen Sie uns darüber einen Moment nachdenken. Die matristischen Menschen hatten mystische Überzeugungen, die sich auf Erfahrungen gründeten, in denen sich das Verständnis ihrer Verbundenheit mit allem Sein offenbarte und zum Ausdruck kam. Dieses Verständnis verkörperten sie durch eine Göttin, die die dynamische Folgerichtigkeit und Harmonie allen Seins in einem unendlichen Netzwerk von Zyklen von Geburt und Tod ins Bewußtsein rief. Die patriarchalen Hirtenvölker hatten im Gegensatz dazu, so denke ich, mystische Überzeugungen, die sich auf mystische Erfahrungen gründeten, die sie lebten als eine Erinnerung von Wesen, die ihre Eingebundenheit in ein kosmisches Netzwerk, beherrscht von mächtigen willkürlichen Wesenheiten, erlebt hatten, von Wesenheiten, die ihren Willen durch die Setzung schöpferischer Akte zum Ausdruck brachten, die jede vorher existierende Ordnung gewaltsam außer Kraft setzen konnten.

Die patriarchalen Hirtenmenschen drückten das Verständnis ihrer kosmischen Beziehungen durch Götter aus, durch kosmische Wesenheiten, die Furcht gebieten und Gehorsam fordern. In ihrem eigenen mystischen Bereich hatten die patriarchalen Menschen nichts zu verteidigen, und so auch nichts aufzuzwingen, denn jede ihrer Überzeugungen war natürlich und selbstverständlich. Gott, als eine eigenmächtige kosmische Wesenheit, war selbstverständlich in seiner Unsichtbarkeit und so im eigentlichen Sinne ein Geistwesen. Aufgrund der Art und Weise, in der er in den Bergen entstanden sein muß, wo er seine überwältigende Macht als kosmischer Patriarch zeigte, war das ganz natürlich.

Die mystischen Anschauungen der europäischen matristischen Menschen waren irdischer Natur und den patriarchalen somit diametral entgegengesetzt. Das Leben der matristischen Menschen war aufgehoben in der harmonischen Dynamik von Geburt und Tod im harmonischen Zusammenhang alles Lebendigen. Nichts war zu fürchten für sie, denn sie bewegten sich in der Übereinstimmung mit allem Sein. Für sie gab es keine willkürlichen Mächte, die Gehorsam forderten. In ihrem Bewußtsein konnte nur der Mensch, durch Unachtsamkeit und Blindheit, den Fluß der natürlichen Harmonie stören und unterbrechen. Die Göttin war keine Macht oder Autorität und konnte es nicht gewesen sein, weil die matristischen Menschen nicht um Autorität, Beherrschung und Kontrolle zentriert waren.

Die Göttin rief das Bewußtsein natürlicher Harmonie wach. Ihre Bilder sowie die Rituale, in denen diese Bilder benutzt wurden, waren ununterbrochene Vergegenwärtigungen des harmonischen Zusammenhangs allen Seins, in rituellen Formen, die es beiden, Männern und Frauen, möglich machten, das eigene Bewußtsein immer wieder neu auf diese Harmonie einzustellen. Die europäischen matristischen Menschen hatten nichts zu verteidigen, denn sie lebten im Bewußtsein der Harmonie der Verschiedenheiten und vor allem: Sie lebten nicht in Inbesitznahme.

Ich fasse zusammen: Als die indoeuropäischen patriarchalen Hirtenvölker nach Europa eindrangen, befanden ihre Patriarchen, daß sie die Überzeugungen der matristischen Völker nicht akzeptieren konnten, weil diese Überzeugungen den mystischen Fundamenten ihrer eigenen Existenz vollkommen entgegengesetzt waren. So beschlossen sie, ihre eigenen Überzeugungen auf die einzige Art, die sie kannten, zu verteidigen, nämlich durch die Ablehnung der anderen Überzeugungssysteme und der Menschen, die an ihnen festhielten, die sie dadurch zu ihren Feinden machten.

In diesem Prozeß der Verteidigung ihrer mystischen Überzeugungen errichteten die indoeuropäischen Patriarchen eine Grenze der Ablehnung und schufen die Unterscheidung zwischen dem, was von nun an legitim und illegitim war, zwischen wahren und falschen Überzeugungen. Sie realisierten die Praxis der Ausschließung und Ablehnung. Durch diese Praxis vollzogen sie die Handlungen, die Religionen als kulturelle Bereiche der Inbesitznahme und Aneignung des Willens und der Seelen der Mitglieder einer Gemeinschaft konstituieren, also durch die Verteidigung der Wahrheit oder der wahren Überzeugungen.

Lassen Sie uns, bevor wir weitergehen, noch etwas nachdenken über das Mystische und das Religiöse.

Eine mystische oder spirituelle Erfahrung, wie wir heute sagen, ist eine persönliche Erfahrung der Zugehörigkeit zu oder Verbundenheit mit einem umfassenderen Bereich des Seins als dem der unmittelbaren Lebensumstände, und als solche nicht übertragbar. Die Erzählung einer mystischen Erfahrung vor einer eingestimmten Zuhörerschaft kann mitreißend sein, und wenn sich solch eine mitreißende Verführung ereignet, können viele der Zuhörer verwandelt werden, auch wenn die mystische Erfahrung selbst nicht übertragen werden kann. Die Zuhörer akzeptieren dann den Kern der erklärenden Überzeugungen der Erzählung und so kann eine Gemeinschaft von Gläubigen entstehen.

Wenn es geschieht, daß der Kern der Überzeugungen von den Mitgliedern einer Gemeinschaft übernommen wird, sind sie keine Religion - wie komplex und reich diese Überzeugungen auch immer sein mögen - solange die Mitglieder der Gemeinschaft nicht behaupten, daß diese Überzeugungen universelle Wahrheiten verkörpern und ins Bewußtsein rufen, die sie dann für sich in Anspruch nehmen und besitzen durch die Negation anderer Überzeugungen, die auf andere mystische oder spirituelle Erfahrungen gegründet sind. Die Inbesitznahme einer mystischen oder spirituellen Wahrheit ist das Anzeichen für die Geburt einer Religion und setzt ein Emotionieren und eine Lebensweise voraus, die nicht gegenwärtig waren in der matristischen europäischen Kultur.

Unsere europäische patriarchale Kultur verwechselt Religion mit Spiritualität. In unserer europäischen patriarchalen Kultur sprechen wir oft von einer religiösen Erfahrung, wenn wir eine mystische Erfahrung meinen. Ich gehe davon aus, daß diese Verwechslung die Tatsache verdunkelt, daß eine Religion nicht existieren kann, ohne die Inbesitznahme von Ideen und Überzeugungen. Diese Verwechslung erlaubt uns auch nicht, das Emotionieren wahrzunehmen, das nötig ist, um eine Religion einzusetzen.

Das Aufkommen religiösen Denkens durch die Verteidigung dessen, was "wahr" ist, und die Unwirksammachung dessen, was "falsch" ist, hat uns blind gemacht für die emotionalen Beweggründe unserer Handlungen und dadurch für unsere eigene Verantwortung unseren Handlungen gegenüber. Das Aufkommen des religiösen Denkens hindert uns daran, zu sehen, daß die Geschichte der Menschheit dem Weg des menschlichen Emotionierens folgt und nicht materiellen Möglichkeiten oder der Verfügbarkeit von Naturschätzen, denn es hindert uns daran zu sehen, daß es unsere Wünsche und Vorlieben sind, die bestimmen, was als Wahrheit gelebt wird oder als Notwendigkeit, als Vorteil oder Tatbestand gesehen wird.

Lassen Sie mich nun einen Vergleich ziehen zwischen den definierenden Konversationen der patriarchalen Hirten- und der europäischen matristischen Kultur:

TABELLE

p: Konversationen der patriarchalen Hirtenkultur, in denen

m: Konversationen der europäischen matristischen Kultur, in denen

p: Inbesitznahme erscheint

m: Teilnahme erscheint

p: Fruchtbarkeit in einem Prozeß ununterbrochenen Wachstums mit Vermehrung gleichgesetzt wird

m: Fruchtbarkeit im Einklang mit der harmonischen Fülle alles Lebendigen in einem folgerichtigen Netzwerk zyklischer Übergänge von Geburten und Tod gelebt wird

p: die Sexualität der Frauen in Verbindung mit Vermehrung unter der Kontrolle des Patriarchen gesehen wird

m: die Sexualität der Frauen unverzweckt, das heißt auch unabhängig von Vermehrung, als Eigenverantwortung der Frau gelebt wird.

p: die Hochschätzung der Vermehrung und der Abscheu gegenüber jeder Absicht oder Handlung der Geburtenkontrolle oder der Regelung des Bevölkerungswachstums erscheinen

m: Achtung der Fortpflanzung gegenüber und die Akzeptanz und der Gebrauch von Begriffen und Handlungen der Geburtenkontrolle und der Regelung des Bevölkerungswachstums in Erscheinung treten

p: die Hochschätzung des Krieges, der Konkurrenzhaltung und des Wettbewerbs zum Ausdruck kommt

m: Zusammenarbeit und Partnerschaft hoch bewertet werden

p: das Mystische bezogen wird auf eine transzendente Autorität, die Gehorsam und Unterwerfung verlangt

m: das Mystische als die unmittelbare Harmonie allen Seins in einem ununterbrochenen folgerichtigen zyklischen Ineinanderübergehen von Leben und Tod erlebt wird.

p: Götter als willkürlich herrschende Autoritäten erscheinen, die Unterwerfung und totalen Gehorsam fordern

m: Göttinnen erscheinen als Erweckerinnen des Bewußtseins der Harmonie allen Seins, in dem alles was ist, richtig ist, so wie es ist

p: lineares Denken und der Zwang zur Unterordnung von allem, was abweicht und andersartig ist, unter die herrschende Gewalt gerechtfertigt werden

m: systemisches Denken und die Einladung zur Reflexion im Hinblick auf das Abweichende und Andersartige geübt werden

p: die zwischenmenschlichen Beziehungen hauptsächlich auf Autorität, Gehorsam und Kontrolle gegründet sind

m: die zwischenmenschlichen Beziehungen hauptsächlich auf Übereinkunft, Zusammenarbeit und gemeinsame Inspiration, gemeinsames Wünschen gegründet sind

p: deutlich wird, daß patriarchale Männer, Frauen und Kinder auf natürliche Weise patriarchal werden.

m: deutlich wird, daß matristische Männer, Frauen und Kinder auf natürliche Weise matristisch werden

p: kein prinzipieller Gegensatz zwischen Mann und Frau aufscheint

m: kein prinzipieller Gegensatz zwischen Mann und Frau aufscheint

Unsere europäische patriarchale Lebensweise entstand durch das Zusammentreffen der patriarchalen Hirtenkultur mit der europäischen matristischen Kultur. Unsere europäische patriarchale Lebensweise ist das Ergebnis patriarchaler Beherrschung, die direkt ausgerichtet war auf die totale Auslöschung von allem, was matristisch war, durch Zerstörungshandlungen, die nur durch die Biologie der Liebe gemäßigt worden sein müssen. Wenn wir uns ein Bild machen wollen, wie das tatsächlich vor sich ging, brauchen wir nur die Geschichte der Eroberung des matristischen Palästina durch die patriarchalen Hebräer zu lesen, die in der Bibel erzählt wird.

Wie auch immer, die matristische Kultur wurde nicht völlig ausgelöscht. Sie zog sich noch hin, hie und da, in kulturellen Nischen. Im besonderen blieb sie in den Beziehungen der Frauen untereinander im Verborgenen erhalten und tauchte unter in die Intimität der Mutter-Kind-Beziehung bis hin zu dem Moment, in dem vom Kind gefordert wurde, ins Erwachsenenleben einzutreten, das völlig von patriarchalen Konversationen geprägt ist. Die Männer der eindringenden patriarchalen Hirtenvölker zerstörten alles in einem Ansturm von Piraterie und Unterwerfung, und sie nahmen, nachdem sie die matristischen Männer getötet hatten, die matristischen Frauen in Besitz. Die matristischen Frauen haben sich nicht freiwillig und nie völlig unterworfen, und ein Widerstand entstand in der Mann-Frau- Beziehung, der in keiner der beiden ursprünglichen Kulturen vorhanden war.

In diesem Prozeß kämpfte der patriarchale Mann darum, sich die matristische Frau, die er sich angeeignet hatte, zu unterwerfen. Die matristische Frau rang ihrerseits darum, sich ihre matristische Identität zu bewahren und leistete Widerstand. Sie gab nur nach, um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder zu schützen, vergaß aber nie, daß sie ursprünglich frei war. Das in diesen Konflikt hineingeborene Kind war teilnehmender Zeuge des Konfliktes und lebte in dem Widerspruch, der aus diesem Konflikt hervorging, in einem unaufhörlichen Kampf zwischen Mann und Frau, der schließlich dahin führte, daß er als ein prinzipieller, ja sogar als ein psychischer Gegensatz zwischen der männlichen und der weiblichen Persönlichkeit gelebt wurde.

Inmitten dieses Kampfes wurde der patriarchale Mann, der die Mutter besaß, der Vater des Kindes, eine Autorität, die Liebe verneinte und sie gleichzeitig forderte, ein nahes und zugleich fernes Wesen, das gleichzeitig ein Freund und ein Feind war, in einem Prozeß, in dem Männlichkeit mit Stärke und Beherrschung und Weiblichkeit mit Schwäche und Unterwerfung gleichgesetzt wurden. Die einzige Zuflucht der Frauen, unter diesen Umständen der Unmöglichkeit der besitzergreifenden Kontrolle und Beherrschung des patriarchalen Mannes zu entgehen, war, ihre matristische Kultur in der Beziehung zu ihren Kindern zu bewahren, insbesondere in der Beziehung zu ihren Töchtern, die nicht, wie ihre Söhne, eine autonome Zukunft im Erwachsenenleben vor sich hatten. Die Kinder der neu entstehenden europäischen patriarchalen Kultur lebten ein Leben, das einen fundamentalen Widerspruch mit sich brachte, weil sie einige Jahre in einer matristischen Gemeinschaft heranwuchsen, um dann in eine patriarchale Gemeinschaft einzutreten.

Wir stehen immer noch in diesem Widerspruch, wie ich in einem früheren Abschnitt gesagt habe. Er ist eine Quelle des Leidens, dessen Ursprung wir nicht sehen. In Mythen und Märchen wird die Quelle unseres Leidens erkannt. Manchmal wird dieser Widerspruch wahrgenommen und von einem patriarchalen Standpunkt aus fehlinterpretiert als ein wesensmäßig begründeter Kampf zwischen Kind und Vater, wie in der Freudschen Vorstellung vom Ödipuskomplex, oder er wird als ein Ausdruck einer biologisch begründeten Disharmonie zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen gesehen.

Im ersten Fall wird der verständliche Zorn des Kindes einem Vater gegenüber, der die Mutter mißbraucht, dadurch verdunkelt, daß er als Ausdruck einer angeblich biologisch begründeten Konkurrenz des Vaters und des Kindes um die Liebe der Mutter verstanden wird. In der ungestörten matristischen Mutter-Kind-Beziehung zweifelt das Kind nie an der Liebe seiner Mutter, noch erlaubt die Mutter irgendeine Konkurrenz zwischen ihrem Mann und ihrem Kind um ihre Liebe, denn diese Beziehungen finden für sie in völlig verschiedenen Bereichen statt, und der Mann weiß, daß sie mit Kindern kommt, und daß seine Beziehung mit ihr nur so lange dauern wird, solange er ihre Kinder liebt.

In dem rein patriarchalen Fall bei den patriarchalen Hirtenvölkern gibt es auch keinen Konflikt, denn der Patriarch weiß, daß er der Vater der Kinder seiner Frau ist und daß seine Frau nicht zweifelt an der Rechtmäßigkeit seiner Liebesbeziehung mit ihr und ihren Kindern, eben deshalb weil er der Patriarch ist. Die Situation des Kindes in unserer gegenwärtigen europäischen patriarchalen Kultur ist völlig verschieden, denn der grundlegende matristisch-patriarchale Kampf, in dem das Kind heranwächst, ist nicht nur ein Schöpfungsmythos, er ist ein ununterbrochen gegenwärtiger Vorgang. In der Tat, in unserer europäischen patriarchalen Kultur lebt ein Kind in der ständig gegenwärtigen Gefahr, abgelehnt zu werden durch die Vernachlässigung durch eine Mutter, die unter der permanenten Forderung lebt, ihre Aufmerksamkeit abzuwenden von ihrem Kind, um ihre volle Identität dadurch wiederzugewinnen, daß sie selbst zum Patriarch wird.

Lassen Sie mich das mit anderen Worten wiederholen. In der Geschichte unserer europäischen patriarchalen Kultur ist der Prozeß der Ablehnung der europäischen präpatriarchalen matristischen Kultur nicht bei der Trennung und Entgegensetzung von matristischer Kindheit und patriarchalem Erwachsenenleben stehengeblieben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und auf verschiedene, immer heftigere Weise findet in den einzelnen Teilen der Welt der Kampf um die totale Ablehnung, die totale Negation alles Matristischen in der frühen Kindheit statt, in einem Ansturm, der die matristischen Fundamente jeden Tag mehr erodiert, zerfrißt, die Fundamente der Entwicklung des Kindes hin zu einem sozial bewußten, sich selbst respektierenden menschlichen Wesen, das so geworden ist, durch eine spontane Mutter-Kind-Beziehung im freien Spiel in totalem gegenseitigem Vertrauen und totalem gegenseitigen Angenommensein (Verden-Zöller 1978, 1979, 1982).

Sicherlich ist das keine bewußt gewählte Entwicklung. Sie ist das Ergebnis der Ausdehnung des patriarchalen Erwachsenenlebens hinein in das Reich der Kindheit, wenn die Mutter und das Kind aufgefordert werden, gemäß den Werten und Wünschen der patriarchalen Erwachsenen zu handeln. Indem nun die Forderungen des patriarchalen Erwachsenenlebens auch der Mutter-Kind-Beziehung aufgezwungen werden, wird die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit der Mutter und des Kindes von der Gegenwart ihrer Beziehung abgezogen, und das Kind wächst heran und zweifelt immer mehr an der Liebe seiner Mutter, weil die Mutter den patriarchalen Forderungen unbewußt nachgibt und um das Kind einen Raum der Vernachlässigung entstehen läßt, in dem sich die normale menschliche Entwicklung des Kindes in Selbstrespekt und sozialem Bewußtsein verzerrt und gestört wird. Im zweiten Fall wird der Gegensatz und die Disharmonie zwischen Mann und Frau als Ausdruck des Kampfes zwischen Gut und Böse gelebt.

In der matristischen Kultur gibt es weder Gut noch Böse, denn in ihr ist kein Ding in sich selbst und alles ist das, was es ist nur in den Beziehungen, durch die es entsteht. In einer matristischen Kultur weisen unangemessene Handlungen auf menschliche Blindheit oder einen Mangel an Bewußtsein den normalen Zusammenhängen des Seins gegenüber hin, eine Blindheit, die nur durch Rituale aufgehoben werden kann, die das verlorene Bewußtsein der Harmonie wiederherstellen.

In der patriarchalen Hirtenkultur verführt die Emotion der Feindschaft dazu, eine unangemessene Handlung in sich selbst als schlecht oder böse zu betrachten, und der, der sie ausgeführt hat, muß bestraft werden. In dem Zusammentreffen der patriarchalen Hirtenkultur mit der matristischen Kultur wird alles Matristische zum Bösen oder zu einer Quelle des Bösen und alles Patriarchale zum Guten oder zur Quelle des Guten. So wird weiblich sein gleichgesetzt mit wollüstig, hinterlistig, vertrauensunwürdig, launenhaft, unvernünftig, dumm, schwach und oberflächlich sein, männlich zu sein dagegen mit rein, ehrlich, vertrauenswürdig, direkt, vernünftig, intelligent, stark und tief.

Lassen Sie mich diese Entwicklung in vier Feststellungen zusammenfassen, die sich auf das beziehen, was sich heute in unserer patriarchalen Kultur ereignet.

1. Unser gegenwärtiges Leben als europäische patriarchale Menschen mit all seinen Arbeits-, Erfolgs-, Produktions- und Leistungsanforderungen stört den Aufbau einer normalen Mutter-Kind- Beziehung und damit die normale, physiologische und psychische Entwicklung des Kindes zu einem selbstbewußten, sich selbst und die anderen Menschen respektierenden menschlichen Wesen (Verden-Zöller 1978, 1979, 1982).

2. Die unzulängliche physiologische Entwicklung des heranwachsenden Kindes zeigt sich in Entwicklungsstörungen, in Schwierigkeiten, dauerhafte Liebesbeziehungen, also soziale Beziehungen, leben zu können, im Verlust des Selbstvertrauens und Selbstrespekts - und damit dem Verlust des Respekts vor dem anderen Menschen - sowie in der Entstehung verschiedener psychosomatischer Krankheiten.

3. Der Verfall des freien Spiels der Mutter-Kind-Beziehung in totalem Vertrauen und totalem Angenommenwerden, den die Zerstörung der matristischen Mutter-Kind-Beziehung mit sich bringt, führt zu einer grundlegenden Schwierigkeit im heranwachsenden Kind und schließlich im Erwachsenen, das Vertrauen und die Annehmlichkeit der gegenseitigen Annahme und des gegenseitigen Respekts zu leben, aus dem allein sich soziales Leben als stabiler Prozeß ergeben kann. Das Kind und der Erwachsene bleiben in einer endlosen Suche nach einer Beziehung gefangen, in der sich gegenseitige Annahme ereignet, einer Beziehung, die sie nicht zu erkennen, zu leben oder zu bewahren gelernt haben, selbst wenn sie ihnen einmal begegnen sollte. Das Ergebnis ist, daß das Kind und der Erwachsene befangen bleiben in einem ununterbrochenen Rückfall in patriarchale Beziehungsdynamiken. Aus Mangel an Vertrauen und Selbstrespekt erliegen sie dem Zwang, Forderungen an den anderen zu stellen, zu versuchen, ihn zu kontrollieren, und machen so den gegenseitigen Respekt und die gegenseitige Annahme unmöglich, die sie selbst so sehr wünschen.

4. Die Mann-Frau-Beziehungen und das Zusammenleben von Mann und Frau werden gelebt, als ob ein wesensmäßiger Gegensatz zwischen Mann und Frau bestünde. Das wird deutlich in unterschiedlichen Werten, Interessen und Wünschen von Männern und Frauen darin, daß Frauen als die Quelle des Bösen und Männer als die Quelle des Guten betrachtet werden.

Der Grundkonflikt unserer europäischen patriarchalen Kultur ist nicht ein Konkurrenzkonflikt des Kindes mit dem Vater um die Liebe der Mutter, wie es uns die Freudsche Vorstellung des Ödipuskomplexes glaubhaft machen will, noch ist es die wesensmäßig begründete Disharmonie zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen, die die europäische patriarchale Kultur voraussetzt. Der Zorn des Kindes, auf den die Idee des Ödipuskomplexes verweist, ist eine Reaktion darauf, daß das Kind die vielfältigen Aggressionen des Vaters gegen die Mutter mit ansehen muß. Das Kind wächst heran in diesem Zorn. Es versucht, ihn zu leugnen, denn es wird gelehrt, den Vater als die Quelle allen Wohlbefindens zu lieben, auch wenn es in seinem täglichen Leben erfahren muß, daß sowohl der praktische als auch der emotionale Bereich der väterlichen Patriarchalität die Ursache dafür sind, daß die matristischen Grundlagen seiner menschlichen Bedingung, als wohlintegriertes soziales Wesen heranzuwachsen, ständig negiert werden.

Der Gegensatz zwischen Männern und Frauen, wie wir ihn in unserer europäischen patriarchalen Kultur leben, ist das Ergebnis der endlosen Auseinandersetzungen zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, die das Kind in seiner Frühzeit in den wechselseitigen mütterlichen und väterlichen Anklagen und Beschuldigungen erlebt; in Anklagen und Beschuldigungen, die durch die widersprüchlichen patriarchalen und matristischen Konversationen unserer europäischen patriarchalen Kultur verursacht werden. Der Grundkonflikt unserer europäischen patriarchalen Kultur liegt immer noch in dem Kampf zwischen patriarchaler und matristischer Lebensweise, aus dem unsere europäische patriarchale Kultur hervorging und den wir immer noch durchleben im Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein.

Die Frauen erhalten in ihren Beziehungen untereinander und in ihren Beziehungen zu ihren Kindern eine fundamentale matristische Tradition aufrecht. Gegenseitiger Respekt und gegenseitige Annahme, Sorge um das Wohlbefinden des anderen und gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit und Teilen sind die leitenden Handlungen in diesen Beziehungen. Aber die männlichen und die weiblichen Kinder müssen patriarchal werden in ihrem Erwachsenenleben, jedes auf die Art und Weise, die die patriarchale Kultur für sein Geschlecht vorsieht. Die Jungen müssen wetteifernd, die Mädchen müssen unterwürfig werden. Die Jungen leben ein Leben ständiger Anforderungen, die die Annahme des anderen und den Respekt, der in ihren frühen, matristischen Anfängen selbstverständlich war, verleugnen. Die Mädchen leben ein Leben, in dem sie zu ständiger Unterwerfung gedrängt werden, die den Selbstrespekt und die Würde, die sie in ihrer frühen Kindheit erlangt haben, verleugnet.

Das ist die Bühne, auf der wir unser Erwachsenenleben leben in unserer europäischen patriarchalen Kultur, und auf der wir uns begegnen als Männer und Frauen, als Männer und Männer und als Frauen und Frauen; die Bühne, auf der unser Zusammenleben die meiste Zeit zum Kampf um Beherrschung wird, ganz ungeachtet des Bereiches, in dem wir zusammenleben. Dieser Kampf entsteht immer spontan und ohne bewußte Wahrnehmung. Wir lernen in der Tat, in ihm zu leben, indem wir mit unseren europäischen patriarchalen Eltern leben, so als ob er selbstverständlich wäre. Unsere Eltern beabsichtigen nicht bewußt, uns diese Lebensweise zu lehren. Wir werden von dem Strom der Konversationen des Kampfes mitgerissen, in den wir hineingeboren wurden, Konversationen des Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Mann und Frau, zwischen Ratio und Emotion, zwischen Geist und Materie, zwischen Werten und Wünschen, zwischen Mensch und Natur, zwischen Ehrgeiz und Verantwortung, zwischen Schein und Sein.

Weil wir in diesen widersprüchlichen Konversationen aufwachsen, werden wir ständig hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen nach unserer matristischen Kindheit und den Verpflichtungen unseres patriarchalen Erwachsenenlebens, und wir brauchen therapeutische Hilfe, um wieder gesunde menschliche Wesen zu werden durch die Wiederherstellung unseres Respektes für unsere Körper und unsere Emotionen, durch die Harmonisierung unserer inneren Männlichkeit und Weiblichkeit, wie man so schön sagt. Aber dieser Konflikt in unserem Heranwachsen als Kinder unserer europäischen patriarchalen Kultur ist auch die Quelle unserer Möglichkeit nachzudenken und der Falle des ununterbrochenen Kampfes und Krieges zu entrinnen, in der wir moderne Menschen durch die Patriarchalität gefangen sind.

Demokratie

Kulturen sind konstitutiv konservative Systeme. Neue Mitglieder einer Kultur entstehen, wenn Kinder in sie hineingeboren werden oder Erwachsene hinzukommen, die das Netzwerk von Konversationen, das die Kultur ausmacht, lernen, indem sie an diesen Konversationen im Verlauf ihres Lebens teilhaben als Mitglieder eben dieser Kultur, die sie lernen. Die Kinder oder Neuhinzukommenden, die an dem beschriebenen Prozeß nicht teilhaben, werden nicht Mitglieder der entsprechenden Kultur und sind ausgestoßen, ausgeschlossen oder als ortsansässige Fremde akzeptiert.

So ist eine Kultur ihrer Konstitution nach ein homöostatisches System im Hinblick auf die Konversationen, durch die sie bestimmt wird. Kulturelle Veränderung ist im allgemeinen nicht leicht, vor allem in unserer patriarchalen Kultur, die ihrer Konstitution nach ein Bereich von Konversationen ist, die gegen all jene, die direkt oder indirekt durch ihr Verhalten eine patriarchale Lebensweise ablehnen, ausgesprochen destruktive Handlungen hervorbringt und für rechtmäßig erklärt. Im Hinblick auf diesen konservativen Widerstand jeder Veränderung gegenüber ist der Ursprung der Demokratie ein bemerkenswerter Fall kultureller Veränderung. Demokratie entstand inmitten der Patriarchalität als ein plötzlicher Bruch mit den Regeln der Patriarchalität. Lassen Sie uns darüber nachdenken, wie das geschehen sein kann.

Der Ursprung der Demokratie: Mein Vorschlag

Der Konflikt zwischen einer matristischen Kindheit und einem patriarchalen Erwachsensein, in dem wir in unserer europäischen patriarchalen Kultur leben, bringt es mit sich, daß wir uns als Erwachsene unbewußt immer nach der mühelosen Würde unserer Kindheit sehnen. Dieses Sehnen bildet in uns eine immer gegenwärtige Handlungsdisposition oder einen tiefen unbewußten Wunsch, die Leichtigkeit des Zusammenlebens, die sich aus gegenseitigem Respekt ergibt, wiederzuerlangen, die Leichtigkeit des Zusammenlebens, die nicht einen ununterbrochenen Kampf um Beherrschung mit sich bringt, die Leichtigkeit des Zusammenlebens, die eine Erinnerung an das matristische Emotionieren unserer Kindheit ist.

Ich gebe zu bedenken, daß diese Sehnsucht nach gegenseitigem Respekt den emotionalen Hintergrund bildet, auf dem Demokratie in Griechenland entstand, wie ein Keil, der einen Spalt öffnet, durch den das matristische Emotionieren unserer Kindheit, das ihn treibt, an der Oberfläche unseres Erwachsenenlebens wieder auftauchen kann. Gleichzeitig gebe ich zu bedenken, daß es gerade die matristische Natur des Emotionierens ist, die Demokratie möglich macht, die auch den immer wiederkehrenden patriarchalen Widerstand gegen Demokratie auslöst.

Demokratie entstand auf dem Marktplatz der griechischen Stadtstaaten, auf der Agora, während die Bürger miteinander über die Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft sprachen, als das Ergebnis ihres Gesprächs über ihre gemeinsamen Angelegenheiten. Die griechischen Bürger waren zu dem Zeitpunkt, zu dem sich Demokratie für sie zu ereignen begann, patriarchale Menschen. Ohne Zweifel kannten sie einander von Kindheit an und behandelten einander als gleichwertig. Ohne Zweifel kannten sie alle die Angelegenheiten der Gemeinschaft und waren persönlich mit ihnen beschäftigt, während sie darüber diskutierten und sprachen.

Das freie Gespräch in der Agora über die Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft, so als wären sie gemeinsame Angelegenheiten, begann also für die griechischen Bürger als ein natürliches und spontanes Geschehen. Aber als sie so zusammen sprachen über die Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft, wurden diese Angelegenheiten Gegenstände, über die alle Bürger nachdenken konnten, denen alle Bürger handelnd begegnen konnten, so als ob diese Angelegenheiten eine objektive, unabhängige Existenz bekommen würden, in einem Bereich, in dem der König diese Angelegenheiten nicht in Besitz nehmen konnte.

Sich auf der Agora oder auf dem Marktplatz zu treffen und die Angelegenheiten der Gemeinschaft öffentlich zu machen, wurde zur alltäglichen Lebensweise in einigen der griechischen Stadtstaaten, und in diesem Prozeß veränderte sich das Emotionieren der Bürger, denn die fundamentale matristische Sehnsucht nach Würde und gegenseitigem Respekt, die sie seit der frühen Kindheit mit sich trugen, wurde in eben diesen Konversationen operational gestillt. Mehr noch: Als die Gewohnheit etabliert war, die Angelegenheiten der Gemeinschaft auf eine Art und Weise öffentlich zu machen, die sie konstitutiv, durch die offenen Konversationen über sie, der Inbesitznahme durch den König entzog, wurde das Amt des Königs tatsächlich bedeutungslos und unerwünscht.

Die Folge war, daß die Bürger einiger griechischer Stadtstaaten diese Lebensweise durch eine gemeinschaftliche Erklärung bekräftigten, die das Königtum abschaffte und durch ihre direkte Teilnahme an einer lenkenden Körperschaft ersetzte, die die öffentliche Natur der Angelegenheiten der Gemeinschaft aufrecht erhielt, die diese Lebensweise bereits mit sich gebracht hatte, und sie taten das durch eine Erklärung, die als ein Prozeß Teil eben dieser Lebensweise war. In dieser Erklärung wurde die Demokratie als ein vereinbartes Netzwerk von Konversationen geboren, ein Netzwerk, das:

a) den Staat als eine Form menschlichen Zusammenlebens in einer Gemeinschaft realisierte, in der keine Person oder Gruppe von Personen die Angelegenheiten der Gemeinschaft in Besitz nehmen konnte und in der diese Angelegenheiten immer sichtbar und der Analyse, der Überprüfung, der Erwägung, der Beurteilung sowie der verantwortlichen Handlungen aller Mitglieder der Gemeinschaft, der Bürger, die diese Form menschlichen Zusammenlebens konstituierten, offengehalten wurden;

b) die Aufgabe der Entscheidung über die unterschiedlichen Angelegenheiten des Staates zur direkten oder indirekten Verantwortung all ihrer Bürger machte und das

c) Handlungen koordinierte, die sicherstellten, daß alle Verwaltungsämter des Staates nur zeitlich begrenzt vergeben wurden, durch einen Prozeß öffentlicher Wahlen, an denen jeder Bürger, als einem Akt grundlegender Verantwortung, teilzunehmen hatte.

Die Tatsache, daß in einem Stadtstaat wie Athen ursprünglich nicht alle Einwohner Bürger waren, sondern nur die Grundbesitzer, ändert nichts an der grundlegenden Natur der demokratischen Übereinkunft des gemeinschaftlichen Zusammenlebens als einem fundamentalen Bruch mit den autoritären und hierarchischen Konversationen unserer europäischen patriarchalen Kultur. Diese anfängliche Diskriminierung mag die Entstehung der Demokratie überhaupt erst möglich gemacht haben, denn als Demokratie entstand, während jene Dimensionen patriarchaler Hierarchie bewahrt zu werden schienen in einer scheinbaren Neuordnung der Autoritätsbeziehungen, wurde die konstitutiv matristische Inspiration des Prozesses verschleiert, ebenso wie seine grundlegende operationale Antipatriarchalität.

Daß Demokratie tatsächlich einen Bruch mit den Regeln patriarchaler Konversationen bedeutet, selbst wenn sie diese nicht vollkommen negiert, ist in den langen historischen Kämpfen um die Aufrechterhaltung demokratischer Zustände deutlich geworden, ebenso wie in den Kämpfen, sie an neuen Orten einzurichten gegen die immer wieder auftretenden Bemühungen, die Konversationen aufrecht zu erhalten, die den patriarchalen autoritären Zustand ausmachen. Daß Demokratie tatsächlich matristisch inspiriert ist, – auch wenn sie nicht völlig den matristischen Lebensstil wiederherstellt – wird deutlich in der in ihr befreiten Operationalität des gegenseitigen Respekts, die durch die Annahme des anderen systemisches Denken hervorbringt, indem sie Inbesitznahme der Angelegenheiten der Gemeinschaft durch Einzelpersonen oder Personengruppen ablehnt und sich ihr widersetzt.

Doch ungeachtet dessen, daß in der Demokratie die Patriarchalität nur unvollständig überwunden wird und ungeachtet der ununterbrochenen patriarchalen Vorstöße, demokratische Prozesse unwirksam zu machen und zu totaler Patriarchalität zurückzukehren: Die Art des Denkens, die Demokratie mit sich bringt, hat sich ausgeweitet in alle Bereiche menschlicher Beziehungen und Emotionen, menschlichen Handelns und Reflektierens. Die demokratische Denkweise schafft Räume, in denen Autorität, Kontrolle und Gehorsam als Formen menschlichen Zusammenlebens ersetzt werden durch Übereinkunft, Zusammenarbeit, Nachdenken und Verstehen. In allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens? Ja, innerhalb der Grenzen, die der Grundwiderspruch unserer europäischen patriarchalen Kultur zuläßt. In der Tat, Demokratie ist ihrer Konstitution nach eine neomatristische Lebensweise.

Wissenschaft und Philosophie

Als die Angelegenheiten der Gemeinschaft öffentlich und das Gespräch darüber Teil des alltäglichen Lebens wurde, wurde das Emotionieren der Objektivierung, das heißt die Art und Weise, mit den Phänomenen des Lebens umzugehen, als ob sie aus Wirklichkeiten und Prozessen bestünden, die unabhängig vom Beobachter existieren, der Ausgangspunkt für zwei unterschiedliche Arten des Denkens und Umgangs mit der Welt der Erfahrungen, nämlich Wissenschaft und Philosophie.

Diese beiden Arten des Denkens und Umgehens mit den Phänomenen des Daseins unterscheiden sich dadurch, was eine Person in ihren Beziehungen tun will, wenn sie über sie spricht. In einer matristischen Kultur, in der Ordnung in menschlichen Beziehungen nicht auf Autorität gegründet ist, sind Objekte das, was sie in den Beziehungen sind, in denen sie entstehen durch den Prozeß der Unterscheidung, der sie hervorbringt. In einer patriarchalen Kultur, in der Ordnung in menschlichen Beziehungen auf Autorität gegründet ist, sind Objekte das, was sie sind, durch die Autorität dessen, der sie hervorbringt, entstanden durch die Autorität ihres Schöpfers. Aber in keiner der beiden Kulturen sind Konversationen der Objektivierung Teil des normalen Lebens.

Mit der Objektivierung der Angelegenheiten der Gemeinschaft, aus der auf dem Marktplatz der griechischen Stadtstaaten Demokratie entstand, wird die Praxis des Objektivierens ein Merkmal vieler verschiedener Konversationen - zumindest unter den Bürgern - und eröffnet die Möglichkeit, auch über andere Aspekte des täglichen Lebens in "objektiver" Weise lebhaft zu diskutieren. Aber nicht nur das, die beiden möglichen Arten, sich handelnd zu beziehen, einmal gemäß den matristischen, zum anderen gemäß den patriarchalen Aspekten unserer europäischen patriarchalen Kultur, beginnen auch hier ins Spiel zu kommen.

In der matristischen Gestimmtheit sind Objekte und Prozesse, was immer sie sind, das, was sie in den Beziehungen sind, durch die sie entstehen. Sie bestimmen nicht durch sich selbst. Sie sind das, was sie sind, durch den Prozeß, in dem sie gebraucht werden. Und da sie in einer Gemeinschaft entstehen, ist es die allseitig gefundene Zustimmung oder die getroffene Übereinkunft der Gemeinschaft, die entscheidet, was zu tun ist, nicht die Prozesse der Objekte selbst.

Mit anderen Worten: In der matristischen Gestimmtheit am Ursprung der Demokratie erscheinen die Eigenschaften der Objekte und der Gebrauch der Prozesse, die sie hervorbringen, als Merkmale der Beziehungen, in denen sie entstehen, dadurch, daß sie durch ihre Unterscheidung hervorgebracht werden. Und so überwiegen Reflexion und Validierung, durch operationale Wirksamkeit als Formen des Verstehens und Erklärens, in einer Art und Weise, die Wissenschaft möglich macht.

Im Gegensatz dazu bestimmt in der patriarchalen Gestimmtheit die Hierarchie; Objekte und Prozesse sind, was immer sie sind, durch sich selbst, und durch die Operationen ihrer Wesenseigenschaften werden sie zu einer Quelle der Autorität. Das Ergebnis ist, daß Kontrolle, Macht und Gehorsam um jeden Preis die Oberhand gewinnen müssen, und transzendental gültige Erklärungsprinzipien als Mittel der Beherrschung durch die Ratio entstehen, und so wird Philosophie als eine Quelle der Autorität unvermeidlich. In der matristischen Gestimmtheit, und so in der Demokratie, wird gegenseitiger Respekt bewahrt.

In der patriarchalen Gestimmtheit, und damit im Leben unter Hierarchien und Autoritäten, werden Macht, Unterwerfung und Gehorsam bewahrt. Ich behaupte nicht, daß die griechischen Bürger in dieser Weise dachten, als sich Demokratie unter ihnen zu ereignen begann. Was ich sage ist, daß ihr Emotionieren sich in dieser Weise bewegte, und daß, als ein Ergebnis dessen, die beiden beschriebenen Formen des Argumentierens entstanden, die wir heute noch unterscheiden durch die Namen Wissenschaft und Philosophie.

Ich bin auch der Meinung, daß als Folge des unterschiedlichen Emotionierens, das diese zwei Arten des Argumentierens mit sich bringen, sich die beiden grundlegend verschiedenen Handlungsbereiche etablierten, die Wissenschaft und Philosophie als Erklärungsbereiche ausmachen; nämlich der Handlungsbereich der Wissenschaft als ein Erklärungsbereich, der validiert wird durch die Kohärenzen, die folgerichtigen Zusammenhänge der Erfahrungen des Wissenschaftlers und der Handlungsbereich der Philosophie, als ein Erklärungsbereich, der validiert wird durch die Bewahrung der fundamentalen Prinzipien, an denen der Philosoph festhält.

Ich denke, daß die Praxis der Objektivierung ursprünglich, eingetaucht in den autoritären Charakter unserer europäischen patriarchalen Kultur entstand und daß sie außerhalb der Politik 70

inmitten der Demokratie philosophisch und damit normativ blieb. Das Ergebnis ist, daß seit den Anfängen der Entwicklung des modernen europäischen Denkens, seit es mit den Ursprüngen der griechischen Demokratie entstand, in ihm der Gebrauch normativer, philosophischer Theorien vorherrscht, die menschliche Erfahrungen mit Hilfe von Prinzipien, die a priori für transzendental gültig gehalten werden, erklärt.

So wurden schon in den Anfängen des modernen europäischen Denkens menschliche Erfahrungen durch den Gebrauch der Ratio, mit Hilfe der beschriebenen Erklärungsprinzipien, in der Form politischer, moralischer, religiöser oder philosophischer Theorien erklärt. Seitdem wurden viele verschiedene Grundbegriffe und Erklärungsprinzipien angewendet in vielen verschiedenen philosophischen Theorien; Begriffe und Prinzipien, von denen angenommen wird, daß sie objektiv unbestreitbare Merkmale einer erkennbaren oder unerkennbaren transzendentalen Realität offenbaren, einer Realität, die unabhängig davon, was der Beobachter tut, für existent gehalten wird; Begriffe und Prinzipien, die die Grundlage für alles Gegebene sein sollen. "Wasser", "Feuer", "Bewegung", "Materie", "Geist", "Bewußtsein" ... diesen und vielen anderen Begriffen und Prinzipien wurde dieser grundlegende Charakter zugesprochen.

Das matristische Denken, das an der Basis der nichtnormativen Objektivierung steht, die die Grundlage für die moderne Wissenschaft bildet, entwickelte sich anfänglich nicht in dieser Geschichte oder entwickelte sich nur ansatzweise. Es bildete vielmehr kleine, isolierte Bereiche operational validierter Erklärungssysteme, die den Normen der philosophischen Doktrinen untergeordnet blieben, die ihrerseits den Anspruch erhoben, diese Bereiche nicht-normativer Objektivierung zu enthalten und zu validieren.

In der Tat, obwohl die Möglichkeit der Wissenschaft als einer relationalen und operationalen Weise des Denkens und Erklärens mit dem Ereignis der Demokratie entsteht, entwickelt sie sich erst viel später in der Geschichte unserer europäischen patriarchalen Kultur. Und als sich Wissenschaft tatsächlich entwickelt, entwickelt sie sich in fundamentalem Widerspruch zum patriarchalen Denken, das immer versucht, sie entweder auf normative Weise zu benützen oder sie der Philosophie unterzuordnen.

Mit anderen Worten: Wissenschaft und Philosophie als Formen des Umgangs mit "Objektivität" entstehen gemeinsam mit der Demokratie in dem Prozeß, der das Emotionieren der Objektivierung verursachte. Aber da beide, Demokratie und Wissenschaft, matristische Einbrüche in das Netzwerk patriarchaler Konversationen sind, sind sie ununterbrochener patriarchaler Opposition ausgesetzt, die sie entweder völlig zerstört oder sie dadurch verzerrt, daß sie sie mit hierarchischen philosophischen Formalismen überschwemmt.

Demokratie heute

Wir leben heute einen Moment in der Geschichte der Menschheit, in dem, auf die eine oder andere Weise, viele Nationen die Demokratie zu ihrer bevorzugten Regierungsform erklärt haben. Doch die wirkliche Praxis der Demokratie als einem neomatristischen verantwortlichen Zusammenleben in gegenseitigem Respekt und dem Respekt für die Natur, die ihre Realisierung mit sich bringt, ist noch unerfüllt oder nur teilweise erfüllt in vielen dieser Nationen, aufgrund der direkten oder indirekten Ablehnung demokratischer Regierungsformen, eine lange politische Geschichte hindurch, durch immer wiederkehrende Konversationen der Inbesitznahme, der Hierarchie, der Beherrschung, des Krieges und der Kontrolle. Lassen Sie uns einige der häufigsten Formen der Ablehnung der Demokratie betrachten, die diese immer wiederkehrenden Konversationen angenommen haben:

a) Konversationen, die Demokratie verwechseln mit einem Wahlverfahren, um zu "politischer Macht" zu gelangen. Das grundlegende Emotionieren, unter dem diese Konversationen sich ereignen, ist der offene oder versteckte Wunsch, das Verhalten anderer Menschen zu beherrschen oder zu kontrollieren, um ein privates Verlangen, Autorität auszuüben und in Besitz zu nehmen, zu befriedigen. Konversationen dieser Art verdecken die Tatsache, daß das, was in einer patriarchalen Kultur Macht genannt wird, sich ereignet durch den Gehorsam der anderen, durch eine Willfährigkeit, die durch Zwang erreicht wurde.

Außerdem: Zwangsherrschaft dieser Art wird gewöhnlich durch Argumente ausgeübt, die Macht als eine Begabung oder eine Eigenschaft derer behandeln, die Zwang durch die Handlungen ihrer Anhänger auf eine Art und Weise ausüben, die verdeckt, daß sie es tun. Demokratie operiert nicht mit Begriffen von Macht und Autorität und verlangt keinen Gehorsam. Ganz im Gegenteil: Demokratie wird bestimmt von Handlungen, die durch Konversationen gemeinsamer Inspiration entstehen, die Zusammenarbeit, Übereinkunft und gemeinsame Vereinbarungen hervorbringen.

b) Konversationen, die einigen Mitgliedern der Gemeinschaft den freien Zugang zur Beobachtung und Überprüfung, zur Stellungnahme oder Beeinflussung der Angelegenheiten der Gemeinschaft mit der Begründung verweigern, diese ausgeschlossenen Mitglieder seien unfähig, an den Angelegenheiten der Gemeinschaft in angemessener Weise teilzuhaben.

Das grundlegende Emotionieren, das diese Konversationen differentiellen Ausschlusses enthalten, ist die patriarchale Vorliebe für oder das patriarchale Vergnügen an hierarchischen und kontrollierenden Beziehungen im Handeln einer menschlichen Gemeinschaft. Diese Vorlieben sind gewöhnlich versteckt unter irgendwelchen Argumenten von Recht und Gerechtigkeit, die durch Bezugnahme auf irgendwelche Begriffssysteme und Prinzipien von angeblich transzendentaler Gültigkeit validiert werden. Aber aufgrund der Art ihrer Konstitution gibt es keine und kann es keine transzendentale Rechtfertigung der Demokratie geben.

Demokratie ist eine Art und Weise, in Gemeinschaft zu leben, die, wenn sie wirklich gelebt wird, als eine offene soziale Vereinbarung entsteht, geboren aus der Sehnsucht oder dem tiefen Verlangen, das matristische Leben in gegenseitigem Respekt und Selbstrespekt wiederzufinden.

c) Konversationen, die den Ausschluß einiger Mitglieder der Gemeinschaft vom Zugang zu ihren Lebensgrundlagen durch Argumente rechtfertigen, die behaupten, Wettbewerb sei legitim in einer Welt, die offen ist für freies Unternehmertum.

Das grundlegende Emotionieren, das diese Konversationen in unserer patriarchalen Kultur enthalten, ist die Feindschaft, die mit dem Verlangen nach Inbesitznahme entsteht. Feindschaft als der aktive Eingriff in den normalen Zugang eines anderen Lebewesens zu seinen Überlebensgrundlagen ist charakteristisch für unsere patriarchale Kultur, die Feindschaft mit Argumenten rechtfertigt, die aus ungehinderter Inbesitznahme der natürlichen Welt eine Tugend oder sogar ein transzendentales Recht machen.

In einem demokratischen Leben sind Zusammenarbeit, Teilen und Teilhabe Teil des grundlegenden Emotionierens, und die Handlungen, zu denen dieses Emotionieren führt, wenn Mangel auftritt, sind teilnehmend vereinbarte Verteilung, nicht Inbesitznahme. Jedes Argument, das Inbesitznahme rechtfertigt und den Zugang zu den Lebensgrundlagen für einige Mitglieder einer demokratischen Gemeinschaft einschränkt, zerstört Demokratie in dieser Gemeinschaft. d) Konversationen, die den Gegensatz zwischen den Rechten des Individuums und den Rechten der Gemeinschaft mit dem Argument für gültig erklären, daß das Individuum und die Gemeinschaft aufgrund eines unausweichlichen Interessenkonfliktes einander notwendig negieren.

Das grundlegende Emotionieren, das in diesen Konversationen enthalten ist, ist Inbesitznahme und Feindschaft und wird deutlich in der Behauptung, daß menschliche Individualität sich ausbilde in einer Dynamik des Gegensatzes, durch die jedes menschliche Individuum in einem aktiven Prozeß der Differenzierung einem jeweils anderen gegenüber entstehe. Aber das menschliche Individuum, behaupte ich, entsteht nicht in Dynamiken des Gegensatzes, sondern im Gegenteil, es entsteht in der Entwicklung in Selbstrespekt und Würde, die sich ereignet in dem dem matristischen Leben eigenen, gegenseitigen Vertrauen und gegenseitigen Respekt, in dem wir Menschen in unserer Kindheit beides werden, ein Individuum und ein soziales Wesen.

In Übereinstimmung damit gehe ich davon aus, daß demokratisches Zusammenleben in der europäischen Geschichte nicht aufgrund des Wunsches entsteht gemeinsame Interessen zu befriedigen, sondern aufgrund einer Sehnsucht nach gegenseitigem Angenommenwerden und Respekt. Die demokratische Lebensweise ist nicht angenommen worden, so meine ich, um einen Interessenkonflikt zu lösen, sondern sie ist angenommen worden, um in einem gemeinsamen Vorhaben ein neomatristisches menschliches Zusammenleben durch die Errichtung eines Staates zu realisieren.

Demokratie ist keine Lösung. Sie ist ein poetischer Ausgangspunkt für ein neomatristisches Erwachsenenleben, denn sie ist durch Deklaration die Konstitution eines politischen Systems, das ein menschliches Sozialsystem ist und übereinstimmt mit der menschlichen Gemeinschaft, die durch es geregelt und verwirklicht wird.

e) Konversationen, die die Notwendigkeit von Ordnung und Stabilität fordern, um freies Unternehmertum und freien Wettbewerb zu sichern, mit dem Argument, daß es freies Unternehmertum und freier Wettbewerb seien, die sozialen Fortschritt mit sich bringen.

Das grundlegende Emotionieren in unserer patriarchalen Kultur in Hinblick auf Fortschritt ist verwirklicht in Konversationen der hierarchischen Ordnung, des Wachstums, der Kontrolle und der Unterordnung, wie es dem Wunsch, in Besitz zu nehmen und zu beherrschen eigen ist. Aber: Kontrolle des anderen Menschen, Gehorsam in hierarchischen Beziehungen, die durch Zwang aufrecht erhalten werden, und Wachstum als die Vermehrung des eigenen Wohlstands durch Inbesitznahme der Lebensgrundlagen anderer Menschen, sind Handlungen, die Ausschließung stabilisieren und materielles Elend, Entbehrung und Leiden hervorbringen, denn sie erzeugen Dynamiken, die die matristischen Grundlagen unseres Menschseins ständig neu unwirksam machen und deshalb ihrem Wesen nach den Selbstrespekt und den Respekt vor den anderen Menschen verleugnen, die demokratisches Leben konstituieren.

Außerdem macht diese Lebensart in ununterbrochenem Kampf, im Wettbewerb und in Stabilitätsforderungen die Erziehung zu einer Brutstätte patriarchaler Kinder, die verdammt sind, gleichzeitig in der ständigen Verneinung demokratischer Formen der Koexistenz und in dem ungestillten Sehnen nach der Wiederherstellung ihrer matristischen Grundlagen zu leben.

f) Konversationen der Macht, Überwachung und Konfrontation zur Verteidigung der Demokratie oder zur Lösung der Probleme, die in einem demokratischen Leben auftauchen, anstelle von Konversationen der Übereinkunft und der Verantwortung in der Verwirklichung eines gemeinsamen Zieles.

Die Emotionen, die diese Konversationen entstehen lassen, enthalten einen Mangel an Vertrauen in den anderen Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit und Schutz, den eine freundliche Autorität, die den anderen Menschen kontrolliert, mit sich bringt in der Form eines Zusammenlebens, in der jede Meinungsverschiedenheit als eine Bedrohung erlebt wird, der durch Krieg und Unwirksammachung des anderen zu begegnen ist, jede Schwierigkeit als ein Problem, das zu lösen ist, und jede Gelegenheit für eine neue Handlung als eine offene Herausforderung, die als Kampf gesehen wird.

Konversationen dieser Art negieren Demokratie entweder de facto oder der Gesinnung nach, weil sie den fundamentalen gegenseitigen Respekt zerstören, der die gemeinsame Inspiration möglich macht, auf die sich Demokratie gründet.

g) Konversationen, die Autorität, Hierarchie und Gehorsam als Tugenden verherrlichen, die Ordnung in menschlichen Beziehungen sichern.

Konversationen dieser Art festigen eine hierarchische Einteilung menschlicher Tätigkeiten und stabilisieren Privilegien ohne Anwendung von Gewalt. Das Emotionieren, das diese Konversationen mit sich bringen, ist der Wunsch, die Verfügungsgewalt über die Privilegien, die man sich angeeignet hat, aufrechtzuhalten und zu sichern. Konversationen dieser Art schränken den Zugang, den alle Mitglieder einer demokratischen Gemeinschaft zu den Angelegenheiten der Gemeinschaft haben sollten, ein und geben einigen Mitgliedern der Gemeinschaft einen bevorzugten Zugang zu den Angelegenheiten der Gemeinschaft. Konversationen dieser Art zerstören Demokratie, indem sie ihre Grundlagen verneinen.

h) Konversationen, die alle Meinungsverschiedenheiten in einer demokratischen Gemeinschaft als Machtkämpfe darstellen mit dem Argument, Demokratie sei eine Gelegenheit für das freie Spiel unterschiedlicher sozialer Kräfte.

In diesen Konversationen geht das grundlegende Emotionieren durch den Wunsch zu kontrollieren und zu beherrschen, indem wir unser Erwachsensein leben in unserer europäischen patriarchalen Kultur. In diesem Emotionieren leben wir alle Meinungsverschiedenheiten als Bedrohung unserer Identität und können Meinungsverschiedenheiten nicht respektieren als Ausdruck legitimer Verschiedenheit in einer Gemeinschaft von Menschen, die trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam in einer Demokratie leben wollen. Konversationen dieser Art verdunkeln den gemeinsamen Entschluß zur Demokratie und machen ihn früher oder später völlig unwirksam. i) Konversationen des Wettbewerbs und der Kreativität, die sich darauf berufen, daß Fortschritt ein notwendiges Merkmal des menschlichen Lebens sei, und unter Fortschritt die zunehmende Beherrschung der Natur und Kontrolle des Lebens verstanden wissen wollen. Das grundlegende Emotionieren in diesen Konversationen ist Gier, das Verlangen nach Inbesitznahme und Kontrolle. Konversationen des Wettbewerbs und der Kreativität verneinen den anderen Menschen entweder direkt in jedem Akt des Wettbewerbs oder indirekt, durch die Behauptung, daß es dem anderen Menschen an der nötigen Kreativität fehle, die gebraucht werde in einer Gesellschaft, die nur überleben könne durch die nie endende Suche nach Neuem. Diese Konversationen lehnen Demokratie ab, dadurch, daß sie den anderen Menschen ablehnen in seiner vollen Legitimität und dadurch, daß sie die Harmonie des Lebens abwerten, die durch Konsensualität entsteht, indem sie die Unterschiede loben und betonen, die im ununterbrochenen Kampf um Unterscheidung entstehen. j) Konversationen des Drängens und der Ungeduld, die sofortiges Handeln fordern und die mit dem Argument des Mißtrauens versuchen, eine bestimmte, nicht, oder noch nicht öffentlich reflektierte Betrachtungsweise aufzuzwingen. Diese Konversationen entstehen aus dem Wunsch nach Kontrolle und sicherer Gewißheit um jeden Preis, der verdeckt wird mit Argumenten von Recht und Gerechtigkeit. Sie vernichten Spielräume gemeinsamer Inspiration, beschränken die Möglichkeiten jeder Übereinkunft, die zu Verstehen und gemeinsamen demokratischen Handeln führen kann. Konversationen des Mißtrauens schaffen Mißtrauen und zerstören Demokratie, weil sie Möglichkeiten autoritären Handelns eröffnen.

Die Demokratie ist ein Einbruch in unsere europäische patriarchale Kultur, ein Durchbruch unserer matristischen Sehnsucht nach einem Leben in gegenseitigem Respekt und Würde, das unser um Inbesitznahme, Autorität und Kontrolle zentriertes Leben unmöglich gemacht hat. Demokratie ist demnach ein Kunstwerk, ein bewußt hervorgebrachtes künstliches soziales System, das nur existieren kann durch die absichtsvollen Handlungen, die es in einer menschlichen Gemeinschaft - durch gemeinsame Inspiration - schaffen und erhalten. Wie auch immer, ohne Verständnis für die konstitutive Nichtrationalität der Demokratie, die ein Produkt unserer matristischen gemeinsamen sozialen Inspiration ist, haben wir versucht, Demokratie durch Begriffe transzendentaler Prinzipien der Gerechtigkeit und des Rechts zu begründen, die wir aufgrund ihrer rationalen Gültigkeit für universal und zwingend halten.

Als unsere rationalen Argumente versagten, jene zu überzeugen, die nicht schon a priori die wesensmäßig matristischen, nichtrationalen Fundamente der Demokratie akzeptiert hatten und für die deshalb unsere rationalen Argumente überflüssig waren, haben wir das einzige getan, das wir in unserer patriarchalen Kultur zu tun verstehen: Wir haben zu den Mitteln der Gewalt gegriffen, unterstützt von philosophischen Theorien, die den Einsatz von Gewalt für das allgemein Gute rechtfertigen. Aber Gewalt hat auch nicht dazu geführt, Demokratie hervorzubringen, und jeder Versuch, Demokratie durch Gewalt entstehen zu lassen, wird notwendigerweise mißlingen, denn Gewalt macht den Bereich der Konversationen des Vertrauens, des gegenseitigen Respekts und des Selbstrespekts unmöglich, den wir leben, wenn wir demokratisch leben wollen. Aber das ist noch nicht alles.

Demokratie ist kein Produkt menschlicher Ratio, Demokratie ist ein Kunstwerk, eine Art und Weise, in Übereinstimmung mit einem neomatristischen Verlangen nach einem würdevollen Zusammen leben in der Ästhetik gegenseitigen Respekts zu leben. Die Schwierigkeit inmitten einer patriarchalen Kultur demokratisch zu leben, die Demokratie ununterbrochen verneint, ist, daß die Menschen, die demokratisch leben wollen, weil sie selbst patriarchal sind, nicht verstehen, daß es keine transzendentale Rechtfertigung für Demokratie gibt, denn Demokratie ist, wie ich ausgeführt habe, in der Tat künstlich, sie ist das Produkt einer gemeinsamen Inspiration.

Diese Menschen glauben, daß Demokratie, wenn sie einmal eingerichtet ist, rational verteidigt werden kann mit Begriffen der Menschenrechte, die in sich selbst als universal gültig betrachtet werden. Demokratie, als matristische Koexistenz inmitten einer patriarchalen Kultur, die ihr widerspricht und die sie konstitutiv ablehnt, kann nicht verteidigt, sie kann nur gelebt werden, und es wird sie nur solange geben, solange sie gelebt wird. Die Verteidigung der Demokratie führt notwendigerweise zur Tyrannei, wie die Verteidigung jedes politischen Systems. Deshalb ist alles, was wir tun können, wenn wir wirklich demokratisch leben wollen, in Übereinstimmung mit demokratischen Lebensformen zu leben, in dem Prozeß öffentliche Übereinkunft für alle Handlungen hervorzubringen, von denen wir uns wünschen, daß sie sich in unserem demokratischen Leben ereignen mögen, und das dadurch zu tun, daß wir gemäß dieser öffentlichen Übereinkunft leben.

Demokratie zu leben ist ein Akt öffentlicher Verantwortung, die aus dem Verlangen nach einem Leben in individueller und sozialer Würde entsteht. Demokratie als eine matristische Lebensweise beinhaltet das Leben in individueller und sozialer Würde, und Demokratie scheitert nur dann, wenn wir diese Form des Lebens in individueller und sozialer Würde nicht leben, obwohl wir behaupten, demokratisch leben zu wollen.

Schlußgedenken und ethische Betrachtungen

Es sind nur noch einige wenige zusätzliche Bemerkungen, die ich machen möchte, beinahe als Zusammenfassung all dessen, was ich in diesem langen Essay gesagt habe. Ich habe in diesem Essay behauptet, daß menschliches Leben kulturbedingt ist, das heißt, daß es sich in der Verflechtung von Sprachhandlung und Emotionieren in einem Netzwerk von Konversationen ereignet oder, was das Gleiche ist, daß menschliches Leben sich als Netzwerk konsensueller Koordinationen von Handlungen und konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Handlungen und Emotionen zwischen menschlichen Wesen ereignet, die dadurch menschlich werden, weil sie ein menschliches Leben leben.

In der Tat ist meine ganze Argumentation in diesem Essay darauf aufgebaut, daß ich auf die grundlegenden Emotionen höre, die in jedem Moment das Netzwerk von Konversationen möglich machen, die eine bestimmte Kultur als eine bestimmte Art und Weise des Zusammenlebens in einer menschlichen Gemeinschaft ausmachen. Im Prozeß der Entwicklung meiner Argumentation habe ich darauf hingewiesen, daß menschliche Existenz in der Linie zweibeiniger Primaten, zu der wir gehören, auftauchte, als Konversationen, als eine Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren Generation für Generation bewahrt zu werden begannen, als Teil der Lebensart, die seitdem die menschliche Linie definierte.

Ich habe weiter gesagt, daß in Netzwerken von Konversationen zu leben das grundlegende Merkmal der Lebensweise unserer Vorfahren wurde, und daß dieser Tatbestand darauf hinweist, daß sie eine Geschichte des Zusammenlebens gelebt haben müssen, das auf die Biologie der Liebe gegründet war. Aber, indem ich diese Behauptungen aufgestellt habe, habe ich gleichzeitig gesagt, daß Liebe, als der Bereich der Handlungen, die den anderen als einen legitimen anderen hervorbringen im Zusammenleben mit einem selbst, die Grundemotion ist, die soziales Leben im allgemeinen ausmacht und daß Liebe im besonderen die Grundemotion in der Geschichte des Menschen gewesen ist, sowohl am Ursprung der Sprache als auch in der aktuellen Realisierung und Bewahrung der menschlichen Lebensweise.

Ich habe auch gesagt, daß wir menschliche Wesen aufgrund unserer evolutionären Ursprünge Tiere sind, die abhängig von Liebe sind, Tiere, die krank werden in jedem Alter, wenn sie Liebe entbehren müssen, wenn ihnen Liebe entzogen wird, und daß wir als menschliche Wesen kulturelle Wesen sind, die in jeder Kultur leben können, die nicht unsere initiale Entwicklung zum Menschen in einer Mutter-Kind- Beziehung in totalem gegenseitigen Vertrauen in körperlichem Kontakt unmöglich macht.

Krieg, Aggression, Bosheit als Formen, in der Negation und der Ablehnung des anderen Menschen zu leben, sind keine Merkmale unserer Biologie. Als Tiere sind wir menschliche Wesen biologisch zweifelsohne fähig zu Aggression, Haß, Zorn und jeder Emotion, die wir erfahrungsgemäß leben können und die einen Bereich von Handlungen mit sich bringt, die zur Zerstörung oder Verneinung von anderen Menschen führen, aber wir leben diese Handlungsbereiche entweder nur als flüchtige Episoden oder als eine kulturelle Entfremdung, die uns, wie wir wissen, in unserer Menschlichkeit verletzt.

Aggression, Krieg, Bosheit sind nicht Teil der Lebensweise, die uns als menschliche Wesen definiert und als Menschen entstehen ließ. Doch wir menschliche Wesen existieren in Konversationen, und wir können Konversationen der Aggression, des Krieges, des Hasses, der Kontrolle und des Gehorsams kultivieren, das heißt, wir können in Kulturen leben, die diese Handlungsbereiche kultivieren, wie es unsere indoeuropäischen Vorfahren getan haben und wie es noch immer getan wird in den patriarchalen Kulturen, die von ihnen abstammen, wie unsere eigene europäische patriarchale Kultur. Kurz, ich behaupte, der Konflikt zwischen Gut und Böse, den viele Mythen an den Anfang der Menschheit setzen, ist kein Konflikt des Tieres, das wir sind, nicht einmal ein Konflikt unserer menschlichen Bedingung, sondern eine kulturelle Entwicklung, die uns früher oder später unserer menschlichen Bedingung als matristische Kinder der Liebe entfremdet.

Wir moderne westliche Menschen sagen, daß wir den Frieden lieben, leben aber, als ob Konflikte in einem Kampf um Macht gelöst werden könnten. Wir sprechen von Zusammenarbeit und schätzen Wettbewerb. Wir sagen, daß wir der Bereitschaft zu teilen einen hohen Wert beimessen und leben in Inbesitznahme und Ausschließung. Wir reden von der Gleichheit aller Menschen und erklären gleichzeitig Diskriminierung, die nachteilige Behandlung anderer Menschen, für gültig. Wir sagen, daß Gerechtigkeit ein hoher Wert sei, leben aber in Mißbrauch und Unredlichkeit. Wir meinen die Wahrheit zu lieben, verleugnen aber, daß wir lügen, um unsere Überlegenheit über andere Menschen sicherzustellen ... , das heißt, wir leben im Konflikt, und oft ist zu hören, daß die Quelle dieses Konfliktes der problematische Charakter unserer menschlichen Natur sei.

Oft wird gesagt, daß der Kampf zwischen Gut und Böse, ebenso wie in Aggressionen zu leben, zu unserer biologischen Natur als menschliche Wesen wesensmäßig gehöre. Ich stimme dieser Auffassung nicht zu, nicht weil ich denke, daß unsere menschliche Natur pure Güte oder pure Bosheit ist, sondern weil ich denke, daß die Ursache von Gut und Böse nicht biologischer, sondern kultureller Art ist. Der Konflikt, in dem wir moderne westliche patriarchale Menschen leben, belastet uns mit Leiden und wird uns schließlich und endlich zerstören, wenn wir ihn nicht lösen.

Ich bin der Meinung, daß der weitaus größte Teil der Menschheit gegenwärtig in einer kulturellen Verfremdung lebt, einer Verfremdung durch Inbesitznahme und Macht, Hierarchie und Krieg, das heißt in einer kulturellen Verneinung unserer menschlichen Bedingung als Kinder der Liebe, einer Verfremdung, die von unserer europäischen patriarchalen Kultur hervorgebracht wird. Weiter sage ich, daß sich unser Konflikt als moderne menschliche Wesen der europäischen patriarchalen Kultur, zu der wir gehören, in den sich gegenseitig widersprechenden aufeinanderfolgenden matristischen und patriarchalen Formen des Aufgezogenwerdens ereignet, die wir während unseres Heranwachsens in dieser Kultur durchleben.

Lassen Sie uns noch einmal die Natur dieses grundlegenden Konfliktes betrachten, der uns in unserer europäischen patriarchalen Kultur gefangenhält, weil wir in ihr den Widerspruch zweier Lebens weisen leben, die sich gegenseitig in jeder Hinsicht ausschließen; nämlich die matristische Lebensweise unserer Kindheit, die uns zu sozialen Wesen macht, indem sie uns in die Beziehungsdynamiken der Biologie der Liebe einbindet, in denen Mann und Frau zwar verschieden, aber in den Dynamiken gegenseitiger Ergänzung vollkommen gleichwertig sind, und die patriarchale Lebensweise, die uns ununterbrochen zur Negation der Biologie der Liebe veranlaßt, durch Dynamiken, die sich auf unseren Stolz als Manipulatoren der Natur und des Lebens gründen und auf die Idee der totalen Überlegenheit der Männlichkeit über die Weiblichkeit, in der Setzung eines Gegensatzes zwischen Mann und Frau. Die matristische Lebensweise öffnet einen Raum für Koexistenz, sowohl durch die Annahme der Legitimität aller Lebensweisen, als auch durch die Möglichkeit von Vereinbarung und Übereinstimmung. Das Wesen patriarchaler Lebensweise ist es, die Formen des Zusammenlebens einzuschränken durch ein Leben, das bestimmt wird von hierarchischen Vorstellungen und Begriffen wie Herrschaft, Wahrheit und Gehorsam.

Die matristische Lebensweise schließt unser Verständnis für unser Leben und die Natur auf, denn sie bewegt uns zu systemischem Denken, indem sie uns erlaubt, die Verbundenheit und wechselseitige Enthaltenheit allen Seins zu erfahren und zu sehen. Die patriarchale Lebensweise schränkt unser Verständnis für unser Leben und die Natur ein, denn sie verführt uns zur Suche nach eingleisiger Manipulation und Kontrolle.

Wie auch immer, in diesem Konflikt liegt auch unsere Chance, ihn zu überwinden, denn er öffnet für uns die Möglichkeit zur Reflexion und dazu, ein Verständnis zu entwickeln, das wir ohne ihn nicht erreichen könnten. Dieser Konflikt macht es uns möglich, sowohl den Ursprung unseres Verlangens nach Demokratie als auch den Ursprung unseres Verlangens nach Ausgleich und Gerechtigkeit zu verstehen. In der Tat, wie wissen wir von Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit, so daß wir sie wünschen können?

Es wird behauptet, es gehöre zur menschlichen Natur, im Konflikt zwischen Liebe und Haß, in Aggression und Krieg zu leben, und mit menschlicher Natur wird die menschliche Biologie gemeint. Außerdem wird oft in Hinblick auf die scheußlichsten menschlichen Verhaltensweisen gesagt, daß eben sie die Tiernatur des Menschen offenbaren würden. In diesem Essay habe ich immer und immer wieder darauf hingewiesen, daß das nicht so ist, daß es nicht unsere Tiernatur und auch nicht unsere Menschennatur, als sprechende und konversierende Tiere, ist, die uns zu einem Leben in Aggression und Wettbewerb bringen, sondern unsere europäische patriarchale Kultur. 82

Ich behaupte, daß es die Patriarchalität ist, die Aggression und Wettbewerb als Lebensweise hervorbringt, und daß es der Konflikt zwischen der patriarchalen Hirtenkultur und der matristischen Kultur am Ursprung unserer gegenwärtigen patriarchalen Kultur in Europa und Asien ist, der den Konflikt zwischen Gut und Böse und Liebe und Haß entspringen läßt, von dem, wie ich oben gesagt habe, so oft behauptet wird, er sei ein Merkmal unserer menschlichen Natur.

Wie auch immer, ich gehe davon aus, daß wir Mitglieder der europäischen patriarchalen Kultur, zu der wir gehören, um Teilen, Ausgleich und Zusammenarbeit aufgrund unserer matristischen Kindheit wissen und daß wir Demokratie wollen, wenn wir das Wesen unserer matristischen Kindheit zurückgewinnen wollen. Das heißt, ich behaupte, daß wir Demokratie wollen, wenn wir Würde, Selbstrespekt und Respekt für den anderen Menschen wiedergewinnen wollen, und daß wir Würde, Selbstrespekt und Respekt für den anderen Menschen nur in dem Maße wiedergewinnen wollen, in dem wir sie in unserer Kindheit gelebt haben.

Darüber hinaus wissen wir, daß dies nicht nur eine vage Sehnsucht oder eine leere Hoffnung ist, denn wir wissen, was wir zu tun haben in der neomatristischen Koexistenz der Demokratie. Und wir wissen, was wir zu tun haben, weil wir in unserer Kindheit eingebunden in matristische Konversationen gelebt haben, und diese Konversationen haben mit unserer eigentlichen menschlichen Natur als liebende Wesen zu tun, die abhängig sind von Liebe zur Erhaltung ihrer physischen und psychischen Gesundheit.

Und so wissen wir, daß wir auf die Aufzucht unserer Kinder zu achten haben. Wir müssen ihnen die matristischen Beziehungen totalen Vertrauens und totaler Annahme geben, in denen sie in Würde, das heißt in Selbstrespekt und Respekt vor dem anderen Menschen heranwachsen können, und wir wissen auch, daß unsere Kinder lange genug so leben können müssen, bis hinein in ihre Jugendzeit, damit ihr Selbstrespekt und ihre soziale Bewußtheit und Verantwortung nicht völlig zerstört werden durch die patriarchalen Konversationen des Erwachsenenlebens.

Weiter wissen wir, daß auch wir Erwachsene es nötig haben, in Selbstrespekt und Respekt für den anderen Menschen zu leben, um ein physisch und psychisch gesundes Leben zu führen. Und letzten Endes wissen wir, daß alles, was wir zu tun haben, damit Selbstrespekt sich ereignen kann, ist, mit Selbstrespekt und Respekt für den anderen Menschen zu handeln, indem wir ihn als einen legitimen anderen akzeptieren im Zusammenleben mit uns in der Praxis neomatristischer demokratischer Konversationen.

Die Welt verändert sich, und die Rechte der Frauen beginnen, respektiert zu werden. Ist es wirklich so? Wir können sagen, daß die Frauen durch die Frauenbewegung ihre Rechte als vollwertige demokratische Bürgerinnen wiedergewinnen. Aber die schlichte Tatsache, daß die Frauen davon ausgehen, daß sie zu kämpfen und zu streiten haben für das, was sie als ihre Rechte als demokratische Bürgerinnen behaupten wollen, verfestigt nur patriarchale Verhältnisse, denn Patriarchalität ist genau der kulturelle Bereich, in dem Angelegenheiten der Würde und des gegenseitigen Respekts in menschlichen Beziehungen in Begriffen von Rechten und Pflichten gelebt werden, die durch irgendeine Art des sozialen Kampfes gesichert werden müssen.

Der Lauf der Geschichte der Menschheit folgt dem Weg menschlicher Emotionen und nicht dem Weg der Ratio, oder dem Weg materieller Möglichkeiten oder verfügbarer Naturschätze, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Und das ist so, weil es unsere Emotionen sind, die die Handlungsbereiche konstituieren, die wir in unseren verschiedenen Konversationen leben, in denen dann Naturschätze, Notwendigkeiten und Möglichkeiten in Erscheinung treten. So ist das Leben, das wir menschliche Wesen leben, das, was wir sind und werden, ebenso die Welt oder die Welten, die wir hervorbringen, indem wir sie leben, immer unser Tun und letzten Endes, wenn wir uns dessen bewußt werden, unsere totale Verantwortung.

Verstehen, das sich aus dem Erleben der Zusammenhänge ergibt und alle Dimensionen des Netzwerkes der Beziehungen und Interaktionen, in denen sich das ereignet, was verstanden wird, umfaßt, diese Art des Verstehens eröffnet für uns die Möglichkeit, uns unserer Emotionen bewußt zu werden, denn das, was wir verstehen, ist unser eigenes Leben, dadurch haben wir die Möglichkeit, Verantwortung für unsere Handlungen zu übernehmen. Außerdem: Wenn wir uns unserer Verantwortung bewußt werden, werden wir uns unserer Bewußtheit bewußt und handeln demgemäß. Wir werden frei, und unsere Handlungen entstehen in Freiheit.

Verantwortlich zu handeln ist eine spirituelle Erfahrung, denn es ereignet sich im Bewußtsein des umfassenden Bereiches der Koexi84

stenz und der Lebensbezüge, in die alles menschliche Leben notwendigerweise eingebunden ist, und ein verantwortlicher freier Akt, auch wenn er schmerzlich ist, ist nie eine Quelle des Leidens. Unter den geschilderten Umständen beruht unsere Möglichkeit, den grundlegenden emotionalen Widerspruch, den wir moderne westliche Menschen leben, zu überwinden und dem Leiden, das er mit sich bringt, auf freie und verantwortliche Weise zu entgehen, auf unserer Fähigkeit zu verstehen, daß der Ursprung dieses Widerspruchs kultureller und nicht biologischer Natur ist.

Wir Menschen sind zu viele, durch Überbevölkerung verunreinigen und vergiften wir alles mit Bergen von Abfall, denn wir wollen Vermehrung und Wachstum. Und weil wir Vermehrung und Wachstum als transzendentale Werte und nicht als kulturelle Vorlieben betrachten, erzeugen wir Elend um uns, denn wir wollen unbegrenzten Wohlstand durch Inbesitznahme um jeden Preis und behaupten, freies Unternehmertum sei unser Recht. Wir zerstören und plündern unsere Umwelt, denn in unserem Stolz als Manipulatoren wollen wir sie kontrollieren und ausbeuten, und behaupten, es sei unser Recht, das zu tun, weil wir die intelligentesten Kreaturen auf dieser Erde seien. Wir leben in Spannungen und Streß, denn wir wollen im Wettbewerb stehen. Wir benützen nicht das, was wir tun, als Maßstab für unseren Wert, sondern den anderen Menschen und behaupten, Fortschritt sei ein Wert.

Wir handeln immer in Übereinstimmung mit dem, was wir wünschen. Deshalb müssen wir unsere Wünsche ändern, wenn wir anders handeln und eine andere Welt leben wollen. Und wenn wir unsere Wünsche ändern wollen, dann müssen wir unsere Konversationen ändern und beginnen, das zu tun, im vollen Bewußtsein dessen, was wir wollen, so daß wir unsere Tätigkeiten verändern können, wenn sie sich verkehrt entwickeln.

Unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten als menschliche Wesen bestehen nicht, weil wir nicht über ausreichendes Wissen verfügen oder weil es uns an technischen Fertigkeiten mangelt; unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten sind das Ergebnis eines Verlustes an Sensitivität, an Würde, an Selbstrespekt, an Respekt für den anderen Menschen und, im allgemeinen, eines Verlustes des Respekts für das eigene Dasein, eines Verlustes, den wir erleiden durch unser Eingebundensein in die Konversationen der Inbesitznahme, der Macht, der Kontrolle über das Leben und die Natur, die unsere patriarchale Kultur bestimmen.

Ich denke, daß die Reflexionen dieses Essays zeigen, daß der einzige Ausweg aus dieser Situation darin besteht, das verlorene Bewußtsein unserer persönlichen Verantwortung für das Leben, das wir leben, und die Welt, die wir hervorbringen, wiederzugewinnen. Ich denke, daß wir dieses verlorene Bewußtsein nur wiedergewinnen, wenn wir ein matristisches Leben wiedergewinnen, indem wir tatsächlich in den neomatristischen Beziehungen leben, die entstehen, wenn es uns gelingt, aufrichtig in aufrichtigen demokratischen Beziehungen zu leben.

Literatur

Maturana, H.R. (1988): Ontologia del Conversar. Revista de Therapia Psicologica, Santiago de Chile, 7 (10),15-21.

Gimbutas, Marija (1982): The Goddesses and Gods of Old Europe. (University of California Press).

Verden-Zöller, G. (1978): Materialien zur Gabi-Studie. Salzburg/ Wien (Universitäts-Bibliothek).

Verden-Zöller, G. (1979): Der imaginäre Raum. Salzburg/Wien (Universitäts-Bibliothek).

Verden-Zöller, G. (1982): Feldforschungsbericht: Das WolfsteinPassauer Mutter-Kind-Modell - Einführung in die Ökopsychologie der frühen Kindheit. München (Archiv des Bayrischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung).

Verden-Zöller, G. (1992) (in diesem Buch): Mutter-Kind-Spiel: Die biologische Fundierung des Selbstbewußtseins und des sozialen Bewußtseins.

Glossar

Der Zweck dieses Glossars ist, den Leser an die Art und Weise zu erinnern, in der wir bestimmte Worte oder Ausdrücke im Text benützen, wenn sie eine bestimmte Bedeutung haben.

Konversation : Die Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren, in der sich alle menschlichen Tätigkeiten ereignen. Wir menschliche Wesen leben in Konversationen, und alles, was wir tun, ereignet sich in Konversationen.

Konsensuelles Verhalten: Übereinstimmendes Verhalten lebender Systeme, das im Prozeß ihres Zusammenlebens als ein Ergebnis eben dieses Zusammenlebens entsteht.

Konsensualität: Die Bedingung, in konsensuellem Verhalten zu sein. Konsensualität erweitert sich, wenn sich das Zusammenleben erweitert.

Emotion: Was wir menschliche Wesen unterscheiden im täglichen Leben, wenn wir verschiedene Emotionen in uns selbst oder in anderen Tieren unterscheiden, sind verschiedene Handlungsbereiche, in denen wir uns oder sie sich bewegen. In Übereinstimmung damit sagen wir, daß das, was wir, biologisch gesprochen, meinen, wenn wir von verschiedenen Emotionen reden, verschiedene dynamische körperliche Konfigurationen sind (selbstverständlich einschließlich des Nervensystems), die festlegen, welche Art von Handlungen oder Verhalten ein Organismus in jedem Moment ausführen kann. Deshalb sagen wir: "Wenn du die Emotion wissen willst, dann schau auf die Handlung, und wenn du die Handlung wissen willst, schau auf die Emotion."

Emotionieren: Emotionieren ist von einem Handlungsbereich zum anderen zu fließen in den normalen Dynamiken des täglichen Lebens. Wir menschliche Wesen bewegen uns von einem Handlungsbereich zum anderen im Strömen unseres Sprachhandelns. Dieses ineinanderverwobene Strömen von Sprachhandeln und Emotionieren nennen wir Konversation. Der Begriff Konversieren, geht auf die Verbindung zweier lateinischer Wurzeln zurück: cum - mit und versare umgehen, verkehren. Er bedeutet seinem Ursprung nach "mit dem anderen verkehren, mit dem anderen umgehen."

Sprachhandlung (language): Was wir tun, wenn wir in Sprache operieren, ist, in "konsensuellen Koordinationen von konsensuellem Verhalten" zu operieren. Sprache ereignet sich also in Koordinationen von Verhaltensweisen, nicht in Symbolisierung. Das Symbol ist eine Beziehung, die ein Beobachter in Sprache hergestellt hat, indem er die Verhaltenskoordinationen unterscheidet, die in ihr stattfinden.

Sprachhandeln (languaging): Strömen in konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Verhalten. Wenn sich in Konversationen Emotionen verändern, verändern sich die Koordinationen konsensueller Verhaltensweisen.

Mutter: Eine Frau oder ein Mann, der oder die eine innige Beziehung der Hege und Pflege eines Kindes, während des Heranwachsens dieses Kindes erfüllt. Mutterschaft ist eine Hegebeziehung und nicht an ein Geschlecht gebunden.

Selbst: Das Selbst ist die Identität eines Individuums in einer Gemeinschaft und entsteht als die Unterscheidung einer Körperlichkeit als eines Schnittpunktes verschiedener Netzwerke von Koordinationen von Handlungen und Verhaltensweisen in dieser Gemeinschaft. Aufgrund dieser Konstitutionsbedingungen des Selbst sind Selbst- und Körperbewußtsein nicht voneinander zu trennen, und es gibt keine Möglichkeit, die eigene Identität im Bewußtsein seiner selbst zu erfahren, ohne ein voll ausgebildetes Körperbewußtsein. Ein Selbst ist also eine soziale Dimension, die durch eine bestimmte Körperlichkeit verwirklicht wird. Diese Körperlichkeit bildet einen bestimmten Schnittpunkt von Konversationen, die einer auf gegenseitige Annahme gegründeten menschlichen Gemeinschaft eigen sind. Ein Kind muß deshalb seine Identität als eine besondere Seinsweise seiner Körperlichkeit aufbauen durch sein Leben in einer Gemeinschaft von Menschen, die einander annehmen.

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Mittwoch, 27. November 2002

Konversation : Die Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren, in der sich alle menschlichen Tätigkeiten ereignen. Wir menschliche Wesen leben in Konversationen, und alles, was wir tun, ereignet sich in Konversationen.

Der Begriff Konversieren, geht auf die Verbindung zweier lateinischer Wurzeln zurück: cum - mit und versare umgehen, verkehren. Er bedeutet seinem Ursprung nach "mit dem anderen verkehren, mit dem anderen umgehen."

Buch von Humberto R. Maturana und Gerda Verden-Zöller. Enthält ein Essay, das versucht, die Entstehung unserer patriarchalischen Strukturen zu rekonstruieren.

Wir diskutieren gerade drüber

Donnerstag, 7. Februar 2002

Das war mal der Anfang einer Sammlung. Sollte eine Gegenüberstellung dessen sein, was eine abstrak- und eine konkret- vermittelte Kultur ausmacht. Es gibt so was ähnliches (aber ausführlich) von Maturana in Liebe und Spiel (im Essay Matristische und patriarchale Konversationen)