Religionen

Version 11, 79.201.123.243 am 11.3.2009 12:37
Humberto_R._Maturana:

Eine Religion ist ein geschlossenes System mystischer Überzeugungen, das von den Gläubigen als das einzig wahre und richtige verteidigt wird. (...)

Unsere europäische patriarchale Kultur verwechselt Religion mit Spiritualität. In unserer europäischen patriarchalen Kultur sprechen wir oft von einer religiösen Erfahrung, wenn wir eine mystische Erfahrung meinen. Ich gehe davon aus, daß diese Verwechslung die Tatsache verdunkelt, daß eine Religion nicht existieren kann, ohne die Inbesitznahme von Ideen und Überzeugungen. Diese Verwechslung erlaubt uns auch nicht, das Emotionieren wahrzunehmen, das nötig ist, um eine Religion einzusetzen.

Das Aufkommen religiösen Denkens durch die Verteidigung dessen, was "wahr" ist, und die Unwirksammachung dessen, was "falsch" ist, hat uns blind gemacht für die emotionalen Beweggründe unserer Handlungen und dadurch für unsere eigene Verantwortung unseren Handlungen gegenüber. Das Aufkommen des religiösen Denkens hindert uns daran, zu sehen, daß die Geschichte der Menschheit dem Weg des menschlichen Emotionierens folgt und nicht materiellen Möglichkeiten oder der Verfügbarkeit von Naturschätzen, denn es hindert uns daran zu sehen, daß es unsere Wünsche und Vorlieben sind, die bestimmen, was als Wahrheit gelebt wird oder als Notwendigkeit, als Vorteil oder Tatbestand gesehen wird.

in: Matristische und patriarchale Konversationen

chris:

In diesem Zitat gibt es einige Unklarheiten: Religionen oder Formen der Mystik treten in den Lebensformen der Menschen nicht als geschlossene Systeme hervor. Eher wurde und wird immer wieder versucht, sie erst zu solchen zu machen bzw. sie so zu verstehen, z.B. in der Soziologie. Latent ist hier ein Wissensbegriff wirksam, mit welchem aus den verschiedenen Formen religiöser Praxen, Haltungen etc. epistemische Inhalte zu abstrahieren versucht wird. Diese werden dann als Mengen / Systeme binär wahrheitswertiger (wahre / falsche) Überzeugungen verstanden. Ludwig Wittgenstein hat, insbesondere in seiner Spätphilosophie (Über Gewißheit), dieses Verständnis von religiösen Überzeugungen in Auseinandersetzung u.a. mit dem Pragmatismus (William James) problematisiert. Diese Gedanken hat sein Schüler Peter Winch für die sozialwissenschaftliche Methodik fruchtbar gemacht. Im Anschluss an seine Schriften entstand eine neue Debatte über das Verstehen fremder Kulturen / kultureller Praxen. Maturana verwechselt selbst etwas, wenn er Religion mit einem falschen Begriff von ihr identifiziert und davon ausgehend suggeriert, Mystik habe etwas mit Überzeugungen zu tun, welche in ein irgendwie geartetes System gebracht werden können.


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