Die diskursive Konstruktion von Natur als Produkt von Macht-Wissen Diskursen

Version 13, 88.67.39.70 am 23.11.2007 09:08
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Autor: Johannes Dingler

Die diskursive Konstruktion von Natur als Produkt von Macht-Wissen Diskursen: Für eine postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung.

aus diesem Text:

Generell soll Postmoderne nicht als soziokulturelle Position betrachtet werden, bei der die Frage diskutiert wird, ob eine diskontinuierliche Transformation der Struktur der Moderne stattgefunden hat, sondern Postmoderne wird hier vorrangig als epistemologische Position aufgefaßt. Die postmoderne Kritik richtet sich deshalb zunächst gegen den 'foundationalism' der Moderne, einer Epistemologie, die von einer objektiven, ahistorischen, transkulturellen und durch Rationalität zugänglichen Wahrheit ausgeht. Zentrale Prämisse der Moderne ist dabei, daß ein universelles Wissen durch methodische Vernunft möglich ist, das, sofern einmal erkannt, für alle Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Erkenntnis ist demnach eine direkte unverfälschte Repräsentation der dem Subjekt externen Realität. Gemäß dieser 'Korrespondenztheorie der Wahrheit' ist die externe Realität zum einen direkt durch das rationale Subjekt zugänglich und läßt sich zum anderen im Wissen in ihrem charakteristischen Eigenwesen unverzerrt abbilden. Konzeptionelle Begriffe, wissenschaftliche Theorien und durch Vernunft begründete Wahrheitsaussagen haben so den Anspruch, Realität unverfälscht zu spiegeln. Wissen als entdeckte Repräsentation der externen Welt ist dabei unabhängig von Herrschaftsbeziehungen und vom sozialen, politischen, kulturellen und historischen Kontext des erkennenden Subjekts, so daß jede Erkenntnis prinzipiell für jedes Subjekt zu jedem Zeitpunkt identisch und gleichermaßen gültig wäre. "Any rational subject apprehending or operating properly on the same object would arrive at the identical truth about it" (Flax 1993: 48). Eine solche Epistemologie basiert implizit auf einem "...god trick of seeing everything from nowhere..." (Haraway 1988: 581, vgl. auch Hayles 1995: 49), bei dem von einem neutralen Beobachtungsstandpunkt ausgegangen wird, von dem aus zwischen konkurrierenden Geltungsansprüchen entschieden werden kann, um so eine nicht-kontingente, universelle Erkenntnis zu erhalten. Da Wissen deshalb als kongruent zur Realität betrachtet wird, ist Erkenntnis kumulativ, d.h. einmal erlangtes Wissen ist universell gültig, offenbart einen weiteren Teil der Realität und geht auch durch neue Erkenntnis nicht mehr verloren.

Ausgehend von dieser Epistemologie vertreten Positionen der Moderne implizit einen Essentialismus, da die Existenz einer unwandelbaren Essenz der Realität angenommen wird, welche zudem als Repräsentation abbildbar und somit erkennbar ist. Der Essentialismus nimmt dabei die Existenz von spezifischen prä-sozialen, statischen und homogenen Eigenschaften an, die im biologischen, physischen oder metaphysischen Wesen einer Entität inhärent vorhanden sind. Diese wesenhaften Eigenschaften, so wird angenommen, sind zudem auch als solche, durch eine Repräsentation, die zur Essenz der Entität korrespondiert, erkennbar. Der Essentialismus geht also sowohl von einer unwandelbaren Realität, in der Essenzen vorhanden sind, als auch von einer Korrespondenztheorie der Wahrheit aus, durch die diese Essenzen erfaßt werden können.

Diese Epistemologie der Moderne bildet schließlich die Basis für weitere Begriffe und Grundannahmen im Begriffsnetzwerk der Moderne. Dabei wird der Anspruch auf neutrales, sicheres Wissen in einem Viersatz von Wissen, Wahrheit, Fortschritt und Emanzipation mit der Idee des fortschreitenden Fortschritts durch Rationalität verbunden. Die durch Vernunft generierte Wahrheit wird als universell gültig betrachtet, weshalb zunehmendes Wissen als Quelle für immerwährenden Fortschritt instrumentalisiert werden kann. Da dieses Wissen aber vor allem neutral, akontextuell und somit frei von Herrschafts-, Macht- und Autoritätbeziehungen ist, steht es nicht nur im Dienste privilegierter Gruppen, sondern bringt Nutzen und letztlich Emanzipation für alle Menschen. Die Grundideen der Moderne von Fortschritt, Emanzipation und der Befreiung von willkürlichen Autoritäten gründen so auf der Epistemologie eines sicheren, herrschaftsfreien Wissens durch Rationalität und der Anerkennung von Vernunft als einzig legitime Autorität (vgl. z.B. Flax 1993: 75ff).

Auf diesen epistemologischen Grundlagen basiert schließlich der vorherrschende Naturbegriff der Moderne, welcher auch die Basis der meisten ökologischen Theorien bildet. Im Rahmen dieses Naturbegriffs wird davon ausgegangen, daß die Natur ein stabiles, ihr immanentes Wesen besitzt und nicht-kontingente Gesetze in ihr wirken. Durch methodische Vernunft ist dieses Wesen der Natur und die ihr inhärenten Gesetze schließlich durch das Subjekt unabhängig vom Kontext erkennbar. Der Mensch ist so in der Lage, Wissen über die Natur, so wie sie sich auch unabhängig vom Menschen darstellt, zu erlangen. Diese Wissen kann dann zur Herrschaft über die Natur, aber auch zu ihrem Schutz und zu einer nachhaltigen Entwicklung angewandt werden. Der Naturbegriff der Moderne ist damit essentialistisch, da von einer Essenz der Natur ausgegangen wird, die zudem durch den Menschen erkennbar ist.

Aus: Dingler-Vortrag 1998: http://www.gradnet.de/papers/pomo2. ... apers/jsdingle98.htm - Mats 191205