Wahrheit

Version 66, 83.242.62.67 am 14.8.2006 16:56

Wenn der Begriff der Wahrheit überhaupt nicht mehr vorkäme, könnten wir vermutlich alle friedlich miteinander leben.

... und er erkannte, daß sie die Stille nötig hatten, denn nur in der Stille kann die Wahrheit Früchte ansetzen und Wurzeln schlagen ...

Antoine de Saint-Exupéry (Stadt in der Wüste)

Als Gegenteil wird oft ein Wort erst wahr.

Es gibt die Wirklichkeit, und an der ist nicht zu rütteln. Wahrheit aber nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede ist ebenso richtig wie sie falsch ist.

Hermann Hesse

Diskussion

Das Zitat von Heinz von Förster ist ziemlich absurd. Kaum jemand verwendet das Wort Wahrheit so oft bzw. wendet sich dem Begriff Wahrheit so zu wie er.

Es zeigt sich auch, dass in den Zitaten von ganz unterschiedlichen Wahrheitsbegriffen die Rede ist:

(1) Er sagt "Begriff" und nicht "Wort", das muss nicht unbedingt das selbe sein.

(2) Aber auch: Wenn ich mich dafür einsetzen will, das Rauchen von Zigaretten zu lassen, werde ich so lange darüber reden, bis es nicht mehr notwendig ist.

(4) Ich vermute, dass uns ZitatKritik nicht weiterbringt. Ich sehe Zitate als Einladung an, mich mit den Gedanken eines anderen zu befassen.

(5) Sag doch lieber, was Du selbst denkst.

(6) Ich vermute, Du willst sagen: Es gibt eine transzendente Wahrheit und es gibt Methoden, diese festzustellen.

(7) Ich sage: es gibt keine transzendente Wahrheit, sondern nur durch Glauben gesetzte Wahrheit.

(8) Was ist das Wahre, wenn nicht das Fundament, mit dem wir logisches Argumentieren gründen ?

(9) Ist das transzendente Wahre verbindlich ?

(10) Wenn das gesetzte Wahre für mich verbindlich ist, bezeichne ich mich als integer und handle verantwortlich.

Welchen Punkten kannst Du zustimmen ?

Zu (1): das formuliere ich gerne um.

Zu (2): das Rauchen ist ein verzichtbare Konsumartikel, das Atmen nicht. Es gibt Sinn, das Rauchen zu vermeiden, das Atmen kann man nicht vermeiden. Sprache ist unverzichtbar und damit der Problem der Differenz zwischen sprachlicher Beschreibung und dem Beschriebenen. Das lässt sich nicht wegreden.

Zu (4): warum soll Zitatkritik nicht weiterbringen? Hier stehen 9 Fragen und 9 Antworten, die durch meine Zitatkritik ausgelöst sind. Aphorismen sind Verkürzungen, die es genauso verdienen enttarnt und hinterfragt zu werden, wie jede andere rhetorische Figur auch.

Zu (5): Das tue ich doch. Es gibt keine transzendente Wahrheit, aber es gibt eine PhysikRealität. Wahrheit als Übereinstimmung von SprachRealität und PhysikRealität ist möglich, aber nicht meist nicht nachweisbar. Wahrheit als Konsistenz sprachlich-logischer Äußerungen (2+2=4) ist beweisbar, aber in Bezug auf die PhysikRealität irrelevant. Wahrheit als etwas absolutes oder transzendentes existiert nur in der Begriffswelt von Menschen oder Gruppen, die eine Authoritätsrolle (Herrschaftsanspruch) reklamieren, welche(r) ihnen nicht zusteht. Der Begriff der Wahrheit existiert unabschaffbar im Problem der Übereinstimmung. Mit jeder sprachlichen Beschreibung entsteht automatisch das Problem der Wahrheit.

Zu (6): Nein, deine Vermutung über mich ist falsch.

Zu (7): Nein, durch Glauben gesetzte Wahrheit ist das, was hier ausgesagt ist: eine Vermutung. Die Vermutung kann begründet sein, es kann eine Hoffnung sein, die Vorstellung kann auch - zufällig - wahr sein. Aber es bleibt eine Vermutung.

Zu (8): Wahr scheint, dass wir gemeinsam in einer Welt leben, miteinander über diese Welt reden, und ein fundamentales Interesse haben, möglichst viel über diese Welt und über uns zu wissen. Das Werkzeug der Sprache ermöglicht Kommunikation und Beschreibungen. Beschreibungen können der Wirklichkeit entsprechen, dann nennen wir sie Wahrheit. Die Wahrheit einer Beschreibung der Welt ist nie völlig sicher, kann nur als eine Wahrscheinlichkeitsaussage interpretiert werden.

Zu (9): Das "transzendental Wahre" (ein begriff, den ich nicht aus eigenem Antrieb verwende) ist eine Vermutung oder eine Behauptung und kann nicht verbindlich sein. Jemand kann sich aber, im Rahmen seines Weltbildes, mit bestimmten Aussagen identifizieren. Das ist dann eine Glaubensentscheidung.

Zu (10): Ein gesetztes oder verbindliches Wahre hat meiner Meinung nach mit Integrität und Verantwortlichkeit wenig zu tun. Für mich bedeutet es den Wunsch nach Identität, Sicherheit und Gemeinschaft, für dessen Erfüllung die Unterordnung bezüglich spezifischer Gruppeninteressen (z. B. der Kirche oder Partei) in Kauf genommen wird. Die Akzeptanz eines geistigen Herrschaftsanspruches. Manchmal steckt dahinter sogar Opportunismus.

Angesichts des unsäglichen Leids, das das Scheitern der Menschen im Hinblick auf den Wahrheitsbegriff verursacht (hat), kann ich Heinz von Försters Ausspruch schon nachempfinden. Ich verstehe den Satz denn auch mehr als Stoßseufzer - und nicht als Ist- oder es-Soll-so-sein-Aussage mit Wahrheitsanspruch.
Daß der Wahrheitsbegriff nicht einfach aufgegeben werden kann, zeigt sich an schlichten Sachverhalten des täglichen Lebens: Wenn ich einen Busfahrer frage, ob er eine best. Haltestelle anfährt, erwarte ich eine wahre, d.i. zutreffende Antwort. Darauf kann kein Mensch, keine Gesellschaft verzichten.
Daneben gibt es solche Sätze, die nur unter bestimmten Voraussetzungen wahr sind (die meisten - alle?) (z.B.: "Alle Menschen sind sterblich" ist nur wahr unter der Voraussetzung, daß mit dem biologischen Tod alles, was diesen Menschen ausmacht(e) unwiederbringlich zugrundegegangen ist ). Um hier genau zu sein, müßte mensch diese immer mitnennen, wenn er solch eine Aussage macht!
Zuletzt gibt es die sog. "Allsätze", die universelle Geltung beanspruchen und deshalb am problematischsten sind, weil kein Mensch voraussetzungslos denken, wahrnehmen und erkennen kann (z.B.: "Es gibt einen Schöpfer, der das Universum geschaffen hat." oder "Das Universum ist durch einen Urknall entstanden.").
→ Der Feind der Wahrheit (das, "was der Fall ist") ist daher nicht die Lüge, sondern die Halbwahrheit, das Unverstandene und Fragmentarische, das für das Ganze gehalten / ausgegeben wird und worüber sich trefflich streiten läßt ...
→ Zank und Streit um "Wahrheiten" (vgl.: Tugend vs. "Tugend") halte ich deswegen immer für ein Zeichen von Irrtum! Eine wahre Aussage braucht keine Rechtfertigung und hat es nicht nötig andere niederzuschreien oder niederzuknüppeln etc., eben weil sie wahr ist, weil sie das Zutreffende kennt und bezeugt.
Von "privater" oder "persönlicher Wahrheit" etc. zu sprechen ist dagegen irreführend (ist gewissermaßen ein "schwarzer Schimmel", weil im Wahrheitsbegriff allgemeine Geltung mitgemeint ist. D.i. das, was der Fall ist, das Zutreffende. (Der Bus fährt die Haltestelle für alle an - und nicht nur für den, der gefragt hat)). Hier würde ich einfach nur schlicht von Meinung sprechen.

Unterscheide "transzendent" und "transzendental"!
Transzendent kommt von lat. "trans cendere" - hinüberschreiten, (Grenzen) überschreiten - in einen "jenseitigen" Bereich hinein. Gegensatz: Immanent.
Transzendental dagegen zielt auf die Bedingungen und Grundlagen menschlichen Erkennen- und Erfahrenkönnens (Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung). Gewissermaßen die Hardware unserer kognitiven Fähigkeiten ... vgl.:
WikiPedia: Transzendenz
Lexikon der Linguistik
In diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz uninteressant: Peter Strasser: "Immanenzverdichtung"

Wahrheit ist immer die subjektiv wahrgenommene Wahrheit. Oder? -p

Nicht nur, meistens steckt eine Inbesitztnahme des Anderen dahinter, ein Anspruch, was Du als richtig empfinden sollst. --ToKa


Meiner Meinung nach hat jeder seine persönliche Wahrheit und das steht nicht im Widerspruch. Aber ich habe Bedenken, ob mich einer von Euch versteht. Auch wenn sich die Wahrheiten nicht überschneiden, widersprechen sie sich nicht, sogar, wenn die Wahrheit eines Menschen das beinhaltet. Hängt auch sehr davon ab, was jeder einzelne wahrnimmt. Aber diese Wahr-nehmung ist eben auch sehr veränderlich und wandelbar. Und trotzdem im Moment absolut. Ich halte Respekt vor der Wahr-Nehmung der anderen für wichtig, auch wenn die eigene anders aussieht. Und eine "übergreifende" Wahrheit, die für alle gilt, gibt es auch. Z.B. daß jeder seine eigene hat. ;-) - ink ya

uwe war hier :) die geeignet geneigte Wahrheit, - diogenesis


Glaubst Du, die Wahrheit zu kennen, bist Du der Illusion erlegen. -ikke

aber wir könnnten sie definieren:

ToDo: weitere Seiten im Kontext dazu im CoForum und anderswo raussuchen.
z.B. Wahrnehmung


Aktueller als je zuvor ma.wa (13. August 2003 12:36)

Angesichts der derzeitigen Lage kommt mir immer wieder dieser Spruch von Rousseau ins Gedächniss.

There are always four sides to a story: your side, their side, the truth and what really happenes

Dazu passend ein Vortrag vom 18c3 (Achtung! ca. 13 MB): ftp://ftp.ccc.de/congress/2001/mp3/ ... ng_in_der_Praxis.mp3

Folien : http://www.foebud.de/pd/pd115/vortragsunterlagen.pdf

Auch sehr passend (Achtung! ca. 180 MB): ftp://ftp.ccc.de/pub/19C3/19C3-453- ... der-manipulation.mp4

MfG ma.wa http://www.foebud.org/pd/

...
christian:

zu Heinz von Förster: Wer sagt, es gäbe keine Wahrheit oder alle Wahrheit ist eine Konstruktion (nicht: hat konstruktive Momente durch unsere Redepraxis) bewegt sich mit seiner Aussage in einem performativen Widerspruch - erstmal will er uns von der Wahrheit (hier: Geltung) seiner Aussage überzeugen; zweitens macht er inhaltliche Aussagen über den Begriff der "Wahrheit" ("Wahrheit ist nur..." / "Wahrheit ist nicht..."); drittens enthält Försters Buchtitel den Begriff "Lügner" (wie will jemand verstehen, was eine Lüge ist ohne ein Verständnis von ihrem Gegenteil - einer wahren Aussage - zu haben?). Wir unterscheiden innerhalb unserer Redepraxis zwischen wahr/falsch;richtig/falsch;Lüge/Wahrheit - nicht in einem absoluten Sinne, aber in bestimmten Kontexten, in denen diese Begriffe sinnvoll verwendet werden (Anderen etwas beizubringen ist ohne eine Unterscheidung von richtig und falsch nicht möglich.). Will Förster den Begriff Wahrheit verabschieden, muss er unterstellen, dass dieser nur einen (absoluten) Inhalt hat. Der nächste Taschenspielertrick ist die Perspektivität - die Rede von unterschiedlichen Perspektiven macht nur Sinn, wenn es Perspektiven, d.h. Sichtweisen auf eine Sache sind (derselbe Gegenstand kann unterschiedlich gesehen / beschrieben werden) - wer daraus schließt, dass es keinen Gegenstand gibt (einige postmoderne Denker), kann die These von der Perspektivität nicht aufrecht erhalten. Etwas anderes sind unterschiedliche Arten des Redens und Verstehens von z.B. "Freiheit" - "Freiheit" steht nicht für ein Ding, deswegen ist "Freiheit" für Kant eine Idee, kein Begriff für einen Gegenstand (Von der Verdinglichung dieses Begriffes lebt die Pseudokritik einiger Neurowissenschaftler: Freiheit gibt es nicht, weil der "freie Wille" nicht im Gehirn gefunden wird.) Und am Ende macht Förster auch noch ein Wort für das verantwortlich, was andere mit ihm anstellen - besser: verschiedene ArtenVonWahrheit begrifflich zu unterscheiden.

Literatur / Texte

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