Kurt Martin Hahn

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(* 5.6.1886 Berlin + 14.12.1974 Salem )

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Kurt (Martin) Hahn,

Er war Vertrauter und politischer Berater des Prinzen Max von Baden, leitete 1920 bis 1933 das Landerziehungsheim Schloß Salem, gründete 1934 im britischen Exil (auf der Flucht vor den Nazis) die "British Salem School" in Gordonstoun (Schottland), 1941 gründete er eine Kurzschule mit mehrwöchigen Kursen, die (erlebnispädagogischen) Modellcharakter gewann. Hahn kann der reformpädagogischen Bewegung in der Weimarer Republik zugeordnet werden.

Round Square - eine Vision wird lebendig

Kurt Hahn’s Vision und pädagogische Kreativität führten zum Entstehen großer Schulen, zu Round Square und vielem mehr.
Kurt Hahn war der Privatsekretär des Prinzen Max von Baden, des letzten kaiserlichen Reichskanzlers. Der Prinz teilte mit Hahn die Begeisterung für Erziehung und Bildung. Im Jahre 1920 gründeten Hahn und Prinz Max eine gemischte Internatsschule in Schloss Salem, der Heimstatt des Prinzen, mit Kurt Hahn als Schulleiter. Durch Salem und die Verbreitung des dahinter stehenden Ideenkonzepts wurden junge Menschen angeleitet, aus persönlicher Verantwortung, Güte und Gerechtigkeit zu handeln. Die Absicht bestand darin – so Hahn – die Jugend in verantwortungsvolle Führungspositionen und für den Dienst an der Demokratie heranzuziehen, indem man sie darauf vorbereitete, "das, was sie als richtig erkannte, trotz Mühen und Gefahren, trotz innerer Skepsis, Langeweile oder dem Spott der Welt, trotz der jeweiligen Gefühlslage”, durchzusetzen und zu realisieren. Salem florierte; die dort gelehrten Ideale gerieten jedoch zwangsläufig mit dem Geist des aufkommenden Nationalsozialismus aneinander. 1932 schickte Kurt Hahn ein Schreiben an die Altschüler: "Hitler führte eine Krise herbei, die weit über alle Politik hinausgeht. Deutschland steht im Begriff, seine christliche Kultur, seinen guten Ruf und die Ehre seiner Soldaten zu verlieren. Salem kann nicht neutral bleiben. Ich fordere alle in der SA oder der SS aktiven Mitglieder der Altsalemer Vereinigung auf, entweder mit Salem – oder mit Hitler zu brechen”. Dies war, so ein in Salem unterrichtender Brite, die "mutigste und kaltblütigste Tat, die ich je gesehen habe”.
Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 stand Hahn auf der Liste. Im März desselben Jahres wurde er inhaftiert. Die Nachricht verbreitete sich schnell und erreichte Großbritannien, wo sich seine Freunde für ihn einsetzten. Hahn konnte fliehen. Im Juli erreichte er England, arbeitslos, nahezu ohne einen Pfennig. Als man ihn darum bat, eine neue Schule nach dem Vorbild von Salem aufzubauen, besuchte er mit seinem Freund Lord Malcolm Douglas-Hamilton, einen leerstehenden Besitz im schottischen Gordonstoun. Der Ort mit dem Round Square Gebäude faszinierte ihn. Die Gordonstoun School öffnete im April 1934 ihre Pforten.

Im Jahre 1929 formulierte Hahn eine Reihe von Leitsätzen (gelegentlich auch als die "Säulen von Salem" bezeichnet).

Kurt Hahn ist in Bezug auf sein Werk in einer Reihe mit den anderen großen Innovatoren im Erziehungswesen zu sehen. Er leistete Großes, faßte seine Ansichten jedoch nicht in Buchform. Sein Vermächtnis lag in den Schulen und in Programmen, die in der Folge zu Einrichtungen wie dem Outward Bound, den Duke of Edinburgh Awards und den United World Colleges führten.

Kurt Hahn starb im Jahre 1974. Die Londoner Times schrieb, dass "niemand in unseren Tagen mehr innovative Ideen und Vorstellungen im Bereich des Erziehungswesens entwickelt und gleichzeitig die Gabe besessen hat, diese auch in die Tat umzusetzen".

Salem, Gordonstoun und Bewegungen wie Round Square sind lebendige Einrichtungen, die das Vermächtnis der Hahn‘schen Vision weitertragen.

Hahns Erziehung zum Gentlemen

Ebenso wie viele andere frühere Salem-Schüler habe ich noch heute bei gelegentlichen Besuchen im weiten Salemer Tal mit seinem schönen Barockschloss das Gefühl, hier in meine wahre Heimat zurückzukehren. Ich spüre dann wie die Zeit verflogen ist und sehne mich nach den Tagen zurück, in denen ich noch ziemlich unbequem und ahnungslos, aber überwiegend glücklich, dahin lebte und die Zukunft geheimnisvoll und verlockend zu sein schien. Als meine Eltern im Jahre 1920 nach einem kurzen Salembesuch den mutigen Entschluss fassten, sowohl meinen etwas älteren Bruder Oswalt wie mich, der noch von Robinson träumte, an Stelle unseres bisherigen Privatunterrichtes der sagenhaften Schule Salem anzuvertauen, war dieses Internat, für das Prinz Max von Baden einen Teil seines Schlosses zur Verfügung gestellt hatte, erst ein paar Monate alt und litt, wie mir erst später klar wurde, noch an einigen Kinderkrankheiten.

Wenn mein manchmal sorgenvoller Papa trotzdem verhältnismäßig schnell seine Bedenken überwand, so lag dies vor allem daran, dass er im Initiator der Schule, Kurt Hahn, eine Persönlichkeit kennenlernte, die sich sehr von dem unterschied, was man im allgemeinen unter dem Begriff "Erzieher" versteht. Das drückte sich schon darin aus, dass der schwere, athletische Hahn gern im leichten Trab durch die langen und weiten Kreuzgänge Salems trabte, was vermutlich die frommen Zisterzienser Mönche die hier einst mit gemessenen Schritten einherwandelten, einigermaßen erstaunt hätte.

Diese Beweglichkeit Hahns wurde allerdings dadurch begrenzt, dass er nach einer Kopfoperation etwas sonnenempfindlich war. Im Freien trug er daher gerne seinen Tropenhelm, den er nicht selten in souveräner Geistesabwesenheit verkehrt herum aufsetzte, für die südbadische Bevölkerung immer wieder eine Quelle neuen Erstaunens. Ungewöhnlich für deutsche Schulverhältnisse war auch die Tatsache, dass Hahn absolut kein Freund des akademischen Dünkels war und daher Schülern verbot, beim Unterricht vor ihm aufzustehen; "Wir haben hier keine Turnstunde!"

Ebenso wie andere bedeutende Menschen, war allerdings auch Hahn nicht immer unfehlbar. So überschätzte er sicherlich die Wirkung des Sportes, den er als eine Art "Allheilmittel", ja sogar als eine "giftlose Leidenschaft" ansah.

Beim Hockey pflegte er selbst mitzuspielen und Mannschaftsmitglieder, die nicht ihr Äusserstes leisteten, durch energische Zurufe, wie "schneller, Du alter Geheimrat!" oder "gib endlich den Ball ab, Du abgestandener Schnösel!" zu Höchstleistungen anzuspornen. Vor Wettspielen gegen auswärtige Mannschaften las er uns manchmal eine Novelle Kiplings über ein äusserlich unscheinbares, aber von großer Willenskraft beseeltes Polopony vor, das entscheidend zum Sieg seiner Mannschaft beitrug. Nach der Schlacht gab Hahn dann oft schriftliche Kritiken heraus, die sehr deprimierend sein konnten. So schrieb er einmal über mich, nachdem ich als Torman genau 15 Tore durchgelassen hatte: "Er war ein Nagel zu meinem Sarg!"

Da Hahn, besonders für jüngere Menschen, ein ungewöhnliches Maß an Überzeugungskraft besaß, war es ein Glück, dass er sich nicht für irgendwelche Ideologien, sondern stattdessen für Ehrlichkeit, Fairness, Hilfsbereitschaft und "heilsame Neugier" einsetzte. Diese Eigenschaften waren ihm offensichtlich wichtiger als das, was man so zur Erringung einer gewinnbringenden Lebensstellung braucht.

Sein Gedanke, eine deutsche Schule zu gründen, entstand bereits während seiner Jugend. Nachdem er in Berlin eine Staatsschule besucht hatte, in der man, abgesehen von der Erziehung zum Fleiß, wenig für den künftigen Lebensweg mitbekam, überzeugte er sich während eines anschließenden Studiums in Oxford davon, dass in England die großen Internate nach anderen Grundsätzen operierten. In den "Public Schools" wie Eton, Harrow, Rugby oder Winchester bemühte man sich weniger darum, fleißige Bürger auszubilden, sondern betrachtete den Gentleman, der später einmal eine führende Rolle im damals noch bestehenden Empire einnehmen sollte, als Erziehungsideal. Besonders gemütlich ging es in diesen Schulen, in denen früher meistens die jüngeren Jahrgänge den älteren die Schuhe putzen mussten und scharfe Zugwinde die Räume durchzogen, nicht gerade zu, was Winston Churchill zu dem Urteil veranlasste: "Ich finde Public Schools ganz ausgezeichnete Einrichtungen, aber bin froh, dass ich keine mehr besuchen muss".

Trotzdem beschloss Hahn nach dem deutschen Zusammenbruch von 1919, etwas für den deutschen Wiederaufbau zu unternehmen, indem er in Salem eine Schule gründete, die in vieler Hinsicht englische Vorbilder, wie den Verzicht auf manchen Komfort, aber gleichzeitig auch Hahn’sche Ideen übernahm. Dabei herrschte in Salem, wo sogar das Risiko der Koedukation eingeführt wurde, im allgemeinen ein gemütlicher Grundton. Bemerkenswert war auch der Optimismus, mit dem Hahn nach seiner Vertreibung aus Deutschland mit Hilfe schottischer Freunde daran ging, ein zweites Salem in Gordonstoun aufzubauen. Als ich ihm damals in einem Brief aus Amerika meine Sympathie ausdrückte, klang aus seinem Antwortschreiben nicht Bitterkeit und Hass, sondern stattdessen Optimismus und Menschlichkeit heraus: "Eines Tages sitzen wir wieder im deutschen Salem zusammen und halten uns mit Gottes Hilfe frei von kleinlicher Bitterkeit gegen die Gummi-Ethiker, die für eine stürmische Zeit nun einmal nicht die nötige Charakterschwere besitzen."

Als ich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Gordonstoun besuchte und dort eigentlich in Ruhe die weitere Entwicklung abwarten wollte, zögerte Hahn keine Sekunde, mir die Rückkehr nach Deutschland nahe zu legen: "Du fährst zurück, mein Junge, das ist der einzige anständige Weg! Wenn Hitler verschwunden ist, dann werden dort Leute gebraucht, die keine Nazis geworden sind!"

Das klang hoffnungsvoll, aber änderte nichts daran, dass noch Jahre vergingen, bis sich der "Führer" umbrachte und ich Hahn, nach von mir glücklich überstandenem Krieg, in Göttingen wiedersah. Später besuchte ich Hahn noch öfters in seinem Alterssitz Hermannsberg bei Salem oder auch in seinem Londoner Hauptquartier Browns Hotel. Auch hier war er, nachdem er die Führung von Gordonstoun aufgegeben hatte, rastlos tätig. Bereits sein erstes Frühstück pflegte eine Arbeitsmahlzeit zu sein, bei der er neue Schulgründungen besprach oder versuchte, in Not geratenen Menschen zu helfen. Das Hotelpersonal hatte sich längst an diesen ungewöhnlichen Gast gewöhnt. Als ich mich bei einer Angestellten nach ihm erkundigte, sagte sie nur: "Leider weiß man nie, wo er gerade ist. Mr. Hahn ist ja ständig unterwegs! He is a real character, but we like characters!"

Diese Aktivität, die zugleich sein Lebensinhalt war, wurde jedoch eines Tages durch einen Verkehrsunfall unterbrochen. Die Folgen dieses Unglücks lasteten im Verein mit seinem Alter schwer auf ihm. Hahn ist im Alter von 88 Jahren unweit von Salem gestorben und auf dem Salemer Friedhof beerdigt worden. Damals wurde für ihn in London ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten, bei dem sein früherer Schüler, Prinz Philipp, die biblische Geschichte vom Barmherzigen Samariter vorlas.

Herbert von Nostitz, Salem 1920 - 1931, in Mitteilungen der Altsalemer Vereinigung 2001
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Literatur:

Kurt Hahn: Reform mit Augenmaß. Ausgewählte Schriften eines Politikers und Pädagogen. Hrsg. Michael Knoll. Stuttgart: Klett-Cotta 1998.