Heinrich Jacoby

Version 43, toka am 14.11.2008 13:33
Daten
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(1889 - 1964)

Aus dem Faltblatt der Heinrich-Jacoby/Elsa-Gindler-Stiftung:

Ursprünglich Musiker, erforschte Heinrich Jacoby allgemein Fragen der biologischen Ausstattung des Menschen und der sogenannten Begabung. Er studierte Voraussetzungen für die Entfaltung und Nachentfaltung menschlicher Funktionsmöglichkeiten und Ursachen, die zu Störungen in der Entfaltung dieser Möglichkeiten führen. Heinrich Jacoby orientierte sich dabei an den Funktionsweisen des menschlichen Organismus und an den Gesetzmässigkeiten unmittelbar überzeugender menschlicher Lebensäusserungen. Er konnte zeigen, dass das Niveau der Entfaltung und die Qualität der Leistungen vom jeweiligen Verhalten bestimmt sind.

"Die einzige wirkliche Förderung für die praktische Weiterentwicklung meiner Arbeit verdanke ich dem Zusammentreffen mit Elsa Gindler, unserer gemeinsamen Arbeit und dem Austausch unserer Arbeitserfahrungen. Erst dadurch ist eine präzise, bewusste Beziehung zu den während des Äusserungs- und Verständigungsvorganges im Organismus entstehenden, gesetzmässig bedingten Zustandsänderungen möglich geworden.", sagte Heinrich Jacoby.

Bitte beachten Sie aktuelle Informationen der Heinrich-Jacoby/Elsa-Gindler-Stiftung

Erkennen was man in sich trägt

von Walter Biedermann (aus Mit Kindern wachsen)

Ich "erziehe" Sie nicht zu irgend etwas, und ich "unterrichte" Sie nicht in irgend etwas. Ich möchte, daß Sie bewußt erleben und erkennen, was Sie in sich tragen. Wenn Sie sich von mir dazu bewegen lassen, sich für die Qualität Ihres Verhaltens und für Verhaltensprobleme überhaupt in einer bestimmten Weise zu interessieren, ergeben sich daraus eine Fülle von Konsequenzen, die man nicht lehren kann und auch nicht zu lehren braucht. HEINRICH JACOBY

Der bedeutende Forscher und Pädagoge Heinrich Jacoby wird für ein größeres Publikum erst seit 1980 wiederentdeckt. In diesem Jahre erschienen postum Jenseits von Begabt und Unbegabt und seither drei weitere Werke.

In Frankfurt am Main geboren, ging Jacoby mit 19 Jahren nach Straßburg zu Hans Pfitzner, dem Komponisten, und wurde am dortigen Theater Regieassistent und Kapellmeister. Dies bedeutete eine stete Konfrontation mit den Problemen der Sänger und Instrumentalisten, nämlich Problemen wie Stimme, Begabung, «In Stimmung sein». Jacoby hatte hier sein Schlüsselerlebnis, das ihn zeitlebens in Bann hielt: die Einsicht, daß für qualifizierte Leistungen nicht Begabungen, sondern Verhaltensqualitäten entscheidend sind. Dieses Interesse führte ihn 1913 als Lehrer an das Institut von Jaques Dalcroze in Dresden-Hellerau und später (1919?1922) an Paul Geheebs Odenwaldschule. Ab 1924 lebte er in Berlin, gab Kurse und - damals ungewohnt - Improvisationskonzerte. Er betrieb Forschungen, berichtete darüber auf Kongressen und publizierte einige Arbeiten in pädagogischen Zeitschriften.

Weil sozialistisch orientiert und jüdischer Herkunft, emigrierte er 1933 in die Schweiz. Hier war der Aufenthalt bis 1947 erschwert durch wiederholte polizeiliche Ermahnungen zur Auswanderung und durch das Verbot jeglicher öffentlicher Arbeit. Erlaubt waren Kurse im privaten Rahmen. Jacoby starb 1964 in Zürich, nachdem er 1955 Schweizer Bürger geworden war. Sein umfangreiches dokumentarisches Archiv befindet sich heute in Berlin.

Jacobys Kritik an der damaligen Musikpädagogik war grundsätzlicher Natur. Musik war für ihn ein Ausdrucksund Kommunikationsmittel mit großer Analogie zur Sprache. Der Erwerb der Muttersprache geschieht absichtslos und autodidaktisch übers Ohr, dazu in einer Umgebung, für die Sprechen selbstverständlich ist. Die Frühphase ist eine Zeit unermüdlichen Probierens, ohne daß Erwachsene einzugreifen brauchen. Der Musikunterricht benützte (und benützt oft heute noch) andere Wege: Nicht die spontane eigene Äußerung wird angestrebt, sondern die Reproduktion von Werken aus einer verflossenen Zeit. Der Weg dahin wird von Anbeginn übers Auge (Notenlesen) und über Handgriffe (Fingertechnik) vorbereitet. Dabei wird das Wichtigste oft völlig vernachlässigt: ein lauschendes Verhalten und die Entwicklung des Klangvorstellungsvermögens. Zu viele Schüler bleiben auf der Strecke, die Ausnahmen gelten als besonders «begabt».

Jacoby widersprach aufgrund breiter Experimente mit Kindern und Erwachsenen. In seiner Sicht beruht «Unbegabtheit» auf mangelnder Entfaltung und ist - im weitesten Sinn ein Ergebnis von Entmutigung infolge ungünstiger Aufgabenstellung.

Weitgehend verantwortlich für die Fehlorientierung des damaligen Unterrichts ist nach Jacoby die Gleichsetzung von Musik mit Kunst. Dies führt zu einer Ausrichtung auf den Konzertbetrieb, verbunden mit reproduzierender Einstellung. Natürliches Musizieren hingegen basiert auf Lauschen, auf Bewegtsein und sich Bewegenlassen, auf dem Empfinden von Spannungsabläufen und der Bereitschaft, darauf zu reagieren. Gehörübungen, wie sie damals betrieben wurden, sind nicht nur überflüssig, sondern meist ungünstig. Das « Instrument» ist Hilfsmittel, es muß erforscht werden. Der mehr intellektuelle Anteil (Noten, Musiktheorie) bildet eine relativ späte Stufe.

Zusätzliche Probleme ergeben sich bei der Musik-Reproduktion. Musik ist ein Fließen in der Zeit, und dieser Fluß - etwas Zentrales - kann bereits durch die Notation (Taktstriche) stark beeinträchtigt werden. Besonders anspruchsvoll ist das Starten: die dem Musikstück adäquate «Ladung» muß zur Verfügung stehen («das Wesentliche - die Verwandlung - passiert vor dem Start»). Das hinter den Noten Liegende ist entscheidend, nicht der "Musik-Stoff", sondern der Gehalt. In dieser Betrachtungsweise ist geglücktes Musizieren weitgehend ein Verhaltensproblem.

Jacoby ist der Begründer dieser neuen Optik und überragt etwaige Nachfolger durch seine weite Perspektive, seine Formulierungen und die experimentelle Untermauerung.

Allgemeinpädagogik

Schon früh erkannte Jacoby die Übertragbarkeit seiner Betrachtungsweise auf außermusikalische Gebiete. So richtete sich sein Interesse ab etwa 1923 mehr und mehr auf die Allgemeinpädagogik. Dabei lassen sich bei Jacoby Pädagogik und Didaktik nie sauber trennen; ein «Bild vom Menschen» hat er explizit kaum formuliert, implizit war es stets gegenwärtig.

Dozieren lehnte er ab zugunsten eines Vorgehens, das auf Selbsterarbeiten beruht. Für Jacoby bestand die Aufgabe des Lehrers gerade darin, den Schüler zum Autodidakten auszubilden, ihn in die Nähe der Resultate zu führen und im übrigen, «sich überflüssig zu machen». Das eigentliche Ziel war die Entfaltung .

Entfaltung - Nachentfaltung

Jacoby verstand unter Entfaltung nicht nur die Entwicklung der Persönlichkeit, sondern ebenso die Entwicklung der sozialen Bezüge im Hinblick auf bessere gesellschaftliche Verhältnisse. Welches sind nun die Faktoren, die Entfaltung begünstigen oder hemmen? Diese Frage, der eigentliche Angelpunkt, läßt sich hier nur skizzieren, machte aber einen großen Teil der Kurspraxis aus. Entfaltung wird gefördert durch die natürliche Auseinandersetzung mit der Umwelt von Geburt an, durch die «täglichen Entdeckungsreisen», das angstlose Sich-orientieren am Unzulänglichen, das selbständige Ausprobieren. Hemmend sind vor allem die Störungen von seiten der Erzieher, der Umwelt und der Lehrer, nämlich unnötige Vorschriften, Gebrauchsanweisungen, voreilige Hilfe, ungeeignete Aufgaben- und Fragestellungen sowie verfrühte Problemlösungen. Solche Störungen haben ungenügende Leistungen zur Folge, die dann meistens mit mangelnder Begabung erklärt werden; in Jacobys Sicht handelt es sich hingegen um die ungenügende Ausnutzung eines latent vorhandenen Potentials.

Jacobys Themen waren deshalb Erziehung, Schule und Begabung. Er wandte sich jedoch nicht an jugendliche bei denen Entfaltung glücklicher Zufall ist -, sondern an die Erwachsenen als diejenigen, die das Klima ausmachen, welches die Jugend umgibt. Dadurch, daß sich die Erwachsenen um ihre eigene Nachentfaltung kümmern, wird die Entfaltung der Jugendlichen am ehesten sichergestellt.

Begabung

Jacobys betontes Interesse für die Begabungsfrage beruhte auf den Widerständen, die ihm ringsum erwuchsen. Was er ablehnte, war das voreilige Abschieben von Mißerfolgen und Unzulänglichkeiten auf die Erbanlagen. Er kritisierte also die Begabungsmentalität, da sie der Entfaltung im Wege steht. Begründet wurde diese Kritik z. B. durch den Nachweis ungenützter Möglichkeiten bei Kursteilnehmern. Jacoby verwandelte «unbegabte» Zeichner in «begabte» (Fotowiedergaben im Buch « Jenseits von Begabt und Unbegabt»). Dabei ist zu berücksichtigen, daß in den Kursen nicht gezeichnet wurde; die Arbeiten entstanden zu Hause, und zwar mit einem Minimum von Ratschlägen. Primär ging es nicht um künstlerische Förderung, sondern um den Nachweis brachliegender Möglichkeiten, die sich relativ leicht aktivieren lassen.

Das Bestehen solch ungenützter Potentiale zeigt sich auch in Jacobys breiter Dokumentation über Behinderte. Sie lebten zu seiner Zeit viel mehr als heute am Rande der Gesellschaft, aber manche gelangten aus eigenem Antrieb zu hervorragenden Leistungen (Jacoby: «Beruht der virtuose Gebrauch der Füße bei armlos Geborenen etwa auf speziellen Fuß-Genen?»).

Jacoby wollte nicht Vererbungsforscher sein. Er erkannte aber klar die Unhaltbarkeit der damaligen Begabungsdiskussion, die sich im wissenschaftlichen Bereich meistens auf die Stammbäume der Bach und Bernoulli stützte (heute ist diese Argumentation aus den Lehrbüchern verschwunden). Die starke Gewichtung des Faktors Umwelt sollte aber nicht dazu verführen, Jacoby den Behaviouristen (Watson, Skinner) mit ihrer mechanistischen Denkweise zuzuzählen. Denn er wollte den Menschen nicht konditionieren, sondern seinen verborgenen Möglichkeiten Spielraum geben. Jacoby anerkannte die Tatsachen der Vererbung und deutete sie in einer Weise, die modern wirkt:

Nicht spezifische Fähigkeiten werden vererbt, sondern Grundstrukturen des menschlichen Verhaltens, also die Voraussetzungen zum Erwerben von spezifischen Fähigkeiten (siehe z. B. Ergebnisse der Humanethologie von Eibl-Eibesfeldt oder die Forschungen über den Spracherwerb von Chomsky, besonders auch die Darstellungen von Lewontin).

Heute mag die Situation teilweise entschärft erscheinen, da Milieuwirkungen wenigstens in der Theorie -viel stärker gewichtet werden (z. B. H. Roth), praktisch ist die Begabungsmentalität aber immer noch virulent. Sogar unter bekannten Wissenschaftlern bestehen heftige Kontroversen Verhalten

Für die Nachentfaltung, sein dringendes Anliegen, hat Jacoby praktikable Wege vorgeschlagen. Er riet, sich für Verhaltensqualitäten zu interessieren mit dem Ziel, den eigenen Verhaltensroutinen auf die Spur zu kommen. Beispielsweise geht es um das Bewußtwerden von Unterschieden wie krampfhaftes Hinhorchen-gelassenes Lauschen, angestrengtes Erspähen ruhiges Schauen, schnelles Greifen geduldiges Ertasten, wo immer die gelassene, "antennige" Verfassung mehr spontane Beziehung zu Menschen und Dingen verspricht.

Jacoby verfügte über ein reiches Angebot an Experimentieraufgaben. Als Beispiel diene das Sitzen bzw. die Qualität des Sitzens. Man sitzt nicht auf die gleiche Art im Polstersessel, auf dem Bürostuhl, auf dem lehnenlosen Hocker oder gar am Boden. Jacoby versuchte, das Interesse für Natürlichkeit, Gleichgewicht, Atemfreiheit, Gepreßtheit, Schlaffheit usw. zu wecken. Sitzen war eine Daueraufgabe

und enthielt wie die meisten Vorschläge mehrere Aspekte: Übungsfeld für das «Probieren» und für die Erhöhung der Erfahrbereitschaft ganz allgemein, Sitzen zur Entwicklung der Beziehung zum eigenen Körper, ferner die konkrete Frage der Ermüdung im Alltag bis hin zu medizinischen Problemen. Solches Experimentieren wurde in den Kursen nur begonnen, war aber zu Hause fortzusetzen.

Jacobys Interesse für den Leib-Seele-Bereich wurde stark gefördert durch seine Begegnung mit der Gymnastikpädagogin und Therapeutin Elsa Gindler (1885-1961). Elsa Gindler vertrat eine grundlegende, den Körperbereich weit überschreitende Gymnastik. Zu ihren Themen gehörten u.a. das Erspüren von Zuständen und Zustandsänderungen, so z. B. das Empfinden für Gleichgewicht und Kontakt mit der Unterlage beim Ruhen, darüber hinaus alle Bewegungsvorgänge. Bei den letzteren ging es um die Frage eines angemessenen Aufwandes, z. B. beim Heben von kleinen Lasten, also um das Problem genügender Straffheit ohne Überspannung. Es ging ebensosehr um den Rückweg, welcher Erholung erlaubt, falls man im Kontakt mit dem jeweiligen Gegenzug bleibt, d. h. sich allmählich entspannt, statt beziehungslos in Erschlaffung zurückzufallen. Körperstudien bieten den Vorteil, jedermann zugänglich zu sein, das Vertrauen in die eigene Empfindung zu stärken und damit den Weg zu selbständigem, improvisierendem Verhalten zu begünstigen.

Weitere Anregungen Jacobys - nur wenige seien genannt - betrafen das Verhalten beim Sprechen, Musizieren, in Partnerbeziehungen usw. sowie besonders spektakulär - beim schon erwähnten Zeichnen. Wesentlich war stets die probierende Einstellung bzw. die Bereitschaft, sich am Falschen zu orientieren und möglichst wenig «machen» zu wollen, sondern die Dinge «geschehen zu lassen».

Alle derartigen Versuche zielten letztlich auf den Alltag und waren im Grunde als langfristige Aufgaben gedacht mit Ausstrahlungsmöglichkeiten auch in entfernte Bereiche wie kreative Tätigkeiten, Partnerbeziehungen, Gesundheit usw.

Die Kurse waren über viele Jahre Jacobys wichtigste Aktivität. Sie dienten als Einführung in seine Betrachtungsweise mit dem Ziel, eine Nachentfaltung einzuleiten. Das Vorgehen im einzelnen war - besonders für die damalige Zeit - sehr ungewohnt: kein Dozieren, keine Stoffvermittlung («Sie sollen hier nichts lernen»). Man war aufgefordert, jederzeit einzusprechen, ohne daß damit große Debatten gemeint waren, das Erfahrungsgefälle zwischen Kursleiter und Teilnehmer blieb bestehen. Jacoby sprach stets improvisierend, schnitt ein Thema an, verlies es wieder, kam aber in größeren zeitlichen Abständen darauf zurück. Im Buch «Jenseits von Begabt und Unbegabt», einem Kursprotokoll, wird diese Methode konsequent dargestellt; daher handelt es sich nicht um ein Lehrbuch im herkömmlichen Sinn.

Die Teilnehmer waren aufgefordert, von Zeit zu Zeit ihre Erfahrungen (natürlich auch die körperbezogenen) schriftlich darzustellen. Solche Resümees waren eine Kontrolle für den Kursleiter, gleichzeitig eine Gegenüberstellung zu den Eingangsdokumenten, die jeder Teilnehmer vor Kursbeginn abzuliefern hatte (Fragebogen, Musik- und Singbeispiele, Sprechversuche, Zeichnungen) und die die Basis eines langen Einzelgesprächs bildeten.

Diese Kurse dienten also gleichzeitig einer dokumentarisch-wissenschaftlichen Absicht. Entsprechend war die Atmosphäre sachlich; obschon jeder Teilnehmer persönliche Probleme und Anliegen mit sich brachte, standen solche nicht im Zentrum. Es wurden leine Emotionen und keine Selbstenthüllungen provoziert. Zwar war eines der Ziele das, was man heute Selbsterfahrung und vielleicht Selbstfindung nennen würde, doch die Mittel hierzu waren von großer Zurückhaltung und frei von jeglicher Pseudopsychologie.

Nachfolge

Kurse im Geiste Jacoby/Gindler werden heute in Berlin durchgeführt. In den USA hat Charlotte Selver eine Richtung mit eigenem Namen (Sensory Awareness) etabliert, und in Zürich existiert ein kleiner Kreis mit Einzelunterricht.

Das Berliner Archiv enthält als Kern die Bandaufnahmen von Jacobys Kursen, die dazugehörigen "Eintrittsdokumente" der Teilnehmer (Fragebogen, Tonaufnahmen, Textprobe, Zeichnungen) und ihre späteren Beiträge (Resümees, Zeichnungen). Hinzu kommt die Dokumentation auffallender Leistungen von Behinderten. Das Archiv gehört einer Stiftung, welche Arbeiten zur Aktualisierung von Heinrich Jacobys und Elsa Gindlers Werk unterstützt. - In Deutschland wird das wiedererwachte Interesse durch eine Dissertation über Jacobys Musikpädagogik belegt.

Jacobys Stellung im Rahmen der Pädagogik

Wer Jacoby einordnen möchte, wird ihn zur Reformpädagogik zählen wollen, jener Aufbruchbewegung, die in Deutschland zwischen 1900 und 1933 Geschichte machte. Besonders das Ernstnehmen des Kindes und die Betonung des Schöpferischen sprechen dafür. Die Unterschiede hingegen liegen in Jacobys mehr naturwissenschaftlicher als philosophischer Orientierung, also auch im Bedürfnis, seine Anschauungen durch Experimente und Dokumentationen zu erproben und zu erhärten. Eine der Leitgestalten Jacobys war Pestalozzi, an dem er das lebenslange Engagement gegenüber dem einmal gefaßten sozialen Konzept bewunderte. Die Dreistufenoptik Pestalozzis in seinen "Nachforschungen" (Der Mensch als Werk der Natur, der Gesellschaft, seiner selbst) findet sich überraschend bei Jacoby unter den Bezeichnungen: Biologische Ausrüstung, Gesellschaft - Umwelt, Bewußte Nachentfaltung. - Obschon Jacoby die Werke Freuds empfahl und Alfred Adler persönlich kannte, war Psychologie doch nur ein Teilaspekt. Die ganzheitliche Perspektive Körper Psyche war ihm wichtig. Wieviel von Heinrich Jacoby und Elsa Gindler in andere Richtungen eingeflossen ist, läßt sich nicht mehr quantifizieren; bei Gestalttherapie und Sensory Awareness ist ein Einfluß direkt dokumentierbar. Auch zu östlichen Praktiken ergaben sich Berührungspunkte.

Die Frage, ob Jacoby durch die Zeit eingeholt wurde, ist berechtigt. Zu Anfang des Jahrhunderts waren liberale Ideen die Sache von Außenseitern, heute werden sie von repräsentativen Pädagogen (z. B. H. v. Hentig, H. Roth) vertreten und - mit Vorbehalten - auch von breiten Bevölkerungsschichten. Trotzdem haben die Methoden und Resultate von Jacobys Forschungsarbeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Heinrich Jacoby hat einen exemplarischen Weg vom Speziellen zum Allgemeinen durchschritten, er hat in einer statisch denkenden Umgebung ein dynamisches Bild vom Menschen vertreten, und er hat-vielleicht sein wichtigster Beitrag - konkrete und zuverlässige Wege zur Sicherung der Entfaltung aufgezeigt. Sein grundsätzliches Denken und Fragen lieferte neue Zusammenhänge und regt zu eigener Aktivität an. Eine Auseinandersetzung lohnt sich.

Literaturhinweise

Unter dem Namen Heinrich Jacoby sind im Christians Verlag Hamburg folgende Bücher erschienen:

Von Walter Biedermann sind folgende Publikationen über die Arbeit von H. Jacoby erschienen:

Weitere Schriften:

Bücher über Heinrich Jacoby:


Arbeitskreis Heinrich Jacoby/Elsa GindlerHeinrich-Jacoby/Elsa-Gindler-Stiftung

Neue Seiten im Kontext

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Der Verein "Wege der Entfaltung" ist eine gemeinnützige Organisation, die dem Lebenswerk von Elsa Gindler, Heinrich Jacoby, Elfriede Hengstenberg, Charlotte Selver und Emmi Pikler verbunden ist.

Unser Anliegen ist es, die Erfahrungen und Erkenntnisse dieser wegweisenden Pädagogen in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen wie auch in der Arbeit mit Erwachsenen umzusetzen und zu vertiefen.

Wir veranstalten fortlaufende Kurse, Wochenendseminare, Vorträge, Workshops und Fachtagungen für Erwachsene, die der Selbstentfaltung und der professionellen Bildung dienen. Wir unterstützen und betreiben Einrichtungen für Kinder. Wir publizieren Schriften, Bild- und Filmmaterial der genannten Pädagogen bzw. ihrer Arbeit.

Montag, 26. Dezember 2005

Eine Entwicklungsmethode inspiriert durch Heinrich Jacoby und Peter Kafka: Nicht rational Lösungen vorherbestimmen, sondern durch vorsichtige Versuche tastend einen guten Weg erkennen.

Beispiele: Freie Software, Open Space

Mittwoch, 29. Juni 2005

Solidarische Ökonomie ist der Gegenpol zur Machtökonomie. Wir müssen sie nicht erfinden, denn sie ist - zumeist unbewusst und verkrüppelt - die Grundlage aller Machtökonomie. Wir kennen sie aus dem Kontext der Familie und des Freundeskreises.

In der solidarischen Ökonomie ist die Gesellschaft zuständig für die Befriedigung der Bedürfnisse des Einzelnen. Die Aufgabe des Einzelnen ist die Äußerung der Bedürfnisse.

Die Bewegungsform solidarischer Ökonomie ist deshalb das Gespräch; es gibt keine abstrakte Vermittlungsform.

Montag, 24. November 2003

Ich habe in der Auseinandersetzung mit dem Unterrichten wirklich begriffen, dass es keine größere Gefahr für die Verständigung und Klärung gibt, als jene scheinbare intellektuelle "Klarheit", die sich in dem Verstandenhaben über den Kopf erschöpft und unverbindlich für die Qualität unserer Existenz bleibt. (

Die immerfort und überall wirksame Tendenz, sich mit Surrogaten von Wissen und Einsichten zu begnügen, bewirkt, dass aus uns "Gebildeten" Menschen werden, die erstaunlich wenig Unbehagen empfinden, wenn ihr Sein so ganz im Widerspruch zu ihrem Wissen über deses Sein steht.

Montag, 31. Dezember 2001

Sammlung von Zitaten zum Thema "Lernen"

Freitag, 13. Juli 2001

Als Alternativschulen werden oft Schulen bezeichnet, die sich in einigen typischen Merkmalen von Regelschulen unterscheiden. Darunter zählen sehr unterschiedliche pädagogische und philosophische Konzepte, wie zum Beispiel Montessori-Schulen, Waldorf-Schulen und demokratische Schulen.

Einen Überblick über verschiedene Versuche weltweit liefert das Buch Schule im Aufbruch von David Gribble.