Bewegung - Organisation - Herrschaft

Version 8, 80.145.159.170 am 27.9.2003 12:43

!Überlegungen zum Seminar am 26./27.9.2003, vgl. Wege aus dem Kapitalismus

  1. Wir beneiden die lebendigere oppositionelle sozialen Bewegungen in Italien (siehe Darios letzten Vortrag). Dem stehen aber meist und gerade heute reaktionäre Regierungen gegenüber. Worin steckt dann der Effekt solcher Bewegungen?

  2. Je nach der Antwort: Ist das "nur" eine italienische Besonderheit oder kann dies auch für die bundesdeutsche Entwicklung relevant sein?

  3. Wir stellen bezüglich der deutschen Entwicklung fest: Emanzipatorische Bewegungen reproduzieren in sich immer wieder antiemanzipatorische Strukturen, Herrschaftsverhältnisse, die eigentlich bekämpft werden sollen. Hängt das damit zusammen?:

    • Unser Begriff von Emanzipation ist falsch. Bewegungen, die in sich Herrschaftsstrukturen entwickeln, sind ohnehin keine (oder heute nicht mehr) emanzipatorischen Bewegungen.

      • lies mal Arno Gruen "der Verrat am Selbst" - Übereinstimmung mit den '''eigenen Gefühlen ist, was Not tut. Durch Umschulung von Linkshändern wissen diese nicht mehr innen und außen zu unterscheiden. Wir dulden die Autonomie des Anderen nicht. siehe auch im Persischen →"shah nameh" Brief des Königs, Namen ist nicht nur Schall und Rauch (nomen est omen)selbstverständlich ist nichts ohne den anderen, der zustimmen kann, wenn seine Unabhängigkeit dies erlaubt. UweB

    • Bloße Widerständigkeit gegen die Zumutungen des Kapitalismus ist gar nicht nicht in der Lage, eine andere Gesellschaftlichkeit positiv zu konstituieren. Sie müssen sich, um partielle Erfolge zu erreichen bzw. zu verteidigen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaften behaupten und selbst die entsprechenden kapital- bzw. herrschaftsförmigen Strukturen entwickeln.

    • Das hieße: Emanzipatorische Bewegungen können (heute) nur solche sein, die von vornherein als Bedingung jedes ihres Fortschritts neue Strukturen konstituieren, solche, die unmittelbar die kapital- und herrschaftsförmigen aufheben, die ihre Zusammenhänge z. B. nicht über Wertformen, Ideologien, Staatlichkeit vermitteln.

  4. Warum verlassen Leute immer wieder alternative Projekte bzw. Bewegungen? Wie müssten Gemeinschaften aussehen, in denen das nicht der Fall ist, die also eine entsprechende gesellschaftliche Dynamik zur Aufhebung von Kapital- und Herrschaftsverhältnissen in Gang setzen?

  5. Können Parteien wie die PDS perspektivisch solche Bedingungen erfüllen? Können das Parteien überhaupt? Gleiche Frage nach Bewegungen wie Attac.

  6. Können allgemeine Formen, Regeln erkannt und formuliert werden, bei deren Befolgen zu erwarten wäre, dass die Formen der Bewegungen und die emanzipatorischen Zwecke nicht immer wieder in Widerspruch geraten?

  7. Gibt es vor- bzw. außerkapitalistische Lebensformen und Mentalitäten, die auch in den Metropolen und gestützt auf bestimmte Errungenschaften der bürgerlichen Epoche von Bedeutung für das Konstituieren emanzipatorischer Praxen sein können?

  8. Welche positiven Bedingungen müsste eine neue Gesellschaftlichkeit erfüllen, die allgemeinmenschliche Emanzipation ermöglicht? Welche gesellschaftlichen Bedingungen setzt dies wiederum voraus?

    • Könnte dies nur in Gemeinschaften von Menschen entstehen (und in deren Vernetzungen), die sich wenigstens partiell auch die eigenen materiellen Existenzbedingungen auf emanzipatorische Weise schaffen (also zum Beispiel nicht über Lohnarbeit oder staatliche Alimentierung)? Kann dies auch aus Widerständigkeit heraus wachsen?

    • Da diese Gemeinschaften in überschaubarer Zeit nicht die ganze Gesellschaft bestimmen und nicht vollständig Selbstversorgung betreiben können, hieße das: Wenigstens ein Teil der daran beteiligten Menschen muss zugleich zwei entgegengesetzten Praxen angehören: einerseits der emanzipatorischen Praxis der freien Kooperation und andererseits der kapital- und herrschaftsförmigen, durch die die notwendige Knete für die erste Praxis gesichert werden muss.

    • Wer eine solche Weise der Auseinandersetzung um gegensätzliche Lebenspraxen für unfähig hält, perspektivisch tatsächlich eine neue Gesellschaft zu konstituieren, deren Ein- und Unterordnung unter die herrschenden Verhältnisse als unvermeidbar ansieht, der kann diese Möglichkeit nur als die jetzige Gesellschaft bestätigende Nische begreifen und keinesfalls als Weg zur Begründung Konstituierung einer neuen Gesellschaftlichkeit, die geschichtsmächtig werden könnte. Hält derjenige aber doch an der Möglichkeit der Aufhebung von Kapitalverhältnissen fest, dann muss er notwendig den Übergang als einen Bruch auf einen Schlag denken oder als einen Bruch, der von einer äußeren Macht, also durch einen revolutionären Staat, also durch Herrschaftsverhältnisse herbeigeführt und abgesichert wird.

Lassen sich aus den italienischen Erfahrungen bzw. aus denen, über die etwa Jörg Bergstedt verfügt, Antworten auf solche Fragen finden? Erscheinen diese Fragen unter diesen Erfahrungsgesichtspunkten überhaupt sinnvoll?


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