Terrorismus

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Die Paulskirche in Frankfurt am Main war am ersten Wochenende im November der Schauplatz einer Debatte, die um den 11. September kreiste: Welche Fragen und Antworten kann es geben, die nicht nur vordergründig politische Schlagworte bestätigen? Woher kommt mit der Gewalt in der Gesellschaft der Terror? Welche seelische Situation heizt den Extremismus von Gefühlen an? Der Psychoanalytiker Arno Gruen sondiert die Verhältnisse mit einem anderen Blick. Sein Thema: die Wurzeln wachsenden Hasses weltweit

Arno Gruen "Wir leben in einer Welt, in der wir zunehmend voneinander abhängig sind, abhängig werden und uns dennoch immer mehr gegeneinander wenden".

Arno Gruen, 1923 in Berlin geboren, jüdischer Herkunft, kehrte Ende der siebziger Jahre aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurück. Die zentrale These in seinem jüngsten Buch Der Fremde in uns: Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthass zu tun, richtet sich gegen einen entfremdeten, unterdrückten Teil des eigenen Selbst und führt zu innerer Leere und Destruktivität. Gruen will etwas Unerhörtes: Die Täter verstehen, die Katastrophe, die aus Selbstentfremdung, Haß und Gewalt entsteht.

Arno Gruen: "Ich halte solche Menschen für krank, aber nicht im psychiatrischen Sinne, sondern das sind Menschen, die ihre Bedeutung durch das Töten anderer finden. Das gibt ihnen Bedeutung. Man braucht kein Terrorist sein, dasselbe passiert auf vielen Ebenen in unseren Gesellschaften. Über diesen Piloten, der gegen das World Trade Center flog, gab es ein Interview im ägyptischen Fernsehen, das sein Vater gegeben hat. Ich weiß nicht, ob Sie es gesehen haben. Der Mann war so voller Hass. Es ist ganz klar, was da passiert ist: dieser Junge hatte keine Möglichkeit, er selber zu sein, nie, er musste immer gehorsam sein. Da haben wir es. Hier ist ein Mensch, der dann Erlösung sucht durch jemanden, der wieder eine Autorität darstellt. Solch ein Verhalten entwickelt sich leider von ganz früh an, wenn ein Mensch nie, von Anfang an, zu sich selber stehen kann".

Arno Gruen zeigt die Verwandlung vom Opfer zum Täter, wie klein oft der Schritt ist von der Normalität, vom Zwang zur Anpassung, zu Gehorsam hin zum Wahnsinn der Tat. Viele Täter, zum Beispiel Yigal Amir, der Mörder Rabins, empfinden diese Anpassung als Opfer, als einen Fremden in sich selbst, und bekämpfen ihn, indem sie den anderen töten. Die Ideologie von der vermeintlich guten Sache rechtfertigt diesen psychischen Vorgang.

Arno Gruen: "Auf der einen Seite haben wir Leute, die von früh an in ihrer Kindheit unterdrückt wurden. Da sie sich aber anpassen, sieht man ihnen das nicht an. Sie sehen aus wie brave Buben zum Beispiel, ihr ganzes Leben lang, und haben nette Gesichter. Keiner von diesen Leuten kann etwas für diesen Todesdrang, der in ihnen war. Es gibt Menschen, die so sind. Wir wollen das nicht wahrhaben, weil wir nicht glauben wollen, dass so etwas passieren kann. Aber viele Menschen, ich würde sagen vielleicht acht Prozent in einer Bevölkerung, erfahren solch eine autoritäre, lieblose Erziehung, dass sie so werden".

Die Anpassung an autoritäre Muster erzeugt eine falsche Identität, auch wenn sie als drückend empfunden wird. Der Globalisierung gilt Gruens entschiedene Kritik. Sie erschüttere die wirtschaftliche und persönliche Existenz, die Gefühle vieler Menschen. Dieser neue, weltweite Druck entlade sich in Hass und Gewalt.

Arno Gruen: "Wenn Situationen sich so entwickeln, dass gesellschaftliches Leben auseinanderzufallen droht, zum Beispiel durch die Globalisierung - die zerstört ja den Inhalt von Beziehungen, die Menschen in unseren Gesellschaften formen – wenn das zerfällt, dann sind diese Menschen bedroht. Sie klammern sich ja an diese äußeren Strukturen, und wenn die auseinanderfallen, dann fallen sie auch auseinander. Dann kommt es bei diesen Leuten zu einem Ausbruch von Hass, den sie früher nie gezeigt haben".

Gibt es einen Ausweg aus diesem mörderischen Kreislauf von Unterdrückung, Entfremdung und Gewalt? Vielleicht ist Arno Gruen ein rettungsloser Optimist, aber sein Plädoyer für eine Gesellschaft, die die Not der Menschen ernst nimmt und ihre Individualität stärkt, ist ebenso vernünftig wie menschlich.

Arno Gruen: "Die Kultur, in der wir leben, bringt uns dazu, nicht auf unsere Menschlichkeit zu bauen; wir fangen an zu lernen, dass man über Leichen schreiten muss, um vorwärts zu kommen. Aber das Menschliche ist da, es kann immer wieder stimuliert werden, und darum geht es, das müssen wir tun".


siehe auch http://www.hr-online.de/fs/ttt/011104/fremde.html (←- DEAD LINK)


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