ZinsKritik

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Zitate

Das Geld ist für den Tausch entstanden, der Zins aber weist ihm die Bestimmung an, sich durch sich selbst zu vermehren. Daher widerstreitet auch diese Erwerbsweise unter alle am weitesten dem Naturrecht."

Aristoteles, -340

Wesentlich an diesem kleinbürgerlichen Antisemitismus ist, daß er nicht ideologisch argumentiert und sich auf eine gewisse wirtschaftliche wie gesellschaftliche Erfahrung, die Verbitterung nur allzu verständlich macht, berufen kann. Diejenigen nämlich, die gewohnt gewesen waren, die Hilfe des Staates in Anspruch zu nehmen, sahen sich innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft auf den Kredit der Banken verwiesen, und diese Banken konnten in der Vorstellung des kleinen Ladenbesitzers und Handwerkers nur die gleiche Gestalt des Ausbeuters annehmen, die der Unternehmer in der Vorstellung des Arbeiters angenommen hatte. Der Unterschied war nur, daß die Arbeiter ... recht gut wußten, daß der Unternehmer die doppelte Funktion erfüllte, sie auszubeuten und die Produktion zu ermöglichen, während der Bankier nur als unproduktiver Ausbeuter, als Aussauger auf der Bildfläche erschien. Schließlich spielte der Bankier keine Rolle in dem Geschäft, das er durch seinen Kredit angeblich ausbeutete, außer der eines gewissermaßen stillen, unerbetenen Teilhabers, ohne den es nun einmal nicht abging, wenn man erstmal in Schwierigkeiten gekommen war. Es gehört wohl nicht viel Vorstellungskraft dazu, um zu verstehen, daß derjenige, der sein Geld ausschließlich dazu benutzt, mehr Geld zu machen, bitterer und nachhaltiger gehaßt wird als derjenige, der seine Profite auf einem langen und komplizierten Umwege des Produktionsprozesses erwirbt. Da zu jener Zeit noch niemand um Kredit nachkam, der ihn nicht unbedingt sofort brauchte, erschien der Bankier nicht als Ausbeuter von Arbeitskraft, sondern als Parasit des Elends und des Unglücks.

Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1949, S.101

Die stetig widerkehrende Redewendung, das Geld müsse 'hart arbeiten', gibt einen Hinweis darauf, in welch falschen Vorstellungen wir befangen sind, was sich jenseits des Geldschleiers real vollzieht. Das Geld als solches arbeitet natürlich nicht; sondern weil es über die Bank gegen Zins weitergegeben wird, arbeiten andere Menschen, und zwar um so härter, je höher der Zins ist, den das Geld verdienen soll. Geld kann auf diese Weise Herrschaftsverhältnisse und Abhängigkeiten begründen. Mehr noch: Es kann Menschen und ganze Völker regelrecht versklaven, wenn diese für die Zinslasten, die ihren über Kreditgewährungen auferlegt wurden, Frondienste leisten müssen.

Otto Schily: "Flora, Fauna und Finanzen", 1998

In diesem Zitat des heutigen Repressionsministers finden sich Wahrheit (=ökonomische Realitaet) und Lüge (=Zinsideologie) perfekt vermischt: Geld ist nur eine Anrechtsoption auf Ausbeutung lebendiger Arbeit, die Zinsen sind nur ein Anteil am Ergebnis, dem Mehrwert und sie werden aus eben diesem Grunde auch gelegentlich von den Zentralbanken willkürlich gesenkt, um dem fungierenden Kapital wieder mehr Spielraum für die praktische Umsetzung der Ausbeutung zu schaffen.

Diskussion

ToDo: Kritik der ZinsKritik

um hier schon mal die Quintessenz als These vorwegzunehmen: ''Die ZinsKritik ist die übelste Apologie des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses, weil sie dessen zentrale Tatsache, die Ausbeutung lebendiger Arbeit leugnet, stattdessen aber behauptet, mit dem Verbot der Verzinsung den entscheidenden "Systemfehler" "abstellen" zu können, in Wahrheit aber nur eine eliminatorische SündenbockIdeologie ist."

MiK
ThomasKalka:

Es gibt Zinskritik wohl in zwei Formen:

a) Wir sollten eine Form des Zusammenlebens finden, die Zinsen abschafft.

b) Der Zins ist der Hauptfehler unseres "Systems". Es reicht aus, den Zins abzuschaffen; eine "gerechte" Wirtschaftsordnung wird sich dann von selbst ergeben.

... lautet in anderen Worten die Quintessenz der These : Zinskritik ist eine VerkürzteKritik, da sie zwar den Zins, aber nicht das Eigentum und die sich daraus ergebende Tauschwirtschaft kritisiert ?

ToDo ....

HelmutLeitner:

Es gibt da einen Denkfehler: Zinsen seien ein Phänomen des Geldes. Richtig ist: Zinsen sind eine Erfindung, die die Zukunft in ein Geschäft einbezieht. Ein Bauer, der seinem Nachbarn sagt: "hier gebe ich dir einen Sack Saatgut wenn du mir nach der Ernte zwei Säcke davon zurückgibst" macht ein Geschäft mit Zinsen, ohne dass daran Geld beteiligt ist. Solche Geschäfte brauchen Stabilität von Beziehungen und Zukunft, sie brauchen keine Währung. Und solche Geschäfte sind auch nicht so einfach - möglicherweise überhaupt nicht - abzuschaffen.

thomas:

Ja genau. Zinsen ergeben sich aus der Erfindung des Eigentums.

helmut:

Zinsen abzuschaffen würde daher bedeuten - der Begriff Eigentum erscheint ja nur als konstruktivistische Fiktion - generell jede Art von individueller oder gemeinschaftlicher Resourcenbeherrschung abzuschaffen. Das würde alle bestehenden Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten eliminieren. Würde das nicht ein Problem lösen und dafür hundert neue Probleme schaffen?

^Basti:

Was heißt überhaupt 'Zinsen abschaffen'? Klar, man kann das Erheben von Zinsen unter Strafe stellen, aber das halte ich für keine geeignete gesellschaftliche Perspektive - zumal auch dann das Konstrukt 'Zins' nicht abgeschafft ist, sondern lediglich die individuelle (vermeintliche?) Not gegenüber der zu erwartenden Strafe und dem Risiko, diese erfahren zu müssen abgewägt wird. Letztlich bräuchte es ja auch keinen stören, denn die Entscheidung, einen Kredit unter einem bestimmten Zinssatz aufzunehmen ist ja doch eine freiwillige (wenn auch mitunter Alternativen, wie fehlende medizinische Behandlung, Aufgabe von Eigentum oder Lebensstandard, Unmöglichkeit, ein Haus zu erwerben etc. wenig verlockend erscheinen). Das Problem ist aber doch, dass an vielen Stellen immer wieder Kredite aufgenommen werden, deren Zinszahlungen dann auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Ich weiß nicht, was es bräuchte, damit unser Staat Schuldenfrei wäre. Ich weiß nicht, wie Unternehmen ohne Kredite konkurrenzfähig sein können. Aber letztlich sind das doch die interessanten Fragen, denn hier wird doch entschieden, ob unsere Kohle an die 'Hochfinanz' abgeführt wird.

thomas:

Ich verstehe Deinen Einwand, Helmut, gar nicht. Ist Dir nur unsere heutige abstrakte Eigentumsform denkbar ? Es gibt doch beliebig viele Möglichkeiten in einer Gesellschaft, das Umgehen mit Dingen zu regeln. Laß uns zuerst klären, was Eigentum heute eigentlich bedeutet (auf der entsprechenden Seite).

Was heißt überhaupt 'Zinsen abschaffen'? Soweit ich bisher verstanden habe gibt es da zwei ähnliche Änsätze: Zirkulationssteuer und Geldreform.

basti:

..und? Was hindert mich dann daran, dir Geld (oder was anderes) zu leihen unter der Bedingung, von dir mehr davon wieder zurückzuerhalten? Ich sehe das Problem, dass tatgtäglich unglaublich viel Geld ohne relevanten Gegenwert seinen Besitzer wechselt, doch das Problem sind doch nicht die, die saftige Kredite vergeben oder fehlende Gesetze, dieses Tun zu unterbinden, oder? Das Problem ist, dass ich noch soviel schuldenfrei leben kann und dennoch Zinsen zahlen muss, über Miete, Brot und Steuern.

thomas:

Ich frage mich: was bringt mich in die Lage, etwas leihen zu müssen und ermöglicht Dir, mir etwas zu leihen ? Was hindert mich daran, mich in den gefüllten Regalen zu bedienen ? Was bringt Menschen dazu, zu verhungern, obwohl es heute genügenden Nahrung gibt und diese sogar teilweise vernichtet werden muss, um einen genügend hohen Marktpreis zu ermöglichen ? Warum werden Belohnungen für Stilllegungen von Flächen bezahlt, auf denen etwas angebaut werden könnte ? Warum kann ich nicht in die Wohnung einziehen, die ich schon ein Jahr leerstehend sehe ? Warum werden Häuser, wenn es zu viele davon gibt, abgerissen , obwohl es gleichzeitig Obdachlose gibt ? Warum gibt es soviel , was getan werden müsste und gleichzeitig soviele sogenannt Arbeitslose ? Oder kurz: warum gibt es künstliche Knappheit ?

basti:

Ich hätte kein Problem mit einer Welt, in der sich die Menschen zusammensetzen würden, um zu besprechen, was mit den Dingen geschehen soll, wer sich wo und wie einsetzen kann und jeder ein aufrichtiges Interesse hat, das es allen gut geht, weil er erkannt hat, das er damit letztlich am besten fährt. Wir können nichts daran ändern, das es ist, wie es ist. Wir können uns allenfalls überlegen, wie wir dahin kommen, wo wir uns haben wollen. Und da ist Zwangsenteignung sicherlich keine kluge Idee - zumindest höre ich da so einen Unterton aus deinen Worten hinaus (womit ich auch völlig falsch liegen kann). Aber darum geht es mir: Das Phänomen Zins kann man kritisieren - gut. Aber was nun?

thomas:

Es geht mir nicht um Zwangsenteignung. Mir geht es erstmal darum zu bemerken, dass Eigentum eine gemeinschaftliche Übereinkunft ist. Gemeinschaftliche Übereinkünfte können verändert werden. Ich denke (dies ist meine Kritik der Zinskritik), dass ein anderer Umgang mit Eigentum der entscheidende Schritt zu einer nicht vom verwertungs-Zwang bestimmten Ökonomie ist. Dafür gibt es viele Möglichkeiten.

a) Kreativer Umgang mit dem Eigentumsrecht

Ein aktuelles Beispiel dafür ist zum Beispiel die General Public License, die es schafft im gegenwärtigen Eigentums-System eine Form von Gemein-Eigentum zu erfinden, die sich selbst schützt. Ich denke, dass dies auch auf andere Eigentums-Formen (Eigentum an Grund und Boden, Gebrauchsgütern, Produktionsmitteln) etc.. Zum Beispiel kann eine Aktiengesellschaft über eine Kapitalaufnahme relativ Frei über die Umverteilung der Besitzverhältnisse an der Aktiengesellschaft verfügen, solange der überwiegende Teil der Aktionäre dies wünscht (über 75 Prozent). Damit ließe sich mit verschiedenen Spielregeln bezüglich Eigentum in dieser Gesellschaft experimentieren. Aktien können auch als Zahlungsmittel verwendet werden. Mit entsprechenden Regeln ausgestattet könnte man also eine eigentumsgebundene Währung mit anderen Spielregeln ausprobieren.

b) Andere Mechanismen als Verwertung (Geschäftemachen) zur Grundlage von Ökonomie machen (Direkte Absprachen, unterstützt von Technischer Infrastruktur (direkte, dezentrale Demokratie))

c) Kollektivierung von Eigentum (Eigentums-Gemeinschaften, Nutzer- und Verbrauchergemeinschaften, Wirtschaftsgemeinschaften) Interessant wäre dies auch zusammen mit a) auszuprobieren, die "Ich-AG" beim Wort zu nehmen. (siehe ThemaCSA, Gemeinschaften)

helmut:

Thomas, entschuldige, dass ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Natürlich sind verschiedene Eigentumsformen denkbar. Eigentum und Zinsen hängen jedoch eng zusammen. Und beide haben nicht nur negative Aspekte. Ich sehe mehrere gedankliche Probleme bei dem Weg, den du gehen willst. Das Ansetzen an isolierten Punkten, obwohl es um die Veränderung eines großen vernetzten Systems des Wirtschaftens geht. Das Fixieren auf den Eigentums-Begriff - es macht aus meiner Sicht keinen Unterschied ob jemand Eigentümer eines Luxusautos oder Schlosses ist, oder er ein Benutzungsrecht dafür besitzt ("die Resource beherrscht"). Es macht für mich auch keinen prinzipiellen Unterschied, ob jemand alleine über Resourcen verfügt (während andere hungern), oder ob diese eine Kooperative oder Gesellschaft (in einer Form von Gruppenegoismus) tut. Wenn Zinskritik erfolgt, dann hat das wenig Sinn, wenn man gleichzeitig sagt, "Zinsen kann man nicht abschaffen". Ich hab einfach den Titel dieser Seite ernst genommen und weiter gedacht. Wenn ich an visionäre wirtschaftliche Problemlösungen denke, dann müsste meiner Meinung nach die Größe von Wirtschaftunternehmen beschränkt werden (z. B. durch eine progressive Steuer, so dass die ungesunde politische Macht von Konzernen zurückgeschraubt wird). Es müsste die Verbindung der Wirtschaft mit dem Sozialsystem wieder hergestellt werden, d. h. eine Firma, die global tätig ist, müsste auch eine globale Steuer zahlen, die für die globalen sozialen Anliegen verwendet wird. usw.

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Ist es hilfreich, Gesells Theorie als falsch zu beweisen ?

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Was fällt Dir ein zu der Frage: Was finde ich schlecht, unpraktisch, belastend, veränderungswürdig, beängstigend, grausam am Ist-Zustand, an der Situation, unserem Gesellschaftssystem, den Menschen? > Deine Kritik-Beschreibungen schreibe Bitte zuerst auf die Seite Kritiken am Bestehenden, falls auf dieser Seite noch keine Seite aufgelistet sein sollte, die einen solchen Text bereits enthält. Sonst trage bitte auf der Seite, die schon Ansätze Deiner Kritik enthält, Deine dort fehlenden Kritik-Punkte dazu.

Links zu unerwünschten Zustandsbeschreibungen trage bitte hier unter dem Stich ein, am besten mit einer Kurzbeschreibung.

  • Auf den hier gelisteten Seiten dort trage dann bitte AlternativenFürAlles und Visionen und Ziele ein, damit Menschen die von den hier gelisteten Seiten (mit den ungewünschten Zustandsbeschreibungen) kommen, nicht dort hängen bleiben, sondern zu den Visionen demgegenüber und den Alternativen dafür klicken können und konstruktiv mit ihrem Ärger, ihren Kritiken, Ängsten,... umgehen können. Sonst entspräche es nicht der Idee der Zukunftswerkstatt. ;-)