Synapse

Version 97, 87.185.236.236 am 28.11.2008 21:50

Hallo,

dies ist die Redaktionsseite der Synapse 2005, einer wiederkehrenden Zeitung des Mietshäuser Syndikats.

Ein Teil der Ausgabe (1/2005) wird an dieser Stelle dokumentiert und wurde von Leuten des Mietshäuser Syndikat Berlin-Brandenburg organisiert, zwischenzeitlich war die regionale Vernetzung etwas am ruhen, Ende 2008 bildete sich nun erneut ein regionaler Zusammenhang, Infos zur Erreichbarkeit findet ihr unter http://www.syndikat.org/.

Die Regionalgruppe Berlin-Brandenburg erreicht ihr unter: berlin-brandenburg@syndikat.org

!Kontaktadressen zur damaligen Redaktionsgruppe: wmedina at web.de, wertstofftonne at freenet.de

Inhaltsverzeichnis (aktueller Stand vom letzten Redaktionstreffen am 10.05.):

!Fertige Texte:

Diese Ausgabe der Synapse ist eindeutig lokal geprägt: Wie stellt sich die Situation für Hausprojekte in und um das Mietshäusersyndikat in Berlin-Brandenburg dar?

In den letzten anderthalb Jahren kauften die BewohnerInnen der Grünberger 73, der Oranien 45, der Scharnweber 38, des Sozialen Zentrums Potsdams, Potsdam Eichelkamp ihre Häuser. Die Liebig 34 steht in der Warteschleife. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist das Mietshäusersyndikat inzwischen ein großer "Investor". Wo bleibt der rote Teppich vom Wirtschaftssenator?

Die jüngsten Ereignisse in der Yorckstr. zeigen eine andere Realität: ob es sich um Unvermögen oder Unwillen handelt lässt sich bei hiesiger städtischer Entwicklungspolitik manchmal schwer sagen - der Markt bestimmt das Ende - eines wichtigen linken Hauprojektes, dessen Kaufversuch im Rahmen des Syndikats um Haaresbreite scheiterte.

Die unglaubwürdige Politik auf Bezirks- und Landesebene lässt sich am Beispiel vieler leerstehender Gebäude als auch der Schilderung des Projekt in Weissensee gut ablesen. Der Liegenschaftsfond schiebt wirtschaftliche Argumente vor, um eine Vermietung politisch zu blockieren. Im Waldekiez in Kreuzberg ist Alarmzustand - die BewohnerInnen peilen nun ein Stiftungsmodell an, um der drohenden Privatisierung von 23 Häusern zu entgehen. Ebenso als Stiftung bietet die Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PAG) Grundlagen zum inhaltlich fundierten kollekivierten Projektaufbau. Möglicherweise zur Erweiterung des Horizonts kann ein abgedrucktes Gespräch mit der PAG dienen. Anderer Ansatz, ähnliches Ziel - und perspektivisch eine Zusammenarbeit mit dem Syndikat erwünscht. Wie sieht es denn mit dem Geschehen innerhalb von Syndikatsprojekten aus? Etwas allgemeiner thematisiert wird die soziale Entwicklung im Verhältnis zum Hauskauf. Mehr Bewegungsfreiheit als die Stadt bietet das brandenburgische Umland, dessen natürliche Reize durch die der Projektelandschaft ergänzt werden. Eine kleine Radtourbeschreibung stellt die Vielfalt dar.

Wir hoffen, mit dieser Ausgabe das so große wie heterogene Bild berlin-brandenburgischer Projekte etwas plastischer zu machen. Und uns zu fragen, welche Rolle das Syndikatsmodell darin spielen kann. Nun, jedenfalls: viel zu tun giebt es bestimmt...

dä redaktion



Wie wär’s mit der alten Kurt-Held-Schule mitten in Kreuzberg, dazu die alte Turnhalle als Konzertsaal? Alles in schönstem Backstein, steht ab Sommer 2005 leer. Oder vielleicht architektonisch etwas verspielter, der mit orientalischen Elementen geschmückte ehemalige Krankenhauskomplex des Bethanien? Wer es etwas funktionaler haben will, für den gibt es in Friedrichshain eine Schule in bestem DDR-Platten-Design mit riesigem Hinterhof. Steht seit 2003 leer.

Zu einem Dutzend leerstehender öffentlicher Gebäude führte die "Initiative für ein Soziales Zentrum" Mitte März durch die Stadt. Die Bustour startete bei der als "Soziales Zentrum" ins Auge gefassten ehemaligen Kita in der Glogauer Strasse 16. Sie steht trotz legitimen und ernsthaften Interesse seitens der Initiative weiterhin leer. Ein Vertragsabschluß scheiterte bisher an der Bezirkverwaltung, die darauf besteht, nicht nur Betriebs- und Bewirtschaftungskosten, sondern auch Miete einzutreiben.

Dabei beschloss der rot-rote Berliner Senat im November 2004 genau das Gegenteil - nämlich die "Zwischennutzung leerstehender Gebäude". Diese können laut Beschluss für "förderungswürdige und gemeinnützige Zwecke" an Vereine und sonstige Interessenten gegen Bezahlung der Unterhaltskosten vermietet werden. Allerdings achtet der Liegenschaftsfond des Landes Berlin nicht nur auf die "wirtschaftliche Leistungsfähigkeit" des Interessenten, sondern auch darauf, dass "das Ziel eines Verkaufs der betreffenden Grundstücke" seiner Einschätzung nach "nicht beeinträchtigt wird". Inzwischen sind "rund 8.000 Objekte beim Liegenschaftsfond gelistet", berichtete die Moderatorin der Bustour.

Mit dem Leerstand vorbei sein soll es bald bei fünf Gebäuden eines Schulkomplexes in der Kastanienallee 82 im Prenzlauer Berg. Obwohl sich mehrere Genossenschaften und eine BürgerInneninitiative mit dem Namen "Forum K82" für das Gelände interessierten, vergab das Bezirksamt Pankow es kurzerhand an eine private Sprachenschule als "investitionsstarken" Bewerber. Auch am Ende der Bustour blieb bei dem großen Angebot unklar, welches Gebäude nun "das Schönste" sei - und ob das Land Berlin angesichts des restriktiven Verhaltnes des Liegenschaftsfonds ernsthaft an Vermietung interessiert ist.

redigiert von Winnie (10.05. 10.00 uhr)

Dicke Luft: die von den Bezirken in Auftrag gegebene Studie "Aktionsplan Pankow" zum Thema Rechtsextremismus spricht von "dringendem Handlungsbedarf", zivilgesellschaftliche Akteure im Kampf gegen eine hegemonial werdende rechte Jugend- und Alltagskultur zu unterstützen. Doch auch ohne Aktionsplan und Zeitungsmeldungen ist das Erstarken der rechten Szene im Nordosten Berlins tagtäglich spürbar - ein Anlass für ca. 20 Projekte und Initiativen sich zusammenzuschließen, um vor Ort gemeinsam Alternativen anzubieten und den rechten Tendenzen die emanzipative Stirn zu bieten. Geplant war und ist, auf einem Gelände alle notwendigen Ressourcen und Mittel für eine alternative Kultur und Bildung zu vereinen und den Worten Taten folgen zu lassen.

Daraus resultierte die Bewerbung für ein Gelände in Berlin Weißensee durch den "solar e.V." ("soziales leben und arbeiten"), in welchem sich die verschiedenen Initiativen organisieren, und ca. zwei Jahre Konzeptionierungs- und Vernetzungsarbeit.

Obwohl das Projekt seitens des Bezirks vollste Unterstützung erhielt und PolitikerInnen verschiedenster Parteien von der Notwendigkeit einer Strukturentscheidung sprachen, entschied die Mehrheit der Steuerungsrunde des Liegenschafsfonds Anfang März dieses Jahres, das Gelände an einen komerziellen Mitbieter zu geben. Der Liegenschaftsfonds ist ein ausgelagertes Ressort der Berliner Politik. Alle öffentlichen Gelände, die die Bezirke oder die Stadt Berlin nicht mehr brauchen werden vom Liegenschaftsfonds verwaltet, der Auftrag ist Vermarktung. Die Steuerungsrunde des Liegenschaftsfonds setzt sich aus je einer Vertreterin bzw. einem Vertreter aus dem betreffenden Bezirk, sowie den Berliner Senatsverwaltungen für Stadtenwicklung, für Finanzen und für Wirtschaft zusammen.

Die Informationspolitik des Liegenschaftsfonds uns gegenüber ließ uns bis zur Entscheidung relle Chancen für einen Erwerb des Geländes annehmen. Die Informationen, die der Liegenschaftsfonds von unserem 70-seitigen Konzept jedoch an die EntscheidungsträgerInnnen weitergab, waren marginal. Sie beleuchteten einzig die "Zahlenbilanz" unseres Projektes, welches einen Schwerpunkt auf Kooperation und Selbsthilfe setzt.

Dass es tatsächlich einen kommerziellen Mitbieter gab, der es ernst meinte, hatte der Verein erst aus der Zeitung erfahren. Während die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung, Finanzen und Wirtschaft ausdrücklich verlauten ließen, dass sie genug Informationen über den Gehalt des KuBiZ-Projektes habe, wurde der kommerzielle Mitbewerber direkt in die Steuerungsrunde eingeladen und hatte dort vor der Entscheidung eine

Stunde Zeit, sein Projekt darzustellen und die Steuerungsrunde zu überzeugen. Wir sehen das als ein Praxis, die die Ernsthaftigkeit des Angebotes an den solar e.V. in Frage stellt bzw. vermuten lässt, lediglich als Preistreiber für das Objekt gedient zu haben.

"Natürlich" wurde mit der Ablehnung des solar e.V. festgelegt, daß dieser ein anderes Gelände bekommen könnte. Und "natürlich" wurde nicht festgelegt, was für ein Gelände und zu welchen Konditionen bzw. an welchem Ort. Dementsprechend sehen die aktuellen "Angebote" des Liegenschaftsfonds aus: Verrottete Betonwüsten, Objekte für 6 Millionen Euro am anderen Ende der Stadt, ungeeignet in Größe, Bebauung und Lage. Ein breiteres Angebot bzw. eine Übersicht über alle geeigneten Objekte in der Hand des Liegenschaftsfonds wurde dem solar e.V. am heutigen Tage ausdrücklich verweigert.

Näheres zum Projekt unter http://www.KuBiZ-wallenberg.de

redigiert von Winnie (10.05. 10.30 uhr)



Berlin-Kreuzberg, im April 2005. Frühjahr im Waldekiez, direkt an der Grenze zu Berlin-Mitte. Angst und Unruhe haben sich um die Naunynstraße und die Waldemarstraße verbreitet, seit zu Anfang des Jahres 2004 bekannt wurde, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft BEWOGE werde binnen kurzer Zeit 23 ihrer Mietshäuser im Kiez ´privatisieren´.

Diese Grundstücke, die von der BEWOGE als Sanierungsträger mit Hilfe öffentlicher Mittel zum Zwecke der Sanierung angekauft wurden, müssen nun spätestens zwei Jahre nach der Aufhebung des Sanierungsstatus ´privatisiert´, d.h. verkauft werden. Nachdem im Sommer 2002, im Umfeld des Berliner Bankenskandals, u.a. dem Waldekiez der Sanierungsstatus entzogen wurde, war dieser Zeitpunkt im Frühjahr 2004 eingetreten, obwohl lediglich 70 Prozent der Sanierungsziele erreicht wurden. Dementsprechend verfügen auch nur acht der 23 Mietshäuser über eine Zentralheizung. Nur fünf können wirklich als ´endsaniert´ eingestuft werden. Betroffen sind insgesamt ca. 20 Gewerbeeinheiten und ca. 300 Wohnungen mit ca. 1000 BewohnerInnen.

Die Betroffenengemeinschaft Waldekiez als Organisation der MieterInnen konnte gegenüber der BEWOGE und dem Senat von Berlin ein einstweiliges Verkaufsmoratorium und ein den einschlägigen Verwaltungsvorschriften entsprechendes Beratungsverfahren durchsetzen.

Die betroffenen MieterInnen können aber ihr so gesichertes Vorkaufsrecht nicht wahrnehmen, denn mehr als die Hälfte von ihnen ist auf staatliche Transferleistungen angewiesen. Auch gemeinschaftliche Erwerbsformen scheitern an der fehlenden Eigenkapitalquote. Also droht der Verkauf auf dem freien Immobilienmarkt. Die MieterInnen befürchten zu Recht, dann von skrupellosen Investoren und steigenden Mieten vertrieben zu werden. Die Bugwelle der ´Media-Spree´ rauscht heran, und die V.E.R.D.I.-Zentrale liegt nur einen Katzen- sprung entfernt: Neuerdings wohnen Angestellte wieder gerne in der Innenstadt, in der Nähe ihrer Arbeitsstelle.

Die Betroffenengemeinschaft Waldekiez hat als sozialverträglichen Lösungsvorschlag das ´Modell Waldekiez´ entwickelt: Die sozialen Sanierungsziele sollen gesichert und nachhaltig weiterentwickelt, die Häuser endsaniert werden. Die Mieten bleiben so bezahlbar und steigen kontrolliert an. Die MieterInnen können weiterhin den Mieterstatus behalten, aber als Hausgemeinschaft Mitspracherechte erhalten. Um dauerhaft jegliches Gewinnstreben auszuschließen, werden die Häuser auf diese Art dem Immobilienmarkt entzogen.

In der Rechtsform einer ´Stiftung Waldekiez´ lassen sich, so der Stand der Planung, diese Ziele verwirklichen und absichern. Dabei bilden die 23 Mietshäuser das Stiftungskapital, das aber von der Stiftung nur erworben werden kann, wenn das Land Berlin auf die Hälfte des Verkaufspreises eine Stundung zugesteht oder eine Bürgschaft über diesen Betrag eingeht. Die andere Hälfte des Verkaufspreises und die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen ließen sich dann über Bankkredite, z.B. von der GLS-Bank, finanzieren.

Die Betroffenengemeinschaft Waldekiez sieht das Land Berlin in der Pflicht, dem mittlerweile abgestandenen neoliberalen Kurs der Haushaltskonsolidierung qua Mittelstreichung im ´sozialen Sektor´ zu entsagen und sich endlich fördernd dem BürgerInnenengagement zu öffnen: Das wäre, Haushaltslage hin oder her, eine Entscheidung in Richtung einer zukunftsweisenden Gemeinwesensgestaltung. Natürlich ist das alles ungeeignet für Show- und Partytalks. Andererseits: Es geht um sechs Millionen Euro, zu denen sich das Land Berlin bekennen müßte. Das sind 0,03 Prozent des Landeshaushalts. Vielleicht doch Gesprächsstoff genug?

weitere Informationen unter www.waldekiez.org Kommentare usw. an mailto:mail@waldekiez.org

redigiert von Winnie (10.05., 13.00 Uhr)

1988: eine Gruppe von 7 jungen Leuten sucht Räume in West-Berlin, um zusammen in einer WG zu wohnen. In Kreuzberg finden sie das Hinterhaus der Yorckstr. 59, in dem mehrere Fabriketagen leer stehen. Der Eigentümer bietet Gewerbemietverträge mit Wohnrecht für 60 Personen an. Im Freundeskreis finden sich weitere InteressentInnen, um gemeinsam das 4stöckige Hinterhaus als linkes Wohn und Politprojekt aufzubauen. Mehrere Gruppen sagen fest zu, innerhalb weniger Monate zu planen, Baumaterial zu organisieren und die 2700 m2 auszubauen. WGs, eine Veranstaltungsetage und Arbeitsräume für politische Gruppen sollen in die leeren Etagen. Jetzt geht´s los! Im Dezember ´88 schließt der Hausverein Färbung e.V. den Mietvertrag ab. Wöchentliche Plena befinden über Bauplanung, Materialorganisierung und die gemeinsame Großküche während der Bauphase. Jeden Tag reißen die neuen BewohnerInnen alte Wände ein, errichten neue aus Rigips oder Steinen, integrieren Fenster und passen Türen ein. Zwischendurch karren sie Schutt zum Nordhafen, feiern Parties auf den halbfertigen Etagen, führen FreundInnen herum und suchen verzweifelt verliehene Baumaschinen. Alles in allem ein kleines Biotop, das sich zeitweise nur um sich selbst dreht. Für die meisten ist der Prozess etwas Neues, ein Experiment, das an viele Grenzen stößt: kollektives Bauen, große Wohngruppen, individuelle Raumgestaltung, Pläne für die Gemeinschaftsräume. Vieles, das sonst privat geregelt wird, findet Eingang in die neue Großgruppe. Das bedeutet auch Stress untereinander, den es gemeinsam zu besprechen gilt, seien es Liebeskummer, dominantes Verhalten beim Bauen, Schlampigkeiten oder Geldschwierigkeiten. Die WGs bestehen aus 6 - 13 Personen, meist Frauen- oder Männer- Gruppen, erst nach 5 Jahren auch mit Kindern. Im Vergleich zur geräumigen Gemeinschaftsfläche sind die Zimmer recht klein, die vielen Fenster lassen Licht, Lärm und Blicke durch. Einzelne versuchen auch ein Wohnen ohne (feste) Wände. Die Etagen werden nicht abgeschlossen, damit alle problemlos überall hin können. Kiez- und andere Politik Ein Kiezbezug ist geplant, der über die Szenegrenzen hinaus reichen soll. Darum lädt die Yorck zu MieterInnentreffen ein und knüpft Kontakte zu von Mieterhöhung Betroffenen. Anfangs gibt es gemeinsame Hoffeste und Kiezküchen, auf Dauer finden diese aber nur in der Yorck59 statt. Nach der Maueröffnung ´89 rückt Kreuzberg von der Randlage West-Berlins in Citynähe und viele befürchten eine Verdrängung der ärmeren Bevölkerungsschichten und der linken "Frei"räume an den Stadtrand. Andererseits bieten die Hausbesetzungen in Ost-Berlin einen neuen praktischen Bezugspunkt. Einige ziehen 1990 aus der Yorck in die besetzten Häuser der Mainzer Straße und versuchen sich an neuen Experimenten wie dem Tuntenhaus. Erst als die Yorck 1994 selbst von Vertreibung durch Mieterhöhung betroffen ist, findet das Thema Stadtumstrukturierung Eingang in den Hauskampf. Nach ´89 gibt es häufig Mobilisierungen, v.a. in den Ostteil Berlins, weil Nazis aufmarschieren oder zuschlagen. Durch die Größe der Yorck59 finden sich schnell Bezugsgruppen an den Brennpunkten ein, die gemeinsam vorgehen. Selten gelingt es der Szene, antifaschistische und antirassistische Praxis zusammen zu bringen. Ein Beispiel ist der "Gelbe Punkt", der, an die Eingangstür von Läden geklebt, Schutz bei rassistischen Übergriffen bieten soll. Die Yorck59 beteiligt sich an den kiezbezogenen Versuchen, Läden von dieser Initiative zu begeistern. Das Kieztreffen, das daraus entsteht, organisiert auch eine Telefonkette, die bei Nazis in der Gegend ausgelöst wird. Die Konjunkturen der autonomen Bewegung fi nden ihre Resonanz auch in der Yorck59. Gibt es in der Stadt oder darüber hinaus eine Idee, eine Kampagne, die viele mitreißt, bewegt sich auch in der Yorck einiges. Die Beispiele der letzten 16 Jahre wären sicher ein Abbild der Aktivitäten vieler anderer Hausprojekte, Wagenplätze oder Politgruppen. Hauskampf die Erste - 1994/95 Als nach 5 Jahren das Haus verkauft wird und laut Mietvertrag Verhandlungen um die Neufestsetzung des Mietpreises anstehen, schockiert das "Angebot" einer Vervierfachung der Miete. Sofort startet die Yorck59 eine öffentliche Kampagne, die diejenigen ins Visier nimmt, die hinter der Besitzerfirma "Labani GmbH" und der Hausverwaltung GWF stehen. Zu Tage tritt ein Konglomerat von Firmen rund um Helmuth Penz, der u.a. die Hotelkette SORAT, Obdachlosen- und Flüchtlingsheime betreibt. Dietrich Garski, der als Bauunternehmer 1981 den Senat zum Stürzen brachte und der Stadt 93 Mio. DM schuldet, ist mit von der Partie. Penz ist dabei, die SORAT-Kette zu etablieren und leistet sich durch Sponsoring ein soziales Image. Beide sind entsprechend um ihr öffentliches Bild bedacht und bieten damit eine gute Angriffsfläche. Schnell sind Kontakte zu Medien, BezirkspolitikerInnen, anderen Aktiven hergestellt und Aktionen vor den Hotels, dem Sitz der Firmen und dem Bezirksamt organisiert. Nach wenigen Monaten gibt zuerst die Hausverwaltung auf. Dann wird der Name Garski aus der Besitzerfirma entfernt, es gibt einen Runden Tisch und die Mieterhöhung wird auf ein erträgliches Maß reduziert. So konnte ein Projekt erhalten werden, dessen Bedeutung nicht nur in der personellen Größe liegt, sondern in der Mischung mit dem politischen Raum, den das Haus für viele in der Stadt immer wieder geboten hat. Die einigen Hundert Linke, die über die Jahre im Haus gelebt haben, haben das Projekt immer wieder mit Leben gefüllt. In der Stadt existieren wenige Räume diesen Ausmaßes, wo jenseits von kapitalistischen Zwängen und weitgehend hierarchiefrei politisch geplant und sozial experimentiert werden kann. Dies ist der unübersehbare Fixpunkt, wenn es auch heute gilt, die Yorck59 als Projekt zu erhalten, und eben nicht nur als Wohnraum für 60 Menschen.

(weiteres unter www.yorck59.net)

redigiert von Winnie (10.05., 14.00 Uhr)

Der Trend geht zum Kauf - ob es sich bei diesem Phänomen um eine Variante des als politisch verstandenen Häuserkampfes im Sinne einer "Kollektivierung" der Existenzgrundlage Wohnraum oder vielleicht doch nur um den tief verwurzelten bürgerlichen Traum von den eigenen vier Wänden handelt, wird wohl von Fall zu Fall zu klären sein. Die Situationen zumindest, aus denen heraus Häuser gekauft werden, können außerordentlich unterschiedlich sein. Mal existiert eine Gruppe, die über lange Zeit zusammenarbeitet und sich ein "Objekt" ausguckt, um dieses dann käuflich zu erwerben. Mal ist das Gebäude vorhanden, und die BewohnerInnen stehen mehr oder minder gezwungenermaßen vor der Wahl, den Kauf zu tätigen. Mal ist beides vorhanden - eine Gruppe, die sich kennt und als solche agieren kann und bereits ein Gebäude bewohnt. Der Kauf an und für sich erscheint zunächst wichtiger Akt - mit sozialen Anforderungen jedoch, die uns eine Erwähnung wert sind.

Es ist bei der Offenheit des Syndikatsmodells trotz Veräußerungsblockade keineswegs ausgemacht, wohin sich ein Haus entwickelt. Dem Energieaufwand, den Hauskauf vorzubereiten, würde bestenfalls ein ebensolcher gegenüber stehen, was beispielsweise die Entwicklung von guten Entscheidungsstrukturen innerhalb der Gruppe angeht.

Vielleicht erscheint es trivial, aber der Umgang von (kauf-) aktiven mit passiven BewohnerInnen (und umgekehrt) ist von einer Bedeutung, die durchaus Aufmerksamkeit verdient. Transparenz ist hinsichtlich des Informationsflusses hilfreich um nicht zu sagen essentiell für alle Aktiven - bei gleichzeitiger Verantwortung der Passiven, Informationen zur Kenntnis zu nehmen bzw. diese einzufordern. Wenn dieses Verhältnis von Bring- und Holschuld funktioniert, ist das immanente Wissensgefälle zwischen Aktiven und Passiven in entscheidenden Punkten überbrückbar.

Und es geht, klaro, um eine gesunde Verteilung von Verantwortung - was beispielsweise auch für Geld- bzw. Bürgschaftsangelegenheiten gilt. Ein Schelm wäre, wer die Bedeutung großer Diskrepanzen für die soziale Entwicklung im Projekt an dieser Stelle übersehen könnte.

Es könnte bedeutsam sein, dass der Netzwerkgedanke und also eine Beschäftigung mit dem Syndikat auch nach dem Kauf umgesetzt wird. Die BewohnerInnen haben günstigenfalls Interesse am Geschehen im Mietshäusersyndikat. Das heißt, dass nicht nur auf der Ebene der Aktiven, den Kauf Vorantreibenden ein Bezug zum Kaufmodell hergestellt wird, sondern dieses auch im Haus lebendig ist - und bleibt. Das lokale bzw. regionale Netzwerk wäre Kommunikationsort und könnte die Funktion eines inhaltlichen Ankers erfüllen.

Der Kauf, soviel sollte hier verdeutlicht werden, ist bei allem Mythos kein Allheilmittel und kann emanzipative soziale Prozesse nicht ersetzen. Er kann sie möglicherweise anstoßen und Impuls für Auseinandersetzungen um Kollektivierung sein. Wer/Welche zu diesen Diskussionen keine Lust hat, ist möglicherweise prädestiniert, Eigentum im herkömmlichen, kapitalistischen Sinn zu denken. Wenn es sich bei diesen Desinteressierten um einen dauerhaft großen Teil im Haus handelt, verliert m.E. die Idee des Mietshäusersyndikat ihre Zauberkraft. Daher möchten sich die Gruppen vorher überlegen, welches ihr Ziel ist.

Was kommt also nach dem Kauf? In diesem Sinn ist, anders als im Fußball, nach dem Kauf nicht vor dem Kauf - denn es geht nicht um das Kaufen um des Kaufens willen. Die wirkliche Herausforderung bestünde, wird der Anspruch einer politischen Aktivität verfolgt, darin, intern reflektierend, inhaltlich weiter bewusst und selbstkritisch beim Thema Häuserbewegung im Sinne kollektiver und sozialer Strukturen zu bleiben - davor wie danach.

Syndi-Contacts: Ü:Haus und Leute für neues Projekt gesucht!* Unsere Wohnung in einem Syndikatprojekt wird uns auf Dauer leider zu klein - deshalb suchen wir (2 Erwachsene und 4 Kinder) Gleichgesinnte mit Kindern für ein neues Mietshausprojekt im Raum Freiburg und ein großes Haus mit Garten dazu. Kontakt: *hausprojekt@online.de



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Mittwoch, 15. Januar 2003

Das Freiburger Mietshäuser Syndikat ist ein Zusammenschluss von selbstorganisierten Hausprojekten, Einzelpersonen und Gruppen.