Abgekämpft im Wachstumsstreß - oder?

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Auf dem Arbeitsmarkt wird der Konkurrenzkampf immer härter. Die Herren Groß- und Mittelgroßunternehmer lassen die weltweit wachsenden Scharen von Lohnarbeit-Suchenden gegeneinander kämpfen. Auf der einen Seite bis zum gesellschaftlichen Tod durch Demütigung, Armut, Ausgrenzung, Krankheit. Es gibt immer Arbeitssuchende, die zu noch geringeren Löhnen bereit sind zu arbeiten, damit wenigstens Essen und Trinken gesichert sind. Es gibt Arbeitskräfte, die gezwungen werden zur Arbeit. Aber schon eine Wohnung zur Harz IV-Miete zu finden, ist fast unmöglich.

Auf der besseren Seite der Lohnabhängigkeit gibt es für den "Arbeitskraftunternehmer" die Chance, etwa zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr unter extremen Arbeitsbedingungen seine Qualifikationen und seinen ganzen Lebensalltag dem Unternehmen zu verkaufen - für ein existenzsicherndes und vergleichsweise gutes Einkommen. Danach wird er normalerweise auf diesem Schlachtfeld nicht mehr gebraucht.

Der Wachstumsmarathon unter den Kapitalisten kennt ebenfalls viele Opfer. Betriebe und Kapital der Kleineren werden gnadenlos von den Größeren und Mächtigeren aufgekauft, zerstört, Arbeitsplätze werden vernichtet.

Unter den Lohnarbeitenden gibt es Widerstand gegen die schlechter werdenden Arbeits- und Lohnbedingungen. Sie schließen sich zusammen, haben ihre Gewerkschafts-Lobby, manchmal streiken sie, um der unternehmerischen Endlosschleife: Wachstum, Kostensenkung, Auslagerung, Kapitalzerstörung, Gewinnmaximierung etwas entgegenzusetzen. Sie fordern Grenzen gegen die Ausbeutung. Manchmal gibt es Zeitphasen, da gelingt ihnen etwas, aber meistens sind sie in der Defensive. Und das seit über 200 Jahren.

Es kommt richtig Freude auf, wenn Robert Kurz im Neuen Deutschland vom 22.4.05 die Lesenden auffordert: "Die kapitalistische Form des Reichtums in Gestalt einer 'ungeheuren Warensammlung' (Marx) muß kritisiert und überwunden werden." Er polemisiert damit gegen die "glücklichen Arbeitslosen", die "Wohlfühlprojekte", die "Umsonstläden" und die "Faulheitsfantasien", denen angeblich die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge abhanden gekommen sind. Das Kritisieren ist ja nun wirklich nicht neu, wird fast täglich getan, und die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge sind auch im Alltag der Ausgegrenzten von diesen nicht mehr zu übersehen.

Und wie machen wir das jetzt mit dem "Überwinden"? Die Frage nach dem Wie des "Überwindens" bleibt bei Robert Kurz eine Kopfgeburt. Er ruft nach einer "ernsthaften sozialen Widerstandsbewegung", - sicher wichtig. Die aber entsteht eben nicht alleine aus der Erkenntnis der Zusammenhänge unserer derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Zu den anderen Lebensmöglichkeiten jedoch schreibt Robert Kurz kein Wort. Wenn ich ihn richtig verstehe heißt das: Erst müssen wir mal gut organisiert 'überwinden' und dann sehen wir weiter.

Aus meiner Sicht wird uns erst dann Veränderndes gelingen, wenn sich konkrete Perspektiven für Neuland und für ein 'gutes Leben' schon heute auftun, wenn die Einzelnen es selbst erfahren, welche andere Lebensqualität möglich sein kann, wenn tägliche Notwendigkeiten anders, gemeinsam und in gegenseitiger Unterstützung organisiert werden. Das Sprichwort: "Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach" knüpft nicht zu Unrecht an den alltäglichen Lebenserfahrungen der meisten Menschen an.

Neues entsteht immer im Kontext des Alten. Aus dem heutigen Stand der Produktivkraft hat sich z.B. die "Freie Software" entwickelt, bekannt als Linux-Unix-Betriebskernel. "Frei" bedeutet: Sie darf nicht privatisiert und auf dem Markt gehandelt werden, ist also keine Ware. Die Entwicklung des heute weit verbreiteten Betriebssystems beruht auf der gemeinsamen unbezahlten Entwicklungsarbeit vieler (siehe Stefan Meretz: Linux & Co, Neu-Ulm 2000). Meretz bezeichnet Linux als eine Keimform des Neuen, also eine Möglichkeit für eine andere Form des Wirtschaftens, nicht schon als das Neue selbst. Solche Möglichkeiten gibt es auch auf anderen Ebenen, etwa dort, wo ein Produkt nur durch die Kooperation mit andern entstehen kann, oder wo ein Projekt nur lebendig bleibt, solange meine Entfaltung an die Entfaltung der anderen im Projekt gebunden ist, oder wo - wie im Umsonstladen - das Prinzip des Warentauschs außer Kraft gesetzt wird. Um Keimformen zu gewünschten und wirksamen Formen werden zu lassen, braucht es von jedem von uns die bewußte Ausrichtung der Herstellung und Verteilung unserer alltäglichen Gebrauchsgüter bis hin zu unseren Verhaltensweisen auf nicht-warenförmige Formen, - ein keineswegs immer geradliniger Prozeß. (Siehe auch das Stufenmodell von K.Holzkamp, 1993)

Es deutet eher auf Erstarrung hin, Versuche, sich zusammen mit anderen in Teilbereichen eine nicht-warenförmige Bedürfnisbefriedigung zu schaffen, als 'Wohlfühlprojekte' zu diffamieren. Selbstverständlich werden die Menschen, die z.B. einen Umsonstladen betreiben, nicht ohne Geldeinkommen existieren können. Sie stehen - bildlich gesprochen - mit einem Bein in der 'Geldbeschaffungsarbeit' und mit dem andern versuchen sie durch gegenseitiges Geben und Nehmen einen Teil - und möglichst immer mehr - ihrer täglichen Gebrauchsgüter, ihrer Kommunikation, ihrer gegenseitigen Unterstützung, ihrer Beratung und Information zu sichern. Faulheit (die ach so beschimpfte) kann eine sehr kreative Phase sein, und "sich wohlfühlen" in diesen Zusammenhängen ist einfach gut.

Carola Möller, Köln, Hilmar Kunath, Hamburg, 4.5.05