Das Open Source Dorf

Version 7, 88.72.207.1 am 4.4.2006 18:02

FranzNahrada, GIVE Forschungsgesellschaft (Wien)

Open Source Villages Eine neue Strategie für den ländlichen Raum

Thesen für die ersten internationalen Berliner Gespräche zur Digitalen Integration 20.6.2005 (http://www.digitale-chancen.de/berlinerg/)

Basisvorschlag für einen Artikel in der Nullnummer von "Fragend voran" (HeftProjekt)

1. Der Verfall von Strukturen im ländlichen Raum ist durch kompensatorische Methoden nicht aufzuhalten; ein neues Paradigma und eine neue Vision müssen gefunden werden, um die herum sich eine Vielfalt von Entwicklungen gruppieren kann. Der ländliche Raum muß als Lebensraum neu entdeckt und konzipiert werden, jenseits des flächenmäßig schrumpfenden agro-industriellen Komplexes.

2. Um die Vorteile des ländlichen Raums zur Geltung zu bringen bedarf es einer Abkehr von suburbanen Verhüttelungsstrategien mit dem Automobil als universalem Kitt der Gesellschaft, vielleicht noch ergänzt um das Internet als Cocoon-Utility; vielmehr liegt in der Wiederauflage dichter, kleinräumiger Siedlungsformen kombiniert mit einem ganzen Arsenal von technologischen und sozialen Innovationen die einzige Chance, Kulturlandschaft und ökologische Funktion des ländlichen Raums zu erhalten.

3. Die technologischen Innovationen bestehen nicht nur in Telematik und Informationstechnologie, sondern im wesentlichen in einem ungeheuren Dezentralisierungsprozeß gesellschaftlicher Produktion. Gerade die Produkte einer zentralisierten Industrie haben sich zu Vorboten und Grundlagen einer neuen Kultur individualisierter Produktion entwickelt. Diese findet im ländlichen Raum optimale Entwicklungsbedingungen.

4. Alte und längst verloren geglaubte Wertmuster wie Eigenproduktion, handwerkliche Qualität, nachbarschaftliche Zusammenarbeit, Kreisläufe, gewinnen dadurch eine neue Dynamik und Attraktivität. Paradoxerweise ist es gerade der urbane Prozeß der Individualisierung, der sich in diesen sozialen Feldern manifestiert und vollendet.

5. Diese Entwicklungensind freilich nur bedingt planbar. Es handelt sich um Lern- und Selbstorganisationsprozesse, für die Planung und Politik lediglich Rahmenbedingungen setzen können.

6. Eine der wesentlichsten Rahmenbedingungen ist die Stärkung regionaler Lernfähigkeit. Die Vorgaben institutioneller und infrastruktureller Art für solche Lernfähigkeit gehören vielleicht zu den effektivsten Instrumenten der Förderung des ländlichen Raumes. In Niederösterreich werden sie unter dem Stichwort "Geistige Dorferneuerung" angedacht.

7. Geistige Dorferneuerung bewegt sich am Schnittpunkt zwischen globalem und lokalem Wissen. Globales Wissen muß "absorbiert" und "transformiert" werden, um als lokales Wissen handlungsrelevant und wirksam zu werden. Dazu muß aber zuallererst lokales Wissen wiederhergestellt und zugänglich gemacht werden. Das Geheimnis erfolgreichen IT-Einsatzes im ländlichen Raum ist die Balance und Synergie dieser beiden Bereiche.

8. Die Freizügigkeit von Wissensaustausch und das Aufbauen von partizipativen "Wissensräumen" (Heiner Benking) sind essentielle Voraussetzung für die erfolgreiche Organisation globalen und lokalen Wissens. Wissen das primär der Selbstorganisation, der Unterstützung lokaler Kreisläufe und dem Funktionieren kleiner wirtschaftlicher Einheiten dient, ist als kommerzielle Ressource schlecht organisierbar. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist daher die Übertragung der Prinzipien freier Softwareentwicklung auf die geistige Dorferneuerung: die Organisation von Wissen als partizipative Ressource.

9. Die Zugangs- und Lernorte in den Dörfern und kleinen Städten sind daher nicht nur als Transmissionsriemen und Portal zur Verteilung globalen Wissens zu sehen; sie sind zugleich selbst Produktions- und Entwicklungsorte für den Content der Informationsgesellschaft der Zukunft. Das kann aber nur geschehen, wenn jedes Dorf, jede Kleinstadt und jede Region auch eine "thematische Teilhaberschaft" am globalen Wissen entwickelt – in den "Themendorf"-Ansätzen sehen wir heute auch schon die Grundlagen dafür entstehen.

10. Es versteht sich von selbst, daß wir nicht nur neue Bildungsinstitutionen brauchen, sondern daß diese Institutionen durch eine Art evolutionären Prozeß aus den bestehenden hervorgehen können.

Franz Nahrada