Gegen die Verwertung!

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Daten
Autor: Franz Schandl

Utopie und Sozialismus

(Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 2. November 2004 im Institut für Wissenschaft und Kunst)

von Franz Schandl

Wir leben in Zeiten allgemeiner Desillusionierung. Es wird überdeutlich, dass es so, wie es einmal war, nicht mehr bleiben kann und auch nicht mehr werden wird.

Diese Grundstimmung hat alle Menschen erfasst, auch wenn sie unterschiedliche Antworten darauf geben. Ich sehe diese Desillusionierung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits bedeutet sie Hoffnungslosigkeit, Apathie, Verzweiflung, aber andererseits liegt in ihr auch die Chance, soziale Kämpfe und andere gesellschaftliche Auseinandersetzungen vom traditionellen Interessenskampf weg zu entwickeln, weg von den ziemlich perspektivlosen "Hände weg von..."- und "Nein zu …"-Forderungen, vom Eintreten für einen konsequenteren Klassenkampf und Ähnlichem mehr. Diese traditionellen Formen sind heute vorbei, und an ihnen wird sich keine gesellschaftliche Perspektive mehr aufbauen können.

Diese Desillusionierung hat einen doppelten Charakter: Einerseits setzt sie den Menschen zu, lässt ihnen keine Hoffnung, andererseits kann ihr Anerkennen dazu führen, dass wir zu neuen Formen der Auseinandersetzung kommen und neue Gedanken entwickeln können. Notwendig wird es also sein, eine neue Perspektive zu entwickeln, einen Traum oder eine Vorstellung, etwa im Sinne des berühmten Liedes von John Lennon, Imagine!. Die Menschen werden nur dann etwas anstellen, wenn sie sich etwas vorstellen können, wenn sie davon ausgehen, dass etwas anderes möglich ist, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Mit dem traditionellen Instrumentarium der Arbeiter/innenbewegung ist jedenfalls keine Perspektive mehr zu machen, und jede Renaissance wird früher oder später wieder verunglücken. Wenn wir uns die Bewegungen der letzten 20 Jahre ansehen, dann war der Niedergang der englischen Arbeiter/innenbewegung im Jahr 1984 ein paradigmatisches Ereignis. Damals brach der Bergarbeiterstreik zusammen, eine Art letztes Aufbäumen des Klassenkampfes, das damals sein Ende gefunden hat. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Geschichte zu Ende ist, sondern nur, dass ein gewisser Abschnitt der Geschichte zu Ende gegangen ist.

Es geht darum, für eine Welt ohne Geld, Tausch, Markt, Wert und alles, was zu diesem Universum gehört, zu kämpfen und sich das einmal vorzustellen. Dass es also nicht mehr darum geht, innerhalb dieses Systems Interessen durchzusetzen, sondern gegen diese Struktur und gegen dieses System aufzutreten. Die Grundstruktur dieses Systems ist die Wertverwertung, was bedeutet, dass wir alle gezwungen sind, uns in den verschiedensten Lebenslagen in Wert zu setzen, also unsere Arbeitskraft zu verkaufen oder unsere Produkte und Dienstleistungen an die Menschen zu bringen.

Eroberung der Fragen

Die "Sein oder Nichtsein"-Frage ist aufzuheben, zumindest was deren soziale Seite betrifft. Das ist möglich. Das Leben der Menschen auf diesem Planeten ist von der sozialen Existenzangst zu befreien. Ganz kategorisch hat zu gelten: Niemand soll unter die Räder kommen. Es bleiben sowieso noch genug andere Ängste über. Die zentrale Frage ist die ganz schlichte nach dem guten Leben. Dieses ist nicht mit der materiellen Absicherung zu verwechseln, aber es ist ohne diese nicht zu haben.

Aufforderungen realistisch, sachlich und konstruktiv zu sein, sind hingegen zu verlachen. Die Linke muss aufhören, "Ja, aber..." zu sagen. Damit begibt sie sich stets in Geiselhaft und endet gesundbeterisch wie jeder dritte Weg in der Kapitulation vor den Verhältnissen. Das hatten wir zur Genüge. Wir werden um die "große Weigerung" (Marcuse) und um den Bruch nicht herumkommen. Der Kapitalismus ist abzuschaffen. Es gilt ein kategorisches NEIN.

Selbstverständlich darf man beim NEIN nicht stehen bleiben, die Negation hat eine bestimmte zu sein, d.h. sie hat nicht nur zu sagen, was sie nicht will, sondern auch, was sie will. Die Negation ist Voraussetzung, aber eben noch nicht die Bedingung zukünftiger Möglichkeiten. Und man sollte solches Denken auch nicht mit einem Bilderverbot belegen. Die Geschichte lehrt Vorsicht, zweifellos. Aber wer zu vorsichtig ist, kommt auf jeden Fall um, erhöht nur die Zahl verpasster Chancen.

Fällig wäre die Eroberung der Fragen, derer wir bedürfen. Wir sind nämlich nicht nur unserer Antworten enteignet, sondern auch der Fragen. Die Frage ist nicht "Wie sind die Renten finanzierbar?", sondern "Wie können alte Menschen in Wohlversorgtheit und relativer Gesundheit ihren Lebensabend verbringen? Was brauchen sie dafür und wie schaffen wir es an?" Nicht das Geld gilt es aufzustellen, sondern die notwendigen Produkte und Leistungen, Apparaturen und Zusprüche sind aufzutreiben und anzueignen. Und es sage niemand, das sei das Gleiche. Nur im Kapitalismus ist dieser Zusammenhang zwischen Geld und Vermögen als allmächtiger (könnte man auch groß schreiben) bestimmend.

Die ketzerische Frage lautet: Warum soll man kaufen müssen? Ich begebe mich hier in die Rolle des hartnäckigen Kindes und will es wissen: Warum? Warum? Warum? Warum soll die freie Entnahme nicht für reelle Produkte ebenso gelten wie für virtuelle? Warum soll Mehl gekauft werden? Und Papier? Und Limonade? Und Mähdrescher? Warum? Wer kann einen wirklich plausiblen Grund nennen? Es ist von alledem genug da bzw. aufbringbar. Mehl muss produziert werden und konsumiert werden, aber zirkuliert werden muss es wahrhaftig nicht. Die Warenzirkulation ist durch eine einfache Distribution von Gütern zu ersetzen. Heute wird Mehl hergestellt, nicht um Kuchen und Brot zu backen, sondern um ein Geschäft zu tätigen. Das ist doch obszön.

Das entscheidende Problem ist also nicht das, wie wir Verwertung und Wachstum wieder in Schwung bringen (das wird sowieso nicht gelingen, auch wenn die Frontpropaganda jeweils für morgen den Aufschwung verspricht), sondern wie wir sie endgültig abstellen. Das bedeutet Stoffwechsel und Kommunikation der Gesellschaft auf ganz neue Beine zu stellen. Reicht denn nicht haben zu wollen, was da ist oder was machbar ist? Entschieden ist mit den eingeherrschten gegenwärtigen Tabus zu brechen: Geld kann nicht nicht gedacht werden. Politik kann nicht nicht gedacht werden. – Das ist doch nicht wahr! Sollen wir wie die Lemminge ewig an Politik und Geld glauben und ihnen nachlaufen, selbst noch in Zeiten, wo ihre Ohnmacht betreffend gesellschaftliche Regelungen so offensichtlich sind? – Das Leben ist anderswo. Imagine!

Die Menschen müssen sich direkt aufeinander beziehen, nicht sich, ihre Produkte und Leistungen als abstrakte Arbeitsquanta austauschen. Leute dürfen nicht in Zahlungsfähige und Zahlungsunfähige eingeteilt werden, sondern sind ganz profan Menschen mit sich entwickelnden Bedürfnissen und Wünschen, die direkt zu befriedigen sind, ohne die Dazwischenkunft irgendeiner Verwertungsmaschine.

Stoffliche Rechnungen statt monetären stehen an. Wenn man nur denkt, was die Umrechnerei (jeder Kassenbon demonstriert das) von allem und jedem in Arbeitsquanta (Wert, Geld) an menschlicher Lebenszeit auffrisst, dann ist bereits eine ganze Spezies verrückt geworden. Hierzulande dürften wohl an die 90% aller Verausgabung von Arbeitszeit direkt oder indirekt dem kapitalistischen Rechnungswesen (Buchhaltung, Verkauf, Auspreisung, Kalkulation, Abrechnung, Werbung, Versicherung, Banken, Mahnwesen, Münzprägung, Gelddruck etc.) geschuldet sein. Emanzipation meint ein Arbeitsentsorgungsprogramm ungeheuren Ausmaßes. Dieses Potenzial wird frei und steht anderweitig zur Verfügung.

Die Leute müssen aufhören, ideell (und irgendwann auch reell) jene Verhältnisse zu reproduzieren, die sie als Individuen entschieden bedrohen, sie um das Leben im Leben betrügen. Warum sollen wir uns akkurat nur vorstellen, was uns vorgestellt wird? Es gilt diese eherne Befangenheit zu durchbrechen, Gesellschaftlichkeit bloß in den Kategorien und Formprinzipien des Kapitals zu denken. Die größte Barriere sehe ich zur Zeit in der Trägheit unserer, d.h. der bürgerlichen Köpfe. Sie behindert die Produktivkraft Mensch ihre Energien freizumachen. Mal probieren: Die Welt sich vorzustellen ohne Geld und Markt, ohne Arbeit und Wert. Denken wir sie uns weg! Das ist eine Zumutung? Mag sein, nur, wir sollten sie uns wirklich zumuten. Denn alles andere wird schön langsam, nein eigentlich: unschön schnell unzumutbar.

Gutes Leben

Nicht um Interessen gilt es zu kämpfen, sondern um ein gutes Leben in freier Assoziation. Wir dürfen uns nicht auf das unmittelbar notwendige immanente Durchkommen beschränken lassen. Dasein unter den Kriterien des Werts meint nicht Verfügbar-sein, sondern Kaufbar-sein. Das bürgerliche Universum stellt also eine Bedingung an die gesellschaftlichen Mitglieder, die eigentlich nicht selbstverständlich ist, auch wenn sie so erscheint. Heute gilt: Was zu haben ist, ist zu kaufen. Gelten aber soll: Was zu haben ist, ist zu haben.

Lebensmittel müssen da sein, produziert werden, konsumiert werden, kurzum wirken. Aber müssen sie gehandelt werden? Während die ersten Bestimmungen als Daseinsbestimmungen definiert werden können, ist letztere Bestimmung lediglich eine Formbestimmung, eine, die aber heute wichtiger ist als die erstgenannten, ja diese völlig unter ihre Fittiche genommen hat und sich als unumstößlich verkündet.

Unser derzeitiges Leben ist ein von unseren Machenschaften besetztes Terrain. Die zentrale Frage ist die (letztlich individuelle) nach dem guten Leben, nicht die nach dem nackten Leben, wo es nur darum geht, den existenziellen Bestand zu sichern, um zu überleben. Das gute Leben ist jenseits materieller Absicherung nicht machbar, aber es ist auch nicht mit dieser (oder gar einem normierten Lebensstandard) zu verwechseln. Wir haben gut zu essen, wir haben gut zu trinken, wir haben gut zu lesen, wir können vereisen, wir sind von jeder Arbeit befreit und doch eifrig, stehen nicht unter Stress, weil wir uns die Anstrengungen, die wir wollen, selber aussuchen. Man könnte und sollte das weiterspinnen. In etwa: Es gibt erstmals Autos für alle, aber viel weniger Autos und vor allem keinen Automobilismus mehr. Der Individualverkehr läuft besser und zügiger (keine Staus), weil es viel weniger Straßenverkehr gibt. Die Bedingungen des guten Lebens wollen diskutiert sein.

Selbst geistige Armut hat nicht vorrangig mit Wissen zu tun, sie bedeutet vor allem Indifferenz und Ignoranz. Reich sein hieße differenzieren zu können. Auch und gerade die Sinne besser auszuprägen und einzusetzen, was Gehör, Blick, Geschmack, Gefühl betrifft. Genauer, feinsinniger, kenntnisreicher, reflektierter. Denn auch unsere Sinne sind nicht natürlich gegeben, sondern sozial geformt. Ihre biologische Beschaffenheit ist nicht ihre Bestimmung. Was als sinnliche Gewissheit daherkommt, ist meistens nichts als die programmierte Übereinstimmung mit der vorgefundenen Welt.

Hören meint mehr als zuhören, sehen meint mehr als zusehen. Wichtig ist die allgegenwärtige Zurückdrängung von Ignoranz, Indifferenz und vor allem Affirmation oder wie ihre Ideologen sie nennen: positives Denken. Erkenntnis- und Kritikfähigkeit meint Reichtum, das sind die Produktivkräfte sondergleichen.

Unsere geistige Potenz ist nur zu einem Bruchteil entwickelt, und dieser Teil ist wiederum in vieler Hinsicht vom Geld beschaffen, vom In-Wert-setzen geprägt. Wir sind geschult im Fetischdienst, unser Leben besteht im Ministrieren, unser Alltag ist der allmächtige Meister unserer Selbstknechtung. Kapitalismus bedeutet eine Zurichtung und Verstümmelung menschlicher Möglichkeiten. Verkaufen, kaufen, Rechtsgeschäfte eingehen, kalkulieren, spekulieren, etc.-. Dazu sind wir abgerichtet, unsere Sinne werden missbraucht zum Götzendienst an Ware und Geld. Wirklicher Reichtum hingegen bedeutet, vielem auf die Spur zu kommen, was wir, die Geldspurer, heute gar nicht spüren können.

Frei nach Brecht: Reichtum ist eine einfache Sache, die einfach zu machen wäre, wäre heute nicht alles so kompliziert. Das Herstellen, Weiterreichen und Bekommen von Gütern (materiellen wie ideellen) ist in formloser Form zu bewerkstelligen. Das heißt, das Hin und Her hat keine äußeren Zweckbestimmungen, schon gar nicht welche in Wert und Tausch. "Wir machen keine Waren, wir machen Geschenke", sagte derselbe Dichter. Das Geben und Nehmen ist von jeder fetischistischen Halluzination von Äquivalenten von Arbeitsquanta zu befreien. Vielmehr geht es um ein gemeinsames Schöpfen, ein Begriff der beides, geben und nehmen, in einem zusammenfasst. Bruch mit dem Fetischismus als bestimmender Größe des Lebens bedeutet, dass die Selbstschöpfer die Götzendiener als menschlichen Grundtypus ablösen.