Bye-bye capitalism

Version 14, 88.72.221.43 am 28.4.2006 00:30

Nachtrag: Nachdem das Projekt halbwegs eingeschlafen ist, entstand im Rahmen der Autoorganisation 2006 (http://www.autoorganisation.org) eine neue Initiative für Gratisnetzwerk in Berlin. Kontakt: http://umsonstnetzwerk.de.vu bzw umsonstnetzwerk ät yahoogroups.de

Dieser Text beschreibt und wirbt für das enstehende Netzwerk Gratisökonomie in Berlin.

Wir brauchen weder mehr Markt noch mehr Staat - wir brauchen mehr Gesellschaft.

Rolf Cantzen

Tschüs Kapitalismus...

In kapitalistischen Krisensituationen sind es immer wieder ähnliche Forderungen, die uns suggerieren wollen, sie könnten die dem Kapitalismus inhärenten Krisen beseitigen. Mal wird für mehr Markt geworben, was dann den neoliberalen Umbau der Gesellschaft bedeutet, mal wird der starke (keynsianische) Staat gefordert, der zugunsten der Ärmeren umverteilen soll und als Investor die Märkte beleben soll. Beide Vorschläge sind sich einig, dass sie den Kapitalismus in die nächste Krisenrunde retten wollen, statt die Verhältnisse von der Wurzel an zu verändern. Doch was heißt es, die Verhältnisse von der Wurzel an neu aufzubauen? Was wissen wir darüber? Welche Erfahrungen gibt es? Nicht eben viele. Im Gegenteil: es ist notwenig andere Erfahrungen zu machen, dem Kapitalismus "buy-buy" zu sagen und andere gesellschaftliche Kooperationen auszuprobieren. Mit diesem Anliegen, im kleinen andere Praxen zu entwickeln und auszuprobieren, hat sich in Berlin eine Gruppe von Leuten aus dem Umfeld des Umsonstladens auf die Suche nach Handlungsmöglichkeiten begeben.

Die Idee

Es gibt in Berlin viele Projekte, die Menschen die Möglichkeit geben, alltägliche Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dafür Geld oder ähnliches zu bezahlen. So sammeln z.B. in der Kastanienallee Leute Lebensmittel, die in Läden aussortiert werden und verteilen sie gratis weiter, die Kochgruppe "Food not bombs" versorgt Initiativen mit Essen, der Umsonstladen Berlin stellt Gebrauchsgegenstände, Bücher und Kleidung zur Verfügung. Die Videokinos der Cineoffensive zeigen Filme und die Leute vom "Stressfaktor"(stressfaktor.squat.net) geben ein kostenloses Stadtmagazin mit Informationen über Veranstaltungen in der Stadt heraus.

Wir stellen unsere Fähigkeiten meistens einem offenen Kreis von Personen gratis zur Verfügung. Für den größten Teil unserer eigenen Bedürfnisse sind wir aber darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Dabei könnten wir uns eigentlich bei vielen dieser Bedürfnisse gegenseitig helfen, statt sie über den Markt zu decken. Dadurch könnten wir uns ein Stück mehr Freiheit vom Zwang zur Erwerbsarbeit schaffen und mehr Zeit und Energie in sinnvollere Tätigkeiten und unsere Projekte stecken.

Die Idee ist deshalb, unsere verschiedenen Gruppen in einem "Netzwerk Gratisökonomie" miteinander in Verbindung zu bringen. Es soll vor allem den Menschen, die in den Projekten aktiv sind, ermöglichen, einen Teil ihrer alltäglichen Bedürfnisse ohne Geld über das Netzwerk statt über den Markt zu befriedigen. Ein dichtmaschiges Netz, das viele Lebensbereiche abdeckt, kann vor allem dadurch entstehen, dass die einzelnen Personen über ihre Projekte hinaus miteinander im Alltag kooperieren. Alle Leute in den verschiedenen Gruppen zusammen haben ein großes Potential an Fähigkeiten und Wissen, das sie sich gegenseitig zu Verfügung stellen können: vom Fahrrad reparieren über Haare schneiden und Werkzeug verleihen bis hin zu Tipps über Möglichkeiten, gratis zu wohnen und zu reisen. Es gibt viele Beispiele, wo es Sinn oder mehr Spaß macht, etwas nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere mit zu tun (z.B. Brot containern oder Informationen sammeln über die Möglichkeiten, Berliner Museen kostenlos zu besuchen). Solche Kooperationen können uns mehr Freiräume im Alltag erschließen: Wenn wir einen Teil unserer Bedürfnisse direkt über das Netzwerk Gratisökonomie abdecken können, brauchen wir nicht den Umweg über den Markt und die Erwerbsarbeit nehmen. Denn für alles, was wir auf dem Markt kaufen, müssen wir zunächst irgendeine – meist fremdbestimmte – Arbeit verrichten, um in den Besitz von Geld zu gelangen, mit dem wir dann erst das bekommen, was wir eigentlich brauchen z.B. Essen, Kleidung usw. Das Netzwerk Gratisökonomie möchte seinen Mitgliedern ermöglichen, nach dem Motto zu leben: Soviel Erwerbsarbeit wie nötig, soviel selbstbestimmte Arbeit für sich und andere wie möglich. Das Scheitern von staatlich organisierter Solidarität in Form von Versicherungsmodellen zeigt zudem, dass wir andere Formen der Solidarität brauchen.

Dieses Netzwerk ist zur Zeit im Aufbau und lebt natürlich von den Projekten und Menschen, die mitmachen. Deshalb die Frage an Euch: Habt Ihr Lust Teil des Netzwerks zu werden oder in anderen Regionen solche Netzwerke aufzubauen? Es gibt noch viel Raum, neue Ideen für die Gestaltung einzubringen. Was bisher konkret für die Organisation angedacht ist - dazu weiter unten. Die Initiativgruppe trifft sich zur Zeit regelmäßig im Berliner Umsonstladen.

Neben der Kooperation zwischen den einzelnen Menschen, die in Projekten des Netzwerks aktiv sind, möchte das Netzwerk auch Kooperationen zwischen den verschiedenen Gratis-Ökonomie-Projekten fördern. Sinnvoll wäre es z.B. Informationen auszutauschen über Veranstaltungstechnik wie Beamer etc., die man bei Bedarf auch anderen Projekten zur Verfügung stellt. Auch Werkstätten, die man gratis oder zum Selbstkostenpreis nutzen kann, wären nützlich. Wenn ein Projekt einen Computer, Kochtöpfe oder Theaterrequisiten braucht, kann der Umsonstladen solche Dinge zurücklegen. Die Kochgruppe kocht während einer Umsonstladen-Initiative mit Lebensmitteln, die gespendet wurden usw. Es gibt viele Beispiele für Kooperationen, die praktisch sinnvoll sind. Den Kern des Netzwerkes bildet jedoch die Kooperation zwischen den einzelnen Menschen des Netzwerkes. Nur so können möglichst viele unserer Bedüfnisse jenseits des Marktes solidarisch und kooperativ gedeckt werden.

Wir praktizieren in den verschiedenen Projekten bereits auf unterschiedliche Weise und im Kleinen eine subversive Form der Ökonomie, die die Logik der kapitalistischen Wirtschaft außer Kraft setzt. Wenn wir anderen etwas gratis zur Verfügung stellen, handeln wir nicht aus einem Gewinnkalkül heraus, sondern tun etwas, weil wir es für wichtig oder sinnvoll halten. Wir schaffen damit einen Bereich, in dem wir die Dinge und Tätigkeiten nicht nach einem abstrakten Geldwert beurteilen, sondern wo die konkreten Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen. Deshalb gibt es im Netzwerk Gratisökonomie - anders als bei der in Tauschringen praktizierten gegenseitigen Hilfe - auch keine geldähnliche Verrechnungseinheit (wie Kreuzer, Batzen usw.), die unsere Tätigkeiten abstrakt bewertet. Wenn wir uns in einem Netzwerk zusammenschließen, könnten wir allmählich diesen subversiven Bereich der Ökonomie und damit unsere Freiräume erweitern. Das ist umso wichtiger in Zeiten, wo die neoliberale Marktlogik in immer mehr Bereiche des täglichen Lebens vordringt. Das Netzwerk Gratisökonomie kann ein wirksamer Ansatz für den Aufbau einer solidarischen Ökonomie sein, denn er beginnt bei unserer Alltagspraxis. Er versucht kein Projekt aus dem Nichts zu starten, das ein alternatives Wirtschaftsmodell ausprobiert. Er richtet sich weder an das vereinzelte Individuum, noch widmet er sich der Organisation der anonymen Masse, womit die klassische Politik ihre Grenzen längst erreicht hat. Das Netzwerk will stattdessen auf schon bestehenden kleinen Gruppen aufbauen, die in ihren Zusammenhängen bereits ein solidarische Ökonomie praktizieren.

Was sind Gratisökonomie-Projekte?

Warum soll das Netzwerk nur für Menschen offen sein, die sich in Gratisökonomie-Projekten engagieren und nicht für alle Leute?

Gratisökonomie-Projekte wie die Internetseiten coforum.de oder der Umsonstladen bieten etwas an, das allen Menschen offen steht. Oft allerdings haben die Leute, die diese Projekte machen und diejenigen, die sie nutzen, unterschiedliche Interessen und verschiedene Vorstellungen von Gesellschaft. Wir haben die Erfahrung gemacht, wie stark die herrschende Werteordnung und das Konkurrenzdenken vielen Menschen (oft auch uns selbst) verinnerlicht ist. Eine Menge Leute verstehen das Wort "gratis" ausgehend von einer Schäppchenmentalität, das heißt: noch billiger auf Kosten anderer leben. Andere wiederum nutzen die Angebote unserer Projekte aus reiner Bequemlichkeit. Dieses Verhalten hat nichts mit einem selbstbestimmteren Leben und dem Ideal einer solidarischen Ökonomie zu tun, die uns motiviert, die wir in Gratis-Ökonomie-Projekten aktiv sind. Solch eine verbindende Idee kann erst das gegenseitige Vertrauen und damit die Möglichkeit für die Kooperation und gegenseitige Hilfe im Netzwerk Gratisökonomie geben.

Und wie funktioniert die Kooperation und gegenseitige Hilfe im Netzwerk konkret?

Für die konkrete Gestaltung des Netzwerks möchten wir Folgendes vorschlagen - es gibt aber, wie gesagt, noch genügend Raum, neue Ideen für die Gestaltung einzubringen:

Mitmachen können alle, die in einem der im Netzwerk kooperierenden Gratisökonomie-Projekte aktiv sind. Wer als aktives Mitglied gilt, entscheiden die einzelnen Gruppen selbst.

Es gibt eine Internetseite (Wiki) mit Passwort als zentralen Ort, an dem Informationen über die Gratisökonomie-Projekte gesammelt und Kooperationen vereinbart werden können.

Jede Person, die in einer der im Netzwerk kooperierenden Gruppen aktiv ist, kann ihre Bedürfnisse und ihre Fähigkeiten, die sie den anderen zur Verfügung stellt, auf dieser Seite eintragen. Dabei schreibt sie auch, zu welchem Projekt sie gehört. Jedes Projekt trägt auf der Seite ein, welche Infrastruktur es anderen Projekten des Netzwerks zur Verfügung stellt (z.B. Räume, Veranstaltungstechnik, Werkzeug) und was es braucht (Kochtöpfe, Hilfe bei der Lösung eines Computerproblems usw.).

In der Warenwelt werden wir gewöhnlich mit Angeboten überflutet. Im Netzwerk Gratisökonomie soll den Bedürfnissen ein größeres Gewicht gegeben werden als den Angeboten. Deswegen wird die Internetseite unterstützt von einer speziellen Mailingliste: Wenn eine Person oder ein Projekt unter den Informationen auf der Seite keine Lösung für ihr konkretes Bedürfnis findet, kann sie eine e-mail an die Liste schicken. In der Liste ist eine Kontaktperson von jedem teilnehmenden Projekt eingetragen. Sie trägt die Anfrage in die eigene Gruppe und bemüht sich um eine Lösung. Diese Kontaktperson kennt innerhalb ihrer Gruppe die Fähigkeiten und Ressourcen der anderen Leute und kann sie gezielt ansprechen, ob sie in dem bestimmten Fall bereit wären, diese einem Netzwerkmitglied zur Verfügung zu stellen. Über die Kontaktperson haben auch Mitglieder der Gruppe Anschluß an das Netzwerk, die nur schwer Zugang zum Internet haben. Die Rolle der Kontaktperson innerhalb einer Gruppe kann rotieren.

Die Struktur der Internetseite wird schrittweise aufgebaut und je nachdem, welche Nutzungsmuster sich herausbilden, ausdifferenziert. Für den Start soll die Seite aber zunächst so einfach wie möglich zu benutzen sein.

Die gegenseitige Hilfe erfolgt nicht nach dem Prinzip des äquivalenten Tauschs. D.h. wir messen (anders als im Tauschring) unsere Tätigkeiten nicht mit einem abstrakten Wert, um dann buchhalterisch darüber zu wachen, dass jeder rein rechnerisch nur so viel bekommt, wie er selbst geleistet hat. Das Netzwerk lebt vom Geben und Nehmen, aber jeder gibt und nimmt seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend und es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit.

Neben dieser eher unpersönlichen Internetseite, gibt es verschiedene Möglichkeiten der persönlichen Begegnung:

- Eine große Party soll den Auftakt des Netzwerks bilden, wo sich die Leute aus den teilnehmenden Projekten kennenlernen können.

- regelmäßige Treffen in einer Vokü, die zum Netzwerk gehört. Beim Gespräch während des Essens lernen sich die Leute näher kennen und können gegenseitige Hilfe vereinbaren. In der Vokü könnte auch ein Computer mit Internetzugang stehen, wo man sich auf der Internetseite des Netzwerks informieren kann und auch Informationen in Papierform ausliegen. So hat man von der Vokü aus Anschluß an das gesamte Netzwerk.

- Treffen auf Veranstaltungen in den verschiedenen Projekten, die für die Interessen der Netzwerkmitglieder stärker anschlußfähig gemacht werden (z.B. eine Filmreihe zu alternativer Ökonomie in einem Videokino des Netzwerks). Die Veranstaltungen können auch auf der Internetseite des Netzwerks angekündigt werden.

- Bei Bedarf können sich Arbeitsgruppen zu speziellen Themen treffen (z.B. zur praktischen Lebensorganisation zwischen GratisÖkonomie und Geldökonomie).

Die Initiativgruppe für das Netzwerk Gratisökonomie trifft sich zur Zeit regelmäßig im Umsonstladen und in Zukunft gerne auch bei anderen Projekten, die am Netzwerk teilnehmen. Weitere Ideen für die konkrete Gestaltung, neue Menschen und Projekte sind willkommen!