ErnährungsSouveränität

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Autonomie statt Konzernkontrolle International quer und souverän denken - von der Idee der Ernährungssouveränität

In der "Deklaration zur Beseitigung von Hunger und Fehlernährung" am Ende der Welternährungskonferenz 1974 wurde das Ziel gesetzt, "dass innerhalb eines Jahrzehnts kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen wird, keine Familie mehr um das Brot für den nächsten Tag zittern muss und dass kein Mensch mehr seine Zukunft und seine Fähigkeiten durch Unterernährung verkümmern sieht." Ein Vierteljahrhundert später bezifferte der "Weltbericht zu Hunger und Unternährung 2000" der FAO die Zahl der unterernährten Menschen auf 826 Millionen. Viel weniger sind es bis heute nicht, obwohl der Welternährungsgipfel der UN 1996 und 2002 beschloss, bis zum Jahr 2015 den Hunger auf der Welt wenigstens zu halbieren. Das ist weit bescheidener - und erneut kaum erreichbar, trotz eigentlich ausreichender Lebensmittel-Erzeugung. Die Vertragsstaaten rangeln darum, welcher Anteil ihrer Bruttosozialprodukte, welche Zahl hinter der Null und dem Komma, an Entwicklungshilfezahlungen zur Erreichung des Zieles notwendig seien. Längst ist offensichtlich, dass hier weniger um einen Teil der Lösung debattiert wird, als vielmehr ein großer Teil des Problemes im Saal versammelt ist. Es ist an der Zeit, über mehr zu reden und mehr zu fordern. Und es handelt sich um Fragen, die nicht allein den hohen Herren in den großen Organisationen und Regierungen zu überlassen sind. Eine Einladung zu einem Perspektivenwechsel kam von Aktivisten aus dem Süden.

Mit "Ernährungssouveränität" setzten sie einer zentralen Vokabel der Entwicklungspolitiker etwas entgegen: der viel bemühten "Ernährungssicherheit". In der FAO Definition bedeutet Ernährungssicherheit, dass alle Menschen "zu jeder Zeit ungehinderten physischen, sozialen und ökonomischen Zugang zu ausreichender und ausgewogener Ernährung" haben, um "ein aktives und gesundes Leben zu führen". Dieser Blick auf richtige Kalorienzahl und richtigen Nährstoffmix bietet eine Steilvorlage für selbsternannte Welt-Retter: Die großen Agrarkonzerne und nicht selten auch ihre Regierungen, sind schnell dabei, Lösungen groß- und gentechnischer Art zu präsentieren. Hochleistungssorten, wie sie mit der Grünen Revolution eingeführt und seitdem weiter verbreitet wurden oder die neusten Tricks aus dem Labor, wie der "Vitamin-A-Reis", der neben den reisüblichen Nährstoffen noch Provitamin A liefern und so u.a. der Erblindung von Kindern in Hungergebieten vorbeugen soll. Sie liegen tüchtig - und absichtlich - falsch.

Die "Grüne Revolution" hat zwar zu deutlichen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft geführt, brachte aber durch die Technisierung der Landwirtschaft enorme Konzentrationsprozesse, die große Bevölkerungsgruppen marginalisierte. Trotz der Erhöhung der Getreideproduktion blieben Hunger und Unterernährung. Wirklich erfüllt hat die Grüne Revoulution vor allem ihren eigentlichen, nicht so öffentlich betonten Zweck, nämlich den Einfluss großer Agrarkonzerne und der Industrieländer auf die Nahrungserzeugung der Welt zu sichern. Die Gentechnologie steigert die Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern von den großen Konzernen, hat noch unbekannte Langzeitfolgen und verhilft - z.B. mit Vitamin-A-Reis - nur auf dem Hochglanzwerbeblatt zu Glück und Gesundheit.

Mit diesem Hintergrund begannen verschiedene Zusammenhänge, nach Ansätzen zu suchen, die nicht die kapitalistische Produktions- und Handelslogik zur Grundlage haben. Und sich natürlich nicht mit dem Kalorienzählen begnügen. Am weitesten ging die Internationale Bauernbewegung "Via Campesina", die 1996 anlässlich des Welternährungsgipfels den Anspruch auf Ernährungssouveränität formulierte. Die Erklärung "right to produce and access to land" fordert "das Recht jeder Gemeinschaft, ihre eigenen Kapazitäten zur Nahrungsproduktion zu erhalten und zu entwickeln, die entscheidend sind für die nationale und kommunale Nahrungssicherheit und die kulturellen Unterschiede sowie die Unterschiede in den Produktionsmethoden zu berücksichtigen." Mit der Landfrage wird eine zentrale Macht- und Verteilungsfrage gestellt.

Seitdem ist die Debatte eröffnet. Via Campesina legte mit "Ernährungssouveränität" kein vollständiges Konzept vor, betont aber etliche Hindernisse, die der Realisierung von Ernährungssouveränität heute entgegenstehen. Und fordert, eigene Perspektiven für eine gesunde, nicht-konzerndominierte, solidarische Lebensmittelproduktion zu entwickeln. Für einen gemeinsamen Kampf gegen den Wahnsinn der Agrar-Industrie ist Paternalismus und "Wir-Reichen-helfen-den-Armen" völlig fehl am Platze.

Ein erster Schritt ist es, zentrale Hindernisse für eine autonome und vielfältige Ernährungssicherung zu identifizieren - und zu bekämpfen. Dazu gehören die internationalen Handelsregeln, allen voran das Agrarabkommen in der Welthandelsorganisation WTO. Das Abkommen schreibt viele Benachteiligungen der Länder des Südens und der Menschen, die am großen Markt gar nicht erst mitwirken können, fest. So viele, dass es zynisch wirkt, wenn hiesige "Entwicklungspolitiker", deren Regierungen gleichzeitig am Verhandlungstisch der WTO den Status quo verteidigen, vom Kampf gegen den Hunger reden. In der Realität wird Hunger immer wieder neu geschaffen: - durch Exportsubventionen, die zu Dumping-Preisen auf dem Weltmarkt führen und zur Vernichtung kleinbäuerlicher Produktion z.B. in Südamerika durch Billigweizen aus Europa - durch extrem hohe Zölle, sobald z.B. ein Kakaobauer auf die Idee käme, sein Kakaobohnen selbst zu rösten, zu mahlen und abzufüllen - durch die Förderung regionaler Produktion - die sich genau die ärmsten Länder nicht leisten können. "Die Bedingungen der WTO beschleunigen Strukturanpassungsprogramme, die die Erzeugung für einheimische Märkte verdrängen zugunsten von intensiver Produktion für den Export. Sie treiben Millionen von Bauernfamilien in den Bankrott. In Indien, im Bundesland Andhra Pradesh, haben mehr als 400 vom Baumwollanbau abhängige Kleinbauern im letzten Winter Selbstmord begangen, weil ihre Situation hoffnungslos war. Die WTO-Politik läßt Dumping zu und veranlaßt intensive Überschußproduktion in einigen Regionen, während sie in anderen Gegenden der Welt soziale Katastrophen erzeugt wie Arbeitslosigkeit, Landflucht, soziale Degradierung, Gewalt und Selbstmord. Sie führt zudem zu irreparablen Umweltschäden, zerstört Böden und biologische Vielfalt, vergiftet Land, Wasser und Luft", erklärten Bauern-AktivistInnen. Folgerichtig fordert Via Campesina heute, dass das Agrarabkommen aus der WTO verschwinden soll. Sie lehnen die Agro-Gentechnik ab, die den Konzernen Profite bringt, Vielfalt zerstört und Menschen vom Land vertreibt.

Wenn VertreterInnen von Via Campesina "Ernährungssouveränität" erläutern, kommt es oft zu Missverständnissen zwischen ihnen und den Aktiven europäischer NGOs. Der Idee Ernährungssouveränität wird vorgeworfen, unausgereift zu sein oder viel zu radikal. In einer Diskussion auf dem BUKO 2005 betonte ein Aktivist aus Malaysia, es komme nicht unbedingt auf den Begriff an, aber es könnte spannend sein, entlang der Logik von Ernährungssouveränität weitere, gemeinsame Fragen aufzuwerfen - und breite Bündnisse zu schmieden von Menschen im Süden und im Norden, die die Macht der Agrar-Konzerne und die Logik der Hunger- und Armutsbekämpfung von den Schreibtischen westlicher Industrieländer-Regierungen ins Wanken bringen möchten. Aus einer gemeinsamen Betroffenheit heraus. Denn den selbstbewussten AktivistInnen aus den "Hungerländern" kommt es nicht auf Mitleid oder Almosen an, sondern auf gemeinsamen Veränderungswillen. Und für den finden auch die satten EuropäerInnen viele gute Gründe: Wie viel "Ernährungssouveränität" bleibt uns, wenn wir fragen, welche Interessen unsere Nahrung - von der Saat bis zum fertigen Menü auf dem Teller - kontrollieren? Wie souverän oder autonom kann ich mich mitten in Deutschland ernähren, wenn ich nicht auf eigener Scholle zur kompletten Selbstversorgung übergehe(n möchte)? Welche Chance haben Menschen, nach dem Übertreten einer Supermarkt-Türschwelle, noch an Nestlé, Kraft und Co vorbeizukommen? Warum schaffen Politiker den Gentechnikkonzernen die Rahmenbedingungen für die Produktion höchst zweifelhafter GMOs, deren ökologische und gesundheitliche Nebenwirkungen längst nicht absehbahr, deren Konsequenzen auf die Unabhängigkeit von LandwirtInnen und KonsumentInnen und deren Nicht-Rückholbarkeit aber sehr wohl offensichtlich sind? Und das, obwohl jede Umfrage wieder zu Tage bringt, dass die Menschen den Gendreck nicht wollen?!

Die Logik der Agrarkonzerne, von der Grünen Revolution bis zur Gentechnik und Biopiraterie hat der Welt bis jetzt ¾ der ehemals vorhandenen Agrobiodiversität gekostet. Allein zehntausende Sorten von Reis sind unwiederbringlich verschwunden, weil wenige Hochertragssorten wenige Elitenvertreter sehr reich machen mussten. Umweltvernichtende Überschuss-Produktion, katastrophale Tierhaltungs- und -fütterungsmethoden und weitere Aspekte der industrialisierten Landwirtschaft stellen das Gegenteil von autonomer Ernährung dar - und gefährden zusätzlich die Chance, überhaupt genug an Vielfalt, Menge und Qualität zur Verfügung zu haben.

Es ist möglich und sinnvoll, miteinander weiter zu suchen und voneinander zu lernen. Zum Beispiel von der indischen Bauernorganisation KRRS der es 1998 gelang, Monsanto aus dem Land zu jagen: Über Monate kündigten die streitbaren BäuerInnen immer wieder das vollständige Abernten und Verbrennen der Pflanzen von Genfeldern an und kamen mit vielen zur wirksamen Feldbefreiung. Schließlich zog der Konzern zurück. Eine Initiative aus Süddeutschland ruft derzeit dazu auf, auch hier solche Aktionen zu starten. Für EinsteigerInnen in koordinierter Form, die - wie in Indien und auch schon in Frankreich - zuvor angekündigt und dann entschlossen durchgeführt werden soll. Mehr http://www.gendreck-weg.de

Jutta