Diskussion zum Garantierten Grundeinkommen

Version 27, 84.169.102.235 am 3.6.2007 22:34

Hier geht es um den Text Wer nicht arbeitet, soll auch nicht müssen! von Werner Braeuner, zu finden unter http://www.thur.de/philo/gast/gge.htm

Aus dem Artikel: Die Dritten Zähne des Antikapitalismus

Noch nie in 250 Jahren Kampf gegen kapitalistische Zumutungen hat sich Opposition... konzeptionell derart genügsam gegenüber der herrschenden Ordnung gezeigt wie heue die Freunde des garantierten Mindesteinkommens. In allen früheren Phasen kapitalistischer Entwicklung hatten Protest und Widerstand Konzepte zum Ideenhintergrund, die auf eine grundsätzliche Veränderung der Art der Reichtumsproduktion abhoben. Wie verkürzt und problematisch die Neuordnungsvorstellungen auch waren, sie erhoben stets den Anspruch, mit einem Zustand der Entmündigung Schluss zu machen und die Menschen zu befähigen, das gesellschaftliche Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Die Grundeinkommensforderung löscht diesen Problemhorizont dagegen systematisch aus. Der emanzipatorische Sichtkreis schrumpft auf die Verteidigung des Rechts auf Warenkonsum. Eine Art staatlich garantierter ansehnlicher monatlicher Lottogewinn soll für alle sichergestellt werden. ...

Der Schrei nach "genug Geld" lenkt vom asozial-ungesellschaftlichen Grundcharakter der Warengesellschaft ab bzw. verharmlost ihn zu einer Frage bloßen politischen Managements. ...

Volksmund und Volkswirtschaft schwanken, ob sie Konsum und Produktion als gleichberechtigte Momente behandelt oder einer Seite den Primat zugestehen sollen. Die Grundeinkommensdiskussion macht offen oder unter der Hand die Konsumtion zum übergreifenden Gesichtspunkt. Eine ernsthafte Kapitalismusanalyse muss am umgekehrten Zusammenhang festhalten."

Ernst Lohoff in "Streifzüge" Nr. 34, Juli 2005. (http://www.streifzüge.org)

zu bedenken gegeben von

(Zusammengetragen von LukasGodulla)
sigi:

es ist ja nicht so, dass ein garantiertes grundeinkommen was schlechtes oder nicht machbar wäre . es setzt nur eine weltgesellschaft voraus, die wir heute noch nicht haben . und da es sie voraussetzt, kann es auch kein mittel sein, um zu einer solchen weltgesellschaft zu kommen . das vermisse ich immer bei solchen ansätzen . sie sind verkürzt, wenn nicht gar kurzgeschlossen . nix studere .

Weblinks

Diskussion

reiner altruismus ??

am letzten sonntag (210506) knapp nach der mittagszeit (ca.14:00) hab' ich im deutschland-funk (sagen wir mal, ich schaetze ihn als regierungsnah ein:) ein interview mit goetz werner hoeren koennen, in dem dieser vehement fuer die notwendigkeit der einfuehrung des unbedingten grundeinkommens argumentierte, fuer das er zz. einen werbefeldzug fuehrt. herr werner ist vorstand (oder besitzer?) der dm-kette (ca. 1600 filialen), also ein waschechter kapitalist. nach meiner ersten erfreutheit, ueber die scheinbar gewuenschte verbesserung der lebenssituation der bevoelkerung und hier speziell der sozial schwachen, aenderte sich meine einschaetzung aber nach einer kurzen phase der analyse.

herr werner, der auch mit zahlen, daten und fakten argumentierte und mich restlos ueberzeugte, dass dieses modell durchaus finanzierbar ist und dem ich seine altruistische motivation ja auch durchaus abnehmen will, arbeitet aber bewusst fuer den erhalt des kapitalistischen systems, welches er ja auch keineswegs abschaffen, sondern nur humaner und effizienter umgestalten will. eines seiner argumente war unter anderem, dass die bereitschaft sein einkommen zu verkonsumieren steigen wird, wenn der staat bis zur bahre ein sicheres einkommen garantiert und dies wieder wuerde die wirtschaft ankurbeln. soziale leistungen fuer die der staat jetzt hohe ausgaben leisten muss (kinder- , alten- und krankenpflege) wuerden sich verbilligen, da die leute es sich dann "leisten koennten" diese arbeit altruistisch (und nicht extra bezahlt) zu uebernehmen. die verwaltungskosten fuer die dann abgeschaffte arbeitslosenversicherung, sozialhilfe usw. wuerde ebenfalls wegfallen. einkommens- und kapitalsteuer sollen ersatzlos abgeschafft, statt dessen einer "konsumsteuer" platz machen, dh. einer auf rund 50% erhoehten mehrwertsteuer. die waren sollen sich allerdings dank dem verbilligungseffekt bei der herstellung oder dem vertrieb der unbesteuerten arbeit nicht verteuern (ich halte das fuer machbar, die sich meiner einschaetzung nach auch die sozialversicherung drastisch verbilligen muesste, da ja dann arbeitslosen- und pensionsversicherung wegfallen koennen, die pflegeversicherung sich aufgrund der von der bevoelkerung freiwillig getragenen leistung ebenfalls stark verbilligen koennte, alten-, kinder- und krankenbetreuung dann auch als unbezahlter urlaub moeglich waere, der gesundheitszustand der bevoelkerung allgemein sich verbessern wuerde, urlaub ebenfalls nicht bezahlt werden muesste usw).

diese fuer unternehmer paradisieschen zustaende, ermoeglichten dann tatsaechlich eine starke nettopreissenkung. auf den kompletten staat umgelegt koennte ich mir sogar vorstellen, dass dieses modell nicht nur aufkommensneutral waere (im verhaeltnis zu den jetzigen gesamtsozialausgaben) sondern sogar billiger kaeme, da die staatsverwaltung, versicherungen usw sich verbilligen wuerden.

und genau hier liegt der punkt: diese einsparungen koennte das kapital (auch in form von handel und industrie) abschoepfen. das naechste waere der griff nach dem sparstrumpf, der dann leichter medial in diese richtung zu steuernden bevoelkerung. ein hoehenflug des kreditwesens waere absehbar, nachdem ploetzlich ca. 80 mill. menschen ueber "sicherheiten" verfuegen wuerden, jeder individualkredit kaeme einem ansteigen der staatsverschuldung gleich, da ja der staat fuer das neue sichere unbedingte grundeinkommen buergt. dank paedagogischer beeinflussung (brainwash), der dann ja ach so dankbaren bevoelkerung, rechnete ich nicht mit einer zunahme an, aus ueberzeugung, nicht arbeitender bevoelkerung, sehr wohl aber mit einer deutlichen zunahme an, dann wesentlich billiger arbeitender (daher nur finanziert vom grundeinkommen, wo vorher zb. ein akademiker-, krankenpfleger oder sonstiger hoeher dotierter arbeitsplatz zu bezahlen gewesen waere, der dann ehrenamtlich erledigt wuerde).

fazit: mit sicherheit koennte das kapital mit diesem system hoffen, seinen gewinn zu erhoehen. die konsumgesellschaft wuerde zementiert, aufgrund des dann ansteigenden zufriedenheitsgefuehls der bevoelkerung, wuerden sich gesellschaftlich geforderte umwaelzungen, welche als ziel eine hoehere selbstbestimmung des individiums fordern, um eine unbestimmte zeit (aber vermutlich um lange) verschieben, gleichsinniges gaelte fuer den konstrukt staat.

schlusseinschaetzung: brot und spiele fuer das 3.jahrtausend

KoriaM (240506)
sigi:

gerade lese ich eine weitere meinung dazu (http://www.coforum.de/?2535 (autor: roy)
"Im Januar begegnete mir in der Bahn-Zeitung "mobil" der Artikel über das Bürgergeld vom Götz W. Werner und begeisterte mich so, dass ich nun Kampagne für ein bedingungsloses Bürgergeld mache. Ich spreche Bürger in Bus und Bahn, auf der Straße an, auch in Geschäften, Kneipen, Imbißbuden auf Märkten an. Bei letzteren zuerst das Personal und die Geschäftsleitung. Dabei verteile ich mein Info-Blatt. Ich organisiere auch Informations- und Diskussions-veranstaltungen, klebe Plakate,... Referiere zu dem Thema. ~ ich finde, die Idee gut und möchte sie möglichst schnell möglichst vielen Menschen nahe bringen. Damit die Idee schnell reifen kann und sie immer mehr in die Köpfe der Menschen eindringt, als mögliche bzw. nötige Reform, die jetzt ansteht."
noch mal: ich halte die idee auch für gut und durchführbar . die schwierigkeiten liegen, wie meist, ganz woanders . die parteien leben davon, das konkurrenz-denken und den interessen-klüngel aufrecht zu erhalten . die werden weiter ihre soziale flickschusterei betreiben, aber grundsätzlich eben nichts vereinfachen (das hätten sie mit leichtigkeit schon die ganze zeit über tun können). die menschen andererseits werden ihre psyche auch nicht von heute auf morgen ändern und ihr schönes grundeinkommen einfach weiter versaufen oder sonstwie sinnlos ausgeben . aber, wie gesagt, dazu wird es erst garnicht kommen . trotzdem finde ich den einsatz von roy gut und halte auch goetz werner als person für vorbildlich und in seinem denken klar und logisch . er würde ins coforum passen (oder allgemein nach wiki-land (übrigens habe ich auf seiner wikipedia-seite (http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Werner) noch einen interessanten link zum mobbing-thema gefunden: http://www.pabst-publishers.de/aktuelles/04.htm) .

uwe:

vergleicht sich das als "Grundgedanke garantiertes Einkommen im WachsTum" mit den Aggregatszuständen z.B.:Wasser wird ersichtlich, daß es um bestimmte Energien zu transportieren, gewisse Kniffe braucht. Es ist eine Eigenart des Denkens "von Ende her" zu denken und daraus die nötigen Schlüße zu ziehen, wie dahin zu gelangen ist. Bei den Drögen Märkten ist durchscheinend: für das Angebot kann sich nur noch jemand mit mehr Grund, als nur das bloße Auskommen, interessieren.