Hegel-Debatte Weltgeschichte-Fortschritt-Freiheit

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Debatte zwischen Helmut L. und Kai F. begonnen auf der Grundlage eines ersten kritischen Beitrags von Helmut auf der Seite Hegel-Debatten .

Einleitung

" Um etwas konkretes zu sagen, habe ich dieses Zitat ergoogelt:"

Kai: Google ist sicher nicht der richtige Ort, um sich über den Inhalt einer Philosophie zu informieren. Wenn Sie sich z.B. für Hegels Geschichtsphilosophie interessieren, so wäre es das mindeste, dass sie sich zumindest die Vorrede/Einleitung zu Hegels Geschichtsphilosophie besorgen, diese behandelt nämlich auch die methodischen Fragen. (und überhaupt ist die Geschichtsphilosophie sehr gut zu lesen, sollte kaum Verständnisprobleme aufwerfen.)

Helmut: Vorneweg, ich hoffe nicht, dass wir uns - ganz unüblich im Internet - in dieser Diskussion siezen werden - das tun nur Neulinge im Web oder Leute, die sich nicht riechen können. Wäre letzteres der Fall, hätte eine Diskussion ohnehin wenig Sinn. Vor mir liegt die Rechtsphilosophie, die Geschichtsphilosophie habe ich absichtlich zurückgestellt, weil ich nicht zu sehr beeinflusst von Popper's Historizismus-Vorwürfen in meine Hegel-Lektüre gehen wollte. Ein Zitat hätte ich auch aus Büchern nachschlagen können, das "googeln" diente mir zur einfachen Offenlegung meines Hegel-nicht-Experten-Status.

Nachdem du dich als Experte präsentierst, meine Frage: Besitzt du eine kritische Distanz zu Hegel - immerhin ist sein Schreiben rund 200 Jahre alt und der eine oder andere Schmarren wäre in 20 komplexen Bänden Philosophie keine Schande - oder trittst du als Rechtfertiger auf, der am Denkmal Hegel kein "Fehl oder Tadel" sieht? Im ersten Fall: wo siehst du Hegels Beschränkungen? Im zweiten Fall: Bist du bereit Hegel bedingungslos zu verteidigen und allenfalls mit ihm unterzugehen?

Kai: Hallo Helmut, die Anrede sollte unser geringstes Problem sein :-). Meine Positionen zu Hegel habe ich vor einigen Jahren einmal in diesen 4 Texten ausgefuehrt, im grossen und Ganzen gelten diese auch noch heute:

Darin findest du auch Hinweise auf die Möglichkeiten impliziter Kritik und auf Beschränkungen/Ergänzungen.

Hinweise auf kenntnisreiche und fruchtbare Bücher zur impliziten Kritik und Weiterentwicklung von Hegels Rechtsphilosophie, über die sich -im Gegensatz zu dem üblichen Quatsch - durchaus zu diskutieren lohnen würde habe ich am Ende der Seite Hegel-Material (Abschnitt "gute Bücher zu impliziten Kritik und Weiterentwicklung von Hegels Rechtsphilosophie") eingefügt.

Ich reise übrigens am Freitag für 16 Tage in Urlaub in die Toscana, aber ich werde wohl auch da Gelegenheit haben ab und zu an der Debatte hier teilzunehmen.

Das verwendete Zitat

Hegel: "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit."

Kai: Ich gebe zu, das ist ziemlich konzentriert. Ich gehe am besten erst einmal auf ihre Fragen ein, bevor ich das im einzelnen erkläre (eine aufmerksame Lektüre von http://hegel.net/en/spirit.htm würde zwar das meiste ebenfalls beantworten, aber der Text ist wahrscheinlich ebenfalls noch viel zu konzentriert),

"Wer möchte nicht Weltgeschichte als eine Entwicklung zu mehr Freiheit sehen?"

Kai: Es geht nicht darum, was man "sehen möchte". Warum sollte man überhaupt das so sehen mögen?
Und hier sind Sie sich ja anscheinend der drei Satzteile "Weltgeschichte", "Entwicklung" und "Freiheit" sicher, sehen intuitiv keine Probleme, später aber schon?
Frage waere da ja dann aufgrund dieser Diskepanz an Sie, was Sie denn unter "Weltgeschichte", "Entwicklung" und "Freiheit" verstehen...
Ich komme später noch darauf zu sprechen.

" Aber das so zu definieren?"

Dass das eine Definition ist, ist nicht schlecht getroffen.
Hierzu passt die Perspektive, die Schiller in seiner Jenaer Antrittsrede "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" (Online z.B. unter http://gutenberg.spiegel.de/schiller/universl/universl.htm ) gibt (Man kann Hegels methodische Überlegungen in seiner Einleitung zur Philosophie der Weltgeschichte teilweise als Erweiterung/Verfeinerung und Kommentierung von Schillers Rede lesen).
Aber eine Definition ist nicht willkürlich sondern muss selbst, um nicht nur zufällig/willkürlich sondern wissenschaftlich/intersubjektiv-nachvollziehbar nachvollziehbar zu sein, dem Begriff entsprechen (siehe dazu http://www.hegel-system.de/de/begriff.htm und http://www.thur.de/philo/hegel/hegel7.htm ).

" Weltgeschichte ist Fortschritt?"

a) was ist der Status von Weltgeschichte innerhalb von Hegels System?
http://hegel-system.de/de/d0.htm
http://hegel-system.de/de/d3.htm
http://hegel-system.de/de/d323.htm
http://hegel-system.de/de/d3233.htm
vgl. auch die parallele der Teleologie zur Einteilung des Geistes:
http://hegel-system.de/de/d1323.htm

Weltgeschichte ist Teil (Abschluss) der Objektiven Geistes (siehe Unterteilung es Geistes in http://hegel-system.de/de/d3.htm )

Der Zeck/Wille der Menschen verwirklicht sich in der Welt (Natur und andere Menschen), nimmt diese dabei als Mittel für seine Zwecke.

Die Weltgeschichte ist dabei die Geschichte dieser Verwirklichungen ihrer Zwecke.

Ein immanenter Maßstab der Weltgeschichte ergibt sich also an den Zwecken (und Mitteln) der Menschen.

Da die Zwecke sich teilweise widersprechen, teilweise in einer Hierarchie zueinander stehen, kommt es individuell, wie auch gesellschaftlich darauf an, diese zu ordnen.

Der oberste verfolgte Zweck ist dabei die Freiheit, verstanden in einem umfassenden Sinne: sowohl im populären sinne einer Nichtbehinderung der eigenen Zwecke durch fremde Zwecke, wie auch im sinne der Erweiterung des eigenen Möglichkeitsraumes durch mehr Mittel (und sich selbst zum Mittel der eigenen Zwecke machen, siehe etwa auch die letzten Abschnitte der hegelschen Anthropologie), wie auch schließlich eines Bewusstwerdens des Inhaltes der Freiheit, womit sich der Bereich des von Hegel so genannten "Absoluten Geistes" (Kunst, Religion, Philosophie) beschäftigt.

Der Fortschritt der Menschheitsgeschichte ist also daran zu messen, inwiefern darin mehr Freiheit gewonnen wird, sowohl nach Seiten der Mittel hin (hier kann wohl kaum ein Zweifel beste-hen, dass die Menschheit sich mit der Entwicklung der "Technik" im weitesteten (= Mittel, schliesst auch Körpertechniken usw. ein) Sinne einen Fortschritt gemacht hat, etwa durch Tradierung des jeweils erreichten und Erweiterung des Wissens, insbesondere nachdem dies selbst zum Bewusstsein gekommen ist und als eigenes Ziel verfolgt wird (etwa seit der Renaissance und verstärkt seit der Aufklärung und dann der wissenschaftlich-technischen Revolution des 19.Jhdrts)

Wichtiger noch aber als die Entwicklung der Mittel (die ja immer nur Mittel für einen Zweck sind) ist die Entwicklung im Bewusstsein der Zwecke, was insbesondere den Inhalt dieser Zwecke und letztlich der Inhalt dessen, was Freiheit bedeutet, ausmacht.

Auch hier gab es unbestreitbar Fortschritte im Bewusstsein der Menschheit mit der Entwicklung der Kunst, Religion und Philosophie, wobei man natürlich aus asiatischer Sicht sagen kann, dass sich einiges bereits z.B. im Buddhismus entdeckt wurde, was im "Westen" sich erst später durchgesetzt hat.

( Bei Hegel geht es vor allem aus der Perspektive für uns, den "Westen", das "christliche Abendland", einfach weil das zu seiner Zeit, und auch heute noch, die dominierende Kultur/Zivilisation der Weltgeschichte war. Über das Verhältnis der verschiedenen Religionen zum Christentum (auch im Hinblick auf ein im Christentum "nicht aufgehobenes") schreibt für den heutigen Kenntnisstand sehr interessant Hans Kueng in seiner Reihe "Das Christentum", "Das Judentum", "Der Buddhismus", "Der Hinduismus" usw.

Was die Religionen angeht, so kulminiert Hegels System ja nicht in der Religion, sondern in der Philosophie, denn nur die Philosophie ist so rein an der Wahrheit interessiert, das sie vorurteilslos das Wahre an allen Religionen aufheben kann - was noch längst nicht erreicht ist )

" Also ist ein Rückschritt in dieser Entwicklung nicht möglich?"

Doch, warum nicht? Die Weltgeschichte ist doch voll davon. Hegels Bericht von den Fortschritten innerhalb der Weltgeschichte ist voll von kleineren und größeren Rückschritten, sowohl innerhalb eines Landes, wie auch insbesondere in den Perioden, in denen eine Kultur die andere "ablöst".

Wichtig ist es, sich klar zu machen, inwiefern und wodurch es Fortschritt gibt (s.o.). Dann weiss man auch um die Grenzen dieses Fortschrittes.

Da die Zwecke einer Hierarchie unterworfen sind und niedrigere, lokalere Zwecke (etwa diejenigen von Freiheit auf Kosten anderer i.S. von Gruppenegoismen, Freiheit i.S. von Willkür und anti-vernünftiger Zwecke usw.) einschließen kann (und i.d. Regel tut), so ergeben sich die Fortschritte eher "on the long run".

" Bewußtsein der Freiheit? Also geht es nicht um konkrete Freiheit, sondern um die philosophische Sicht auf die Freiheit?"

Wieso sollten sich "konkrete" und "philosophische" Freiheit widersprechen?

Eine Reflektion dessen, was man tut und was man will, findet doch sowieso dauernd statt (jeder überlegt doch dauernd, was er will und spricht auch mit anderen darüber, es ist Gegenstand von den meisten psychologischen Therapien, von Ratgebern zum Zeitplanen u.ä., aber auch von Thinktanks, Ratgebern und Stabsstellen von Firmen und Regierungen usw. usf.).

Ohne zu wissen, was man will, was denn der Inhalt der eigenen Zwecke ist (und was dabei Freiheit bedeutet), kommt man nicht weit, kann man diese auch nicht umsetzen (wie auch das Wissen allein natürlich nicht ausreicht, dazu gibt es ja die Sphäre des Objektiven Geistes).

In der Sphäre des Absoluten Geistes (Kunst, Religion, Philosophie) werden diese Zwecke und der Inhalt von Freiheit aber nochmal extra, explizit zum Thema gemacht, auch durch die Reflektion auf das, was das bedeutet und dadurch auch mit Blick über die "kurzatmige unmittelbareren Bewährung im gerade Gegebenen" hinaus, mit der Möglichkeit, bestehende Grenzen des Blickes (durch die Anpassung/Focussierung auf das "realistische", gegebene) zu überschreiten.

Diese Erkenntnis haben dann natürlich wieder Rückwirkungen auf den "subjektiven Geist" (z.B. handelt ein Individuum, welches sich die Lehren des Buddhismus einleuchten lässt, wahrscheinlich anders als ein anderes) und auf den "objektiven Geist" (denn selbstverständlich will man das für richtig erkannte auch umsetzen).

" Weltgeschichte ist also eine Sache der Philosophen?"

Die philosophische Behandlung der Weltgeschichte (in einer "Philosophie der Weltgeschichte") ist natürlich Sache der Philosophen, das ist ja schon eine Tautologie.

Das umgekehrt die "konkrete" Weltgeschichte als Handlungen der Staaten usw. nicht nur (und auch nicht in erster Linie) die Sache der Philosophen ist, ist unstrittig (auch Hegel behauptet nichts anderes).

" Hegel, als Stellvertreter der Philosophen bestimmt letztlich, was als Weltgeschichte Geltung hat?"

Insofern die Philosophische Weltgeschichte eine Wissenschaft ist, entscheiden die wissenschaftlichen Argumente darüber, was da nun Berechtigung hat und was nicht. Hegels Argumentation unterliegt selbstverständlich (auch in seinem eignen Verständnis) diesem Maßstab, welchem auch sonst?

" Usw. usf. Warum Weltgeschichte (hier lässt der Weltgeist grüßen) und nicht einfach Geschichte? Was unterscheidet die partielle Geschichte Nordamerikas vor Columbus von der partiellen Geschichte der Welt vor dem heutigen Tag als Zeitpunkt grundsätzlich?"

Wie der Name schon sagt, unterscheidet sich eine Weltgeschichte von einer partiellen Geschichte, also meinetwegen der Nordamerikas, dadurch, dass sie eben die Geschichte der ganzen Welt betrachtet, unter den oben genanten Gesichtspunkten.

Selbstverständlich steht das einer partiellen Behandlung der Geschichte einzelner Länder und Epochen oder nach anderen Gesichtspunkten nicht entgegen, wird ja auch gemacht. Im Gegenteil nimmt die philosophische/wissenschaftliche Weltgeschichte dies ja als Material.

" Geht es dann gar nicht um die Geschichte unserer Welt (Erde im Sonnensystem), sondern eigentlich um die kosmische Geschichte? Aber welche Rolle spielt unsere Erde in der kosmischen Geschichte?"

Ich kann ihrem Gedankengang hier nicht ganz folgen?
Insofern wir bisher nur Geisteszeugnisse von der Erde haben, bezieht sich eine wie immer geartete Universalgeschichte notwendigerweise nur auf die Erde.

Wenn die Menschheit einmal später andere Monde und Planeten bevölkern sollte und/oder wir in Kontakt mit weiteren Zivilisationen kommen werden, wird sich die Geschichte entsprechend ausweiten, natürlich. Vorher aber natürlich nicht, oder?
(Es ist müßig, sich eine hypothetische Geschichte von Nicht-Menschen auszudenken, da wir nun einmal Menschen sind)

" Vielleicht gar keine? Nimmt Hegel da das gleiche geozentrische Weltbild an, das die Kirche im Mittelalter verteidigt hat?"

S.o. Im astronomischen Sinne nimmt Hegel übrigens natürlich kein "geozentrisches Weltbild" an (hat auch nichts mit Weltgeschichte zu tun), im Sinne einer Geschichte der Menschheit behandelt er natürlich die Geschichte aus dieser Perspektive und nicht aus der Sicht von Marsmenschen oder der Sonne o.ä..

" Warum Freiheit als zentraler Wert?"

Ordnen Sie einfach ihre Zwecke und Sie werden sehen, das es Ihnen dabei immer auch um Freiheit geht, Freiheit meine anderen Zwecke zu verfolgen im Sinne von Abwesenheit von Hindernissen, Freiheit diese zu verfolgen im Sinne von positiver Möglichkeit, Mittel dazu, Freiheit im Sinne der Harmonie der inneren (von mir selbst) und äußeren (von anderen) verfolgten Zwecken usw.

(siehe dazu auch die Hegelschen Ausführungen zum Subjektiven Geist, insbesondere zum "praktischen Geist" und auch die entsprechenden Ausführungen in seiner dabei zugrundeliegenden Begriffslogik)

" Warum nicht soziale Gerechtigkeit oder die Qualität sozialer Organisation?"

Und woran würden Sie diese messen? Folgt nicht auch soziale Gerechtigkeit usw. aus dem wohlverstandenen, umfassenden Gedanken von Freiheit?

"Wird hier Fortschritt definiert?"

s.o.

"Oder Politik, die Weltgeschichte schreiben will vorbereitet?"

Selbstverständlich kann ich eine Politik daran messen, inwiefern sie Fortschritt in Bezug auf Freiheit ist/dazu führt.

Natürlich kann auch ein Politiker oder ein Staat sich das explizit zum Ziel setzen. Dabei wird aber immer nur das jeweils partielle Verständnis von Freiheit zugrunde gelegt. Spätestens aus der historischen Perspektive sehen wir das jeweils Mangelhafte daran.

"Wird hier nicht Freiheit zu etwas beliebigem gemacht im Sinne von: "Weltgeschichtlich macht man Politik, indem man den Begriff der Freiheit, der unangreifbar macht, instrumentalisiert"?"

Nein, im Gegenteil. :-) (s.o.)

" Erfüllt nicht der Neoliberalismus mit Hilfe und Rechtfertigung des Konstruktivismus dieses Hegelschen Zitat?"

Das ich alles Mögliche unter allen möglichen Sprüchen subsumieren kann, glaube ich gerne. Hegel kritisiert dies in seiner Lehre vom Grund (in der Wesenslogik) und seiner Moralphilosophie (in dem 2.Abschnitt seiner Philosophie des Rechtes).

Die Frage ist doch, ob es eine angemessene Interpretation ist.

HTH (hope that helps) & alles Gute, Kai F.

(Habe diesen Teil der Debatte auch ins HegelWiki unter http://wiki.hegel.net/index.php/Wel ... sstsein_der_Freiheit eingestellt, Kai)

Zu den Begriffen, im speziellen Weltgeschichte

Kai, ich halte die vorliegenden Begriffe (Weltgeschichte, Fortschritt, Freiheit) an und für sich tatsächlich für unproblematisch. Aber in der Verwendung von Hegel werden sie unnötigerweise problematisiert.

So ist Geschichte (oder hochtrabend Weltgeschichte) die rückblickende Wahrnehmung der Entwicklung menschlicher Kultur und Gesellschaft - als solches ein vielschichtiges Gebiet. Es umfasst bemerkenswerte Phänomene aus vielen Bereichen (rechtliche, religiöse, wirtschaftliche, wissenschaftliche, künstlerische, sprachliche, genetische, ...). Es wundert mich, dass ein in vielen Bereichen als Ganzheitlichkeitsdenker auftretender Hegel in Bezug auf den Begriff "Weltgeschichte" zu einer dogmatisch-definitorischen Zentralreduktion greift. Ich sehe das als überhaupt nicht angemessen.

Also was denn nun, ist dir Hegel jetzt zu einfach ("zentralreduktion") und/oder zu "dogmatisch" (2.Absatz), oder ist er dir zu kritisch-problematisch-komplex ("unnötigerweise problematisisert", 1.Abstaz)?

Was soll die geschmäklerische Aufregung über "Weltgeschichte"? Das ist doch ein völlig gängiger Begriff, um diese von der Geschichte eines Landes, einer Region usw. zu unterschieden. Ich hatte als Schüler z.B. einen "Dtv Atlas der Weltgeschichte", und hatte keine Probleme damit. Du schon? Im übrigen bringt es nichts, wenn du dem anderen immer die schlechtesten Absichten ("hochtrabend") unterstellst.

Zudem, wenn du Hegel lernen möchtets, dann müsstest du seine Fachsprache lernen, es bringt wenig, wenn du immer dazu sagst das du die Worte auch ganz anders verwenden kann (das ist sowieso klar, um das zu wissen, brauchst du nicht Hegel zu lesen).

Hegel handelt die Weltgeschichte, wie schon oben erwähnt, am Ende des "Objektiven Geistes" ab, von daher handelt diese von der Geschichte der Staaten (die wiederum den Abschluss der Sittlichkeit bilden, deren Sphaere selbst wieder Gesellschaft und Familie umfasst usw.).

Der Bereich des "absoluten Geistes" (der bei Hegel Kunst, Religion und Philosophie umfasst) hat natuerlich seine eigene Geschichte, die mit der "Weltgeschichte" verknuepft ist (da diese einerseits die menschliche Praxis reflektieren und andererseits auch wieder bestimmen). Siehe dazu auch unter http://hegel.net/en/spirit.htm , die Punkte 4.3 und 4.4b und 4.4c.

Auch was die anderen "Bereiche" angeht, werden diese bei Hegel natuerlich auch zum groessten Teil (ok, die Genetik ist bei seiner Weltgeschichte eher weniger beruecksichtigt, aber die aqnderen von ihnen erwaehnten Punkte schon) mit beruecksichtigt, jede hat ihren systematischen Platz (lustig dazu: das Hegel Spiel auf hegel-system.de) und man kann auch die jeweiligen Beziehungen angeben.

Insofern "Zentralreduktion" eine mangelhafte Erklaerung implizieren soll: Die verschiedenen Arten von Begründungen und ihre jeweiligen Mängel untersucht Hegel selbst sehr kritisch in seiner Logik, insbesondere seiner Wesenslogik.

Ansonsten wäre es hier fruchtbar, sich naeher mit Hegels Konzept des Begriffs (Der eine konsequenz ausd der erwähnten kritischen Untersuchung in der Wesenslogik ist) zu befassen:

Schau doch mal unter http://hegel-system.de/de/begriff.htm ob dir mein Begriffstutorial etwas sagt. (Evtl. hilft es, als Vorarbeit dazu http://hegel.net/werkstatt/english/pluralism.htm zu lesen), und lass uns dann ggfs. daran weiter über die Besonderheit des Terminus "Begriff" bei Hegel sprechen.

Kai

Zum Begriff der Freiheit & Sprachproblemen

Auch der Begriff der Freiheit ist an sich unproblematisch, soweit er aus der Erfahrung kommt, aber vielschichtig. So sind Phänomene wie z. B. Reisefreiheit, Gedankenfreiheit, Redefreiheit und Willensfreiheit völlig unterschiedlich und es ist ein sprachliches Grundproblem, dass sie alle mit dem Wortstamm "-freiheit" gebildet und unter "Freiheit" subsummiert werden. Während wir einen Begriff für "Liebe" verwenden, besitzt Sanskrit angeblich dutzende Begriffe für "sexuelle Liebe", "Liebe der Eltern zu ihren Kindern", "Geschwisterliebe" bis zu "Liebe zu Gott" usw. und es liegt auf der Hand, dass Ausdruckskraft und Begriffsreichtum einer Sprache eine große Auswirkung auf Erkenntnismöglichkeiten haben. Nicht umsonst schreibt man der Sprache ein so großes "sprachmagisches" und konstruktivistisches Potential zu. Nicht umsonst beobachtet man in allen Wissenschaften die Entwicklung spezialisierter Fachbegriffe. Dementsprechend kritisch reflektierend müsste ein Philosoph heute mit Begriffen umgehen. Begriffsverengungen á la Hegel durch Koppelung von "Weltgeschichte & Freiheit" oder "Recht & Freiheit" können nur in einer erkenntnispraktischen Katastrophe münden. Da kann auch ein integrativer Enzyklopädismus, der scheinbar Universalgelehrtheit garantiert, nicht helfen.

Hallo Helmut,

ich bin platt. Du hast echt ein Problem mit Begriffen (im hegelschen Sinne). Bevor wir weitermachen, sollten wir daher das Begriffstutorial durchgehen, ob es zum besseren Verständnis beiträgt. Wenn ja, sparen wir uns dadurch viel unnötige und unfruchtbare Abarbeitung am methodischem.

Das ein Oberbegriff eine Gemeinsamkeit von Verschiedenem beinhaltet, ist ja der Ausgangspunkt und kein Einwand gegen Begriffe. Analog zur Frage nach dem Begriff von Stuhl usw. im Begriffstutorial waere es doch die Frage, was denn das gemeinsame in ihren unterschieden Begriff von den verschiedenen "Freiheit" und "Liebe" gebrauchen sind. Dabei waere dann inhaltlich zu bestimmen, wie denn diese einzelnen Gegenstende miteinander zusammenhaengen, ob evtl. gar bei einigen der Gegenstaenden gar kein sachlicher Zusammenhang ist (homonyme), bei einigen ein groesserer usw.

Wenn du das versuchst (wie oben in deinem Absatz geschehen) ohne eine solche inhaltliche Klärung zu entscheiden, dann kann da natuerlich nur dogmatische Willkür herauskommen und du verzichtest auf die Möglichkeit der immanenten Kritik.

Mir faellt an deiner Argumentation (auch schon die frueheren Beitraege zur Hegeldebatte) auf, dass du oft einfach nur auf etwas hindeutest, hier das angebliche Problem der verschiedenen Gebraeuche von Freiheit oder Liebe, oder des Zusammenahnges von "Weltgeschichte & Freiheit", ohne auch nur zu versuchen, darzulegen, worin denn der Fehler in einem solchen Gebrauch besteht, warum sie denn nicht zusammen passen. Ohne ein Argument von dir, das ich zumindest pruefen kann, kann ich das kaum mehr als eine unverbindliche private Meinungsaeusserung ohne jeden intersubjektiven Geltungsanspruch nehmen. Dann bleibt aber immer noch die Frage, warum du es dann ueberhaupt aeusserst? (Impliziert das nicht schon einen Anspruch, das das von dir Gesagte zumindest intersubjektiv nachvollziehbare sein sollte?)

Waherend Hegel alle von ihm benutzten Begriffe so kritisch reflektiert wie kein Philosoph in der Philosophiegeschichte vor oder nach ihm (dazu muestest du eben die Phaenomenolohgie, die Wissenschat der Logik und die Enzyklopaedie lesen), erscheinenmir deine Statements oben ohne jeglichen Ansatz einer "kritischen Reflektion", ja wie gesagt es ist nicht einmal eine nachvollziehbare Argumentation zu finden?

Soll ich wirklich deine Auslassungen alle Kommentieren? (Heisse ich Sysiphus?)

>> Nicht umsonst beobachtet man in allen Wissenschaften die Entwicklung spezialisierter Fachbegriffe. <<

OK, dann gilt es eben die hegelschen Fachbegriffe nachzuvollziehen. Wenn man alles nur daran misst, ob es den eigenen Masstäben entspricht und man es im Falle einer Abweichung verwirft, macht man sich systematisch unfaehig neues zu lernen. In der Philosophie geht es gerade um die Kritik der unhinterfragten Masstaebe usw., das macht Hegel, und das muss auch derjenige machen, der sich mit Hegel befasst (seien eigenen Masstaebe ebenfalls zur Disposition stellen).

>> Dementsprechend kritisch reflektierend müsste ein Philosoph heute mit Begriffen umgehen. <<

Klar. Sehe ich nicht bei dir, aber bei Hegel ;-).

Falls dich das Thema interessiert und du eher aus einer modernen sprachanalytischen Richtung komst, schau dir doch z.B. mal die Darstellung von Hegels Wissenschaft der Logik "Hegels Analytische Philosophie" von Primin Stekeler-Weithofer an.

>> Begriffsverengungen á la Hegel durch Koppelung von "Weltgeschichte & Freiheit" oder "Recht & Freiheit" können nur in einer erkenntnispraktischen Katastrophe münden. <<

Was siehst du fuer eine Kopplung? Jetzt darf man nicht einmal mehr zwei Worte im gleichen Satz benutzen, oder was? Machst du doch andauernd? Ist das dann auch eine gefährliche "Begriffsverengende" Koppelung oder was?

Was ist an der "Koppelung" von Weltgeschichte und Freiheit "verengend", was falsch? Was leuchtet dir an meiner Begruendung dazu, die ich oben geschrieben habe, nicht ein?

Und von was fuer einer "Katastrophe" redest du? Inwiefern Katastrophe? In welcher logischen Hinsicht siehst du einen Zusammenhang, was bewirkt wie was?

Eine Kritik an angeblich mangelnden, nur behaupteten Zusammenhängen bei Hegel unterstellt doch, dass du auf solche sauberen, gut herausgearbeiteten und nachvollziehbaren Zusammenhänge viel Wert legst. Dann sollte deine Kritik sich auch selbst danach richten, oder?

>>Da kann auch ein integrativer Enzyklopädismus, der scheinbar Universalgelehrtheit garantiert, nicht helfen.<<

Was ist ein "integrativer Enzyklopädismus"? Enthaelt (integriert) eine Enzyklopaedie nicht sowieso? Wer gibt eine "garantie"? Unterstellst du da nicht etwas, machst du dir nicht hier eienn billigen Strohmann? Wenn ich mich hier nur mit deinen Strohmaennern abarbeiten soll, dann ist es undankbar und Zeitverschwendung.

Auch "Universalgelehrtheit" beansprucht Hegel (redest du ueberhaupt von ihm? von dir? von mir? von wem sonst?) nicht, jedenfalls wäre das auch bloss am Inhalt festzumachen, ob es zutrifft oder nicht. Fuer dich ist ausgemacht, das es nicht zutrifft (nebenbei: was solls, wo man etwas nicht weiss, kann man es ja noch lernen oder es ist eben nicht so wichtig), von wegen "scheinbar". Woran du das siehst, sagst du aber nicht. Aber wie gesagt, auch dies ein völlig nebensächlicher Aspekt und dazu noch an den Haaren herbeigezogen/von dir erfunden.

M.F.: Hallo Zusammen
Da auch diese Debatte in eine über Begriffe abgleitet, habe mir erlaubt dazu eine neue Seite anzufangen: Hegel-Debatten Begriff nach Hegel, die den Text von Kai als Ausgangspunkt nimmt.

Kai, zu den Begriffen nehme ich auf den begriffsbezogenen Seiten Stellung. Ich glaube, du hast mich einfach missverstanden.

Ich denke schon, dass hinter Hegels Denken das Bild eines universellen wissenschaftlichen Gesamtgebäudes steht, in das sich auf Grund der hegelschen Methode alles integrieren bzw. interpretieren lässt. Ich hätte auch überhaupt kein Problem Hegel als einen der letzten Universalgelehrten anzuerkennen und hätte für solche Ziele auch eine Menge Sympathie. Ich sehe Hegel aber eben nicht primär als Philosophen und ich meine auch, dass seine Methode dieses Ziel nicht erreicht.

Zu "integrativ": Heutige Wissenschaft und Enzyklopädien diskriminieren und verwerfen durchaus Begriffe, Theorien oder Ideen, d. h. ich sehe sie als "auswählend" und nicht als "integrierend".

Hallo Helmut, ok dann sind wir ja hier nicht soweit auseinander. Selbstverstaendlich werden auch bei Hegel "Begriffe, Theorien oder Ideen" kritisiert, ein Unterschied mag aber sein, das er sich darum bemueht auch die zu seinen Positionen kontraeren Positionen zu verstehen und das rationelle an ihnen zu finden und zu zeigen, wie sie miteinander (un dden richtigen Positionne) logisch zusammenahengen.

zudem werden sie nicht einfach so kritisiert, das ihnen eien andere Position gegenueber gestellt wird, sondern es wird versucht diese immanent, von innen heraus zu kritisieren, indem ihre internen Widersprueche aufgezeigt werden (wozu sie aber ersteinmal verstanden werden muessen, schon damit das was ihnen das als falsch nachgewiesen wird auch wiedererkannt wird als das, was sie selbst denken, nicht als strohmann.

Wie Hegel sinngemaess in der kleinen Logik sagt: man muss den philosophischen gegener in seiner staerke suchen, ihn da zu besiegen wo er nicht ist, hat keinen Wert)

Kai Froeb