Sintral Bericht 2005/12

Version 5, 80.130.112.211 am 31.3.2006 14:04

Bericht des Sintral-Netzes in Ecuador, Stand 1. Dezember 2005

Zusammenfassung: Mauricio und Rebeca Wild

Nach unserer Seminarreise in Europa möchten wir -gestützt auf die Informationen der Sintral-Mitarbeiter - wie gewohnt auch dieses Jahr über die Geschehnisse seit unserem letzten Rundbrief vom Mai 2005 berichten. Doch soll der Schwerpunkt dieses Mal ausnahmsweise auf die Veränderungen in der Fundación Educativa Pestalozzi gelegt werden, aus deren Erfahrungen sich das Sintral-Netz ursprünglich geknüpft hat und deren eigene Entwicklung nun noch inniger als früher mit ihm gekoppelt ist.

Austausch von Waren und Dienstleistungen

Die Reisen für den Transport von grundsätzlichen Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern (z.B. Kleidung) zwischen den Regionen wurden - wie früher weitgehend beschrieben - von den gleichen vier Lastwagen und den gleichen Fahrern bestritten. Beim Anhören ihrer Erzählungen sind wir jedes Mal neu über ihre Ausdauer und Hingabe an diese von ihnen selbst gewählten Verantwortungen beeindruckt. Jeder von ihnen spricht von den Grenzen, an die sie immer wieder mit ihren Kräften stoßen, von den Gefahren auf nebeligen und an Schlaglöchern reichen Andenstrecken, von ihren Opfern an Schlaf und an Zeit für die eigene Familie. Doch alle sind sich einig, dass sie sich bei all ihrem Einsatz reich beschenkt an persönlichem Wachstum und durch die Freundschaft mit Menschen der verschiedensten Art und Lebensweisen fühlen.

Während der Sommermonate, die besonders in den Anden durch unbarmherzige Trockenheit gezeichnet sind, trat wieder schmerzlich der Unterschied zwischen den Produktionsmöglichkeiten im Hochland und im tropischen Teil des Landes hervor. Die Lastwagen waren auf dem Weg von oben nach unten oft nur zur Hälfte mit Andenprodukten beladen, umgekehrt dagegen reichte ihre Kapazität oft nicht aus, um all die tropischen Produkte zu transportieren, die ins Netz eingebracht werden konnten. Sie denken immer wieder daran Wege zu finden, um die Produktionsfähigkeit im Hochland zu verbessern, damit wenigstens in der Regenzeit ein gewisser Ausgleich geschaffen werden kann.

An verschiedenen Orten besteht der Wunsch zum Eröffnen neuer Sintral-Gruppen, aber angesichts der Einschränkungen der Produktion und des Transportes vertrösten sie die Interessenten auf später, bis hoffentlich mehr Chancen bestehen, zufriedenstellende Lösungen für ein Gleichgewicht im Austausch zu finden. Nur an drei Orten (2 im Hochland und 1 im Küstengebiet) schien es angemessen, neuen Gruppen die Buchhaltungsinstrumente auszuhändigen.

Reisen im Sintral-Netz

Nicht immer war es leicht, aus den verschiedenen Sintralgruppen Begleitpersonen für die Fahrer zu bekommen. Der erste Enthusiasmus "endlich einmal reisen zu können" hat sich etwas gelegt und dem Bewußtsein über die mit solchen Reisen verbundenen Opfer Platz gemacht.

Statt dessen ist der Wunsch nach konkretem Austausch von Erfahrungen und Kenntnissen gewachsen und hat eine große Anzahl von Gruppenmitgliedern mobilisiert. Techniken zur Pflege der Umwelt, organischer Landwirtschaft, Zubereitung von Mahlzeiten mit unbekannten Lebensmitteln, Herstellen von Rohzucker ohne chemische Zutaten, natürliche Heilmethoden, Kunsthandwerk, Austausch von Musikgruppen und Aufbereitung der Umgebung für Kinder und Jugendliche waren von hohem Interesse. Solche Ereignisse gaben jedes Mal Gelegenheit zum gegenseitigen menschlichen Kennenlernen, zu gemeinsamen Mahlzeiten, Erkundigungen neuer Landschaften und gemeinsamen Feiern.

Gemeinschaftsarbeiten mit einem festen Ziel (Fertigstellung des angefangenen CPAA-Baus in Nizag, Pflanzen von Bambussprößlingen usw. ) und Einweihungsfeiern brachten jeweils bis zu 60 Personen aus verschiedenen, oft weit von einander entfernten Provinzen für mehrere Tage zusammen. Die natürliche Reiselust der Jugendlichen wurde auch bei all diesen Gelegenheiten deutlich, aber auch, dass junge Menschen auf natürliche Weise und freiwillig von den Erwachsenen lernen möchten, besonders wenn es sich dabei um ganz unterschiedliche Kulturtechniken handelt.

Zentren für autonome Aktivitäten (CPAAs)

Mit Ausnahme eines Zentrums (El Chilco, Provinz Chimborazo), das wegen Mangel an erwachsener Verantwortung vorläufig geschlossen wurde, sind alle anderen Zentren wie früher beschrieben aktiv gewesen. Besonders wo die Eltern selbst ein Zentrum ins Leben gerufen haben, um ihre Kinder von der Regelschule zu schützen, haben interessante Prozesse der Vertiefung stattgefunden. Wichtige Themen waren z.B. Grenzen und Regeln im Zusammenhang mit spontanen Aktivitäten, aber auch die Beziehung von sprachlichen und kulturellen Lernprozessen und persönlicher Entwicklung.

Besonders in Cotacachi (Causan Capac) haben sich die Erwachsenen der Indianergemeinschaft zu einer entschiedenen Zusammenarbeit entschieden und begonnen, in Gemeinschaftsarbeit ein zusätzliches Haus für ihre Jugendlichen aufzustellen. Der Umzug der ¨Pesta"-Materialien zum León Dormido gab Gelegenheit, besonders Zentren mit einer klaren Entwicklung mit neuen Materialien anzureichern.

Beim Einrichten eines neuen Zentrums im Küstengebiet (Angas, Provinz Bolívar), wo sich drei Erwachsene die Verantwortung für jüngere und ältere Kinder und für Erwachsene geteilt haben, wurde wieder einmal der allmähliche Prozess deutlich, durch den Erwachsene und Kinder in der "Entdeckung der Freiheit" gehen. Die unbewußte Direktivität der Erwachsenen, die leicht ins Gegenteil von Mangel an Aufmerksamkeit schlägt; Impulse sich gegenseitig Materialien wegzuschnappen und mit "schlechten Wörtern" um sich zu werfen brauchen immer wieder unsere Begleitung. Doch wenn Grenzen auf respektvolle, aber klare Weise gesetzt werden, werden sie mit guter Haltung aufgenommen. Offenbar sind der enge Kontakt mit einem einfachen, natürlichen Leben und die vielen senso-motorischen Fertigkeiten (Reiten ohne Sattelzeug, Schwimmen und Kanufahren in lebendigen Gewässern und viele praktische Arbeiten, an denen sich Kinder hier noch beteiligen) eine gute Grundlage auch für die Entwicklung durch feinere Tätigkeiten und menschliche Beziehungen, die in den CPAAs angeboten werden.

Vom 9.-14. November ging der CPAA-Koordinator Edgar Espinosa mit drei Jugendlichen vom León Dormido, einem Kameramann und Leonardo Wild auf eine Rundreise zu allen CPAAs, um dort Filmaufnahmen zu machen. Diese Aufnahmen werden einesteils zur Vervollständigung eines "Pesta"-Film benötigt, der im April 2004 gedreht und nun in Österreich geschnitten wird. Sie könnten auch gelegentlich Grundlage für einen eigenen Dokumentarfilm über die CPAAs werden. Es traf sich so, dass das Filmteam auch die Einweihung des CPPA in Nizag mit ihren typischen Trachten und Tänzen aufnehmen konnte.

Eine neue Etappe in der Geschichte der Fundacion Educativa Pestalozzi

Oyambaro, Ecuador

Der folgende Bericht ist ein Versuch, einen kleinen Einblick in die jüngsten Veränderungen und neuen Perspektiven der Fundación Educativa Pestalozzi zu vermitteln und einige Verbindungen zur langjährigen Entwicklung des ¨Pesta" und seiner äußeren Umstände herzustellen.

Im Verlauf der nun bald 30 Jahren seiner Geschichte hat der "Pesta" etliche Etappen durchlaufen:

-Der erste uns bewußte Einstieg in diese Geschichte war unsere - für uns damals überraschende - Einsicht in die Bedeutung der von innen motivierten - im Gegensatz zu von außen induzierten - spontanen Aktivitäten für die menschliche Entwicklung und in die Rolle, welche dabei eine geeignete Begleitung und Umgebung spielt. Diese Einsicht stellten wir zunächst zu Hause auf die Probe. Daraus folgte unsere (im Fall des ersten Sohns spätere) Entscheidung, unseren zwei Söhnen auch nach den Kleinkinderjahren Umstände zu ermöglichen, in denen sie ihren authentischen Entwicklungsbedürfnissen nachgehen konnten. Dieser Entschluß führte schließlich im Jahr 1977 zur Gründung des "Pesta", eines Kindergartens und einer Schule ohne äußeres Programm, Unterricht, Examen, Noten und sonstigen Forderungen, die sonst charakteristisch für Schulen sind.

-Das Konzept, das sich aus diesem ungewöhnlichen Umgang mit jährlich bis zu 180 Kindern und Jugendlichen herauskristallisierte, nährte sich vorrangig durch neurologische und biologische Forschungen und die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie.

-Dieses Herauswachsen des "Pesta" aus unserer Familie hatte eine klare Struktur zur Folge, durch die eine anhaltende Kommunikation zwischen Elternhaus und Betreuern gewährleistet hat. Sie steuerte der wachsenden Tendenz entgegen, den sogenannten "Erziehungsauftrag" und die Betreuung von Kindern immer früher und für längere Zeitspannen an "Fachleute" zu delegieren.

-Diese Kommunikation und der offene Ausdruck der Kinder in der entspannten Umgebung gaben uns wertvolle Hinweise auf grundlegende Zusammenhänge in der "Doppelgeleisigkeit" menschlicher Lebensprozesse: Dass sich nämlich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene erst dann ihren authentischen Entwicklungsbedürfnissen zuwenden können, wenn ihre elementaren Bedürfnisse fürs Überleben- allem voran das Bedürfnis nach Liebe und respektvoller Zuwendung - genügend gesichert sind.

-Solchen Einsichten folgten "Aha-Erlebnisse" verschiedener Art: z.B. wie komplex die Zusammenhänge zwischen Freiheit und Grenzen sind oder auf welche Weise die Fähigkeit zum Verständnis von Abstraktionen, von Beziehungen und Begriffen - nicht nur in der Entwicklung unserer Art - sondern auch der Individuen - aus konkreten körperlichen Erfahrungen wächst und aufsteigt,

-dass die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern auch für die Erwachsenen geheimnisvolle Chancen zur Entwicklung menschlicher Qualitäten beinhalten, falls wir sie wahrnehmen und wie sehr emotionale, soziale und kognitive Reifeprozesse in jeder Etappe ineinandergreifen und nicht voneinander getrennt werden können.

-Im Jahr 1982 wurde auf Wunsch der Eltern die Fundación Educativa Pestalozzi im Kultusministerium eingeschrieben und hat seither den notwendigen legalen Schutz gespendet, um die Arbeit und ihren Gehalt weiter entwickeln zu können. Trotz des offiziellen Charakters dieser Struktur gelang es uns, eine nicht hierarchische Struktur der Kooperation unter Erwachsenen innerhalb der Arbeit zu entwickeln, dank derer Eigeninitiative und gegenseitige Abmachungen Platz für persönliche Verantwortungen schufen und somit eingefleischten Haltungen des "angestellt Seins" entgegenwirkte .

Im Jahr 1989 folgte die öffentliche Anerkennung des Centro Experimental Pestalozzi als "ekuadorianische Grunderziehung ohne Klassen, Unterricht, Programm und Noten". Diese Anerkennung verringerte bei den Eltern den Druck, die Verantwortung für ihre Kinder und damit auch für ihre eigene Entwicklung auf sich zu nehmen und gab der Versuchung Raum, sich durch die Anerkennung dieser - wenn auch alternativen - Schule in Sicherheit zu wiegen.

-Als "Privatschule" deren erklärtes Ziel statt meßbarer Wissensansammlung menschliche Reifeprozesse und Eigenverantwortlichkeit sind und die keinerlei staatliche Unterstützung erhielt, war der "Pesta" niemals frei von wirtschaftlichen Sorgen. Und je heftiger Ecuador durch internationale Interessen, Globalisierung und schließlich durch zwangsweise Dollarisierung betroffen wurde, umso weniger war ein haltbares Gleichgewicht zwischen Stipendiaten und Beträge zahlenden Familien zu halten.

Seit dem Jahr 1993 konnte der zunehmende Druck auf die Schule wenigstens teilweise durch Aktivitäten dank einer zusätzlichen alternativen Währung abgefangen werden. Diese Erfahrungen griffen nach dem Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft auf dreizehn Provinzen über. Die Prozesse, die seither in diesem Netz alternativer Märkte entstanden sind, haben uns immer wieder gezeigt, dass ein für authentische Entwicklung notwendiges entspanntes Umfeld nicht möglich ist, solange Menschen einzeln und sogar gegen andere um ihr Überleben kämpfen müssen. Darum ist es für uns zu einer zusätzlichen Verantwortung geworden, die Verteilung von Dienstleistungen und lebensnotwendigen Waren über die Grenzen von Klimazonen, ethnischen und kulturellen Bedingungen hinweg so weit wie möglich in Gang zu halten.

Der ursprüngliche Kontakt mit dem "Pesta" und die andersartigen menschlichen Beziehungen unter diesen weit über das Land verstreuten alternativen Wirtschaftsgruppen warfen an verschiedenen Orten die Frage nach anderen Beziehungen zu den Kindern auf. Aus dieser Fragestellung entstanden "Zentren für Autonome Aktivitäten" (CPAAs= Centros para Actividades Autónomas), die trotz unterschiedlicher ethnischer Merkmale dies gemeinsam haben, dass sie außerhalb der offiziellen Wirtschaft und Erziehungspläne als Erfahrungs- und Lernorte für Menschen verschiedenen Alters zur Verfügung stehen und gemeinschaftlich organisiert und betreut werden.

Im "Pesta" wurde es für die Eltern zunehmend schwieriger, neben der Erwerbsarbeit Zeit und Kraft für ihre Kinder aufzubringen. Die Betreuer hatten es darum schwerer die entspannte Umgebung zu gewährleisten, verbrachten mehr Zeit mit Elternberatungen und liefen Gefahr, ihre eigenen Familien zu vernachlässigen. Auch die äußeren Umstände des "Pesta" erlitten Veränderungen: die bisher ländliche und ruhige Umgebung ging durch einen stetigen Prozess der Verstädterung. Und unter dem Druck der Globalisierung begann das Kultusministerium, sich in interne Abmachungen über Stipendien, unsere nicht hierarchische Struktur, die Bezahlung der Mitarbeiter und deren Ausbildung einzumischen.

Im März 2004 beschloß die Vollversammlung der Fundación, den Verkauf des Geländes, auf dem der "Pesta" seit dem Jahr 1989 seine Blütezeit erlebte und den Umzug ins Gelände des 18km entfernten Wohnprojektes der Fundación, in der Hoffnung, dieses wirtschaftlich zu sanieren und die Arbeit unter anderen, den Veränderungen der Zeit entsprechenden Strukturen weiter zu führen. Die Elternschaft des "Pesta" beschloß, die Schule unter eigener Verantwortung für die Dauer eines "Übergangsjahrs" weiter zu führen und bekam dafür die Zusicherung der Infrastruktur und Unterstützung der Fundación. Doch in diesem letzten Jahr wurde besonders deutlich, dass es ohne internen Druck nicht möglich ist, dem vielfachen Druck von außen entgegen zu wirken. Aber dieses Jahr bewies auch, dass mit solchem Druck die zentrale Qualität der entspannten Atmosphäre verloren geht, in der spontane und friedliche Aktivitäten gedeihen können.

Am 15. Juli 2005 wurde darum - und dies trotz des langjährigen Beweises, dass eine Schule ohne äußeres Unterrichtsprogramm möglich und voll anerkannt werden kann - das "Centro Experimental Pestalozzi" als privater Kindergarten und Schule offiziell geschlossen. Bereits seit dem Jahr 2000 (dem Jahr der Dollarisierung Ecuadors) wurde dieser Schritt mit den Mitarbeitern und der Elternschaft besprochen. Doch bis auf wenige Ausnahmen zogen nur die Bewohner des León Dormido die neuen Rahmenbedingungen in Betracht, die von der Fundación für die Weiterführung der Arbeit entworfen wurden. Die Mehrheit der Pesta-Familien versuchen es vorläufig mit Alternativen, die dem alten Schulmodell näher sind.

Das Gelände des "Pesta" ist nun zum Kauf ausgeschrieben. Die Gebäude stehen noch an ihrem Platz, bis klar ist ob sie zusammen mit dem Land verkauft oder so weit wie möglich umgesiedelt werden. Alle Materialien wurden von José Manuel Jumbo mit dem größten Sintral-Lastwagen transportiert und zunächst im Wohnprojekt gelagert und werden nun nach und nach auf neue vorbereitete Umgebungen für Kinder und Jugendliche verteilt, für die wir allerdings andere ökonomische Strukturen und soziale Beziehungen zu schaffen haben.

In dieser letzten Zeit bekamen wir Zugang zu Forschungen, die neues Licht auf die Bedeutung der elterlichen Beziehungen zu ihren Kindern werfen und aufzeigen, dass in Wechselbeziehung mit dem Elternhaus, der Nachbarschaft und nach und nach mit der "großen Welt" gewisse neurologische Areale etwa um das sechzehnte Lebensjahr einen neuen Wachstumsschub erleben können. Deren Vernetzung mit allen früher entwickelten Strukturen und Verbindungen geht dann unter günstigen Umständen auf spontane Weise bis ins 21./24. Lebensjahr vonstatten.

Das Ziel solcher Reifeprozesse ist die Erfüllung des menschlichen Potentials auf der biologischen Ebene und das mögliche Resultat ein junger Erwachsener, der seinen eigenen Lebenskreis im Einklang mit seiner Individualität, also dem eigenen Körper, seinen Gefühlen und dem eigenen Herzen, seinem konkreten Handeln, seinem abstrakten und vernetzten Denken und mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion und echtem Mitgefühl für andere verbindet. Also ein Mensch, der Verantwortungen für sich selbst und andere übernehmen und nach außen wirken kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Betrachten wir dagegen den wachsenden Trend in unserer Zeit, Verantwortungen - sogar für sich selbst und die eigenen Kinder - immer mehr zu delegieren, so bietet sich uns in der oben beschriebenen Konstellation von inneren und äußeren Prozessen in unserer konkreten Situation eine Einladung an, ein Umfeld mit neuen Strukturen zu schaffen, in dem wir für uns Erwachsene wie für unsere Kinder und Enkel, für unsere Nachbarn und überhaupt Menschen, die sich nicht scheuen, das Risiko des Unbekannten einzugehen, einen neuen Ansatz für die Grundideen des "Pesta" zu versuchen.

Unter den bisher 8 Familien (mit einer Reihe von Interessenten auf einer Warteliste) sind wir nun dabei, diese Herausforderung auf verschiedenen Ebenen anzugehen:

Der "León Dormido" mit seinen 23 Hektaren Land zwischen 2600 und 3000 m Höhe über dem Meeresspiegel, 25 km von Quito und 18 km vom ursprünglichen "Pesta"-Gelände entfernt, war ursprünglich als "Wohnprojekt" konzipiert. Hier wollten sich mit dem "Pesta" verbundene Familien durch gemeinschaftliche Anstrengungen menschenwürdige Behausungen in einer gesunden Umgebung schaffen, die für die Meisten sonst nicht zu bekommen waren. Ein großzügiges Darlehen der "Schule für Beruf und Weiterbildung" (SBW) in Romanshorn, Schweiz, mit der wir seit Jahren eine freundschaftliche Partnerschaftsbeziehung haben, ermöglichte uns im Jahr 1997 den Landkauf. Der Plan, sowohl dieses Darlehen als auch die notwendigen Infrastrukturen allmählich abzuzahlen, wurde aber im Jahr 2000 durch die wirtschaftlichen Umwälzungen in Ecuador zunichte gemacht. Da die Bedürftigsten unserer Mitarbeiter ihre Häuser als Erste bezogen und die Meisten auf der Warteliste nun kein Geld mehr für die geplanten Beiträge aufbrachten, blieb das Projekt zunächst bei sechs Häusern stecken. Seither konnten zwei weitere Häuser durch eigene Mittel fertiggestellt werden, zwei weitere sind noch unvollendet und ein Gebäude für ein Zentrum für Autonome Aktivitäten (CPAA) steht zur Benutzung bereit.

Seit dem Jahr 1998, als die ersten Mitarbeiter einzogen, hat bereits ein Prozess von gemeinschaftlichen Abmachungen stattgefunden, dank derer der Respekt für die Natur (z.B. Baumaterialien, Trockentoiletten, Entsorgungen, Pflege und Aufforstung der Umgebung), Regeln der guten Nachbarschaft, Sicherheitsmaßnahmen, ein kleines Landwirtschaftsprojekt, Wasserversorgung, Zusammenarbeit mit der benachbarten Kommune und ähnliche Grundbedingungen für eine anständige Lebensqualität gewährleistet werden konnte. In einer obligatorischen monatlichen Versammlung wurden anfallende Probleme und Entscheidungen besprochen und protokolliert. Doch mit Ausnahme von Müttern mit kleinen Kindern waren alle Einwohner tagsüber - und oft auch an den Abenden - außerhalb tätig. Auch die Kinder fuhren am Morgen mit dem Schulbus zum "Pesta " und verbrachten nur die Nachmittage im "León Dormido".

Der Wechsel vom "Centro Experimental Pestalozzi" zum "Sozialen Umfeld León Dormido" vollzieht sich nun allmählich durch folgende veränderte Ansätze und neue Strukturen:

Außer den "obligatorischen" Versammlungen treffen wir uns seit mehr als einem Jahr freiwillig einmal in der Woche zu einem "offenen Haus" und "offenen Dialog", teilen Mahlzeiten und sprechen über alles was wir mitteilen möchten, sei es privater oder gemeinschaftlicher Art.

Mit wenigen Ausnahmen (Ehepartner mit einer Arztpraxis außerhalb des León und einer Anthropologin, die Entwicklungsprojekte berät) sind seit Monaten alle erwachsenen Einwohner ohne feste Anstellung, aber nun in den Projekten des León selbst und den CPAAs in anderen Provinzen tätig. Aus einem Gemeinschaftsfond (der vorläufig noch aus den Einnahmen unserer Europareisen finanziert wird) können sie ein notwendiges Minimum an offiziellem Geld mit alternativer Währung "einkaufen".

Alle Einwohner sind an einer Sintralgruppe mit dem Namen "Schlafender Löwe" und der Währung: "Träume" beteiligt. Alle Teilnehmer und jedes Teilprojekt hat in dieser Struktur ein besonderes Konto. Diese Sintral-Gruppe ist Teil des nationalen Netzes, in das sie Produkte und Dienstleistungen einbringt und aus ihm erhält.

Alle Dienstleistungen und jeder Warenaustausch innerhalb des León werden mit "Träumen" gehandelt. Der Wert liegt nicht in der Währung, sondern in der Wertschätzung. (Wer zum Beispiel zahlt sonst der Sonne, dem Regen, der Erde und der innewohnenden Kraft des Samens, die einen Salatkopf zum Wachsen bringen oder den Gefühlen, die Menschen für ihre selbst gewählte Tätigkeit haben?)

In dieser Sintral-Gruppe treffen sich zudem einmal im Monat die Teilnehmer zu einer Übung, die wir Mutuo Apoyo (frei übersetzt: zinsloses gemeinschaftliches Spar- und Darlehenssystem) nennen. Wir haben uns geeinigt, dass einmal im Monat jeder mindestens $ 2.—in die Gruppe bringt, das gesammelte Geld sofort an einen oder mehrere Teilnehmer zinslos, aber Inflationsgedeckt "ausgeliehen" wird und wir allmählich erleben können, wie das Geld durch diese Aktion wächst, aber statt der Bereicherung von Einzelnen zu dienen, für alle dienlich sein kann. Dabei geschieht es spontan, dass wir gemeinsam und jenseits des "Tabus" über Geld zu reden, über unsere Bedürfnisse und die Logik des Geldes nachdenken.

Wenn es gelingt, auf diesem Weg wenigstens Ansatzweise eine entspannte Umgebung für Erwachsene zu schaffen, kann es dazu beitragen, dass die Beteiligten sich der Frage nach ihren eigenen Bedürfnissen, Talenten, Hoffnungen und Interessen zuwenden und sich auch leichter für die authentischen Bedürfnisse der Kinder öffnen und ihnen entsprechende Zeit und Zuwendung geben.

Es ist für uns wichtig, das vielfach vorbelastete Wort "Gemeinschaft" zu vermeiden und ziehen es vor, von einem "sozialen Umfeld" zu sprechen, in welchem Ideologien unbedeutend sind und autoritäre Strukturen, in denen wir aufgewachsen sind, abgebaut werden können und wo jeder sich als Individuum entwickeln und mit anderen kooperieren kann, ohne sich fremden Vorstellungen oder Machtansprüchen zu unterwerfen oder sich belehren zu lassen.

Unsere Erfahrungen im "Pesta" brachten uns auf die Spur, dass auch wir Erwachsenen, die normalerweise direktiv erzogen worden sind, (manche Einwohner im León haben sogar besonders tragische Kindheitserfahrungen), die Freude an spontanen Aktivitäten neu entdecken können, wenn wir uns mit unseren Kindern auf dieses Abenteuer einlassen und nicht die Mühe scheuen, geeignete Umstände für sie zu schaffen. Und dass wir für viele Dinge, die notwendigerweise getan werden müssen, zusammen Verantwortungen übernehmen.

In früheren Sintral-Berichten haben wir wiederholt beschrieben wie - gerade unter "wirklich ärmlichen" Bedingungen - Erwachsene durch neue Wege in der Wirtschaft Erleichterung spüren, spontan - auch über ethnische und kulturelle Unterschiede hinweg - vertrauensvollere menschliche Beziehungen eingehen und an einigen Orten sogar im Vertrauen auf Lebensprozesse in CPAAs mit ihren Kindern neue Wege versuchen. Diese Beispiele haben uns Mut gemacht, den "Pesta" als Privatschule aufzulösen, unsere Strukturen den anderen CPAAs anzunähern und vielleicht durch unsere früheren Erfahrungen und Reflexionen eine Art "Herz" für die anderen Zentren zu werden.

Das versuchen wir nun auf folgende Weise in die Praxis umzusetzen:

3) Das fertig gestellte CPAA-Gebäude im León ist bereits für die Nutzung durch Jugendliche zugänglich und für diese Altersstufe ausgestattet, d.h. mit Spielen, didaktischen Materialien, Gelegenheiten für praktische, künstlerische und sportliche Aktivitäten, dazu mit einer Ausrüstung, um ausgewählte Filme zu projizieren. Im León selbst leben zur Zeit 6 Jugendliche und für Januar sind dazu die Jugendlichen und Eltern der Kommune von Oyambaro zu einer Filmvorführung eingeladen, um danach die Arbeitsweise des Zentrums zu besprechen, das mit alternativer Währung genutzt werden kann. Auch die Begleitung der Erwachsenen bei allen Aktivitäten wird mit alternativer Währung beglichen werden. Frühere Pesta-Schüler und ihre Freunde können sich ebenfalls unter den gleichen Bedingungen an allem beteiligen, was hier angeboten oder durch weitere Initiativen geschaffen wird. Wir rechnen damit, dass die Jugendlichen das Zentrum ?nicht auf Anweisung der Eltern, sondern durch eigene Motivation nutzen, aber dass über sie auch manche Eltern mit uns ins Gespräch kommen und hier ihre Bedürfnisse erfüllen können. Eine Einwohnerin des León (frühere Pesta-Betreuerin) macht sich für die Koordination des Zentrums verantwortlich, aber wird von all denen unterstützt, die sich für diesen Bereich interessieren.

4) Ein CPAA für Kinder zwischen drei und dreizehn Jahren ist provisorisch in einem zur Zeit leerstehenden Haus im León eingerichtet. Doch nach unserem Ermessen sind es hier die Eltern, die dieses Umfeld wählen, gestalten und die Rahmenbedingungen der Nutzung bestimmen:

-mit Unterstützung der anderen Bewohner wird in jedem Haus, in dem jüngere Kinder leben, die Umgebung so angereichert, dass die Kinder nicht Gefahr laufen, sich zu Hause zu langweilen und deshalb ins Zentrum ausweichen.

-die häusliche elterliche Begleitung in praktischen und sonstigen nicht strukturierten spielerischen Aktivitäten soll durch gemeinsame Reflexionen so weit wie möglich verbessert werden.

-die Eltern schreiben Berichte über ihre Erlebnisse mit den Kindern zu Hause und besprechen sie regelmäßig mit den andern Eltern. Zusammen mit den Berichten über die Aktivitäten und Prozesse der Kinder im CPAA sollen sie an die Stelle der früheren "Pädagogischen Berichte" des "Centro Experimental Pestalozzi" treten und als Leitfaden für andere CPAAs dienen, in denen Kinder im Rahmen eines im Land gültigen "Gemeinschaftsrechtes" außerhalb des regulären Schulsystems aufwachsen.

-Zweimal im Monat organisieren wir unter uns Erwachsenen eine "Weiterbildung", bei der Erfahrungen mit konkreten Materialien ein wichtiger Bestandteil sind. Alle Eltern verpflichten sich für ihre eigene Entwicklung zu Hause mit den Materialien zu experimentieren und können dadurch den Unterschied zwischen "Lernen durch Belehrung" und "Teilen von dem, was einen selbst interessiert" erleben. Diese Materialarbeit ist auch bedeutungsvoll, um uns Erwachsenen die Verbindung von "Wort und Handlung" und damit den Zugang zu logischem und vernetztem Denken und der Kommunikation mit anderen Menschen zu erleichtern. -Das Zentrum stellt vorrangig solche strukturierte Materialien zur Verfügung, die über den Rahmen der häuslichen Möglichkeiten hinausgehen.

-Die Begleitung der Kinder im Zentrum geschieht durch kontinuierliche Abmachungen und Reflexionen. Frühere Pesta-Betreuer stehen den "Nur-Eltern" dabei zur Seite. -Von außen dazukommende Familien werden erst integriert, wenn genügend gute Grundlagen für diese neue Struktur vorhanden sind.

Bereicherung der CPAAs durch weitere Erfahrungen Beteiligung an Gemeinschaftsarbeiten, festlichen Gelegenheiten, Auskunden der Umgebung, Reisen zu Sintral-Gruppen und zu anderen CPAAs des Landes sowie die Aufnahme von Besuchern interessanten Erfahrungen aus anderen Provinzen und Ländern bereichern erfahrungsgemäß immer wieder auf natürliche Weise das Leben der Kinder und Jugendlichen innerhalb der geschützten Umgebung des León. Auf diese Weise hoffen wir echten Lebensprozessen näher zu kommen, die sich von 0-24 Jahren vom Mutterleib zur Familie, zum näheren Umfeld bis hin in die weitere Gesellschaft entwickeln.

Wir hoffen auch, dass es den Bewohnern des León Dormido gelingen wird, durch den Verkauf des alten Pesta-Geländes (nach Begleichen der vorhandenen Schulden) weitere Umgebungen für alle Altersstufen (einen Ort für natürliche Heilpraxis, Werkstätten, eine Umgebung für kulturelle Aktivitäten und Versammlungen, weitere Unterbringungsmöglichkeiten für Besucher u.A.) zu schaffen und Projekte zu entwickeln, durch welche nach und nach auch unsere Bedürfnisse an offizieller Währung angegangen werden können.

Neue Seiten im Kontext

Samstag, 17. Dezember 2005

Auf dieser Seite geht es um den Aufbau eines Netzwerks zur regelmäßigen Unterstützung der Arbeit von Mauricio und Rebeca Wild in Ecuador.