Raoul Vaneigem

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Daten
wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Raoul_Vaneigem

Texte


Die Arbeitslosigkeit – Arbeit ohne Arbeit

Es ist nicht wichtig, daß die Arbeit abgeschafft wird; sie schafft sich von selbst ab, sie erschöpft sich, indem sie den Menschen und die natürlichen Ressourcen erschöpft. In der Untertänigkeit aber, im Mangel an Intelligenz und Vorstellungskraft, die in Verhalten und Gewissen weiterhin die Erinnerung an ihre vergangene Nützlichkeit und die Angst vor ihrer gegenwärtigen Harmlosigkeit propagieren, darin besteht das wahre Unheil einer Ökonomie, die im Sterben liegt und die gesamte Welt unter der Fahne des Realismus und der Rationalität in den Tod führt. Die Macht der Arbeit hängt vor allem von der Schwäche und der Selbstverachtung ab, die sie verewigt – aber welch furchterregende Macht und welch verheerende Wirkung auf jene soziale Schicht, die im Volk als »arbeitslos« und in der Geschäftswelt als »stellenlos« bezeichnet wird! Welches Manko, dessen beraubt zu sein, was einem das Leben raubt! Der Lohn sichert die regelmäßige Versorgung, sein Wegfall unterbricht sie, führt zum Mangel und treibt in Verwirrung, Verzweiflung und Panik. Wenn es auch für denjenigen, der seine Augen auf den farblosen Horizont des Überlebens gerichtet hält, wahr ist, daß die Arbeitslosenunterstützung nicht den Frühling verheißt, so muß man schon mit der Blindheit eines Süchtigen geschlagen sein, um nicht den Reichtum einer plötzlich von allen Verpflichtungen befreiten Zeit zu würdigen. Statt nach einer Einstellung zu heulen wie ein Morphinist nach dem Mond, sollte man aus der eigenen Kreativität Funken schlagen und gemeinschaftlich die Aufgabe angehen, die für unmöglich gehalten wird, weil das ökonomische Vorurteil sie verbietet – die Einführung des Kostenlosen. Die Kostenlosigkeit erschreckt, weil sie natürlich ist. Aber wer hätte heute Gründe, sich zu beunruhigen, wenn die über Preiserhöhung und Lohnsenkung Unzufriedenen auf den Gedanken kämen, nicht mehr dafür zu bezahlen, wenn sie fahren, wohnen, sich ernähren, ihre Meinung äußern, sich treffen, miteinander in Verbindung treten, sich vergnügen und Kraft schöpfen wollen?

aus: http://www.medico.de/rundschr/0403/0403andielebenden.htm

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Mittwoch, 4. Juli 2001

Ökonomien, die nicht der gegenseitigen Konkurrenz verpflichtet sind.