KraftWerk1

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Daten
web: http://www.kraftwerk1.ch
Adresse: Bau- und Wohngenossenschaft KraftWerk1
Hardturmstrasse 269
8005 Zürich
Schweiz
Tel: 044-440 29 81
Fax: 044-440 29 82
Mail: info (at) kraftwerk1.ch

Wohnprojekt in Zürich

aus Contraste

KraftWerk1 in Zürich West

Auf dem internationalen workshop "Prozesse der Selbstorganisation - gemeinsame Selbstversorgung" in Köln (21.-23.10.05) stellten Bettina Büsser und Kathrin Lüssi das Züricher Wohnsiedlungsprojekt "KraftWerk1" vor. Sie berichteten ausführlich über Entstehung und Ziele, über die heutige Bewohnerstruktur, die Anteile von Selbstversorgung, über Kommunikationsprobleme und die Pläne für ein KraftWerk2. Der folgende Text beruht weitgehend auf ihren Ausführungen.

Begonnen hatten die InitiatorInnen 1995 mit der Gründung der Bau- und Wohngenossenschaft KraftWerk1. Im Statut steht: "Die Genossenschaft bezweckt in gemeinsamer Selbsthilfe, ihren Mitgliedern preisgünstigen Raum für Wohnen, Arbeiten und öffentliche Nutzungen zu verschaffen. .. Diese Strukturen sollen selbstverwaltete, sichere und ökologische Lebensformen ermöglichen." Ein ehemaliges stadtnahes Industrieareal von 6,7 ha in Zürich West wurde von den Mitgliedern angekauft, bebaut und im Sommer 2001 bezogen. Heute gibt es dort 80 Wohnungen, einige Gemeinschaftsräume, auf 2.500 qm Büro- und Gewerbeflächen, ein Restaurant und Parkplätze. Die Mieten liegen etwa 20% unter den in Zürich marktüblichen Mieten. Zusätzlich wird von den BewohnerInnen monatlich ein einkommensabhängiges sogenanntes "Spiritgeld" erhoben. Die Hälfte dient der Verbilligung vonMieten, mit der andern Hälfte wird in gemeinsam geplante soziale, kulturelle oder ökologische Initiativen der BewohnerInnen investiert.

Die Organisation von KraftWerk1 beruht auf zwei Säulen: Der Vorstand der Genossenschaft ist verantwortlich für Unterhalt und Betrieb der Siedlung, für weitere Bauprojekte und für die Einhaltung der für alle verbindlichen "Charta", (nachzulesen unter www.kraftwerk1.ch oder www.stiftung-fraueninitiative.de/Dokumentation workshop2002.) Die zweite Säule ist die im Statut verankerte Selbstverwaltung der Mitglieder. Es haben sich Arbeitsgruppen für verschiedene Bereiche gebildet, die Projektideen der BewohnerInnen umzusetzen versuchen. Eine Koordination der Vorschläge findet im KraftWerk1-Rat statt. Einmal im Jahr gibt es an einem Wochenende die Mitgliedervollversammlung.

Selbstversorgung im KraftWerk1

Es wohnten 2003 193 Erwachsene und 45 Kinder/Jugendliche bis 16 Jahren in der Wohnsiedlung. 36% sind ausländische BewohnerInnen. 90 Personen haben Arbeitsräume angemietet. Selbstversorgung, meinen Bettina Büser und Kathrin Lüssi, ist dann ein (zu) grosser Begriff, wenn damit die Produktion materieller Güter gemeint ist. Neben der Solarstromanlage könnte dann allenfalls noch das siedlungseigene Intranet und die Bereitstellung mehrerer Gemeinschaftsräume genannt werden. Selbstversorgung ist eher feiner gestrickt, sagen sie und zählen Beispiele auf: der Hilfefond, die Infrastruktur mit Begegnungsstätten, Kinderbetreuungseinrichtungen, Arbeitsgruppen, gemeinsame Aktionen (Flohmärkte, Entsorgungsaktionen, Spieleabende, Veranstaltungen, Hausblatt, Quartierarbeit).

Selbstorganisation ist gar nicht so einfach

Die Autorinnen schreiben: "Nun leben wir seit vier Jahren im KW1, und die Beobachtung "von der Bewegung zum Stillstand" ist zwar höchst subjektiv und trifft bei genauerem Hinsehen auch nicht wirklich zu, entspricht jedoch einer Empfindung, die viele der ErstbezügerInnen haben. Wir sind ins Paradies eingezogen und sind nun konfrontiert mit Dingen, die im Paradies nicht vorkommen:

Alle obgenannten Beobachtungen werden an Vollversammlungen oder Treffen der Arbeitsgruppen wiederkehrend thematisiert. Verschiedene Lösungsansätze werden derzeit diskutiert oder befinden sich bereits in Umsetzung:

Professionalisierung /Auslagerung

Schaffung einer bezahlen Stelle für interne Kommunikation: Seit Frühjahr 2005 arbeitet eine Gruppe an einem Pflichtenheft für eine professionelle, bezahlte Kommunikationsstelle.

Schaffung von Anreizen, Bewusstwerdung kommunikativer Prozesse

Anfang Dezember wurde mit einer Fachkraft ein Workshop Soziometrie/Psychodrama durchgeführt mit dem Ziel, kommunikative Prozesse und Strukturen innerhalb des Projekts deutlich zu machen. Organisation punktüller niederschwelliger Events, die für neüingezogene oder bisher wenig aktive Leute interessant sind.

Reduktion der Komplexität, bzw. des Aufwandes für die Selbstorganisation

Aufhebung der BewohnerInnenorganisation, Schaffung einer verantwortlichen Stelle im Genossenschaftsvorstand.

Zukunftsplan KraftWerk2

KraftWerk1 hat verschiedene Wurzeln. Eine der zentralen Anregungen ging von P.M.s 1983 erschienener Utopie bolo'bolo aus. In seinem Werk ging P.M. davon aus, dass die Deindustrialisierung auf der Nordhemisphäre einen Rostgürtel aus verlassenen Industriebrachen hinterlassen hat. Dieses vielfältige Erbe kann wieder urbanisiert werden, diese Räume können für neü alternative Lebensformen in Besitz genommen werden - als Basis für eine Zivilisation jenseits der Arbeitsgesellschaft, jenseits der beiden Blöcke Kapitalismus und Sozialismus.

KraftWerk1 kann zwar kaum in Anspruch nehmen, eine Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus geschaffen zu haben. (Es kann ja auch nur darum gehen, sich in kleinen Schritten andere und gewünschte Lebensformen zu schaffen. C.Mö.) Der Entstehungsprozess von KraftWerk1 war durch eine Vielzahl intensiver Diskussionen und Debatten geprägt. Sie waren eines der Hauptinstrumente, um das Projekt weiterzüntwickeln. Das Projekt KraftWerk2 soll auf ähnliche Art entwickelt werden. Im Frühjahr 2005 ist der Prozess für die Entwicklung eines neün Bau- und Wohnprojekts angelaufen.

Einig sind sich die Beteiligten darüber, dass auch KraftWerk2 Modellcharakter haben und Lösungen für aktülle Probleme bieten soll. P.M. hat hierzu die These aufgestellt, dass die zukünftigen Herausforderungen in Gemeinschaftssiedlungen nicht im Bereich des Wohnens, sondern des Arbeitens liegen. Der drohenden Spaltung zwischen hochqualifizierten, gut verdienenden Arbeitskräften, welche spannende Jobs auf Weltniveau innehaben und unterqualifizierten, schlecht bezahlten Arbeitskräften, die sich den "Hausjobs" widmen (Hausarbeit, Landwirtschaft, Gesundheit, Erziehung, Reparatur, Infrastruktur, Verkehr etc), setzt er ein Rotationsprinzip entgegen. Das heisst, teilzeitartig, nach Jahreszeiten oder Lebensabschnitten wechseln Menschen zwischen "Weltjobs" und "Hausjobs". Voraussetzung hierzu wäre ein umfassendes demokratisches Bildungssystem. Nach P.M.s Berechnung böte eine Siedlung von mindestens 500 BewohnerInnen die Möglichkeit, mindestens zwei volle Stellen im Bereich "haushaltnaher Dienstleistungen" zu schaffen, die von bis zu acht Personen geteilt werden könnten. Die Palette reicht dabei vom Betrieb eines Konsumdepots und Textilsalons über Stätten für die Kinderbetreuung bis hin zu mehreren Gästezimmern und einer Mediathek.

Wie auch immer KraftWerk2 aussehen wird - die zahlreichen Ideen der Beteiligten versprechen ein interessantes Projekt - eine der Herausforderungen wird wie bereits bei der Entwicklung von KraftWerk1 darin bestehen, auch Gruppen von Interessierten zu hören, die aufgrund ihrer Lebenssituation nicht soviel Zeit für eine Beteiligung an der Projektentwicklung aufbringen können, wie gut vernetzte Singles zwischen 20 und 35 Jahren."

ANMERKUNGEN

Die Textteile sind dem Bericht von Bettina Büsser und Kathrin Lüssi für die Dokumentation des 2. Internationalen Workshops in Köln vom 21.-23.10.05 entnommen. Die Dokumentation wird im Frühjahr erscheinen. Sie wird unter http://www.stiftung-fraueninitiative.de angekündigt. Weitere Informationen zu KraftWerk 1+2 finden sich unter www.kraftwerk1.ch. Für Textauswahl und überleitungen ist Carola Möller verantwortlich.