OffenerRaum - Artikel für Contraste

Version 71, 84.191.108.227 am 18.1.2006 16:57

Hinweis: Dieses Seite ist eine Vereinbarung der Ideenrunde für ein "Sozialforum von unten" im Sommer 2005 in Erfurt (http://www.wikiservice.at/esf/wiki.cgi?SozialforumErfurt). Ein Wiki ist eine offene Plattform, d.h. jederMensch kann gleichberechtigt eigene Zusätze machen oder Änderungen vornehmen. Das ist ein Teil eines horizontalen Vorbereitungsprozesses. Wer Ergänzungen oder Ideen eingeben will, sollte auf EDIT drücken und die eigenen Dinge dazusetzen ...

Der Offene Raum in Erfurt ist vorbei - nun soll hier ein Artikel für die Zeitschrift Contraste enstehen

Hannes letzter Text für CONTRASTE:

Offene Räume beim 1. Sozialforum in Deutschland

von Hanne Adams

Ein ganz besonderes Experiment fand in Erfurt im Rahmen des 1. Sozialforums in Deutschland in Erfurt statt. Ausgehend von der Kritik des Vorbereitungsprozesses konstituierte sich eine Gruppe von Menschen, die einige Tage lang im Sinne "Eine andere Welt ist möglich" Neues ausprobieren wollten. Mehrmals trafen sie sich während des letzten Jahres an verschiedenen Orten, wobei sie im Sinne der Charta des Weltsozialforums http://www.sozialforum2005.de/prinzipien/index.html für diesen 'Offenen Raum' (OR) u.a. folgende Punkte verabredeten:

Die räumlichen Gegebenheiten
Unter sehr günstigen Bedingungen - 12 Räume in einer zentral gelegenen alten Schule, der Schulhof sowie ein schallisoliertes Kellergewölbe standen zur Verfügung - wurde das Experiment, das mehrmals in Frage stand, schließlich gewagt. Inklusive des zum Einrichten und zum Kennenlernen bestimmten 'Vorcamps' und dem Aufräumen stand eine Woche zur Verfügung. Es wurden u.a. eingerichtet: eine Küche, ein Raum mit sechs Computern mit Internet-Zugang nutzbar auch als 'Offene Presseplattform', ein 'Direct Action Raum' mit allerhand Material, um Protest und Widerstand nach draußen zu tragen, ein Raum, in dem beim OR mitwirkende Sanitäter hätten Erste Hilfe leisten können, ein zentraler Platz mit Spielzeug für Kinder, ein Raum mit einer Kunstausstellung, in dem Pastellkreiden und Papier bereitlagen, ein Umsonstladen, ein Filmraum mit Beamer, es gab Musikinstrumente (incl. Schlagzeug) und Gesellschaftsspiele, und viel Platz für Veranstaltungen, Gespräche und zum Übernachten.

Der Informationsfluss
"Es gab hauptsächlich Infowände über Veranstaltungsgesuche oder -angebote, aber kaum metastrukturelle Infos außer Essensbeschaffung und eine To-do-Wand. So lief das meiste an Informationen "nur" über die Menschen, die bei der Organisierung von Anfang an dabei waren, und auch während der Zeit des Sozialforums gab es über bestimmte Dinge nur informelle Absprachen, z.B. Telefonnutzung (Privathandy), Autonutzung (ebenfalls privat) und die Verfügung über die Gebäudeschlüssel. Wer danach fragte, bekam diese Dinge, allerdings gab es nirgendwo eine Info darüber, dass es diese Dinge gab, bzw. wen mensch danach fragen könnte", sagt Simone, eine der Vorbereitenden. Die geplante 'Offene Presseplattform' kam leider nicht zu Stande.

Die Essensversorgung
"Als besonderer Anziehungspunkt erwies sich die Volxküche, wo täglich über 200 Essen selbstorganisiert zubereitet und ausgegeben wurden", sagt Sascha, der auch wesentlich an Vorbereitung und Durchführung des OR beteiligt war. Bestimmte Umstände sieht er jedoch kritisch, wie auch Simone, die erklärt, die Weimarer Volxküche "hatte sich neben den Offenen Räumen auch noch der offiziellen Sozialforumsorga verpflichtet, für die 80-120 HelferInnen zu kochen. Dafür bekam sie pro Kopf und Tag 4 €." Das Essen wurde im OR zubereitet, die SF-Orga-Gruppe forderte jedoch, so Simone weiter, eine eigene Räumlichkeit in den Offenen Räumen für das HelferInnen-Buffet, damit immer ausreichendes Essen gewährleistet sei. Dieser Widerspruch zur Idee des OR "wurde dann dadurch gelöst, dass das Essen zwar im Ratsgymnasium gekocht, aber im (...) HelferInnen-Orga-Büro ausgegeben wurde." Möglichen Ängsten der SF-Orga-Gruppe, die OR-Menschen könnten sich auf Kosten des "offiziellen" SF "durchschnorren" können zerstreut werden. Simone: Es " blieb von dem später doch noch organisierten Gemüse vom Naturkost(!)großhandel so viel übrig, dass mehrere Erfurter Gruppen und das Antifa-Camp davon profitierten..."

Die Veranstaltungen
Hierzu meint Sascha: "... die selbstorganisierten Workshops, Fishbowl-Diskussionen zu Themen wie 'Militanz', 'Feminismus', 'Offene Räume', 'Eine andere Produktionswelt ist möglich' bewiesen, dass der Tiefgang und die Quantität garantiert nicht von einem wochenlangen Planungsprozess profitieren", und Simone freut sich über die gefüllte Veranstaltungswand, "vor allem, weil meines Wissens keiner der angekündigten Punkte wegen mangelnder TeilnehmerInnen ausfiel (mit zwei Ausnahmen, ...). Den Samstag Abend bewerten Simone und Sascha unterschiedlich. "Als ein Höhepunkt der Aktivität war sicherlich der Samstag anzusehen, an dem gleichzeitig ungefähr 250 Menschen gleichzeitig Kino auf der Kirchenfassade schauten, auf einer hammerfetten Party in Predigerkeller tanzten und in diversen nicht zu überschauenden Ecken diskutierten, lebten und sich liebten", so Sascha. Dagegen Simone: "Der Samstagabend bedeutete für mich eher Horror, weil ich das Gefühl hatte, dass 'wir', die Verantwortung-Tragenden und aber auch sonst niemand auf dem Gelände mit einer Eskalation der Situation, z.B. besoffenen Randalierern, hätte fertig werden können." Zum Umgang mit unliebsamen Veranstaltungen sagt Simone: "Zwei Veranstaltungen bereiteten auch in den Offenen Räumen Sorge, weil sie nicht in den Rahmen zu passen schienen: Eine Gruppierung wollte Werbung für SchülerInnenfirmen machen, und auch wenn sie diese als Genossenschaften präsentierten, waren hierarchische Strukturen und kapitalistische Ausrichtung grundlegend. Die andere Veranstaltung sollte vom Heil gemeinsamer Meditation für eine bessere Welt unter Berufung auf einen neuen transzendentalen Meister künden. Beide VeranstalterInnen nahmen sich einen Raum, beide wurden von kritischen Offenen-Räumen-GestalterInnen besucht und vor Ort diskutiert, und beide hatten glücklicherweise außer diesen keine weiteren TeilnehmerInnen!"

Kritik am "offiziellen" Sozialforum
Eigentlich ist laut Charta das ganze Sozialforum ein 'Offener Raum'. Sascha sieht jedoch eklatante Widersprüche zur Charta: " Erstens - ein Sozialforum hat keine Sprecher. Hugo Braun, bzw. Vertreter der Gewerkschaften wurden oftmals von den Medien so benannt, was auch nicht ganz unbeabsichtigt war. Zweitens - ein Sozialforum fasst keine Beschlüsse. Es ist üblich geworden, am Ende eines Sozialforums ein "Treffen der sozialen Bewegungen", welches eigentlich nur ein "Treffen einiger sozialer Bewegungen" ist, abzuhalten, welches von den Medien als DER Beschluss reflektiert wird, was auch allen Akteuren bewusst in Kauf genommen wird. Drittens, das Sozialforum ist kein Podium für Parteien. Dito, auch dieser Punkt wird diskutiert, aber leider ohne die Gewerkschaftsapparate einzubeziehen, welche die gleiche Schlagkraft besitzen und ebenfalls die Sozialforenbewegung für ihre Ziele gerne vereinnahmen würden. Rückblickend wäre dazu aber auch zu erwähnen, dass die sonst so emanzipierten sozialen Bewegungen auf die Hilfe genau dieser Gruppen angewiesen waren."

Abschließende Betrachtung
"Die euphorische Beurteilung anderer TeilnehmerInnen der Offenen Räume kann ich nicht so recht teilen", sagt Simone. "Auch wenn sich die Offenen Räume schneller mit Leben füllten als das bei der mageren Bekanntmachung wahrscheinlich war, waren die meisten BesucherInnen wohl eher NutzerInnen als dass sie sich tatsächlich mit der offenen Struktur beschäftigten. Tatsächlich selbstorganisierte Prozesse, die nicht von den Menschen ausgingen, die die Offenen Räume von Anfang an mitgestalteten, waren eher die Seltenheit. Das zeigte sich vor allen Dingen am Aufräumprozess, der sich über zwei Tage hinzog." Und für Sascha bleiben Fragen offen: " Wie geht man mit Störungen um, z.B. mit den anwesend gewesenen Anthroposophen, denen zumindest manche keine Plattform bieten wollen? Wie löst man das Problem mit freiem Zugang auf wirklich alle Resourcen? (...) Wie stellt man transparent und umfassend dar, wer ein Auto hat, wer welche Person ist, die eventuell über wichtiges Detailwissen, also Informationshierarchien verfügt?" Und Thomas, ein weiterer Teilnehmer des OR, fragt: " War der OR also nur ein Urlaub, der uns wieder fit machte für diese Verhältnisse? Redeten wir über Selbstbestimmung im Dienste der Fremdbestimmung?" Und er stellt fest: "Der Kampf gegen die Verhältnisse ist von den Verhältnissen geprägt. Unser OR hat mir unmittelbar und drängend gezeigt, dass die Veränderungen zuerst im Lebensstil liegen müssen."

Infos unter
http://www.hierachiefrei-leben.de
http://wwww.sozialforum-von-unten.de.vu
http://listi.jpberlin.de/pipermail/offenerraum/

Sascha's schnell, nachts und unkonzentriert verfasster Versuch ...

Versuch eines Offenen Raumes

Ein ganz besonderes Experiment fand in Erfurt im Rahmen des 1. Sozialforums in Deutschlands in Erfurt statt. Ausgehend von der Kritik des Vorbereitungsprozesses konstituierte sich eine Gruppe mit Akteuren die einen Versuch wagen wollten eine völlig hierarchiefreie Umgebung zu schaffen. Festgemacht hatte sich die Kritik, legitimiert durch die Charta des Weltsozialforums [1], insbesondere an 3 Punkten welche die "Offiziellen" schon aufgeweicht haben oder gerade dabei sind.

Die Kritik

Erstens - ein Sozialforum hat keine Sprecher. Hugo Braun, bzw. Vertreter der Gewerkschaften wurden oftmals von den Medien so benannt, was auch nicht ganz unbeabsichtigt war. Zweitens - ein Sozialforum fasst keine Beschlüsse. Es ist üblich geworden am Ende eines Sozialforums ein "Treffen der sozialen Bewegungen", welches eigentlich nur ein "Treffen einiger sozialer Bewegungen" ist, abzuhalten, welches von den Medien als DER Beschluss reflektiert wird, was auch allen Akteuren bewusst in Kauf genommen wird. Drittens, das Sozialforum ist kein Podium für Parteien. Dito, auch dieser Punkt wird diskutiert, aber leider ohne die Gewerkschaftsapparate einzubeziehen, welche die gleiche Schlagkraft besitzen und ebenfalls die Sozialforenbewegung für ihre Ziele gerne vereinnahmen würden. Rückblickend wäre dazu aber auch zu erwähnen, dass die sonst so emanzipierten sozialen Bewegungen auf die Hilfe genau dieser Gruppen angewiesen war. All das ist unter einer schon fast peinlichen Schwäche zu subsumieren, definitiv wäre das Sozialforum in seiner hierarchischen Form ohne die Unterstützung von parlamentarischen, systemimmanent denkenden Apparaten ein Desaster geworden. Leider wurde so an vielen Stellen verhindert, dass wirklich über "eine andere Welt" diskutiert wurde. Wenigstens musste Ver.di Chef Frank Bsirske und der Juso Vorsitzende von Thüringen Peter Metz in Diskussionen Dreck schlucken, was aber nirgends dokumentiert wurde. Andere Direkte Aktionen oder Konfrontationen auf Veranstaltungen sind mir nicht zu Ohren gekommen. Insbesondere die Initiative "10 Euro für den Irakischen Widerstand" konnte unbehindert für ihre mörderische, von NPD Funktionären und anderen Faschisten, wie die Übriggebliebenen des Baath Regimes, unterstützten, Kampagne werben [2].

Das Projekt

Praktisch stellte sich der Offene Raum als Schule, das Evangelische Ratsgymnasium in Erfurt plus auf dem selbem Gelände befindlichen Jugendclub namens Predigerkeller und einem Hof mit ca. 500 qm dar. Inklusive des zum Einrichten und zum Kennenlernen bestimmten "Vorcamps" und dem Aufräumen stand eine Woche zur Verfügung. Circa 1000 Menschen rockten die Location in dieser Zeit. Nach anfänglichen Ängsten vor der fehlenden Selbstorganisationskraft der Teilnehmer des SfiD füllte sich der O-Raum zunehmend mit Leben. Als ein Höhepunkt der Aktivität war sicherlich der Samstag anzusehen, an dem gleichzeitig ungefähr 250 Menschen gleichzeitig Kino auf der Kirchenfassade schauten, auf einer hammerfetten Party in Predigerkeller tanzten und in diversen nicht zu überschauenden Ecken diskutierten, lebten und sich liebten. Als besonderer Anziehungspunkt erwies sich die Volxküche, wo täglich über 200 Essen selbstorganisiert zubereitet und ausgegeben wurden. Kritisch war an dieser Stelle die Organisation der Lebensmittel welche zur Hälfte vom Sozialforum für die Helferversorgung gesponsert wurden. Aber auch im Nachhinein werden Menschen aus Erfurt von den hergestellten Kontakten zu Naturgroßhandeln zehren können.
Verschiedene Pinnwände dienten im O-Raum zur Kommunikation, von denen rege, aber nicht immer zweckgemäß, Gebrauch gemacht wurde. Aus der Erfahrung dieses Projektes heraus erfordert der Transport der Funktionsweise, der Kommunikationsmethoden und die angestrebte Umwandlung der Teilnehmer in Akteure den größten Zeitaufwand in der Vorbereitungsphase. Angemerkt sei zu diesem Faktum noch, dass es nicht gelingen wird, wie der Anspruch einiger Akteure im Vorbereitungsprozess war, Menschen sofort nach Betreten der Fläche, welcher der O-Raum einnimmt, mit allen Umgangsformen und Ansprüchen vertraut zu machen. Von sofortigem Übertragen auf all ihr Handeln ganz zu schweigen. Ein Mensch der in der Konsumgesellschaft lebt, braucht eine lange Zeit um die Kritiken und Handlungsformen zu verstehen und in die Tat umzusetzen. Einige Ansprüche konnten aber verwirklich werden. Es gab immer Essen, es wurde nichts geklaut, obwohl z.B. Technik im Umfang von mehreren Tausend Euro im Haus waren, und die selbstorganisierten Workshops, Fishbowl-Diskussionen zu Themen wie "Militanz", "Feminismus", "Offene Räume", "Eine andere Produktionswelt ist möglich" bewiesen, dass der Tiefgang und die Quantität garantiert nicht von einem wochenlangen Planungsprozess profitieren. Wir waren erstaunt über die Vielfältigkeit, Anzahl und das Niveau der angebotenen Veranstaltungen.
Offen bleiben mussten leider wichtige Debatten. Wie geht man mit Störungen um, z.B. mit den anwesend gewesenen Anthroposophen, denen zumindest manche keine Plattform bieten wollen? Wie löst man das Problem mit freiem Zugang auf wirklich alle Resourcen? Ein Versuch mit einem Offenen Topf, jeder tut das rein oder nimmt sich was er möchte, ist gescheitert, nach einem Tag waren die 30 EUR verschwunden. Wie stellt man transparent und umfassend dar, wer ein Auto hat, wer welche Person ist, die eventuell über wichtiges Detailwissen, also Informationshierarchien verfügt?
Trotz allem hat der Offene Raum in Erfurt bewiesen, dass hierarchiefreies Zusammenleben, teilweise sich untereinander wildfremder Menschen auch kurzfristig und konzentriert möglich ist. Für einige Anwesende erschlossen sich neue Welten, als herausragend empfinde ich, dass wir die Ideen endlich mal auch einem breiteren Personenkreis zugänglich machen konnten und den Offenen Raum aus seiner "Saasener", isolierten und utopischen Ecke heraushebeln konnten. Wer Projekte solcher oder ähnlicher Art als spannend empfindet oder den Prozess tiefergehend nachvollziehen möchte, findet weitere Anknüpfungspunkte [3][4][5].

[1] http://weltsozialforum.org/prinzipien/index.html
[2] http://www.graswurzel.net/289/irak.shtml
[3] http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/offenerraum
[4] http://listi.jpberlin.de/pipermail/offenerraum/
[5] http://www.hierachiefrei-leben.de


Konsequent angeschlossen an das Prinzip Offener Räume möchte ich nicht einen einzigen Text für die Contraste konstruieren, auch wenn mehrere Menschen mitwirken. Ich glaube, dass es kein Problem sein wird, mehrere kleine Texte dort unterzubringen. 8.000 Zeichen sind ja auch eine ganze Menge... Die einführenden Sachen, die du schon geschrieben hast, Sascha könnte mensch gut als einführenden Text stehen lassen. Drumherum sollten sich vielfältige Kommentare und Blickwinkel gruppieren, finde ich, die auch aufeinander Bezug nehmen können.

hi simone. ich finde deinen artikel gut, auch wenn er kürzer sein könnte, kann deine kritik jedenfalls nachvollziehen wenn auch natürlich nicht immer teilen. allerdings fände ich es schöner, wenn du offenlegst wo du von dir selber sprichst und es nicht in der dritten person beschreibst, sonst wirkt es auf mich ein bisschen so wie gezwungene objektivität. und ich fände der/die leser/in sollte ruhig wissen, wer gemeint ist, vor allem wenn es die autorin selbst ist, von der da die rede ist. dass ich mich bisher nicht betiligt habe hat zwei gründe: sitze grad 14h pro tag an meiner diplomarbeit und hatte außerdem gemerkt, dass es auch so schon reges interesse am artikelschreiben gibt. timo

!!!Kritik an den Offenen Räumen während des Sozialforums in Erfurt
von Simone

Die Struktur
Die euphorische Beurteilung anderer TeilnehmerInnen der Offenen Räume kann ich nicht so recht teilen. Mir wurde schon in der Vorbereitungszeit klar, dass die Herstellung von tatsächlicher Transparenz und Infovermittlung in so kurzer Zeit nicht gelingen würde, vor allem weil ich das Gefühl hatte, dass deren Notwendigkeit von manchen gar nicht gesehen wurde. Es gab hauptsächlich Infowände über Veranstaltungsgesuche oder -angebote, aber kaum metastrukturelle Infos außer Essensbeschaffung und eine To-do-Wand. So lief das meiste an Informationen "nur" über die Menschen, die bei der Organisierung von Anfang an dabei waren, und auch während der Zeit des Sozialforums gab es über bestimmte Dinge nur informelle Absprachen, z.B. Telefonnutzung (Privathandy), Autonutzung (ebenfalls privat) und die Verfügung über die Gebäudeschlüssel. Wer danach fragte, bekam diese Dinge, allerdings gab es nirgendwo eine Info darüber, dass es diese Dinge gab, bzw. wen mensch danach fragen könnte. Reflexionstreffen darüber fanden erst nach mehreren Anläufen statt, weil selbst die "CheckerInnen" oft anderes wichtiger fanden. Als es dann tatsächlich ein Treffen gab, wurde dieses von einer der OrganisatorInnen massiv wegen Zeitdruck vorangetrieben (typisches CheckerInnen-Argument). Das Ergebnis war der Versuch eines Vermittlungsmaskottchens, das durch die vorhandenen Infowänden führen sollte. Dieses wurde sogar entworfen, gezeichnet und vervielfältigt, blieb dann aber aus irgendwelchen Gründen beim Schmierpapier liegen...

Die Selbstorganisation
Auch wenn sich die Offenen Räume schneller mit Leben füllten als das bei der mageren Bekanntmachung wahrscheinlich war, waren die meisten BesucherInnen wohl eher NutzerInnen als dass sie sich tatsächlich mit der offenen Struktur beschäftigten. Tatsächlich selbstorganisierte Prozesse, die nicht von den Menschen ausgingen, die die Offenen Räume von Anfang an mitgestalteten, waren eher die Seltenheit. Das zeigte sich vor allen Dingen am Aufräumprozess, der sich über zwei Tage hinzog. Das lag unter anderem daran, dass wir uns Zeit ließen, aber auch daran, dass nur einige sehr wenige sich überhaupt daran beteiligten. Selbst von denjenigen, die ich als MitorganisatorInnen begriff, verschwanden einige schon vor dem Abbau, z.B. in den Urlaub, bzw. auch dann noch als klar war, dass dann nur noch eine Hand voll zum Aufräumen übrig bleiben würde... Die andernorts genannten "Höhepunkt"-Aktivitäten am Samstagabend sehe ich nicht so euphorisch, weil für mich Partymachen als Erfolg für Offene Räume nicht an erster Stelle steht. Mir bedeutete die gefüllte Veranstaltungswand wesentlich mehr, vor allem weil meines Wissens keiner der angekündigten Punkte wegen mangelnder TeilnehmerInnen ausfiel (mit zwei Ausnahmen, s. Umgang mit unliebsamen Veranstaltungen). Der Samstagabend bedeutete für mich eher Horror, weil ich das Gefühl hatte, dass "wir", die Verantwortung-Tragenden und aber auch sonst niemand auf dem Gelände mit einer Eskalation der Situation, z.B. besoffenen Randalierern, hätte fertig werden können. Wir hatten schlicht vorher trotz einiger Versuche nicht darüber gesprochen, und mögliche Ansprechpartner waren selbst ganz schön angedüdelt. Ich fand es auch schade, dass einige auf dem Vorratskauf von Bier für die Party bestanden, um die Kasse aufzubessern, aber auch, weil sie meinten, dass die Leute das so wollten. Klar, kann das jedeR machen, wenn es gewünscht ist, aber ich hätte es spannender und auch ent-spannender gefunden, keine Alkoholika auszuschenken. Wenn die Partyfans Bier hätten haben wollen, hätten sie es auch selbst besorgen können. Es wäre wenigstens einen Versuch wert gewesen. Mir war jedoch die Lust auf Mitfeiern zu schnell vergangen, als dass ich es selbst hätte umsetzen wollen...

Die Verpflegung
Die Lebensmittelorganisation war in der Tat ein kritischer Faktor. Fiel es uns in der Vorbereitungszeit schon schwer, umsonst oder günstiger Lebensmittel zu organisieren, kam die Spaltung der VoKü noch erschwerend hinzu: Die Weimarer "Gerberstraße" hatte sich neben den Offenen Räumen auch noch der offiziellen Sozialforumsorga verpflichtet, für die 80-120 HelferInnen zu kochen. Dafür bekam sie pro Kopf und Tag 4 €. Das ist natürlich viel zu wenig, um biologisch oder fair einzukaufen, so dass das offizielle SFiD auf diese Weise schon mal dazu beitrug, dass die Welt nicht sozialer wird. Außerdem forderten die Orgas eine eigene Räumlichkeit in den Offenen Räumen für das HelferInnen-Buffet, damit immer gewährleistet würde, dass genug zu essen da ist. Dabei schwingt mit, dass die Menschen in den Offenen Räumen davon nichts bekommen sollen, also dieser Raum schon mal nicht offen gewesen wäre, und evtl. auch die Unterstellung, die Selbstorganisierten könnten sich bei der HelferInnen-Verpflegung mit durchschnorren wollen. Das Gegenteil war der Fall. Am ersten Abend kamen die VoKü-Menschen relativ spät aus Weimar, wo sie auch noch das Antifa-Camp bekochten (!), und die vom Orga-Team versprochenen Schnippel-HelferInnen erschienen nicht. D.h. Menschen aus den Offenen Räumen bekochten die HelferInnen des SFiD! Außerdem blieb von dem später doch noch organisierten Gemüse vom Naturkost(!)großhandel so viel übrig, dass mehrere Erfurter Gruppen und das Antifa-Camp davon profitierten... Die Problematik des HelferInnen-Buffets wurde dann dadurch gelöst, dass das Essen zwar im Ratsgymnasium gekocht, aber im Jugendbüro der PDS "Red Roxx" (HelferInnen-Orga-Büro) ausgegeben wurde. Es wäre sicherlich auch möglich gewesen, die HelferInnen in den Offenen Räumen zu verpflegen, wobei auch spannende Debatten hätten entstehen können, aber da waren einige dagegen. (Eine selbstbestimmte Entscheidung der HelferInnen war wohl nicht möglich...)

Umgang mit unliebsamen Veranstaltungen
Die Offenen Räume waren ursprünglich angetreten, um dem Gewerkschafts- und Parteienfilz des offiziellen SFiD ein selbstorganisiertes Modell entgegen zu setzen. Die Kritik am offiziellen Sozialforum blieb aber vergleichsweise gering, meiner Meinung nach weil die Aktivität in den Offenen Räumen zu viel Zeit und Energie in Anspruch nahm, um auch das noch zu bewerkstelligen. Trotzdem gab es einige wenige kritische Stimmen, z.B. bei der Versammlung sozialer Bewegungen, die eigentlich gar nichts mit dem Sozialforum zu tun hat, sich nur "zufälligerweise" zur gleichen Zeit am gleichen Ort trifft und auch nur "zufälligerweise" von TeilnehmerInnen des Sozialforums über eine gemeinsame Erklärung abstimmen lässt. Zwei Menschen aus den Offenen Räumen traten mit Kritik ans Mikro. Nachdem Sven Giegold (extra für's Sozialforum aus der französischen Versenkung aufgetauchter Attac-Funktionär) ansagte, dass er das Vorformulierte möglichst schnell per Akklamation beschließen wolle, es sei denn es würde sich "sehr lauter Protest" erheben, tat eine Aktivistin genau das. Ihre Kritik an der Scheinheiligkeit dieser "Versammlung der sozialen Bewegungen" fand sogar Beifall, ob ehrlichen oder nur gefälligen ist aber unklar, und abgestimmt wurde anschließend natürlich trotzdem. (Umfassendere Aktionsplanungen für solche Fälle hatte es in den Offenen Räumen nicht gegeben.) Gespräche mit einzelnen Menschen im Publikum brachten keinen Durchbruch. Den Applaudierenden war es wichtiger irgendein Papier produziert zu haben, selbst wenn sich hinterher niemand dafür interessieren würde, außer ihnen selbst, weil es völlig vage formuliert war, um konsensfähig zu sein... Zwei Veranstaltungen bereiteten auch in den Offenen Räumen Sorge, weil sie nicht in den Rahmen zu passen schienen: Eine Gruppierung wollte Werbung für SchülerInnenfirmen machen, und auch wenn sie diese als Genossenschaften präsentierten, waren hierarchische Strukturen und kapitalistische Ausrichtung grundlegend. Die andere Veranstaltung sollte vom Heil gemeinsamer Meditation für eine bessere Welt unter Berufung auf einen neuen transzendentalen Meister künden. Beide VeranstalterInnen nahmen sich einen Raum, beide wurden von kritischen Offenen-Räumen-GestalterInnen besucht und vor Ort diskutiert, und beide hatten glücklicherweise außer diesen keine weiteren TeilnehmerInnen! Wie es gelaufen wäre, wenn sich doch mehrere dafür interessiert hätten, lässt sich also nicht sagen...


Thomas' Antwort


Stimmt, ich hätte schon am Mittwoch kommen und erst am Montag gehen sollen. Ich hätte mich mehr auf den OR konzentrieren und die anderen Sachen mehr per E-Mail machen sollen. Aber der Existenzkampf. Die Hektik. Mein Zustand. Die Verhältnisse! War der OR also nur ein Urlaub, der uns wieder fit machte für diese Verhältnisse? Redeten wir über Selbstbestimmung im Dienste der Fremdbestimmung? Ich habe wohl gesehen, dass wir bis über beide Ohren in dem stecken, von dem wir angeblich loskommen wollen. Selbstorganisation ist Leitbild einer Lebensart und nicht einfach ein Streitpunkt (oder sogar Partykellerschmuck). Simones Kritik hat das ganz deutlich gemacht. Der Kampf gegen die Verhältnisse ist von den Verhältnissen geprägt. Gerade habe ich eine Ladung zum Haftantritt bekommen, ich streite mich mit allen Ämtern, werde von einem tendenziell faschistischen Dorfmob schikaniert, mühe mich mit Infoarbeit ab. Das Ganze leider exakt im Stil der Zeit. Unser OR hat mir unmittelbar und drängend gezeigt, dass die Veränderungen zuerst im Lebensstil liegen müssen. Egal, was jetzt noch alles passieren muss: es gibt welche, die machen weiter. Sie versuchen es von unten, und sie überschätzen weder sich noch die Lohnschreiber oder Heiligkeiten, die das Sozialforum marginalisieren.


Hannes ungekürzter Artikel für Contraste

'Offener Raum' - ein besonderes Projekt beim Sozialforum 2005 von Hanne Adams

Beteiligt waren Menschen, die sich über Fälle intransparenter Entscheidungsfindung bei der Entwicklung des Vorhabens 'Sozialforum in Deutschland' geärgert hatten, und andere, die wie ich zwar bei diesem Prozess nicht dabei waren, diese Kritik aber gut nachvollziehen konnten. Sie wollten in einem eigenen Projekt ihre Ideen von einer Anderen Welt oder Anderen Welten gemeinsam entwickeln und ein Stück weit leben. Seit August 2004 trafen sich diese Leute mehrmals, in Frankfurt/M, in Stuttgart, in Berlin, in Saasen bei Gießen und einige Male in Erfurt.

Zuerst gab es eine geschützte Mailingliste mit Namen 'Idee', auf der Kritik am Bestehenden und Visionen ausgetauscht wurden. Seit Dez. 2004 gibt es eine weitere Liste, 'Offener Raum auf dem Sozialforum 2005', deren Archiv auch Menschen zugänglich ist, die nicht Mitglieder der Liste sind, und in die sich jedeR selbst eintragen kann. Dieses Archiv gibt Auskunft über Euphorie und Frustration, bis zum Schluss war nicht sicher, ob es beim Sozialforum überhaupt einen ’Offenen Raum’ (OR) geben würde.

Mehrere Menschen zogen sich aus dem Vorhaben zurück. Einige meldeten sich einfach nicht mehr, andere machten deutlich, welche ihrer Erwartungen nicht erfüllt wurden. Einem dieser Menschen fehlte bei diesem Prozess der Austausch darüber, was zwischen den Vorbereitenden gefühlsmäßig ablief. Ein Anderer vermisste vor allem die Effektivität. Er war es leid, von seinem geringen Einkommen die Fahrt zu seiner Meinung nach ineffektiven Treffen zu finanzieren. Und einer, der besonders viel an Vorstellungen und Engagement eingebracht hat, warf vor Kurzem das Handtuch, weil sich seiner Meinung nach das ursprüngliche politische Konzept nicht mehr verwirklichen ließ. Das, was noch machbar war, einen 'Offenen Raum' zu nennen, bezeichnete er als Etikettenschwindel.

Unter sehr günstigen Bedingungen - 12 Räume in einer zentral gelegenen alten Schule, der Schulhof sowie ein schallisoliertes Kellergewölbe standen zur Verfügung - wurde das Experiment schließlich doch gewagt. Meine Eindrücke vom OR sind mehr oder weniger Momentaufnahmen, da mich auch andere Angebote des Sozialforums verlockten und ich so viel Wichtiges im OR verpasste. Ich greife ein paar Punkte der Planung des OR heraus und überlege, ob sie m.E. erfüllt wurden oder nicht.

Auch ich gehöre leider zu denjenigen, die sich während des Sozialforums nur spärlich im OR eingebracht haben. Auswirkungen hatte das Projekt trotzdem auf mich. Das, was ich dort erfahren habe und besonders der Austausch in der Vorbereitungszeit haben bei mir das Bewusstsein für Situationen geschärft, in denen ich vereinnahmt oder manipuliert werden soll. Ich will nicht nach der Pfeife derer tanzen, die mit Show-Effekten meine Aufmerksamkeit von den wichtigen Dingen ablenken wollen, die gerade geschehen. Selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Miteinander - zunächst einmal mit den Menschen in meiner Umgebung - das kann schon viel verändern. Was kann das für eine Energie freisetzen, wenn der Mensch als er selbst wichtig ist, und nicht mehr an seiner Verwertbarkeit gemessen wird!


Frühere Texte

Die Treffen des Weltsozialforums beraten nicht im Namen der Institution Weltsozialforum. Daher ist niemand berechtigt, im Namen eines der Foren zu sprechen oder eine Position als die aller Teilnehmer wiederzugeben. Die Teilnehmer dürfen nicht aufgefordert werden, als Institution Erklärungen oder Aktionsvorschläge anzunehmen, die jeden oder die Mehrheit binden und den Eindruck erwecken können, mit ihnen würde das Forum als Institution etabliert. Es stellt daher keinen Ort der Macht dar, um den die Teilnehmer in den Treffen ringen. Ebenso wenig hat das Forum den Anspruch, die einzige Form der Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Organisationen und Gruppen zu sein. (6. Absatz der WSF-Grundsätze - von den WSF-tragenden NGOs auch nicht mehr beachtet ...)

Offener Raum - was ist das?

Als "offener Raum" kann ein Aktionsfeld bezeichnet werden, in dem es keine Beschränkungen gibt, diesen zu nutzen und zu füllen " außer die anderen AkteurInnen, mit denen bei Interessenkollision (z.B. Nutzung der gleichen Infrastruktur, Flächen u.ä. zur gleichen Zeit) eine direkte Vereinbarung geschlossen wird. Ein Raum und seine Ausstattung (Technik, Räume, Wissen, Handlungsmöglichkeiten usw.) ist dann offen, d.h. gleichberechtigt für alle nutzbar, wenn die Beschränkungen physisch und praktisch nicht bestehen, d.h. der Zugang zu den Handlungsmöglichkeiten darf weder durch verschlossene Türen, Vorbehalte, Passwörter usw. verwehrt werden können noch dürfen Wissensbarrieren hingenommen werden, die Einzelne von der Nutzung des offenen Raumes und seiner Teile ausschließen. Dieses bedarf in der Regel eines aktiven Handelns, um Transparenz herzustellen, Zugänge zu Informationen zu ermöglichen und Erklärungen z.B. für technische Geräte bereitzustellen.

Kontrollfreier Raum

Die Offenheit eines Raumes wird eingeschränkt durch tatsächliche oder optionale Kontrolle. Diese erzeugt auch dann, wenn sie nicht konkret ausgeführt wird, Angstgefühle. Sie teilt Menschen oder Gruppen in (potentiell) kontrollierte und (potentiell) kontrollierende. Dieser Zustand bleibt auch dann bestehen, wenn die potentiell Kontrollierenden diese Funktion nicht ausüben wollen und es im Regelfall nicht tun. Allein die Möglichkeit verändert das Verhältnis von Menschen untereinander. Ist eine Metastruktur als Kontrollinstanz nutzbar, z.B. ein Plenum, so verlagert sich die Kommunikation um die Weiterentwicklung des Raumes, bei Interessenkollisionen und oft auch bei Kooperationen zwischen Teilen des Ganz en auf diese Metastruktur. Das steht einer freien Entfaltung aller Teile des Ganzen im Weg, da in der Metastruktur eine andere Form der Kommunikation herrscht, die von Regeln, taktischem Verhalten und einer mehr auf Sieg/Niederlage orientierten Redeform geprägt ist. Direkte Kommunikation und freie Vereinbarung gedeihen nur dort uneingeschränkt, wo Kontrolle und damit die mögliche Alternative, Konflikte auch herrschaftsförmig zu klären, gar nicht bestehen. Zweitrangig ist dabei, wie di e Kontrolle organisiert ist " ob in der Dominanz einer Einzelperson oder -gruppe (z.B. Hausrecht, Faustrecht, rhetorische Dominanz) oder in demokratischen Prozesse. Demokratische, auch basisdemokratische Entscheidungskompetenz auf Metaebenen ist Kontrolle, zerstört direkte Kommunikation und erschwert freie Vereinbarung " wenn auch verschleierter. Die einzig grundlegende Alternative zu allen Formen von Kontrolle ist die totale Kontrollfreiheit: Es gibt keine Möglichkeit mehr, außerhalb gleichberechtigter Kommunikation eigene Interessen durchzusetzen.

Offensives Herstellen des offenen und kontrollfreien Raumes

Offenheit und Kontrollfreiheit entstehen nicht durch bloßes Weglassen form aler Verregelung. Das würde übersehen, dass die Gesellschaft durchzogen ist von Zurichtungen der Einzelpersonen und sozialer Gruppen, die auch in einem von formalen Unterschieden freien Raum weiterwirken. Hierzu gehören di e autoritären Aufladungen im Verhältnis zwischen Menschen, z.B. der Respekt vor älteren Menschen, Titeln, sog. ExpertInnen oder Amtspersonen, aber auch die Rollenmuster nach Geschlecht, Bildungsgrad oder Herkunft. Mit dies en Vorprägungen betreten alle Menschen auch einen offenen, kontrollfreien Raum und werden sich entsprechend gegenüber anderen verhalten " es sei den n, es gibt einen aktiven Prozess, der Zurichtungen überwindet oder zur Überwindung beiträgt. Dazu gehören: Bewusstmachung von Zurichtungen, Dominanzen usw. über Texte, Gespräche, Reflexionen und mehr vor, während und nach dem Gruppenprozess. Offensive Erklärungen aller Möglichkeiten, also der Technik, der Nutzbarkeit von Räumen und ihrer spezifischen Ausstattungen, des Zugangs zu Wissen (falls dieses nicht direkt sichtbar ist) und informierten Personen, der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten des offenen Raumes usw. Bereitstellung der räumlichen und technischen Möglichkeiten sowie des Wissens für dominanzmindernder Gruppenverfahren, z.B. Räume für Fish-Bowl, Wände zur Visualisierung usw. Workshops, Seminare und Einführungen in die Nutzung technischer Ausstattung, in Aktionsmethoden, Gruppenverfahren und vieles mehr. Herstellung einer hohen Transparenz des "Was läuft wo?", "Welche Streitpunkte bestehen und werden wo diskutiert/geklärt?", "Was fehlt?", "Wer braucht Hilfe?", "Welche Weiterentwicklungen des offenen Raumes laufen oder werd en angestrebt?" usw. Dazu sollten ein oder mehrere Informationspunkte geschaffen werden, an denen alles, was läuft oder geplant wird, angeschrieben wird mit Treffpunkt, Kontakt u.ä. (siehe Verfahren "Open Space").

Raum als sozialer Begriff

Mit Raum ist in diesem Text nicht nur ein umbauter Bereich, also ein Gebäu de oder Zimmer, ein Zelt oder eine Fläche, sondern auch ein sozialer Raum. Es ist denkbar, einen solchen herzustellen, ohne dass sich die Menschen überhaupt direkt begegnen - eine Internetkonferenz mit dem Ziel, z.B. eine Aktion zu planen oder Software zu entwickeln, kann als ein solcher sozialer Raum betrachtet werden. Klassischer ist das Treffen einer Gruppe, ein Camp, ein Kongress oder ein Projekttreffen. Der konkrete Ort ist oft völlig unwichtig, wichtiger ist das, was die Beteiligten mitbringen an Wissen, Erfahrungen, Know-How, handwerklichen Fähigkeiten, Informationen, materieller und finanzieller Ausstattung. Sie verbinden sich oft mit unterschiedlichen rhetorischen und sonstigen Möglichkeiten zu Dominanzstrukturen. Experimente zur Dominanzminderung und zur Öffnung allen Wissens und aller Möglichkeiten für alle Beteiligten gestalten auch eine Gruppe, ein Seminar oder ein andere Treffen zum "offenen Raum". Mehr Ideen unter http://www.hierarchnie.de.vu.

Weitere Texte zum Thema OffeneRäume und OpenSpace