Out of this World! Reloaded

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Daten
q: Contraste 255 (Dezember 2005)

Bei der vorliegenden Essay-Sammlung handelt es sich um den Tagungsband des Kongresses "Out of this World!", der 2002 zum zweiten Mal stattfand. Der Untertitel "Reloaded!" ist dabei eine bewusste Anspielung auf die Matrix-Triologie, deren zweite Folge ebenfalls diesen Titel trug, und auch in Teilen der Linken als subversiver SF-Epos gilt. Der erste Kongress fand 2000 statt und seit dem wird er jaehrlich wiederholt. (Der Tagungsband zum ersten Kongress ist 2002 beim Argument Verlag Hamburg erschienen. ISBN 3-88619-288-1).

Nach Angaben von Christoph Spehr, einem der Herausgeber dieses Bandes und Organisator des Kongresses, stellt "Out of this World!" ein "Projekt praktischer Wissenschaft mit revolutionaerem Anspruch" dar. Er umreisst als Messlatte fuer den Anspruch des Kongresses: "Es handelt davon, wie grundsaetzlich andere gesellschaftliche Verhaeltnisse aussehen und erreicht werden koennen." Auf den Kongress konkret bezogen benennt er drei Grundannahmen, die die Beitraege verbinden:

"Erstens, dass Science Fiction (mit all ihren Verwandten) eine Genre-Familie ist, die sich in besonderer Weise dazu eignet, Utopien auszuprobieren und die Veraenderung der gesellschaftlichen Verhaeltnisse zu diskutieren. Zweitens, dass populaere Kultur - sowohl als experimentelles Projekt wie als Mainstream und Blockbuster - etwas ist, womit es sich zu beschaeftigen lohnt; weil darin Alltagserfahrungen, Widerstaendigkeiten, utopische Ueberschuesse, politische Einsichten und transformatorische Haltungen aufbewahrt sind, und zwar in hoher Dichte und bildmaechtiger Gestalt. Drittens, dass man diese politisch-kulturellen Sprachen auch sprechen koennen muss, aktiv daran teilnehmen, weil nur durch sie hindurch eine Umwaelzung der Verhaeltnisse moeglich ist."

Vor dem Hintergrund der von Spehr beim ersten Kongress aufgestellten Grundannahmen, die leider nicht wiederholt werden, beleuchtet Frigga Haug ("Anarres revisted. Science fiction und gesellschaftliche Utopien") im ersten inhaltlichen Beitrag den anarchistischen Science Fiction-Roman "Planet der Habenichtse" - ohne jedoch auch nur einmal (!) den expliziten anarchistischen Bezug dieses Romans zu erwaehnen. Sie reduziert den Roman auf eine feministisch-sozialistische Utopie und untersucht einzelne Aspekte der von LeGuin entworfener Welt aus einer marxistisch-feministischer Perspektive auf den Themenkomplex. Insgesamt nimmt die feministische Auseinandersetzung mit Science Fiction breiten Raum ein in dem Tagungsband. Sowohl der Beitrag von Alexandra Rainer ("Starke Frauen im Hollywoodfilm - Feministische Hoffnung oder doch ueblicher Sexismus?") ueber die Darstellung von starken Frauen in SF-Filmen in Hinblick auf die Verteidigung des Patriarchats bzw. die dessen Ueberwindung , Jakob Schmidt ("Critical Failure Matrix, Empire und die prekaeren Subjekte des Widerstandes") ueber die Krise des maennlichen Subjektes in der Matrix-Triologie in Verbindung auf Hardt / Negris modernen Klassiker der politischen Theorie - "Empire" - als auch der von Andrea zur Nieden ("Cyberbarbie goes Enterprise. Die "gute" und die "boese" Technik im Kampf um das Subjekt") zur Uebersexualisierung des Charakters der Seven in der SF-Serie Star Trek Voyager, nehmen eine explizite feministische Perspektive ein.

Ueber den westeuropaeischen und amerikanischen Tellerrand hinaus reichen die Beitraege von Lutz Kirschner ("Franz Fuehmanns Saiaens-Fiktschen") ueber den DDR-Schriftsteller Franz Fuehmann und ueber phantastische und utopische Literatur in Afrika von dem Schriftsteller Uche Nduka ("Utopie und Fantastik in der zeitgenoessischen afrikanischen Literatur"). Waehrend letzterer lediglich ein grober Ueberblick ueber diverse Romane und deren Autoren darstellt ohne grossartig in die Tiefe zu gehen, geht Kirschner sehr tiefgehend und informativ auf die Science Fiction-Literatur Fuehmanns ein und arbeitet damit ein Stueck weit Literaturgeschichte der DDR auf.

Die Verbindung von Star Trek und Philosophie stellen Katharina Kinder, Dirk Kretschmer und Bodo Pallner vom Star Trek-Fanprojekt Living Trekism ("Living Trekism: Welche Folgen hat die Entdeckung intelligenter Lebensformen vor dem Fernsehbildschirm?") her. Sie greifen auf die Philosophen Louis Althusser, Michel Foucault und Stuart Hall zurueck. Marcus Hammerschmidt ("Blaupausen unter Verschluss. Ein Plaedoyer gegen die Utopie im Science Fiction") hingegen greift auf die Kritik von Theodor Adorno an der Funktion von Satire zurueck und uebertraegt sie auf den SF-Bereich. Fuer ihn stellt sich daher SF als modernen "Hofnarr der technologischen Zivilisation" dar. Ebenfalls kritisch mit SF setzt sich Kai Kaschinski ("Mission to Mars - oder: Blue Planet meets Red Planet. Science und Fiction auf der Jagd nach planetaren uns extraterrestrischen Lebensformen") mit der Beziehung von Wissenschaft und Science Fiction auseinander. Er kritisiert dabei vorrangig die fehlende Wissenschaftskritik der Fanszene. Einen Ueberblick ueber Utopien von dem Mittelalter bis zur Postmoderne und ihren Wandel zeichnet Marvin Chlada ("Absolute Deterritorialisierung. Das utopische Denken in der Postmoderne - ein Ueberblick") in seinem Beitrag.

Ein weiterer wichtige Abteilung in dem Band nimmt die konkrete Utopie ein. Babette Scurrell ("Vorsorgendes Wirtschaften als konkrete Utopie") verbindet die Utopie und die Oekonomie miteinander, was er an dem Beispiel von Tauschringen illustriert. Die Lokaloekonomie des Freistaates Christiania (in Kopenhagen) stellt Ditlev Nissen ("Das alternative Waehrungssystem von Christiania") vor. Nissens Beitrag, der sich leider wie eine einzigartige , unkritische Lobeshymne liest, propagiert Lokalwaehrung als einen praktischen Versuch das Motto "global denken, lokal handeln" in die Tat umzusetzen. Die Grenzen dieses Projektes benennt er leider nicht in seinem Beitrag. Aus anthropologischer Sicht betrachtet Ruediger Haude ("Fraktale und euklidische Aspekte herrschaftsfreien Zusammenlebens") nicht-staatliche Gesellschaften als moegliche Anknuepfungspunkte fuer herrschaftsfreie Gesellschaftskonzepte. Sein im Grunde sehr relevanter Beitrag ist wegen der nur unzureichend fuer Laien erklaerten anthropologischen Fachtermini ein harter Brocken. Im Gegensatz zu den anderen, deutlich formulierten und gut lesbaren Beitraegen, waere es ratsam gewesen, seinen Beitrag staerker auf ein Laienpublikum auszurichten.

Insgesamt bietet der Tagungsband eine weit abgesteckte Themenbreite zur politischen Analyse von Science Fiction und dessen Bezug zur sozialen Realitaet. Spannend ist vor allem der Teil der konkreten Utopie, indem praktische Projekte bzw. Ansaetze fuer eine praktische politische Philosophie vorgestellt werden. Ebenfalls sehr lesenswert sind die Beitraege aus feministischer Perspektive. Enttaeuschend ist, was fuer zukuenftige Kongresse relevant waere, ist das voellige Ignorieren von explizit anarchistischen oder auch kommunistischen Science Fiction-Stories. Gerade in diesem Bereich sehe ich noch grossen Diskussionsbedarf und ein Themenspektrum fuer kommende Kongresse. Ebenso waere die Auseinandersetzung mit den Vereinnahmungsversuchen der SF-Fangemeinde durch rechte Kreise bzw. die Reproduktion von vorherrschenden konservativen Denkmustern in diesem Genre ein spannendes Thema. Dennoch ein sehr wichtiger Beitrag aus dem Themenkomplex "Politik und Literatur", der von den InitiatorInnen des Kongresses geleistet wurde.

Infos zu den bisher stattgefundenen Kongressen finden sich im Internet unter: http://www.outofthisworld.de.

Maurice Schuhmann

Lutz Kirschner / Christoph Spehr (Hrsg.): Out of this World! Reloaded. Neue Beitraege zu Science-Fiction, Politik & Utopie, Manuskripte der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bnd. 49, Karl Dietz Verlag Berlin 2004, 9,90 EUR, ISBN 3-320-02954-1