Eigentum Abschaffen

Version 19, 84.56.227.26 am 24.2.2007 14:41
HelmutLeitner:

Eigentum erscheint als kulturelle, gesellschaftliche Erfindung, eine gedankliche Konstruktion, ein Mythos. In dieser Form ist das Eigentum vielfach (wie eine Institutiton) abgesichert, um überhaupt bestehen zu können. Anerkanntes Eigentum scheint wichtige Funktionen zu haben: es ermöglich das "Recht des Stärkeren" und die damit zunächst verbundene Notwendigkeit, selbst für Sicherheit an Leib und Gut zu sorgen, zurückzunehmen und der Gemeinschaft zu übertragen. Heute werden "Herden" und "Karawanen" und "Stadtmauern" nicht mehr bewacht. Das machte historisch viel gesellschaftliche Energie verfügbar. Ebenso bedeutet Eigentum den natürlichen Anreiz, Resourcen - besonders solche die knapp und wertvoll sind - zu pflegen und für deren Erzeugung zu sorgen.

Auswüchsen des Eigentums wie Monopolismus, wirtschaftliche Machtfülle, Ausbeutung von Menschen und Resourcen die keinen entsprechenden gesellschaftlichen Schutz besitzen, Schwächung sozialer und gemeinschaftlicher Interessenvertretung, ... muss entgegen getreten werden.

Eine Abschaffung des Eigentums würde meiner Meinung nach einer Vervielfachung gesellschaftlicher und staatlicher Zwänge nach sich ziehen. Das betrifft jetzt nicht spezielle Eigentumsformen, wie Patente, das ist eine Sondersituation (es gibt auch kein Eigentumsrecht an Luft, es muss nicht alles dem Eigentumsbegriff unterliegen), aber die großflächige Aufweichung des Eigentumsbegriffes. Wenn es keinen persönlichen Vorteil gibt, wichtige Resourcen zu erzeugen, dann muss entweder ein struktureller, moralischer, kultureller - oder andersbenannter - Zwang dafür sorgen, dass die Resource entsteht. So wie etwa in Japan die Familienehre und der gesellschaftliche Konformitätsdruck die Menschen in eine Pflicht nimmt, nur noch viel umfassender und stärker. Ich glaube nicht, dass das jemand in letzter Konsequenz wollen kann.

Meiner Meinung nach ist es wesentlich aussichtsreicher, Auswüchse durch entsprechende Regelungen zu korrigieren, als eine Eigentums-Systemänderung zu versuchen. Die Idee des Eigentums ist eine zu fruchtbare gesellschaftliche Erfindung, als dass man sie wegwerfen sollte. Man sollte aber klarmachen, dass Eigentum und Rechte ein Fiktion sind, etwas was nur besteht, solange auch ein sozialer Konsens besteht, Regeln zum allgemeinen Wohl mit sozialem Augenmaß zu gestalten. Eine instabil werdende Gesellschaft kann Eigentum und Verfassung jederzeit zur Disposition stellen. Das muss den Nutznießern geltender Regelungen unmissverständlich klar gemacht werden. Eigentum ist nicht sakrosankt, es wurde erfunden, um allen Nutzen zu bringen. Wenn diese Erfindung ihr Ziel aus dem Auge verliert, muss ein Re-Design des Eigentums-Begriffes stattfinden.

thomas:

Es gilt wohl zu differenzieren, bevor klar ist, was abgeschafft werden soll.

Eigentum ist Mythos - damit kann ich nichts anfangen.

Eigentum ist Konvention: Du unterscheidest zwischen den Eigentumsformen "selbst verteidigtes Eigentum" in menschlicher Frühzeit und "gesellschaftlich gewährten Eigentum".

Dein das machte historisch viel gesellschaftliche Energie verfügbar liegt mir schwer im Magen, weil es leider so sehr stimmt.

Unsere Gesellschaft sehe ich als fortentwickelte Sklavenhaltergesellschaft, in der es einigen aufgrund höherer Position in der Wärterhierarchie besser geht und die meisten ihr Sklavenverhältnis noch nicht einmal bewußt spüren. Das abstrakte, von allen sanktionierte Eigentum, sind genau die Fesseln, die alle in ihrer Sklavenrolle halten.

Eigentum wie es heute ist, ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Rechte sind Absprachen zwischen Menschen. Rechte kann sich jemand nehmen, große Rechte werden aber immer gewährt.

Ein einzelner kann nur über beliebig viel bestimmen, wenn die allgemeinheit ihm dieses Recht gewährt. Warum macht die Allgemeinheit dies nur ?

Warum ist zum Beispiel Eigentum an Boden nicht mit regionaler Präsenz gekoppelt ?

Warum fordert die Allgemeinheit für die Dienstleistung "zur Verfügungstellung von Eigentum" nicht überproportionale Verpflichtung von Menschen, die sich das Recht nehmen wollen, über weit mehr Einfluss auszuüben als andere ?

Warum haben Neugeborene keinen Anspruch auf ein Mittel ? Sie sind rein abhängig von dem erkämpften Vorteil ihrer Erzeuger.

Wir leben im Kriegszustand, es gibt keinen Frieden, nur Waffenruhe. Die Konvention "Eigentum" sorg dafür, dass nicht dauernd überall Ströme von Blut fließen.

Als Organisatuinsstruktur für Menschen ist das weder optimal noch hinreichend.

Deine Argumente gegen Abschaffung von Eigentum kann ich verstehen, wenn ich sie als Rückschritt in das blutigere Kämpfen um Eigentum verstehe. Es geht aber gerade darum, Organisationsformen für Menschen zu finden, die eine Weiterentwicklung sind.

Dafür sehe ich zum Beispiel die Erfindung der GPL als hoffnungsvoll.

Gerade weil Eigentum nun Konvention ist können von Assotiationen Räume geschaffen werden, die für ihre Nutzer andere Regeln haben. Nach außen sind diese durch die Konvention "Eigentum" geschützt. Im Innern lassen sich aber andere, kooperative Umgangsformen entwickeln.

Solche Räume bilden sich momentan zumeist im Raum der Ideen.

Ich bin gespannt, ob sich diese auf mehr physische Bereiche übertragen lassen.

Ansätze dazu sehe ich zum Beispiel in Wirtschaftsgemeinschaften aber auch in dem wachsenden regionalen Selbstverständnis in Südamerika.

Es geht als wohl nicht um Abschaffung sondern um Aufhebung von Eigentum. Es geht es dabei um eine Renaissance der Commons.

HelmutLeitner:

Mit "Eigentum ist ein Mythos" meine ich, dass der eigentlich willkürliche geschaffene, erfundene Begriff eine Überhöhung erfahren hat, die uns dazu bringt, ihn fast als etwas naturgesetzliches oder gottgegebenes zu betrachten. Er wurde "institutionalisiert", also mit allen Mitteln, bewusst oder unbewusst, kulturell stabilisiert.

Ich glaube, dass Eigentum nicht abgeschafft werden kann, dass es aber relativiert und in bestimmten Bereichen abgeschafft oder zurückgenommen werden kann. Wie es überhaupt notwendig ist, zu einer Institutionen-Kritik zu finden, in der "angestammte Rechte" auf ihre soziale Vertäglichkeit und Sinnhaftigkeit überprüft und revidiert werden müssen.

thomas:

So fast. Die Erfindung ist ja ein gesellschaftliches Verhältnis und kein Begriff. Der Begriff ist der Versuch dieses Verhältnis in Worte zu fassen bzw zu begreifen.

"Institutionalisiert" entspricht nicht dem ganzen Wesen unseres heutigen Eigentum-Verhältnisses. Sicher gibt es Statt, Recht, Gerichte, Polizei, Knast etc. Was aber Eigentum wirklich macht, ist die "Internalisierung", das Selbstverständliche des Anspruchs, Eigentum in Anspruch nehmen zu können. Das es ein gewährtes Herrschaftsverhältnis ist, scheint mir nicht allgemein bewußt zu sein.

(1) Siehst du das auch so ?

Um an unsere Diskussion im GründerWiki anzuknüpfen: (2) Ist Eigentum ein Muster ?

HelmutLeitner:

Die Frage, ob Eigentum ein Muster ist, kann man nicht beantworten, ohne die Frage nach dem Kontext zu klären. Eigentumsgegenstände, so wie wir sie heute handhaben, als "mein Auto, mein Eigentum" ist sicher keine Implementierung eines Musters. Ob ein Sessel, auf dem ich sitze, mir gehört oder nicht, ändert nicht das System oder mein Wohlbefinden, spielt normalerweise keine Rolle. Physikalisch gesehen gibt es ja den Eigentumsbegriff nicht.

Im Sinne einer "Mustersprache menschlicher Kulturen" ist Eigentum sicher ein Muster, das als Problemlösung in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich (oder nicht) implementiert wurde. So gab/gibt es Kulturen mit Eigentum an Menschen (Sklave, Leibeigene). Während bei uns der Eigentumsbegriff auf Tiere nicht mehr vollständig angewandt wird (Tierquälerei). Alleine das Eigentum als kulturelles Muster zu verstehen, das bestimmte Probleme löst und u. U. neue Probleme schafft, ein Muster, das man implementieren kann, aber keineswegs muss, für dessen Ausgestaltung man als "Architekt" verantwortlich ist, wäre ein Riesenschritt vorwärts gegen die jetzige Situation.

Es ist also keineswegs so - wie ich schon im GründerWiki betont habe - dass der Begriff "Muster" einen Begriff adelt und es dann das Gezerre darum angeht, ob nun Geld oder Eigentum Muster sind oder nicht. Ein Muster als Problemlösung bedeutet nicht, dass es per se sinnvoll ist oder angewendet werden muss. Muster unterliegen dem Kontext und der abwägenden Entscheidung und dem Denken in Alternativen. Die Konsequenzen sind nicht oberflächlich, sondern tiefgehend.

uwe:

identität muster eigentümlichkeiten sprache, alles nur Gewebe Gewerbe Gewerke, aber um darüber hinaus zugelangen wirdesweiteron Nöten sein