Lebensprozesse respektieren

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Text des Gemeindezentrum Lamm im Tübingen zum Diavortrag von Rebeca und Mauricio Wild

Wie alternative Wirtschaft menschliche Beziehungen und Reifeprozesse schafft

Eingeladen vom Trägerverein der Freien Aktiven Schule und des Aktiven Kindergartens Tübingen kommen Rebeca und Mauricio Wild auch dieses Jahr wieder nach Tübingen und teilen in Vorträgen und Seminaren ihre Erfahrungen mit interessierten Menschen.

Mauricio und Rebeca Wild zeigen Bilder und berichten über ihr Lebensprojekt: die Lebens- und Lernumgebung "Pesta" und das Wirtschaftsnetzwerk "ECOSIMIA" in Ecuador.

Rebeca und Mauricio Wild haben seit 1977 in Ecuador eine Lernumgebung geschaffen, in der Kinder und Jugendliche in nicht-direktiver Begleitung leben und lernen konnten.

In ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben sie die Einsichten von Maria Montessori immer weiter vertieft und die Forschungsergebnisse von Jean Piaget und anderen Wissenschaftlern in die Praxis umgesetzt. 1981 hatte das Ehepaar Wild, zusammen mit Eltern, die Schule in eine Stiftung, die FEP (Fundacion Educativa Pestalozzi), umgewandelt.

Rebeca und Mauricio Wild haben dem freien Spiel einen zentralen Ort in der kindlichen Entwicklung auch im Schulalltag eingeräumt, indem sie die vorbereitete Umgebung so gestalten, dass es den Kindern ermöglicht wird, sich ihren Bedürfnissen entsprechend aktiv für eine Beschäftigung oder Arbeit zu entscheiden. Sie haben mit ihrer Arbeit gezeigt, dass die von Jean Piaget beschriebenen Entwicklungsetappen von Kindern nur ausgelebt werden können, wenn ihnen so viele konkrete Erfahrungen wie möglich erlaubt werden und wenn ihr Rhythmus der Verarbeitung von Erfahrungen respektiert wird.

"Der erste uns bewußte Einstieg in diese Geschichte war unsere - für uns damals überraschende - Einsicht in die Bedeutung der von innen motivierten - im Gegensatz zu von außen induzierten - spontanen Aktivitäten für die menschliche Entwicklung und in die Rolle, welche dabei eine geeignete Begleitung und Umgebung spielt. Diese Einsicht stellten wir zunächst zu Hause auf die Probe. Daraus folgte unsere (im Fall des ersten Sohns spätere) Entscheidung, unseren zwei Söhnen auch nach den Kleinkinderjahren Umstände zu ermöglichen, in denen sie ihren authentischen Entwicklungsbedürfnissen nachgehen konnten. Dieser Entschluß führte schließlich im Jahr 1977 zur Gründung des "Pesta", eines Kindergartens und einer Schule ohne äußeres Programm, Unterricht, Examen, Noten und sonstigen Forderungen, die sonst charakteristisch für Schulen sind." (Rebeca Wild in einem Bericht über die Geschichte des Pesta)

Ihr erstes großes Lebenswerk, das weltweit starke Beachtung fand und über das die Bestsellerautorin Rebeca Wild mehrere spannende Bücher verfasst hat, musste letztes Jahr dem wirtschaftlichen Druck weichen: Der Pesta, die Schule, die nie eine Schule im üblichen Sinne war, und der angegliederte Kindergarten - Lebensumfeld für zirka 200 "Schüler" und 50 Kinder im Kindergartenalter, haben im Sommer letzten Jahres ihre Tore geschlossen, während ihre Begründer in Europa Seminare und Vorträge hielten.

Die Lernmaterialien des Pesta kommen an einem neuen Ort wieder zum Einsatz, diesmal nicht nur für Kinder und Jugendliche. In einem "Zentrum für Autonome Aktivitäten" stehen sie allen Altersgruppen zur Verfügung. Entspannte Umgebung zum Lernen und zum Leben im Einklang mit sich selbst, das soll in Zukunft für alle am Projekt beteiligte Menschen möglich sein durch respektvolle Beziehungen miteinander und wirtschaftliche Vernetzung.

Die in einer Reihe von Büchern reflektierte Arbeit im "Pesta" ist Motivation für viele alternative Schulen, unter anderem auch für die Freie Aktive Schule und den Aktiven Kindergarten Tübingen.

Ausgehend von der Arbeit im Pesta entstand unter dem Namen SINTRAL ein Netzwerk von Gemeinschaften, die solidarisch wirtschaften. Der Name SINTRAL setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der spanischen Übersetzung von LETS (Local Exchange and Trading Systems) zusammen. Sintral (neuer Name seit 2006: ECOSIMIA) ist Tausch-Ringen ähnlich: mehrere Gruppen mit eigener Alternativwährung haben sich zu einem Ecuador-weitem Handelsnetz zusammengeschlossen.

Viele Sintral-Mitglieder hatten gemerkt, dass ein Wechsel der Handelsbeziehungen und des Gebrauches des Geldes nur eine Seite ihrer Erfahrungen darstellen. Eng verbunden mit diesem Aspekt ist eine Transformation, die eine neue Verantwortungen mit sich bringt: für die eigene Entwicklung, familiäre Beziehungen, die Erziehung der Kinder, spontane Kooperation zwischen Frauen und Männern, Gesundheitsfragen und die Art wie wir mit der Natur umgehen, die unser Leben auf diesem Planten auf materieller, pflanzlicher, tierischer und menschlicher Ebene möglich macht. Selbst die kulturellen Aspekte sind durch Sintral tiefgreifend verändert worden.

Auf dem SINTRAL-Treffen vom 20.-22. April 2006 wurde deshalb SINTRAL in ECOSIMIA umgetauft - mit der spanischen Bedeutung "EL ECOSISTEMA ES RESPONSABILIDAD MIA". Oder auf deutsch: "DAS ÖKOSYSTEM IST MEINE VERANTWORTUNG". Und zwar mit dem Verständnis, dass "Ökosystem" ein komplexer Begriff ist, in dem persönliche, soziale und alle verschiedenen Lebensformen der Erde inbegriffen sind.

In einem Diavortrag am 30. Juni 2006 zeigen Rebeca und Mauricio Wild neu zusammengestellte Bilder von ihrem bald dreißigjährigen Weg, der mit der Praxis einer alternativen Erziehung im Einklang mit authentischer menschlicher Entwicklung begann, sie dann zu der Notwendigkeit alternativer Wirtschaftsformen und schließlich zur Schaffung eines sozialen Umfelds führte, das geeignete Umstände für alle Altersstufen ins Auge fasst. Sie teilen ihre Erfahrungen mit den Zuhörern und sind bereit, Fragen zu beantworten.