Zitat Versagen Philosophie

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Daten
Autor: Hans Jörg Sandkühler

Anzumahnen ist eine Philosophie, die sich jener Aufgabe wieder annimmt, die sie groß und nützlich gemacht hat, Philosophie als Kritik im umfassenden Sinne des Wortes, als Analyse also der Bedingungen der Möglichkeit und der Notwendigkeit von Erkenntnis – so mit Kant – und als entsprechende Analyse der Praxis – so mit Marx. Aktualisiert die Philosophie den ganzen Reichtum ihrer Erfahrung und ihres Wissens, dann ist sie in der Lage, eine der Prämissen von Dieter Henrichs Bestandsaufnahme der geschichtlichen Situation in Frage zu stellen. D. Henrich bezieht sich auf die Erfahrungs- und Erkenntnisgeschichte der Menschheit, und doch spricht er vom "selbstgewirkten" Sog in die Katastrophe als Möglichkeit der Menschheit. Ich halte diese Annahme für nicht begründbar. Die gegenwärtig grassierenden Ideologeme vom möglichen "Selbst-Mord", "Selbst-Vernichtung" usw., sind eine gefährliche Täuschung. Sie lenken ab von der Tatsache, daß die Menschen nicht etwa einem geheimen biologischen Exterminismus gehorchen, sondern in Verhältnissen leben, die es nicht zulassen, die menschliche Gattung als einheitlich geschichtsmächtiges Subjekt zu unterstellen, Verhältnissen vielmehr des Kampfes widersprüchlicher Interessen. Der Skandal unserer geschichtlichen Lage besteht nicht in der Möglichkeit zum kollektiven Selbstmord, sondern in der Macht weniger, ganze Völker dem atomaren Mord auszuliefern. Von einer Philosophie unserer Geschichte und unserer Zukunft ist deshalb zu verlangen, daß sie auf dem Niveau der Natur- und Gesellschaftswissenschaften und auf dem Niveau der Erfahrungen gesellschaftlicher Bewegungen für Freiheit und menschliche Würde die Möglichkeiten erklärt, wie die Mehrheit der Menschen vor der Minderheit jener, die den Mord an der Gattung ins Kalkül ziehen, zu bewahren ist.

Anmerkungen

LukasGodulla:

Die Alternativen der Welt werden meist als (unabänderliche) Notwendigkeiten dargestellt - und wahrgenommen -, sich zwischen Aids, Pest, Cholera, Typhus etc. entscheiden zu müssen.
Aber stimmt das so "unabänderlich"? Wer will mich in die Falle locken, mich selbst zu bornieren?
Zwischen schlechten Alternativen jedenfalls, kann ein Mensch keine gute Wahl treffen!

Können ein paar Wenige der Mehrheit wirklich ihren Willen aufzwingen? Oder erfaßt Khalil Gibran den Sachverhalt nicht besser, wenn er sagt:

»Oft hörte ich euch reden von einem, der Unrecht tat, als sei er nicht einer von euch, sondern ein Fremder unter euch und ein Eindringling in eurer Welt.
Doch ich sage euch: Wie der Heilige und Gerechte nicht höher steigen kann als das Heiligste, das in jedem von euch wohnt, ebenso kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen, als das Niedrigste, das in euch liegt.

Und wie ein einzelnes Blatt nicht vergilbt, ohne das stumme Wissen des ganzen Baumes. So kann der Übeltäter kein Unrecht tun, ohne den verborgenen Willen von euch allen.«

(→ s.a. Sachzwang)

Solange die Masse der zum MENSCH-SEIN berufenen (und befähigten!) "Menschen" ihre Verantwortung und Würde nicht erkennt und annimmt - und also anfängt das Ur-Christliche Anliegen - und von Kant (und vielen anderen Philosophen aller Zeiten) immer wieder angemahnte Projekt - der AUFKLÄRUNG endlich in Angriff zu nehmen (also vom bloßen Sich-Verhalten hin zu bewußtem (erkenntnisgeleiteten) Handeln fortzuschreiten). Und sie darüberhinaus nur allzu bereitwillig ihre Verantwortung an ihre sog. "Fachleute" und "Führer" zu deligieren bereit sind - solange wird die ganze Angelegenheit m.E. wohl doch eher auf die von D. Henrich "prophezeite" Entwicklung hinauslaufen. ... (nicht als »biologischer Determinismus - oder Exterminismus etc.«, sondern als eine Art "Gravitationsgesetz des Geistes" - als Folge einer (sehr alten) geistesgeschichtlichen Fehlleistung ...)

christian:

Die gegenwärtig grassierenden Ideologeme vom möglichen "Selbst-Mord", "Selbst-Vernichtung" usw., sind eine gefährliche Täuschung.

Problematisch an diesen Formulierungen ist hier das "Selbst-":

  • die Menschen handeln nicht als Gattungssubjekt, nicht als "Menschheit" (→ Aufklärung)

  • viele heutige Entwicklungen werden ohne Zustimmung, Absprache oder Kenntnis der Betroffenen herbeigeführt (Macht <> Ohnmacht)

  • auch wenn sie es gerne so "kommunizieren", vertreten heutige Eliten nicht die Interessen der Mehrheit (Herrschaft)

die Formulierungen von Henrich gleiten über die vielen Möglichkeiten hinweg, die wir alle
ver-streichen/-tagen/-schenken/-legen/-spielen/...

ThomasKalka:

Wo ist nachzulesen, was D. Henrich schreibt ?

sigi:

vielleicht http://www.philosophie.lmu.de/mitar ... nrich/ma_henrich.htm (hmm, bisken fille) .

eine philosophie, die sich selber einzuordnen versucht in das große bild der menschheits-geschichte, relativiert sich natürlich und geht in etwas neues über, was sich nicht mehr so einfach einordnen lässt . das große bild zeigt 4 phasen: die religöse phase, mit der die heutige kultur anfängt (ägypten, babylon) - die philosophische und andere künste umfassende phase, die sich am rande dieser kultur bildete (griechenland, rom) - die wissenschaftlich, technische phase, einen zweiten rand bildend (europa und amerika) - und die globale phase, in der wir heute leben (charakterisiert durch das internet und hier vor allem durch das wiki und da vor allem durch uns (christian, lukas, sigi, thomas, uwe ... :) ) . nun wisst ihr, von wem das weitere geschick dieser welt wirklich abhängt ;) . sicher nicht von den besitzenden, die, in ihren kokon der macht eingesponnen, völlig unbeweglich geworden sind . den kampf gegen diese clique können wir gewinnen, indem wir über sie hinweg tanzen .

christian:

Die ideologische Funktion von Formulierungen wie der "Selbstzerstörung" des Menschen oder dem (atomaren) "Selbstmord" wurden bereits von Günther Anders kritisiert. Mit dieser Sprache werden Fragen nach den wirklichen Akteuren dieser Entwicklungen ausgeblendet und historisch-gesellschaftliche Entwicklungen als Kollektivschicksal mystifiziert. Für mich ist es aber ebenso wichtig, die eigene Ohnmacht zu thematisieren, um zwischen Selbstaufgabe und blindem Aktionismus die entscheidenden gangbaren Wege zu ermitteln. Es gibt da bei mir so eine Gretchenfrage: Bin ich eigentlich Marxist? Was das Hintergrundwissen angeht, bestimmt nicht ;-) Aber gerade im marxistischen Denken wird die Frage nach der Emanzipation des Menschen zum konstitutiven Bestandteil der Reflexion. Gleichzeitig aber kann kein bestimmtes "Paradigma" den Anspruch für sich erheben, für die Emanzipation des Menschen zuständig zu sein. Daher gefällt mir folgender Ansatz:

Wir bemühen uns, nicht Begriffe über Menschen zu bilden, sondern für Menschen. Wir wollen den "Standpunkt außerhalb" der traditionellen Psychologie in Richtung auf die Klärung und Verallgemeinerung des "Standpunkts der Betroffenen" überwinden. Deshalb kann die Kritische Psychologie auch nicht vorschreiben, was gut und was schlecht ist, was der einzelne tun oder lassen soll. Vielmehr soll das Individuum in die Lage versetzt werden, seine Interessen zu erkennen und die eigene Situation so zu durchschauen, daß es seine konkreten Handlungs- und Lebensmöglichkeiten sehen und realisieren kann.

Marxistisches Denken ist ein besonders gründlicher, aber nicht der einzig mögliche gangbare Weg, die Formen kultureller Praxis kritisch zu durchdringen. Besonders gründlich werden im Marxismus aber das Funktionieren und Nichtfunktionieren des Kapitalismus, also der großen kulturellen Praxisformen, in ihrer historischen Genese und gesellschaftlichen Bestimmtheit durchdrungen. Dadurch wird das, was passiert, verstehbar und kritisch reflektierbar. Ich habe da so meine Probleme mit dem "Ende der großen Erzählungen".

uwe:

ich finde das "Der Prophet" Zitat ist ein guter Ansatz die Zusammenhänge von Materie und Sinn nachvollziehbar werden zu lassen.
Wenn es denn so ist: was will uns die Bush Familiensaga damit vorerzählen?

http://www.infokrieg.tv/Terrorstorm.htm

Der "Brennende Bush" kommt mit den zehn Geboten im Alten Testament als Wiederholungstat vor: die Gesetzestafeln werden ersteinmal zerstört, daß sie nicht angebetet werden und dann werden nochmals Tafeln beschriftet und mit der Bundeslade zusammen an das "Volk" gegeben.
Der Wahn "ein" auserwähltes (Meerschweinchen)volk zu züchten guinypigs führt das Volk dann in den gelobten Käfick und die Schlangen dürfen sie nicht mehr fressen.
wir müssen das nun staatstragisch selber zelebrieren. Selbsterkenntnis bringt die möchtegern Götter zur eigenen Verzweiflung (was sie dann delegieren wollen).

  • komischerweise landet sowas (neben dem geld natürlich) auf die eine oder andere art immer bei den juden ;( . liegt hier vielleicht doch der schlüssel zur herausforderung der menschlichen intelligenz schlechthin . ich sage nur: 666!!!

Heraklit sagte "Alles fließt" und "niemand steigt zweimal in den selben Fluß" und er meinte "die unsterblichen sind sterblich und die sterblichen sind unsterblich: die Einen leben im Tode der Anderen und sterben in ihrem Leben"
So ist "das Leben der Anderen" eine Chronik, in der "das Unsterblich machen" zumindest als "Wissen darum" vererbt sein kann. http://uvvel1.twoday.net/

Lukas:

Hans Jörg Sandkühler bezieht sich vermutlich auf diesen Beitrag von Dieter Henrich: "Nuklearer Frieden", in: DIALEKTIK. Beiträge zu Philosophie und Wissenschaften, Heft 4, Köln 1982, S. 11-20

christian:

Ich glaube, oben hat Sandkühler sich nur als Beispiel auf Henrich bezogen. Aus dem Zitat wird ersichtlich, worum es ihm geht: Das von scheinbar neutralen Formulierungen folgenreiche Täuschungen ausgehen können, wenn man sie nicht auf ihren Sinn befragt.

sigi:

ich glaube, es ist eine frage des blick-winkels . so wie d. henrich einen "selbstgewirkten" sog in die katastrophe konstruiert, weil er an der uni lehrt (christian hat an anderer stelle die atmosphäre dort treffend geschildert), so konstruieren wir ein "mensch sein" des einzelnen, weil wir im wiki sind . die bewusste menschheit, die hier eingefordert wird, ist für uns kein traum, weil wiki nur so funktionieren kann .