Peter Kafkas Wertsetzung

Version 6, 217.250.63.219 am 23.9.2006 07:24
T:

Zu mehr Komplexität führt Entwicklung dadurch, dass das was zusammenpasst auch übrigbleibt. Mehr Komplexität ist das anzustrebende Ziel.

B:

Wieso ist das, was komplexer ist, besser? Was er beschreibt ist nicht unbedingt zunehmende Komplexität, sondern zunehmende Kompliziertheit. Diese Beschreibung ist zu teleologisch, zu sehr auf "Höherentwicklung" ausgerichtet. Was ist an einem Menschen besser als an einem Stein? Das kann - und muss - ich doch nur aus der Perspektive des Menschen sagen, aus systemtheoretischer Perspektive kann ich das nicht. Das ist vielleicht auch generell das Problem mit all diesen systemtheoretischen Sachen, sie sind zu "mechanisch". Menschliche Gesellschaft ist kein Problem von Entropie. Das kann bestenfalls eine Metapher sein. Bei ihm ist es aber mehr als das. Man könnte es Physikalismus nennen.

T:

Physikalismus ist es auf alle Fälle: es gibt in seiner Sicht keine andere Wirklichkeit außer der physikalisch beschreibbaren. Dies schließt aber nichts aus: es gibt verschiedene Ordnungen von Organisation, die in ihrer Abfolge mit immer weniger Bindungsenergie auskommen, die Korrelationen unter den Attraktoren immer komplexere und damit auch kompliziertere Funktionsweisen haben, die wir physikalisch auch gar nicht mehr beschreiben können.

Sicher ist alles , was wir wollen können, nur von uns aus sichtbar. Was willst Du aber: möchtest Du eine Theorie, die beweist, was wir wollen sollen ? Dies geht imho nicht. Systemtheorie sehe ich als Werkzeug, das Aussagen über grobe Eigenschaften von Systemen trifft. Werkzeuge bestimmen keine Ziele, ermöglichen bestimmte und sind deshalb potentiell gefährlich.

Wie jedes Denkwerkzeug sind sie nicht beseelt, aber was erwartest Du von einer Maschine ?

Systemtheretie ist doch keine ethische Perspektive, sondern eine der Abstraktion, ein Denken in Vereinfachungen, um grobe Strömungen erkennen zu können.

B:

Das ist aber doch ein Widerspruch: "Keine Wirklichkeit ausser der physikalisch beschreibbaren" und "komplizierte Funktionsweisen, die wir physikalisch nicht mehr beschreiben können". Sind dann die "komplizierten Funktionsweisen nicht mehr wirklich? Am Ende gar nur eingebildet?

T:

Es gibt keine Wirklichkeit, die wir nicht in physikalisch Beschreibbares zergliedern können. Das Beobachtbare nennen wir Attraktor, es ist halt hinreichend stabil, dass wir es als Einheit warnehmen können. Das Beobachtbare ist zum Beispiel unser Geldwesen. Was lernen wir aus der physikalischen Betrachtungsweise ? Nichts. Besser sollte ich sagen "komplizierte Funktionsweisen, die wir physikalisch nicht berechnen können".

Entwicklungsmodell

B:

Passendes kann nur nach Abwarten einiger Durchläufe von Zyklen erkannt werden.

Was ist denn ein Zyklus? Wieso muss das "eine Generation" sein - wie er wohl irgendwo mal sagt. Damit wird ja schon ein linearer Zeitablauf festgelegt - der ist aber selbst schon Produkt menschlicher Geschichte. Früher hat man Zeit zyklisch gesehen, heute vielleicht "fragmentiert".

T:

Der Zyklus kommt aus dem Phasenraum-Bild, das er benutzt. Ob ein Attraktor stabil ist oder nicht, erkennst Du nur, wenn sich Zyklen ergeben (d.h. eine benachbarte Bahn im Phasenraum durchlaufen wird). Wenn benachbarte Bahnen immer in eine führen, ergibt sich ein Attraktor.

Widerspruch im Anspruch ?

B:

Unsere Probleme sind weder lokal noch gemächlich. Also können wir sie auch nur global und schnell lösen.

Wir müssen durch globale und schnelle Kooperation wieder dazu kommen, lokal und gemächlich zu sein und umgekehrt.

T:

Ja, genau. Die Analyse der Krise zwingt uns zur Selbstregulierung: wir müssen global und schnell aufhören, synthetisch die Zukunft gestalten zu wollen.

Er fordert uns auf, das offensichtlich blödsinnige zu lassen, und das möglichst global und schnell. Was dann kommt, weiß er nicht. Für den Fall, das niemand eine Idee hat, hat er einige Vorschläge.

B:

Aufklärung ist das Denken in Systemen. Alles wird nach einem Muster geordnet, abweichendes schubladisiert. Die Systemtheorie treibt das auf die Spitze. Alles ist nur noch ein System.

Das "Überleben" ist jedoch komplexer als es die pure Systemtheorie zu erfassen vermag. D.h. jetzt nicht, dass man das ignorieren kann und soll, was die sagen. Aber es hat einen begrenzten Horrizont eben gerade weil es so allgemein ist. Sterne funktionieren nicht nach den selben Prinzipien wie Gesellschaft, auch wenn man manchmal interessante Analogien finden mag. Das sind Metaphern. Metaphern können durchaus hilfreich sein, nur muss man sich halt bewusst sein, dass es nur Metaphern sind.

T:

Peter Kafka leitet ja nicht ab, wie wir überleben sollen.

Gibt es einen unterschied zwischen Analogie und Metapher ?

Um eine Analogie zu bemühen: Wenn wir bei mir sehr hohes Fieber feststellen - eine Reduktion der Aussage über ein komplexes Wesen auf eine Zahl - werden wir uns bemüßigt fühlen, etwas dagegen zu unternehmen. Auch wenn wir die Gründe des Fiebers nicht wesentlich verstehen, werden wir zuerst doch die Temperatur in erträgliche Grenzen versuchen zu bewegen ohne auf eine Analyse zu warten, bis der Patient gestorben ist ?

Dass eine genaue Analyse überhaupt möglich ist, kritisiert Kafka ja indem er die wissenschaftliche Fortschritts-Methode ablehnt. Er benutzt dazu genau das obige Argument: "die Welt ist zu komplex, um eine Entwicklung zum Überleben nach heutigen wissenschaftlichen Methoden betreiben zu können".

Wissenchaftliche Argumentation kann uns aber zeigen, womit wir besser aufhören sollen. Es ist ähnlich wie beim Schachspiel, nur um unvorstellbare Größenordnungen komplizierter. Falsche Züge zu erkennen ist einfacher, da die Rekursion irgendwann abbricht. Gute Züge sind eigentlich nur erkennbar, wenn die Komplexität des Spieles gering ist.

Können wir uns auf diese Aussage einigen, sozusagen als Gödelscher Satz der Wissenschaft ?

Wissenschaftliche Methoden - unter anderem die Systemtheorie - sind zur Erzwingung einer gelingenden Entwicklung der Menschheit nicht tauglich. Wissenschaftliche Analyse kann uns jedoch auf Irrwege in der Entwicklung hinweisen.

Wir sind uns doch einig, daß wir als Menschheit die gegenwärtige Entwicklung nicht fortsetzen sollten ?

Kafka bietet einen Argumentationsweg für naturwissenschaftlich denkende Menschen an, weil das seiner Meinung nach das gängige Paradigma unserer Zeit ist.

B:

Und was ist mit den chaotischen Attraktoren? Sind die nicht für uns die interessanteren?

T:

Da liegt ein Missverständniss vor. Es gibt keine chaotischen Attraktoren, sondern erstaunlicherweise auch im Chaos Ordnung, also Attraktoren. Im Chaos sind die Attraktoren fraktal, d.h. selbstähnlich detailliert bis ins unendliche, unzergliederbare.

B:

Die Interpretation der Brauchbarkeit aufklärerischen Denkens zum Ermitteln der Missstände aber nicht für Lösungen ist eine gute Arbeitshypothese.

Das offensichtlich Blödsinnige kann aber der einzelne nicht lassen, das kann nur gesellschaftlich geschehen bzw dieser Anspruch muss Mehrheit werden. Individuell geht es nicht.

Neue Seiten im Kontext

Sonntag, 13. August 2006