Kompostklo

Version 10, 88.72.207.80 am 30.8.2006 13:34
Daten
Autor: Friedensreich Hundertwasser

Filosofie

SCHEISZKULTUR - DIE HEILIGE SCHEISZE

von Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser (1980)

Die Vegetation hat Jahrmillionen gebraucht, um die Schleimnis, die Giftstoffe zuzudecken mit einer Humusschichte, einer Vegetationsschichte, einer Sauerstoffschichte, damit der Mensch auf Erden leben kann.

Und dieser undankbare Mensch holt eben diese mit langwieriger kosmischer Mühe zugedeckte Schleimnis und eben diese Giftstoffe wieder an die Oberfläche. So wird durch die Untat des verantwortungslosen Menschen das Ende der Welt zum Anfang aller Zeiten. Wir begehen Selbstmord. Unsere Städte sind Krebsgeschwüre. Von oben sieht man das ganz genau.

Wir essen nicht das, was bei uns wächst, wir holen Essen von weit her, aus Afrika, Amerika, China und Neuseeland. Die Scheiße behalten wir nicht. Unser Unrat, unser Abfall wird weit weggeschwemmt. Wir vergiften damit Flüsse, Seen und Meere, oder wir transportieren sie in hochkomplizierte teure Kläranlagen, selten in zentralisierte Kompostierfabriken, oder aber unser Abfall wird vernichtet. Die Scheiße kommt nie auf unsere Felder zurück, auch nie dorthin, wo das Essen herkommt. Der Kreislauf vom Essen zur Scheiße funktioniert. Der Kreislauf von der Scheiße zum Essen ist unterbrochen. Wir machen uns einen falschen Begriff über unseren Abfall. Jedesmal, wenn wir die Wasserspülung betätigen, im Glauben, eine hygienische Handlung zu vollziehen, verstoßen wir gegen kosmische Gesetze, denn in Wahrheit ist es eine gottlose Tat, eine frevelhafte Geste des Todes.

Wenn wir auf die Toilette gehen, von innen zusperren und unsere Scheiße wegspülen, ziehen wir einen Schlußstrich. Warum schämen wir uns? Wovor haben wir Angst? Was mit unserer Scheiße nachher geschieht, verdrängen wir wie den Tod. Das Klosettloch erscheint uns wie das Tor in den Tod, nur rasch weg davon, nur schnell vergessen die Fäulnis und Verwesung. Dabei ist es gerade umgekehrt. Mit der Scheiße beginnt erst das Leben.

Die Scheiße ist viel wichtiger als das Essen. Das Essen erhält nur eine Menschheit, die sich massenweise vermehrt, an Qualität sich vermindert und eine Todesgefahr für die Erde geworden ist, eine Todesgefahr für die Vegetation, die Tierwelt, das Wasser, die Luft, die Humusschichte. Scheiße aber ist der Baustein unserer Wiederauferstehung.

Seit der Mensch denken kann, versucht er, unsterblich zu sein. Der Mensch will eine Seele haben. Die Scheiße ist unsere Seele. Durch die Scheiße können wir überleben. Durch die Scheiße werden wir unsterblich. Warum haben wir Angst vor dem Tod? Wer eine Humustoilette benützt, hat keine Angst vor dem Tod, denn unsere Scheiße macht zukünftiges Leben, macht unsere Wiedergeburt möglich. Wenn wir unsere Scheiße nicht schätzen und in Humus umwandeln zu Ehren Gottes und der Welt, verlieren wir unsere Berechtigung, auf dieser Erde anwesend sein zu dürfen.

Im Namen falscher hygienischer Gesetze verlieren wir unsere Wiedergeburt. Schmutz ist Leben. Sterile Sauberkeit ist tot. Du sollst nicht töten, doch wir sterilisieren alles Leben mit Gift und Beton. Das ist Mord.

Der Mensch ist nur ein Rohr. Auf der einen Seite gibt er Dinge hinein, auf der anderen kommen sie verdaut wieder heraus. Der Mund ist vorne, der After hinten. Warum? Umgekehrt sollte es sein. Wieso ist Speisen positiv? Wieso ist Scheiße negativ? Was aus uns herauskommt, ist kein Abfall, sondern der Baustein der Welt, unser Gold, unser Blut. Wir verbluten, unsere Zivilisation verblutet, unsere Erde verblutet durch wahnwitzige Unterbrechung des Kreislaufes. Wer immer zur Ader läßt, immer nur Blut verliert und nicht durch neues ersetzt, der verblutet. Freud hatte recht, als er in der Traumdeutung sagte: Scheiße ist Synonym für Gold. Daß es nicht nur ein Traum ist, sondern Wirklichkeit, müssen wir jetzt feststellen.

Als Pasolini in einem Film Schauspieler Scheiße essen ließ, war das ein Symbol des Kreislaufschließens, ein verzweifeltes Beschleunigenwollen.

Dieselbe Liebe, dieselbe Zeit und Sorgfalt muß aufgewendet werden für das, was "hinten" herauskommt, wie für das, was "vorne" hineinkommt. Dieselbe Zeremonie wie beim Speisen, mit Tischdecken, Messer, Gabel, Löffel, chinesischen Eßstäbchen, Silberbesteck und Kerzenlicht. Wir haben Tischgebete vor und nach dem Essen. Beim Scheißen betet niemand. Wir danken Gott für unser tägliches Brot, das aus der Erde kommt, wir beten aber nicht, auf daß sich unsere Scheiße wieder umwandle.

Abfälle sind schön. Das Sortieren und Wiedereingliedern der Abfälle ist eine frohe Tätigkeit. Diese Tätigkeit spielt sich nicht in Kellern und Hinterhöfen, auf Miststätten, Toiletten und Aborten ab, sondern dort, wo wir leben, wo Licht und Sonne ist, im Wohnzimmer, in unserem Prunkraum. Es gibt keine Abfälle, Abfälle existieren nicht. Die Humustoilette ist ein Statussymbol. Wir haben das Privileg, Zeugen zu sein, wie sich mit Hilfe unserer Weisheit unser eigener Abfall, unsere eigene Scheiße in Humus verwandelt, so wie der Baum wächst und die Ernte reift. Bei uns zu Hause, als wär's unser eigener Sohn.

Homo - Humus - Humanitas, drei Schicksalswörter gleichen Ursprungs. Humus ist das wahre schwarze Gold. Humus hat einen guten Geruch. Humusduft ist heiliger und Gott näher als der Geruch von Weihrauch. Wer nach dem Regen im Wald spazierengeht, kennt diesen Geruch.

Natürlich ist es etwas Ungeheuerliches, wenn der Abfallkübel in den Mittelpunkt unserer Wohnung kommt und die Humustoilette auf dem schönsten Platz zum Ehrensitz wird. Das ist jedoch genau die Kehrtwendung, die unsere Gesellschaft, unsere Zivilisation jetzt nehmen muß, wenn sie überleben will.

Der Humusgeruch ist der Geruch Gottes, der Geruch der Wiederauferstehung, der Geruch der Unsterblichkeit.

aus dem Reader "Zur Vorbereitung der Ost-West-Begegnung Selbstorganisierter Lebensgemeinschaften (Kommunen, Ökodörfer, spirituelle Gemeinschaften und andere alternative Lebensformen) 14.-17.6.1990 in Kleinmachnow bei Berlin. Herausgegeben von der Vorbereitungsgruppe des Informationsdienstes Ökodorf e.V.
Zum zitierten Text steht als Quellenangabe in diesem Reader nur: "Friedensreich Hundertwasser: Maler Architekt, Algajola, Venedig, Neuseeland. Der Text entstand 1979/80."

Reingenommen von Roland, ZarNekla 8/6


sigi:

sollte man, in gold gerahmt, auf jeder toilette aufhängen, für den anfang

karl:

danke, roland ! super text. lg karl 3008

Neue Seiten im Kontext

Dienstag, 24. Januar 2006

Hofprojekt 1 Stunde südlich von Berlin