Diskussion Holzkamp Theorie

Version 17, 83.65.166.2 am 18.10.2006 11:02

Theoretische Grundlagen bei Klaus Holzkamp

Beginn der Diskussion

christian:

In marxistischem Gewand: "es geht nicht darum Begriffe zu interpretieren, sondern darum, sie zu verändern".

Der Marxismus warnt doch gerade vor der Illusion, nur die Sprache oder das Denken zu ändern → Feuerbachthesen. Ich meine, Sprache bekommt ihren Sinn, weil sie in kulturelle Praxis eingebettet ist. Ein "Denken jenseits der Sprache" (und Kultur) ist eher eine Fiktion - da Sprechen/Denken selbst Formen kultureller Praxis sind, auf die wir immer wieder zurückverwiesen sind, auch, um uns - auch über neues - zu verständigen.

Helmut, ich habe Dir auf der Seite Keimform noch was geschrieben. Schau mal rein, wenn Du Zeit hast.

Helmut:

Christian, danke für die Links dort. Ich hab sie schon gelesen und verstehe das Holzkamp'sche Anrennen gegen eine traditionelle Psychologie. Das meiste, was er da schreibt ist sympathisch, verständlich und nachvollziehbar. Trotzdem ist aber die Holzkamp'sche Perspektive nur eine mögliche, wenn auch naheliegende, Forschungsperspektive und er hat sie mutwillig verengt, indem er sich - ohne wissenschaftliche Notwendigkeit - auf die Gegensätzlichkeit "Kapitalismus - marxistisch orientierte Kritik" reduziert hat. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass etwa sein Konzept der "restriktiven Handlungsfähigkeit" (übersetzt: das sich opportunistisch Arrangieren mit dem jeweiligen Establishment zum rational-egoistisch wahrgenommenen Vorteil) nur ein Phänomen im Kapitalismus wäre und nicht genauso im Reich der Pharaonen, Zaren, des Islam und x-beliebigen kommunistischen Staaten zu allen Zeiten stattgefunden hat und stattfindet. Im Grunde hat Holzkamp sich doch damit auch selbst einer partiell-restriktiven Handlungsfähigkeit bedient, indem er sich einer einflussreichen weltanschaulichen Gruppe als Theoretiker hingegeben hat.

christian:

Holzkamp nimmt den Gedanken, dass wir nicht über der Geschichte stehen, sehr ernst. Dazu gehört, dass wir heute in einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft leben. Es geht ihm darum, dass die heutigen Menschen für sich klären, was ihnen in der heutigen Gesellschaft einschränkende Lebens- und Erlebensmöglichkeiten aufnötigt. Der Inhalt der Kategorien restriktive vs. verallgemeinerte Handlungsfähigkeit konkretisiert sich im heutigen Sein heraus, weil wir an dieses gebunden sind, aber Möglichkeiten der Veränderung erörtern können. Dies ist übrigens genau das Gegenteil dessen, was Sigi den Marxisten unterstellt (Gottsuche).

Helmut:

Christian, du drückst das sehr schön aus: es kommt ihm darauf an. D. h. es ist seine persönliche Forschungsperspektive, die er versucht, der Psychologie als Ganzes aufzudrücken. Vielleicht gibt es ein Dutzend verschiedener Psychologie-Forschungsperspektiven, die alle gemeinsam das Feld der Psychologie bilden und keine für sich Alleinvertretungsansprüche stellen kann. Er tut es und begibt sich damit aus dem Feld objektiver Wissenschaft in das Feld Hilfswissenschaft von Weltanschauung oder Gesellschaftsveränderung. Das ist legitim, aber nicht erfolgsträchtig, weil die damit verbundenen Setzungen und Ausblendungen eigentliche Forschung weitgehend unmöglich machen. Der entstehende Konflikt zwingt ihn wesentlich in das Feld der verkündigung. Er könnte ja gar nicht finden, dass im Einzelfall der Mensch das Problem darstellt, weil er seine Fragestellung so vorgegeben hat, dass nur die Gesellschaft das Problem und die Gesellschaftsveränderung das Ziel sein kann. Eine objektive Wissenschaft würde das Gesamtsystem aus Mensch und Gesellschaft vorurteilsfrei betrachten und etwa die Frage stellen, welche Probleme existieren, woher sie kommen und wo und wie sie am leichtesten zu lösen sind. Dies erfordert transdisziplinäre Forschung im Feld Soziologie + Psychologie + Systemtheorie.

christian:

Zu Holzkamp: In diesem Sinne ist alles und jedes eine persönliche Meinung. Entscheidend ist, wie stark man über die epistemologischen Grenzen seiner Faches, den Gegenstandsbereich, die eigene kulturelle Eingebundenheit etc. nachdenkt und diese Erkenntnisse mit berücksichtigt. Dies tut die Kritische Psychologie gründlicher als andere. Es ist keine Absolutsetzung, da die Kritische Psychologie nur Werkzeuge erarbeiten möchte, mit denen die Menschen selber über ihre Lebensprobleme reflektieren können (nicht: sollen/müssen). Sie will eben kein Paradigma liefern, welches über die Menschen erhaben ist oder ihnen etwas aufzwingt → in so vielen Texten wird dies immer wieder betont! Übrigens gehört zu ihren Kernfragen die danach,

welche Probleme existieren, woher sie kommen und wo und wie sie am leichtesten zu lösen sind

Da sich allgemeine Probleme auf den Ebenen Struktur der Gesellschaft / konkreter sozialer Kontext / Individuum unterschiedlich darstellen, versucht sie, diese zusammenzudenken, kommt also dem nahe, was Du forderst:

Dies erfordert transdisziplinäre Forschung im Feld Soziologie + Psychologie + Systemtheorie.

Nur ergeben sich epistemologische Probleme, wenn ein Problem auf unterschiedliche Forschungsfelder verteilt wird. Das spricht nicht gegen deren Erkenntnisse, sondern aus der Perspektive der In-Gesellschaft-Handelnden stellt es sich anders dar → Subjektstandpunkt. Hinterfragt wird aber die emanzipatorische Relevanz traditioneller "vorurteilsfreier" Forschung, die oft weder vorurteilsfrei ist noch einer sinnkritischen Analyse standhält, z.B. experimentelle Psychologie, Behaviorismus, ....

Helmut:

Klassische Wissenschaft ist systembedingt analytisch und detailverliebt und verkauft gerne Daten, die sich leicht gewinnen (man kann menschliche Parameter leichter kontrollieren als gesellschaftliche) und verkaufen lassen (bequehme Wahrheiten in modischen Denkrichtungen können leichter publiziert und rezipiert werden). Unter diesem Gesichtspunkt erscheint Holzkamp als Synthetiker, der gegen den Strom schwimmt. Nicht so unähnlich einem Christopher Alexander in seinem Gebiet der Architektur/Lebensweltgestaltung. Trotzdem gilt der Wille nicht fürs Werk. Es bleibt die Frage, wie fruchtbar dieser Forschungsansatz ist, wie weit er zu greifbaren Ergebnissen jenseits der Verkündigung seiner programmatischen und begrifflichen Standpunkte kommt. Mit anderen Worten, ob er in der Lage ist, Gesellschaft zu verändern oder dafür Grundlagen zu schaffen. Als Laie, von außen, habe ich davon noch nicht viel wahrnehmen können, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen.

christian:

Das ist m.E. zu funktionalistisch gedacht und würde die emanzipatorische Ausrichtung dieses Ansatzes unterlaufen. Die Kritische Psychologie möchte Denkformen bereitstellen, mit denen die Menschen kritische Lebenssituationen in ihrer gesellschaftlichen Bestimmtheit aufschlüsseln können. Dabei gilt es, Möglichkeiten und Restriktionen des Handelns zu erschließen → welche Einsichten die Menschen gewinnen, ob und wie sie danach handeln KANN wissenschaftlich NICHT vorherbestimmt werden; erstmal, weil die Menschen sich für bestimmte Handlungen erst entscheiden, zweitens aber, weil dann der Gedanke der Freiheit pseudowissenschaftlich entwertet wird. Es gilt, Menschen zu unterstützen, nicht über deren Köpfe hinweg zu bestimmen, wie sich deren Freiheit oder Emanzipation zu konkretisieren habe. Ob es zu greifbaren Ergebnissen kommt, hängt nicht alleine von der bloßen Erkenntnis ab, sondern vom Handeln der Menschen und dem objektiven Sein → hier gibt es, was die Geschichte angeht, einen nicht zu elimierenden Rest Unbestimmtheit, gerade weil die meisten Menschen von einer direkten Verfügung über das gesellschaftliche Sein entfremdet sind (→ restriktive Handlungsfähigkeit).

Lesestoff: Helmut, es gibt noch eine Textsammlung, die ich vor einiger Zeit im CoForum indexiert habe → Sonderpiranha SoSe 2000.

Helmut:

Christian, danke für die Text-Hinweise. Ich werde versuchen, sie zu verarbeiten. Vielleicht könntest du die wesentlichen Punkte und Ergebnisse der kritischen Psychologie oder Holzkamps zusammenfassen?

Was ist unter Subjektstandpunkt zu verstehen? Was sind die empirischen Resultate daraus? Welche Schlussfolgerungen sind möglich?

Kann das Verhältnis Mensch-Gesellschaft im verkleinerten Maßstab durch das einfachere System Schüler-Schule als analoges Modell veranschaulicht werden?

Die Aussage "konkrete Gesellschaftsveränderungen werden nicht vorgeschlagen, um den Menschen nicht bei der Emanzipation seiner Handlungsmöglichkeiten einzuschränken" (eigene Formulieren, bitte ändern falls nicht korrekt) erscheint mir problematisch. Einerseits wird durch den Subjektstandpunkt jede Problemlösung in den Bereich der Gesellschaft geschoben, sodass dem Menschen nur ganz bestimmte Handlungsmöglichkeiten (nämlich Gesellschaftsveränderung) nahegelegt werden. Hier übernimmt die KP offenbar sehr wohl große Verantwortung, gibt eine dogmatische Antwort, die eigentlich erst Endergebnis wissenschaftlicher Forschung sein könnte. Wie kann die KP das, ohne einen objektiven geschichtlichen Standpunkt vorrauszusetzen, den sie selbst ablehnt? Andererseits scheint sie sich aber vor konkreten Vorschlägen zu drücken (die natürlich schwierig wären, hohes Systemwissen voraussetzen würden - das eines geschichtlichen Standpunkts im Sinne eines Lernens aus der Vergangenheit bedarf, an denen die KP kritisierbar und falsifizierbar würde, usw.) so dass, dem Einzelnen quasi wieder (eigentlich gesellschaftlich) die Allein-Verantwortung für seine Ent-Wicklung zugeordnet wird. Also das, was die KP kritisiert, dass die traditionelle Psychologie den Einzelnen belastet, scheint die KP ihrerseits ebenfalls zu tun, indem sie dem Einzelnen die Last der Emanzipation zuschiebt. Statt konkreter "Einzeldefekte" scheint die KP den Generaldefekt "Emanzipationsmangel" festzustellen. Wo ist da der Vorteil aus Sicht des Subjektes?

christian:

Grüß Dich, Helmut! Zur Zeit habe ich viel zu tun (Praktikum an einer Schule), deswegen ist mein Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Deswegen kann es dauern, bis ich hier antworte. Ich möchte vorschlagen, dass wir uns gemeinsam zur KP vorarbeiten. Ich bin keine "Kenner" der Materie, nur ein Student, und dann auch noch Lehramt, und in diesem Rahmen ist mir ein Text von Klaus Holzkamp begegnet (Lehren als Lernbehinderung?), bei dem ich das Gefühl hatte, dass hier grundlegende Probleme der heutigen Schule aufgezeigt werden. Ganz wörtlich: Er entwickelt hier eine Problemstellung (Lehrlernen) und zeigt, wie dieser "Lehrlernkurzschluss" die schulische Realität und damit einhergehende Probleme bestimmt. Hiermit möchte ich auf Dich zurückkommen:

Statt konkreter "Einzeldefekte" scheint die KP den Generaldefekt "Emanzipationsmangel" festzustellen.

Es gibt hier lauter konkrete "Einzeldefekte", in denen sich aber die allgemeinen Formen interner Schulorganisation manifestieren. Für Lehrer und Schüler gibt es eine konkrete Schulwirklichkeit, in der sie sich bewegen, aber innerhalb einer institutionalisierten Schulstruktur, die sich innerhalb historisch-gesellschaftlicher Entwicklungen herausgebildet hat. Dieses Verhältnis von konkreten Kontexten und die sie bestimmenden allgemeinen Momente läßt sich auf höhere Ebenen übertragen, zum Beispiel: Ein dreiteiliges Schulsystem als Spiegel einer Ständegesellschaft.

dem Einzelnen quasi wieder (eigentlich gesellschaftlich) die Allein-Verantwortung für seine Ent-Wicklung zugeordnet wird

Nein, denn das wäre die Neoliberale Eigenverantwortung des Individuums. Die KP isoliert aber nicht das Individuum als geschichtsloses und ungesellschaftliches Abstraktum aus seinen Lebensverhältnissen heraus. Die neoliberale Eigenverantwortung impliziert eine Schuldzuweisung, die die KP nicht trifft, da sie die gesellschaftlichen Momente hinter den konkreten Problemen ermittelt.

dem Menschen nur ganz bestimmte Handlungsmöglichkeiten (nämlich Gesellschaftsveränderung) nahegelegt werden

Nicht "nahegelegt werden". Sie möchte die gesellschaftliche Bestimmtheit der Probleme aufzeigen, nicht befehlen, welche Schlüsse der Einzelne daraus "zu ziehen habe". Sie gibt keine Antworten über die Köpfe hinweg vor.

ohne einen objektiven geschichtlichen Standpunkt vorrauszusetzen

KP untersucht den Zusammenhang von Mensch und Welt in emanzipatorischer Absicht, d.h. sie untersucht das objektive gesellschaftliche Sein des Menschen in dem Wissen, dass dieses (und damit ihre Erkenntnisse auch) einer geschichtlichen Entwicklung unterliegt. Ihr Standpunkt ist der innerhalb der Gesellschaft und innerhalb der Geschichte, trotzdem hält sie an dem Anspruch fest, allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen - nur sind diese nicht überhistorisch. Dazu gehört aber, den Entwicklungsprozess der heutigen Gesellschaft (und Kultur...) mit zu betrachten.

Übrigens fällt man auf eine Ideologie rein, wenn man dieses als Merkmal der KP gegenüber anderen Sozialwissenschaften herausstellt (als wären diese es nicht schon immer gewesen) → schließlich ist es doch gerade positiv, wenn sich Wissenschaftler dem Faktum stellen, dass sie in ihrer Arbeit Teil einer Kultur sind.

Jetzt bin ich ganz schön ins Schwatzen gekommen, möchte Dir doch vorschlagen, dass wir uns die KP zusammen erschließen, mit den anderen, welche sich noch hier im CoForum melden... Stefan Meretz ist hier für mich auch die Fachautorität.

Helmut:

Richte mich ganz nach dir/euch. Habe gerade die beiden Holzkamp-Bücher bekommen und werde damit hoffentlich auch mehr zur Substanz beitragen können. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was bei der gemeinsamen Erschließung herauskommt.

christian:

Helmut, ich habe wieder etwas mehr Luft! Demnächst kommt ein kleiner Text - vielleicht erstmal nur als Mail an Dich.

Helmut:

Christiam, danke für deinen Text, der für mich eine Einführung in viele sympathische Aspekte des Holzkamp'schen Denkens darstellt. Es gibt da viele positive, verständliche Punkte, teilweise schon erwähnt, wie die Forderung nach der Emanzipation des Menschen.

Dem stehen aber gewaltige Probleme gegenüber, die diese Positiva völlig zunichte machen. Holzkamp baut einen Dschungel intellektueller Begrifflichkeit auf, der seine Texte an die Grenze der Lesbarkeit bringt und überhaupt keinen Nutzen bringt, außer vielleicht um ihm "akademische Authorität im negativen Sinn" zu sichern und seine Arbeit gegen Kritik zu immunisieren. Seine humanistisch-moralische Haltung ist ehrenwert, keine Frage. Seine wissenschaftlichen Tätigkeit aber ist großteils bedeutungslos. Wissenschaftliche Bedeutung haben imho nur Teile seiner Kritik an der etablierten Psychologie. 98% ist unfruchtbare Pharasologie, welche die Mühe nicht wert ist, sie aufzudröseln. Ich weiß, das klingt hart, vielleciht unakzeptabel, aber ich halte es für die nackte Wahrheit. Bin natürlich bereit, das im Detail zu diskutieren und zu begründen.

Neue Seiten im Kontext

Samstag, 16. September 2006

Diskussion zum Begriff "Begriff", sigis Kritik verschoben