Wie ich den Glauben widerbelebte

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Erlebnis-Aufsatz "Whynachten 2006" von Roland, ZarNekla
(Nachfolger: Wie ich den Glauben widerbelebte 2.0 2011
und Wie ich den Glauben widerbelebte 3.0 2012)

Wie ich den Glauben widerbelebte

Jupp, da war er, der Gedanke! Motiviert von meinem lebenden Bekenntnis: Leute in Bewegung bringen; verblüffen, überraschen, anstupsen; zum Lachen bringen gar. Meine Idee wurde zu heiteren Vorstellungen. Und dann zur materiellen Gewalt: Ein Whynaxmann-Kostüm! Mit allem dran – Mantel mit Pelzbesatz und weiter Kapuze in zufälligem Coca-Carola-Rot, ein Strick zum Seelezusammenhalten, eine weiße Langhaarperücke samt wallendem, unmündigen Bart –, aber noch wenig drin. Gefunden für 5 Ois Ausleihkohle in der Loitzer Änderungsschneiderei (die auch Brautkostüme verborgt) noch am 22. Dezember, nachmittags. Also los, zu Hause probierte ich's mal an und klopfte laut aber langsam, fordernd aber nicht lange an die Küchentür, als Marlin dorthinter herumschwirrte. Er öffnete und – – – – brauchte 4 Sekunden, bis er mich erkannte: "Roland!!!" Perfekt.
Am 23. pflanzten wir schnell noch paar Apfelbäume, und am 24. brachte ich den highlügen Tag bis etwa 15.00 damit zu, nette kleine und größere Geschenke hübsch ansehnlich einzuwickeln und in meinen alten NVA-Seesack zu stopfen.
Was meine Idee war?
Ich wollte vollkostümiert nach Demmin fahren und bei irgendwelchen Leuten klingeln und erleben, was dann passiert.
Nachtdunkler Nachmittag. Heimelige Fluchtlichtstille. Vom Weltenall aus gesehen, mußte sogar Demmin eine güldene Metasextase in der Landschaft sein. Ich parkte mein – sogar für hiesig – verwegen aussehendes Auto (wem ich es noch nicht erzählt habe: es war im Herbst beim Angstschweißen vorm TÜV-Termin leider in Flammen aufgegangen... den TÜV hat's dann trotzdem gekriegt, die Reifen waren ja neu.) in der Plattenbausiedlung nahe des Abeitsampes. Und stieg aus. Gemessenen Schrittes ging ich auf den ersten Fünfgeschosser zu. Ich hatte wirklich kein Konzept und drückte auf eine Klingel an der zuen Haustür. Nix. Ich probierte immer zweimal und erwischte dreimal niemanden. Die anderen Namen gefielen mir nicht so. Ich ging zum nächsten Aufgang, da riefen hinter mir Leuts vom Balkon: "Oh! Ein richtiger Weinnachtsmann!", was später noch öfter geschah. Ich erwiderte i.d.R.: "Ja, von draußen komm' ich her. War bei euch denn auch schon jemand?" oder so was. Bei denen jedenfalls war der Knecht schon gewesen, wie das kleine Mädchen vom Balkon lauthals beteuerte. Am nächsten Aufgang des Blocks wurde nach dem Klingeln sofort der elektrische Türöffner gedrückt, ich war drinnen und ging zwei Treppen hoch, schaute nach den Namensschildern und klingelte an einer Tür, hinter der ein Hund wüst kläffte. Spalt kaum auf, schoß der fette Dackel raus und lärmte das Treppenhaus voll. Eine Frau, etwa knapp in meinem Alter, machte die Tür weiter auf und stöhnte, kaum daß sie meiner gewahr wurde: "Oh Gott!" Sie preßte erschrocken zurückweichend eine Hand an den Mund und wieder: "Oh Gott! Ein Weinnachtsmann! Das gibt's doch nicht! Oh Gott!"
Ich machte ein paar beruhigende Worte, deutete an, daß ich auch gern reinkommen würde, wenn sie nichts dagegen hätte, aber sie hatte und ließ wieder ihr "Oh Gott!" los (was ich fürderhin noch öfter als Anrede für mich zu hören bekam), als ihr erwachsener Sohn auftauchte, sie war nun nicht mehr ganz so von den Socken, jedenfalls ging sie an mir vorbei, fing den Köter ein und verstaute in irgendwo in ihrem Flur. Diese Zeit nutzte ich für weitere Friedenssprüche und bat dann darum, Geschenke dort lassen zu können. Nichts für ungut. Ich kramte eine Kerze und ein Buch mit Liebesgedichten heraus (hoffte ich jedenfalls, ich wußte den ganzen Abend kaum jemals, was noch mal in den verschiedenen Geschenkpapieren drin war...) und drückte es ihr in die Hand. Gleichwohl entschuldigte sie sich, daß ich draußen bleiben mußte und meinte, unter ihnen lebten Kinder, da solle ich doch hin.
Nun, die Blake hieß Erik, war vielleicht knapp 5 Jahre alt.. Geöffnet hatte die dazugehörende Mutti und mich fast sofort – ich konnte gerade noch aus den Filzstiefeln schlüpfen – am Ärmel ins Wohnzimmer gezogen: "Erik, kuck mal! Der Weihnachtsmann ist da! Erik, der Weihnachtsmann!" Erik saß neben Opa und Tannenbaum auf der Couch und plärrte, sein Vater stand mit Videokamera vor der Schrankwand. Ich tat so, als plärrte er nicht meinetwegen und ließ einige whynachtliche Kindersprüche vom Stapel, und stand ganz ruhig da. Der Opa auf dem Sofa guckte die ganze Zeit völlig irritiert und etwas verkrampft, der Vater verschanzte sich hinter der Linse. Mutti schnappte sich den Erik und zerrte ihn näher an mich heran und wollte ihm ein Liedchen abpressen. Ich wehrte dies Ansinnen ab und meinte, daß das ganz anders ist heute, denn ich wolle dem Erik was vorlesen, er könne ganz bei sich bleiben. Ich setzte mich den beiden gegenüber und widmete mich einem sorbischen Märchen, das von irgend so einem volldödeligen Wolf handelte. Mit verstellten Stimmen und extra gut betont. Das Buch hielt ich so, daß Erik die Bilder sehen konnte. Nach der Geschichte, die gut 12 Minuten dauerte, war er ruhig, freundlich und neugierig. Und ich begann ja sogar noch Geschenke auszupacken: ein Kinderbuch, Basilikum, Äpfel.
Dann: "Auf Wiedersehen! Ein schönes Fest noch!", beim Abschied drückte mir die Mutti einen Zehner in die Hand... Mußte wohl so sein.
Wieder auf der Straße riefen gleich von der anderen Seite Leuts ihren Überraschungsspruch, sie hatten auch nichts dagegen, daß ich mit zu ihnen kommen wollte, allerdings waren die Zwillinge im Kinderwagen etwas anderer Meinung, sie weinten bei meinem Anblick los und die Familie entschied sich dann doch für ein Fest ohne Kapuzenmann.
Kaum wandte ich mich wieder dem Plattenbau zu, riefen wiederum von einem Balkon aufgekratzte Leute ihre Einladungen hinab, ich solle raufkommen, oh ja, "Knüppel" hießen sie, "Ja, Knüppel!", aber ich könne meinen unten lassen. Har har! Nun gut, vor der besagten Tür stand ein Dutzend Paar Schuhe, großes Familiendate. Hinein! Fernseher, Salzkram, Bier und Weihn, Lametta, fröhlich überraschte Leute, ungläubig schauende, gelassen alltäglich abwartende. Ich fragte, was sie so machen heute, ob's jedes Jahr so ist und erzählte ihnen, daß ich einfach nur so unterwegs wäre. Als ich während der Unterhaltung dann eröffnete, daß es sogar Geschenke geben würde, stand das Staunen im Vordergrund. Ich kniete nieder und packte aus: einen großen schönen Setzkasten – leider hat das Geschenkpapier schon etwas gelitten, was haben Sie denn für schreckliche Musik an – hier sind paar schöne CDs, Chilis für die Frau des Hauses, Bücher, Äpfel, Kerzen, Sonnenblumenkerne.
"Bis zum nächsten Jahr! Lassen Sie es sich gut gehen alle miteinander!" Freundlicher Abschied, und auch ich war guter Dinge.
Wiederum vor der Haustür, rief sofort jemand von ganz oben: "Na, Weinnachtsmann, zu mir kommste nicht hoch, was?" – "Na klar! Ich komme zu jedem, der das will!"
Ein alleinlebender Mann, Mitte Fünfzig. Er bot mir sofort seinen Fernsehsessel an, entschuldigte sich, daß er keinen Baum hätte und daß er getrunken hat. Bei Gerhard blieb ich etwa eine dreiviertel Stunde. Er kochte uns Kaffee, holte Kekse, die eine ukrainische Nachbarin gemacht hatte, zeigte Fotos seiner schönen Tochter, seine Maschinenpässe, sein mehrmals operiertes Knie vom Fußball, erzählte fast die ganze Zeit, Arbeitssuche, Arbeitsfinde, Unfall, Rausschmiß, Algzwei, neuer Teppich, Sehnsucht nach dörflichem Leben, von seinen Kumpels dort, zu denen er nachher wolle, und immer wieder: "Ach Weinnachtsmann!". Entschuldigend, daß Trinken nicht so gut ist, daß er einen Maurerjob ja nehmen würde, aber nicht malern wolle, daß er fanatischer Zeitungsleser ist, wann seine Frau gestorben war, was seine Tochter macht, was seine Topfpflanzen wann durchgemacht haben usw. Ich schenkte ihm einen Apfel und eine CD und eine Kerze und ging nach einer Umarmung ("He, noch die alten guten DDR-Stiefel!") wieder meinem Abend nach und er seinem in Sanzkow.
Ich schlenderte zu einem anderen Haus, schon von weitem riefen Leute, die unterwegs waren: "He, guck mal da, ein Whynachtsmann!"
Zwei Teenies kamen sogar ein Stück Weges zurück, das Wunder leibhaftig zu sehen und fragten, ob ich echt sei. Yo. Und ob sie auch Geschenke bekommen könnten. Yo. Ungläubiges Staunen – aber ich kniete wirklich nieder und kramte im Sack. Eine Kerze und eine CD. Bei der CD wußte ich, daß es die aus der wildcat war, würde vielleicht eine längere Überraschung werden, har har. Die beiden Mädchen waren richtiggehend glücklich in dem Moment und hüpften davon.
Frohen Gemüts nahm auch ich wieder meinen Weg. Vom Parkplatz posaunte lachend ein Kollege: "Ganz schön anstrengend heute, was!" – "I wo, geht so!" Wieder ein Fünfgeschosser WBS 70, am vorderen Aufgang drückte ich auf 3 Klingelknöpfe – nix. Nun gut, ich ging weiter. Eine ältere Frau grüßte von einem Balkon zurück und lud mich ein zum Vorbeischauen. Die Treppen hoch, die Stiefel aus und hinein in die gute Stube. Ein Rentnerehepaar, sie waren gestern bei den Kindern, jeder muß auch seins machen können, übermorgen würden sie von der anderen Verwandtschaft abgeholt, jeder braucht seinen Freiraum und lebt letztendlich sein eigenes Leben. Das Gespräch war seltsam parallel, das fließende mit der Frau und dazu ein anderer Strang, mühsam, mit Unterbrechungen vom Mann in Gang gehalten, andere Themen, wer der vorletzte LPG-Vorsitzende in Nielitz war, was für ein Haus der hatte, was ich arbeite – na als Whynachtsmann natürlich, sieht man doch, oder? Und ich bot an, das Märchen vom Wolf vorzulesen. Ja, gern! Die Frau drehte den Fernseher auf etwas leiser und beide hörten mir zu. Als der Fuchs wieder den Speck gefressen hatte und der Wolf sich erneut als zum Scheißen zu doof outete, schaute ich die beiden an und mußte mir die Frage wegklemmen, ob der Mann früher als Lehrer gearbeitet hatte, denn er benotete meine gute Betonung, die dramatische Pausensetzung und den guten Fluß des Vortrags. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur genug, beide waren jedenfalls etwas unruhiger als anfangs. Zeit für die Geschenke: ein Buch, ein Boskop, eine Kerze. Sie freuten sich offensichtlich und – Zeit für die Gegengeschenke: ein Viererpack Kleinschnaps und Kopien zweier besinnlicher Gedichte und eines Willkommensgebets für Kurgäste mit vielen Wortspielen, recht witzig. Den Schnaps nahm ich natürlich nicht an, für den Rest und den schönen Abend bedankte ich mich und zog weiter.
Nach Klingeln war mir nicht mehr. Es war auch allmählich wohl Sense mit der Bescherung und die allgemeine Total-Fernseh-Andockzeit ausgebrochen, jedenfalls waren kaum noch Menschen unterwegs oder auf den Balkons. Wanderte ich also erstmal würdigen Schrittes halb grinsend / halb lächelnd weiter.
Kam mir eine Familie auf Zwischenmahl - oder Zwischenprogrammzeitluftschnappspaziergang entgegen, 2 Männer, 3 Kinder, 2 Frauen. Wir luden mich zur Begleitung nach Hause ein, die Kinder begeistert überrascht. (Später erzählten mir die Leuts, sie hätten die Gören nur mit der Option aus dem Wohnzimmer gekriegt, draußen vielleicht dem Whynachtsmann zu begegnen.) Auf dem längeren Weg in eine EFH-Siedlung sprach ich mit den Kindern, vom Umzug zum Südpol, wegen des schmelzenden Schnees im Norden, über Prügeleien zwischen Brüdern, von der Mutter des Whynachtsmannes, der Whynachtsmama, ob die auch einen Bart hätte, ja, aber einen ganz kleinen, davon, wie wichtig es offenbar ist, daß der Whynachtsvater einen Sohn hatte und daß der wiederum einen Sohn bräuchte, vom Schlittenfahren ohne Schnee und mehrmals sollte ich mich erschrecken, weil Krishan blitzartig aus irgendwelchen Unterwegsverstecken auftauchte und lachte. Angekommen, verschwanden die Kinder sofort im Haus und ich bekam auf dem kleinen Hof Bescherungsinstruktionen vom Vater samt riesigem Sack vor die Füße, randvoll mit Geschenken. Fast alle Ermahnungssprüche, die die Kinder zu hören bekommen sollten, vergaß ich sofort wieder, nur die taube Oma im Rollstuhl bekam später die auferlegte und auch meine spontane Herzlichkeit um die Ohren gedrückt. Der Vater war sichtlich froh, dies Jahr keinen Whynachtsmann spielen zu müssen. Man schob mich also herzlich ins Allerhighlügste, viele glänzende Lichter, ein großer, hübsch geschmückter Baum, eine lange festliche Tafel, ein ausgeschalteter Fernseher (immerhin schon der zweite an diesem Abend, der nicht lief, sondern nur vor sich hin rumstandbyte) und kribbelige, lächelnde Kinder. Ich setzte die beiden Säcke ab und fragte nach der Familie, was so die Tage laufen würde (es waren etwa 10 Leuts beisammen), wollte von den Kindern jeweils wissen, was ihre schönste Zeit im vergangenen Jahr gewesen war ("Türkeiurlaub!"), was Erfreuliches sie am liebsten im nächsten Jahr hätten und so was. Dann fragte ich, ob sie was schnuckeliges zum Singen oder Aufsagen hätten. Alex stürmte sofort heran und trug ein längeres Gedicht mit offenem Blick und fehlerfrei vor (ich kannte es nicht), was mich echt berührte, ich dankte sehr. Hendrike wollte nun, sie ließ sich von ihrer Mama in Armen halten und wir sangen "Oh Tannenbaum" zu dritt. Dann noch ein Lied, das ich nicht kannte, aber wo ich hin und wieder einigermaßen einstimmen konnte. Ich dankte und Krishan wurde in meine Richtung geschoben. Der wollte gar nichts, außer Lachen, sang dann aber irgendwas vierzeiliges. Ich wuschelte seinen Kopf und hatte schon eine Kopie mit Weinnachtsliedern in die Hand gedrückt bekommen. Alle zusammen, mal ein-, mal vielstimmig, sangen wir mir unbekannte und bekannte Lieder. Dann war der Sack an der Reihe, ich griff mir die Geschenke raus, las den Namen und verteilte. Als jeder mindestens eines hatte, war Schluß (dem Sack sah man nicht an, daß was fehlte) und der Vater gab mir ein Päckchen für die Oma und ich umarmte sie und wünschte ihr alles Gute.
Ha! Ich hätte ja auch einen Sack! Und sie waren etwas baff, als ich noch mal mit Geschenken loslegte, Kinderbücher, CDs, Indianermesser, Kerzen, Basilikum, Sonnenblumenkerne. Tja, und ich fragte, ob vielleicht jemand von ihnen verliebt wäre und bekam sofort ein spontanes Ja!, bevor die dazugehörige Hand den Mund wieder zum gluckernden Lachen ob des Bekenntnisses verschloß. Eine der älteren Frauen, die gleich drauf von ihrem Mann umarmt und freudig geküßt wurde. Ich: "Dann habe ich hier noch etwas Chili, heiß, wie die Liebe!" Alle lachten.
Ich verknotete wieder meinen Sack und wollte Abschied nehmen, als Alex auf mich zu stürmte. Ich nahm ihn gleich auf den Arm (der Vater hatte erwähnt, daß er 9 Jahre alt sei), und umarmte ihn mit dem anderen. Wir standen so etwa 2 Minuten unbewegt bewegt. Den Leuts wurde es dann etwas zu viel, sie mahnten den Jungen und ich ging aus dem Wozi in den Flur. Gegengeschenke. Nein, ich nehme keinen Alkohol mit, auch keinen Weihn, bekam eine Tüte in die Hand gedrückt mit irgendwas drin (zu Hause packte ich dann eine große Blechdose aus, an der ein Zehner klebte, darinnen ein Werbeschal und ein Werbefrosch waren). Die verliebte Frau meinte dann draußen zu mir, daß es wunderbar war, die Kinder total aus dem Häuschen und glücklich und sie alle sehr froh. Yo, war ich auch – auf Wiedersehen!
Ich beschwingte mich zurück zur Plattensiedlung. Noch weniger Leuts zu sehen, und ich beschloß, mit dem Auto zum Neubaugebiet in der Innenstadt zu fahren, hier war genug passiert. Kam noch am Haus vorbei, wo ich vor 3 Stunden angefangen hatte, und das kleine Mädel war wieder auf dem Balkon und rief: "Vielen Dank, Weinnachtsmann, für die Geschenke! Kommst du im nächsten Jahr wieder?" – "Ja, bestimmt!"
Ich setzte mich ins Auto, winkte Leuten und fuhr los.
Vor der Sparkasse latschte ich auf die Bremse, wollte Kontoauszüge ziehen und erkennungsdienstlich relevante Fotos/Filme in deren Kameras hinterlassen. Oder sollte ich gar vorm Geldautomaten mit offener Hand didgen und auf meinen nun mehr schlaffen Sack verweisen? Ach nee, die kommen sich mit ihrer Bank dann vielleicht noch wichtig vor. Weiterfahren, Auto parken und um die Wohnblocks schreiten.
"Ach du Scheiße! Ein Whynachtsmann!" – zwei weibliche Teenies, ein Ende vor mir auf dem Weg.
Ich fragte: "Wieso Scheiße? Hm? Schlechtes Gewissen?"
Hatten sie nicht, sie blieben neugierig stehen und fragten, ob ich auch was für sie hätte. Hatte ich. Ungläubiges Staunen, dann Freude.
Die Szene hatte eine Frau aus einem Küchenfenster im ersten Stock beobachtet. Ich grüßte und fragte, ob ich hinauf kommen könne. Ja, warum nicht. Rentnerin, allein, von den Kindern wird sie morgen abgeholt. Seltsam, sie ließ mich einfach so rein, aber "nur" in den Flur und reden wollte sie auch nicht, es kam jedenfalls nicht wirklich Unterhaltung in Gang. Nun gut, ich wollte ihr was schenken, fragte, ob sie Gedichte liest und gab ihr dazu noch ein Gläschen Basilikum.
"Wofür nimmt man das?" – "Hm, Nudelsoßen..."
Ich war mittlerweile etwas fantasielos und ging rasch wieder von dannen. Gute Wünsche beiderseits. Draußen standen ein Notarzt- und ein Rettungswagen. Ein alter Mann wurde verladen.
"Ist ja auch nicht schön, gerade zu Weinnachten..." kommentierte die Frau von ihrem Fensterplatz... Yo, morgen wäre es wohl besser gewesen.
Das war's. Die Sterne waren alle da, ich fühlte mich wohl, Demmin beleuchtete weiter seine Kirche mit 15.000 Watt...
Ich wurde am Abend zwar mehrmals gefilmt und fotografiert, aber ich werde diese Bilder wohl nie zu sehen bekommen. Und leider hatte ich am Ende, als ich noch in Vollmontur wieder nach Hause fuhr, nicht mehr Bock genug, einen einsatzbereiten Starkasten zu suchen und mich in moderater Geschwindigkeit blitzen zu lassen. Ich hatte irgendwo gelesen, daß der Landkreis eh kein Geld mehr hat, die Dinger zu betreiben, und wollte nicht mehr stundenlang auf der Suche durch die Nacht gurken. Denn selbst im Otto-Normal-Verbrecher-Radio, was ich unterwegs anschaltete, lief diesmal nur dem Tag angemessener Dünnschiß ohne die Gewitterwarnungen. Wäre natürlich ein cooles Foto gewesen!

Li B. Ro (Roland, ZarNekla)

P.S. Und wenn das alles nicht Anlaß zu Hoffnung ist: Im Nordkurier haben sie die wirklich relevanten Fragen zur "Warum Nacht?" gestellt und sie die Leser online beantworten lassen. Die für jede Frage häufigsten Antworten wurden dann veröffentlicht. So z.B. "Besuchen Sie öfter eine Kirche oder nur (!) zu Weihnachten?" – Antwort "Nie" (44%) und "Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?" – Antwort "Gar nichts" (34%). Kredo.

Kommentare

thomas:

Roland, Danke für diese Aktion und den Bericht dazu, hat mich erfreut.

Stefan:

Harrr, super sache alter, bewundernswert.

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