ibu

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web: http://ger.anarchopedia.org/index.php/Benutzer:Ibu

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Wenn Du eine Revolution durchführen willst, so trommle nicht die Menschen zusammen, um eine Organisation zu gründen und Werkzeuge vorzubereiten oder die Arbeit einzuteilen und Aufgaben zu vergeben, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach radikaler Emanzipation.

Kommentare

JohSt:

Sehnsucht kann man nicht lehren. Da war Arbeitermarxismus, der auf die vorhandene Sehnsucht zurückgriff und nur organisieren wollte, weniger anmaßend. Ein solcher Leitspruch scheint mir aber bezeichnend zu sein für eine Linke, die sich selbstgefällig in ihrer Ohnmacht badet und sie als Stärke ausgiebt. Ohnmacht ist keine Schande, wenn man aber eine Revolution DURCHFÜHREN will, dann muß man schon etwas mehr auf die Beine bringen. – JohSt

ChrisSW:

Außerdem ist "Emanzipation" die Befreiung von Herrschaft, aus fremdbestimmten, leidvollen Verhältnissen, also kann die Sehnsucht nach einem erfüllten, sinnvollen Leben in selbstbestimmten Verhältnissen der Keim für radikale Emanzipationsbestrebungen sein. Wenn Sehnsucht aber das Produkt von Lehre ist, dann ist sie fremdbestimmt, also nicht die der Menschen selbst.

Thomas:

Ich habe kein Anstoß an dem Zitat genommen. Unbewusste Sehnsüchte oder Konsequenzen (d.h. mit zu sehnendes) bewusster Sehnsüchte können imo schon gelehrt werden. Letztendlich könnte ich auch Anstoß an "Lehre" überhaupt nehmen, kann mir aber durchaus Situationen vorstellen, wo "Lehre" das Schaffen der Möglichkeit zum Erleben / Erfahren bedeutet. Es gibt sicher Menschen, bei denen ich gerne in die Lehre gehe.

Letztendlich ist dies hier die Homepage bzw der Verweis auf eine solche von jemanden, der viel Energie in die Suche nach Infrastruktur für solidarische Ökonomie steckt. Willkommen ibu.

ChrisSW:

Komisch ist nur die "Sehnsucht nach radikaler Emanzipation". Ich denke, dass zum Beispiel die Friedensbewegung als emanzipatorische Bewegung von der Sehnsucht nach einem neuen friedvollen Zusammenleben der Menschen und von Mensch und Natur getragen worden war. Dass diese Sehnsucht "geweckt", also bewusst gemacht werden muss, um kritisch zu werden, ist offenbar der Fall. Und diese Sehnsucht ist die Sehnsucht der Menschen. Willkommen ibu.

JohSt:

Marxistische Propaganda (und um Propaganda geht es m.E. in dem Zitat) ging davon aus, eine bereits vorhandene Tendenz zu verstärken. Mit Lehre hatte das also nichts zu tun, Lehre ist Aufklärung und Analyse. Ich will gerne zugestehen, dass man bereits vorhandene unbewußte Sehnsüchte wecken kann, dann sollte man aber nicht von Lehre sprechen, nach dem Motto: seht doch her, im Grunde fühlt ihr doch genauso wie wir! Das ist eine Vereinnahmung, der gegenüber die Lehre von der ‚Klasse an sich’, die zur ‚Klasse für sich’ werden müsse, zwar ein objektives Interesse konstatiert, dabei aber die nötige analytische Distanz wahrt. Sehnsüchte wecken kann man eher dadurch, dass man selbst durch sein Handeln ein Vorbild gibt, als dass man Andere belehrt. Mein Ärger entzündete sich aber daran, dass Leute in bestimmten linken Kreisen sich über jede Form von Organisation erhaben fühlen. Wenn das bei ibu nicht der Fall sein sollte, freut mich das natürlich.

ibu:

Ist ja interessant, dass der obige Spruch so viel Diskussion auslöst :-) Es ist natürlich einem ähnlichen Spruch von Antoine de Saint-Exupéry entlehnt, und von daher kommt auch das "Lehren". Wer/Welche mich kennt, weiss, dass ich unter Lehre hier kaum das verstehe, was in Lehr-Gefängnissen ("Schulen") Alltag ist; wir haben uns etwas mitzuteilen, gegenseitig beizubringen, Hierarchie kann dabei entstehen, muss aber nicht. Sehnsüchte, Wünsche und Gefühle kommen nicht aus dem Nirgendwo, sondern werden antrainiert. Das ist ein radikale Einsicht, die leicht das Grundvertrauen mancher Menschen in die Realität erschüttern könnte. Ohne diese Einsicht bleiben Menschen recht statisch. Meine Kritik an Organisation ist allerdings sehr weitgehend: Da damit zumeist eine (Befehls-)Hierarchie verbunden ist, benutze ich den Begriff ungern. Besser trifft es Koordination.