Walther Borgius

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"ein ausgezeichnetes Mittel, die Bevölkerung des beherrschten Territoriums von klein auf zu bequemen Untertanen überhaupt zu drillen. Was ihnen da gelehrt und beigebracht wurde, war verhältnismäßig gleichgültig. Die Hauptsache war, daß sie, von Kindesbeinen an, an widerspruchslosen Gehorsam, geduldiges Stillehalten und Autoritätsglauben gewöhnt wurden. Stillesitzen, Maulhalten, aufs Wort gehorchen und blind glauben, was der Erwachsene, geschweige nun gar der Vertreter des Staates, sagt und lehrt, - das sind die unschätzbaren Errungenschaften, welche der vieljährige Schulbesuch der Kinder vom Erwachen ersten Denkens bis zur eigenen Erwerbsfähigkeit dem Staate einträgt." (S.29)

aus:

Dr. Walther Borgius: Die Schule - Ein Frevel an der Jugend. 1930

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"Nach allgemeiner Ueberzeugung der ganzen europäisch-amerikanischen Kulturmenschheit ist die Schule eine gemeinnützige Anstalt, welche von der Gesellschaft geschaffen ist im Interesse der jungen Generation, damit diese rechtzeitig die (Kenntnisse und Fertigkeiten lernt, deren sie später bedarf, um den Anforderungen des Lebens gerecht werden zu können. In der neuen Zeit wurde dann ihre Leitung und Verwaltung auf den Staat abgewälzt, weil dieser, dank seiner größeren Neutralität, seiner reicheren Hilfskräfte und namentlich größeren Geldmittel ihre Aufgaben weit erfolgreicher zu erfüllen vermöchte. Vereinzelt noch vorkommende Mängel der Schule werden aus noch verbliebenen überholten Formen und Normen erklärt oder aus einem noch nicht zureichend erfolgtem Durchdringen neuer Errungenschaften der pädagogischen Wissenschaft. Es bedürfe daher weiteren Ausbaus und verständiger Reform der Schule, um sie zu immer wachsender Vollkommenheit zu führen und zu einem wahren Segen für die Jugend und die Gesellschaft überhaupt werden zu lassen. Diese - vom Staat allenthalben proklamierte und vom leichtgläubigen Publikum kritiklos treuherzig kolportierte - Auffassung ist grundfalsch: Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen (bzw. aus ähnlichen Ansätzen konkurrenzgefährlicher Stellen - Kirche, Städte, Private - usurpiert), um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Emanzipationsidee im Keime zu lähmen, die Entwicklung ihres Denkens in wohlgehegte Bahnen zu lenken und sie zu bequem regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen. Die Schule ist daher nicht eine segensreiche, nur noch unvollkommene Einrichtung, die höchstens durch Ausbau und Reform zu einer immer wertvolleren zu gestalten ist, sondern ein Uebel an sich, das restlos beseitigt werden muß, damit die Jugend, nach endlicher Befreiung von diesem verhängnisvollen Prokustesbett, sich künftig unverkrüppelt aus jeweiliger freier Selbstbestimmung ihrer eigenen individuellen Natur gemäß entfalten kann."

Borgius, Walter, Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 7

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"Der Einwand: "Wenn die Kinder nicht mehr zum Lernen, und zwar zum regelmäßigen und systematischen Lernen gezwungen werden, werden die meisten Kinder bald überhaupt nichts mehr lernen oder höchstens noch gelegentlich spielerisch” ist nichts als eine alberne Phrase, mit der der Staat und die Schulmänner allen Kritikern bange zu machen suchen, weil sie den Kindern andauernd obligatorische Dinge einpauken, die das Kind abstoßen, langweilen und dessen Notwendigkeit oder Nützlichkeit es - meist mit vollem Recht - nicht einsieht. Ueberdies meist in einer Lebenszeit, wo das Kind dafür geistig noch gar nicht reif ist. Aber wenn wirklich in einem gewissen Umfang es vorkommen sollte, daß das heutige Durchschnittsmaß von "positiven Kenntnissen” nicht mehr erreicht wird, so sähe ich hierin durchaus kein Unglück. Ein Volk von individuell aufgewachsenen, freiheitlichen und selbständigen, aufrechten Charakteren, die selbst denken gelernt haben, erscheint mir, wenn auch der Grad der "allgemeinen Bildung” hier und da etwas geringer ist, ungleich wertvoller und liebenswerter, als ein Volk von Schablonenmenschen und Lakaienseelen, auch wenn ihnen wirklich ausnahmslos ein gewisses Maß von Namen und Daten mehr eingeprägt ist. Und wenn wirklich unsere westeuropäische Volksschule bisher einen um 10 bis 15 % höheren Allgemeinstand der sogenannten "Allgemeinen Bildung” der Massen erzielt haben sollte (was ich noch durchaus bezweifele), so ist das geschehen auf Kosten weit stärkeren Zurückbleibens von körperlicher Gesundheit und Lebenslust, von praktischer Gewandtheit und Sinn, von Gemüt und Phantasie und anderen sehr viel wichtigeren und wertvollen Qualitäten."

Borgius, Walter, Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 178

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"Hast du, lieber Leser, einmal mit eigenen Augen das scheußliche Schauspiel gesehen, wie eine Gans genudelt wird? Da stellt man das arme Tier in einen ganz engen Kasten, in dem sie sich so gut wie gar nicht bewegen kann (weil möglichste Bewegungslosigkeit den Fettansatz fördert); dann fertigt man aus fett machenden Nahrungsstoffen Nudeln von der etwaigen Form und Größe eines Daumens an, und alle zwei Stunden (glaube ich) öffnet jemand dem armen Tier gewaltsam den Schnabel, stopft ihm eine bestimmte Anzahl solcher Nudeln in den Hals und nötigt es, sie herunterzuschlucken. Jeder ehrliche Mensch gibt zu, daß dies eine widerliche Tierquälerei ist, die der Mensch da im. Interesse seines Gaumenkitzels vornimmt. Aber niemand macht sich klar, daß es - nur geistig, statt körperlich - genau dieselbe Prozedur ist, welche die Schule an allen unseren Kindern vornimmt: Sie werden systematisch zu bestimmten Stunden in einen Klassenraum gesperrt, -wo sie stille da sitzen müssen - denn Bewegung, Sprechen usw. würde die "Konzentration”, also die geistige Aufnahmefähigkeit, beeinträchtigen - und nolens volens herunterschlucken müssen, was ihnen zur Nudelung ihres Hirns vom Lehrer eingetrichtert wird. Mögen sie dabei eine geistige Fettleber bekommen, wenn sie dabei nur so werden, daß ihre Verwertung den Interessen des Züchters entspricht!"

Borgius, Walter, Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 178-179

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"die ganzen Bemühungen der wissenschaftlichen Pädagogik wären überflüssig, wenn man einfach dem Kinde Freiheit ließe, zu tun und treiben, was ihm seine Instinkte und Neigungen eingeben. Diese würden es ganz naturgemäß auf die richtigen Wege führen."

Borgius, Walter, Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 179

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"Die Schaffung der Schule war eine lange Zeit allmählich reifende, nicht leichte Arbeit. Erheblich schwieriger zu beantworten ist die Frage: Wie werden wir die Schule wieder los? Der Staat gibt sie nicht ohne Kampf auf Tod und Leben aus der Hand; das ist klar. Sie ißt sein stärkstes, einfachstes und wirksamstes Herrschaftsmittel über das ganze Volk. Ihm zuzumuten, er könnte etwa auf vielseitiges Verlangen freiwillig auf die Schulherrschaft verzichten, wäre ein so abenteuerlicher Gedanke, als träumte man davon, das faschistische oder bolschewistische Reich könnte, nachdem es sich mühsam die Presse unterworfen und damit die Mentalität seiner Untertanen restlos in die Faust bekommen hat, daran denken, selbst freiwillig die Presse wieder freizugeben und eine unbeeinflußte "öffentliche Meinung” entstehen zu lassen. Schule und Presse werden so ungefähr das Letzte sein, was man dereinst mal dem Staat aus der Hand winden muß."

Borgius, Walter, Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 195

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"Wer irgendwie nicht ganz ordnungsgemäß und vollständig seine Schule durchlaufen hat, dem fehlen die betreffenden Zeugnisse. Wem Zeugnisse fehlen (vor allem das Abgangszeugnis), der ist von vorneherein suspekt und anrüchig und der bekommt keine Stellung. Und wer keine Stellung bekommen kann, der kann sich in der korrekten europäischen Kultur nur gleich an die Hühner verfüttern lassen, und wenn er ein Genie an Begabung, ein Wunder an Fleiß wäre. Das Können wiegt nichts, das Zeugnis alles. Das Publikum aber schwört auf dieses Papier. Dafür ist es ja lange Schuljahre hindurch zur Genüge verblödet worden, hat als sein Evangelium gelernt, daß ein gewöhnlicher Laie nicht zu beurteilen imstande sei, ob und was ein anderer wisse und könne, daß aber ein amtliches Zeugnis unfehlbar sei und absolute Gewißheit biete. Darum hält das Publikum an diesem einzigen Instrument seiner Sicherheiten krampfhaft fest und dehnt seine Macht immer mehr aus und wird sich empört jedem widersetzen, der diese ihm unersetzlichen Dokumente für spätere Zeiten aus der Hand zu schlagen sich erdreisten will.

Walter Borgius: Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Unveränderter Reprint der Erstausgabe 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Herausgebers. Freiburg i.Br. 1981 S. 196-197

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Rezension zum Buch: http://regenbogen.kraetzae.de/ausgaben/21/frevel

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Die Schule, ein Frevel an der Jugend / Borgius, Walther Paul. - erscheint in 2007 beim Tologo-Verlag

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Bücher 1. Die Schule, ein Frevel an der Jugend / Borgius, Walther Paul. - unveraend. Repr. der Erstausg. von 1930. - Freiburg i.Br. : Mackay-Gesellschaft, 1981

Bücher 2. Die Schule, ein Frevel an der Jugend : (mit einem Nachwort : Der Staat) / Borgius, Walther Paul. - 1. - 3. Tsd.. - Berlin-Wendenschloß : Verl. Radikaler Geist, 1930

Bücher 3. Zur Sozialisierung des Buchwesens / Borgius, Walther Paul. - Berlin : Verl. Neues Vaterland, 1919

Bücher 7. Warum ich Esperanto verließ : eine Studie über die gegenwärtige Krisis und die Zukunft der Weltsprachen-Bewegung / Borgius, Walther Paul. - Berlin : Liebheit & Thiesen, 1908

Bücher 9. Imperialismus : Beiträge zur Analyse des wirtschaftlichen und politischen Lebens der Gegenwart / Borgius, Walther Paul. - Berlin : Liebheit & Thiesen, 1905

Bücher 10. Die Ideenwelt des Anarchismus / Borgius, Walther Paul. - Leipzig : Dietrich, 1904 http://web.archive.org/web/20050411 ... _des_Anarchismus.htm

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Autor: Borgius, Walther Titel: Die Schule - Ein Frevel an der Jugend. Verlag: Hamburg: Verlag der Mackay-Gesellschaft, 1981. Beschreibung: 245 Seiten. Kartoniert. Gewicht in [g]: 364 Bemerkung: Mit einem Nachwort: Der Staat. Unveränderter Reprint der Erstausgabe von 1930, mit einem Nachwort von Kurt Zube von 1981. Bestellnummer: 95452 | Preis: EUR 18.48 [Preis zzgl. Versandkosten 2. Preis: CHF 28 Sachgebiet: Anarchismus/ Paedagogik/ Anbieter: Comenius-Antiquariat, CH-3652 Hilterfingen

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Neue Seiten im Kontext

Freitag, 21. September 2007

Ein Buch von Ulrich Klemm, Din A5/118 Seiten.

Die Frage nach Pädagogik gehört zu einem zentralen Bereich libertärer Gesellschaftskritik und Innovation. Vor diesem Hintergrund will der Band biographie- und ideengeschichtlich einen Überblick über diese bis heute von der etablierten Pädagogik und Erziehungswissenschaft weit gehend vergessenen antiautoritären Tradition geben. Mit ihren pädagogischen Ansichten werden William Godwin, Leo N. Tolstoi, Michael Bakunin, Francisco Ferrer, Ernst Friedrich, Walther Borgius, Herbert Read und Paul Goodman dargestellt.