Wertkritische Demokratietheorie

Version 7, 84.169.80.15 am 15.6.2007 10:53

Ein Diskussionspapier aus dem Arbeitskreis Lokale Ökonomie e.V. (Kritik herzlich willkommen!), Juni 2007

Die Weiterentwicklung "der Demokratie" ist in einer Krise. Die Vorstellung, wonach zunehmend größere Kreise der Bevölkerung ihren gesellschaftlichen Zusammenhang (mit-)bestimmen, ist von den allermeisten zuständigen Vertretern (Repräsentanten) von "Parteien, Verbänden und der Wirtschaft" nicht erwünscht. Es scheint auch so zu sein, dass sich die "langzeitvertretenen" Menschen gar nicht "beim Regieren" beteiligen wollen. Sie leben lieber ihr "privates Leben". Häufig wird diese Neigung einfach zur "Natur des Menschen" gezählt. ) Selten wird weiter gefragt, warum sie sich in so geringer Zahl gestaltend in ihr Gemeinwesen einbringen. Die "mündige, aktive StaatsbürgerIn" bleibt ein unrealistisches Ideal.

In "westlichen", demokratischen Ländern mit vorherrschendem Privateigentum ist eine sich ständig selbst befestigende Herrschaftsstruktur entstanden, die hier ‚Repräsentativsystem’ genannt werden soll. ) Das bedeutet, dass sich eine kleine Schicht von Repräsentanten (Vertretern) herausgebildet hat, die in so gut wie allen gesellschaftlichen Organisationen und Bereichen (Parteien, Firmen, Staatsorgane, Großorganisationen, Vereine ...) die Leitungsaufgaben wahrnehmen. Alle anderen Menschen wurden zu Vertretenen (Repräsentierten), die den Repräsentanten diese gesellschaftlichen Funktionen willentlich überlassen. Ein paar der Leitungspositionen sind sogar wählbar. Das ist bestimmt ein Fortschritt im Sinne einer gewissen Chancengleichheit. Aber die Wählbarkeit ändert wenig an dieser Struktur. Denn Menschen können zwar zwischen den beiden Rollen wechseln, zum Beispiel sich als Repräsentant wählen lassen. Jedoch damit ist das gesellschaftliche Verhältnis, dass dem Handeln der Einzelnen schon vorgefunden zu Grunde liegt, in dem eine kleine Schicht leitet und die allermeisten Menschen diese aktiv – gemeinschaftsgestaltende Funktion abgegeben haben, in seiner elastischen Festigkeit nicht geändert, sondern eher bestätigt. Das gilt genauso für die Struktur der gegenseitigen Wahrnehmung der Menschen in der vorherrschenden Art von Öffentlichkeit (vermittelt über Medien, die ebenfalls Warencharakter haben...). Wenige sind öffentlich wahrgenommene Personen. Viele andere haben sich mehr oder weniger ausgeprägt darauf spezialisiert, diese wahrzunehmen, als "ihre" Promis, VIP’s, Leiter, Vorturner, Chefs, u.s.w. , mit denen sie sich identifizieren, auch wenn sie häufig mal über sie schimpfen ... Viele stehen in dieser Hinsicht ‚im Dunkeln’ und wenige stehen ‚im Licht’. Aber die vielen Repräsentierten tragen und billigen dieses gesellschaftliche Verhältnis, das sie in gesellschaftlicher Hinsicht auf eine so grundlegend passive Rolle festlegt, oder auf eine Rolle, in der ‚Gesellschaft’ gestaltet wird "für" die übergroße Mehrheit der Menschen. Warum ist das so?

Ja, es ist von Herkommen und Gewohnheit her so. Aber warum? Dass es im wesentlichen "zu allen Zeiten", also auch schon vor der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft der letzten 400 Jahre so war, dass nur wenige Menschen regiert haben (damals waren es nachweislich eher noch weniger...), verstellt eher den Blick auf mögliche Ursachen. Es wird dann nicht unterscheidend gefragt: ‚Was ist gleich geblieben? Was hat sich geändert?’

Geändert hat sich unter anderem die Wirtschaftsweise: Es hat sich (und zwar in den letzten 50 Jahren auch in den bisher kolonial unterdrückten Ländern) eine sich global verdichtende kapitalistische Warengesellschaft herausgebildet. In Mittel- und Westeuropa beginnend wurde auch die menschliche Arbeitskraft in gesellschaftlichem Umfange zur Ware, eingesogen vom Geld als sich über diese menschlichen Arbeitskräfte selbst verwertenden Wert, dem Geld als Kapital. Damit setzte eine wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklung ein, die inzwischen die Erdgesellschaft entscheidend verändert und zu einem zusammenhängenden Ganzen verbunden hat. Eine Produktion für den gemeinschaftlichen Verbrauch, ergänzt durch einen lokalen oder regionalen Markt ist dadurch unwiederbringlich beseitigt worden.

Der wirtschaftliche Stoffwechsel zwischen Produktion, Verteilung und Konsumtion (Verbrauch), auch ein Grossteil des gesellschaftlichen Zusammenhanges der Menschen, wird global über fast zahllose einzelne Kauf-Verkauf-Akte hergestellt (vergleiche den Text "Warengesellschaft und Staat", 2001 ff.). Gleichzeitig wurden durch diese Art Wachstum, bei der die Verwertung die nützlichen Seiten der Dinge und Dienste zunehmend überformt hat, vorhergehende Herrschaftssysteme (Feudalismus (Adelsherrschaft), Patriarchat (Männerherrschaft), Stammes, bzw. Clanherrschaft ...) erst durch die Wertvergesellschaftung überformt und dienstbar gemacht, dann der Tendenz nach durch die Demokratien des "westlichen" Typs ersetzt.

Seit der Proklamation der Menschenrechte in der französischen bürgerlichen Revolution ist die folgende schrittweise Verwirklichung eines gewissen Freiheitsspielraumes für viele Menschen allerdings nicht vorrangig durch den die Gesellschaft stark bestimmenden "Geldadel" zugestanden worden, sondern von gesellschaftlichen Bewegungen der Menschen erkämpft worden.

In den letzten Jahrzehnten wird dieser Freiraum hauptsächlich von den Menschen "genutzt", um ihr "privates Leben" in Lebenspartnerschaften, Freundschaften und Warengenuss zu gestalten. Verbliebene gesellschaftliche Bewegungen sind thematisch extrem zersplittert, spielen eine (allerdings weiterhin wichtige) Randrolle. Die gewaltigen und weiter anhaltenden Produktivitätsfortschritte der letzten ca. 150 Jahre könnten viel freie Zeit freisetzen für alle Menschen. Die wirkliche Gestaltung der menschlichen Gesellschaft durch die Menschen selbst wäre auf Grundlage dieser Produktivitätsfortschritte, wenn sie denn allen zugute kämen, inzwischen möglich. Jedoch ist, durch andere Auswirkungen der kapitalistischen Warengesellschaft (privatisierende, verinnerlichte wertorientierte Lebensweise plus Repräsentativsystem) eine weitere Demokratisierung dieser Gesellschaft in eine Sackgasse geraten. Der Spielraum für eine weitere Demokratisierung scheint da zu sein. Aber die Menschen können ihn nicht nutzten, weil sie sich auf Grundlage ihrer emsig betriebenen wirtschaftlichen Grundfunktion (rastloses Kaufen und Verkaufen und daraufhin "keine Zeit haben"...) kaum mit sich und ihren Mitmenschen beschäftigen können ...

Der alltägliche Vollzug der Warenfunktionen und die Unterwerfung des ganzen Lebens (auch der "Freizeit") unter die (Selbst-)verwertungszwänge des Marktes bedeutet, dass sich die beteiligten Menschen ständig neu zu Abhängigen des Wertes und der Verwertung formen und diese Selbstgestaltung als Käufer und Verkäufer als "natürlich" und "selbstbestimmt" empfinden. Der deutsche sprachliche Ausdruck "sich selbständig machen" für "eine Firma gründen" und mit der gleichzeitigen Bedeutung von "sich unabhängig von anderen machen" drückt das unfreiwillig mit aus. Sich den Zwängen des Marktes aktiv zu unterwerfen, um aus Geld mehr Geld zu machen, um schließlich seinen Lebensunterhalt damit zu erlangen, wird als "sich selbständig machen" empfunden. Innerhalb dieses Zwangsrahmens der Verwertung ist es eben geboten, sich ständig "kreativ", innovativ", gestaltend und sich selbst "stylend" zu verhalten. Dass damit fast die ganze Lebenszeit aufgesogen wird, empfinden viele eher als unproblematisch oder gar als Glück. Irgendwann, wenn "genug" Geld verdient ist, könnte die/der ‚Selbständige’ sich ja vielleicht "zur Ruhe setzen" ...

Wer so von der allgemeinen Wertvergesellschaftung beeinflusst ist, kann sich nicht mehr vorstellen, dass die Menschen jemals dahin kommen könnten, ihr Wirtschaften allen Menschen dienstbar zu machen und sich mehrheitlich an der Leitung und Gestaltung ihrer Gesellschaft zu beteiligen. Längst bekannt ist obendrein, dass alle Menschen Künsterinnen und Künstler sein könnten ... Die Wertvergesellschaftung lässt den Beteiligten eine wirkliche Demokratie als Utopie erscheinen. Und Utopie steht hier nicht für einen orientierenden Kraftquell für real mögliche Veränderungen, sondern steht im Geruch weltfremder Spinnerei.

Eine wertkritische Demokratietheorie ist eine normative Theorie. Sie erkennt die Fortschritte im Freiheitsspielraum für die einzelnen Menschen und die gesamte Gesellschaft an. Diese drücken sich in unserem Land einerseits im freiheitlichen Anspruch des Grundgesetzes, im Schutz der Menschenrechte und des Rechtsstaates aus. Diese Grundlage gilt es, in weitestmöglichen gesellschaftlichen Bündnissen zu verteidigen. Andererseits wird in diesem theoretischen Bemühen versucht, auf Grundlage einer realistischen Bestandsaufnahme dieser demokratischen Fortschritte im Alltag, auch die gegenwärtigen Grenzen der bisherigen Demokratisierung aufzuzeigen, die teilweise in den genannten "Nebenwirkungen" der vorherrschenden Wirtschaftsweise und einer damit verbundenen Herrschaftsstruktur liegen.

Auf der Suche nach einer wertkritischen Demokratietheorie soll in selbstkritischer, pluralistischer Kontroversität die bisher ausgeblendeten Hemmnisse für einen weitergehenden Demokratisierungs-prozess zu erforschen, um Kenntnisse für eine demokratischere Praxis zu befördern. Das schließt Untersuchungen über tiefenpsychologische Auswirkungen der Wertvergesellschaftung und von experimentellen Versuchen von Gruppen ein, die sich bemühen in ihrer Alltagspraxis demokratischer zu werden, als es der gesellschaftliche Standard empfiehlt. Klar ist schon zu Beginn solcher Untersuchungen, dass diese Experimente unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen und aus sich heraus auf Schwierigkeiten stoßen. Aber vielleicht könnten gerade durch eine bewusste Untersuchung dieser Schwierigkeiten bisher verborgene Kenntnisse freigesetzt werden.

Ein Teil der Hemmnisse, die einer weiteren Demokratisierung entgegenstehen, ist gegründet in der besondern ungesellschaftlichen Vergesellschaftung über den Wert. Zur Darstellung dieser Hemmnisse sind die Ergebnisse der Wertformanalyse, besonders die der Äquivalentform, mit denen der Bestimmung des Wertinhaltes zusammen zu nehmen. Quelle des Wertes ist die lebendige, menschliche Arbeitskraft. Aber die besondere Form, also Zeigegestalt, die der Wert im kapitalistischen Austauschprozess annimmt, verdeckt das in mehrfacher Hinsicht. a) Gebrauchswerte geben ihre natürliche, von Menschen bearbeitete Gestalt als Zeigegrundlage, um Wert auszudrücken. Dadurch erscheint das "Wert haben" und "Wert sein" als den Dingen unmittelbar angehörig: die Dinge scheinen von Natur aus Wert zu haben. Das befestigt sich, wenn alle Menschen in Verhältnisse hineingeboren werden, in denen es kaum noch Dinge und Tätigkeiten gibt, die nicht käuflich sind. b) Produkte konkreter Arbeit werden als Waren Träger von Wert. Wert erscheint in Waren- und in Geldgestalt ("Verdopplung" der Wertgestalten). Dadurch scheinen waren nur nützliche Dinge zu sein und Geld nur Wertausdruck zu sein. Dabei sind Waren und Geld gleichermaßen Träger von Wert. c) Schon in der einfachen Wertform (eine Ware tauscht sich mit einer anderen Ware in bestimmter Menge aus) erscheint das "Wertsein", obwohl die Quelle nichts ist als konkrete menschliche Arbeitskraft (allerdings privat verausgabt), als Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Diese Gestalt, "Wertsein" als verselbständigter Ausdruck von lebendiger menschlicher Arbeitskraft, verdeckt die Quelle des Wertes. d) Dazu kommt, dass auch die Arbeitskraft als Quelle des Mehrwertes noch einmal verdeckt ist, dadurch dass die ganze Arbeit des Lohnarbeitenden in der Lohnform als bezahlt erscheint. Nur vom Standpunkt der Wertproduktion aus wird deutlich, das die Arbeitskraft "mehr kostet als sie dem Anwender einbringt, wenn er sie nicht über einen gewissen Zeitpunkt hinaus und in einer gewissen Intensität nutzt, um sie im Produktionsprozess anzuwenden. Der jeweilige technisch-wissenschaftliche Stand der Produktion ändert an diesem gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnis als treibendes Motiv der Warenproduktion nichts.

Auf dem Markt ist dann keinerlei Unterschied mehr erkennbar zwischen der Ware, die der Unternehmer verkaufen muss, um die verausgabten Löhne zu bezahlen, dem Teil, der die Gelder für die bereitgestellten übrigen Elemente des Produktionsprozesses zu bezahlen, dem Teil, den er für geliehenes Geld den Finanzkapitalisten zurückzahlen muss und dem Teil, der als Gewinn bei ihm zurückbleibt. Er will nur einfach möglichst viel möglichst schnell möglichst viel Ware verkaufen, um möglichst viel zu profitieren.

e) Hinzu kommt, dass durch die Menge der "ungesellschaftlichen Aktionen" der einzelnen Kauf-Verkauf-Akte ein arbeitsteiliger Zusammenhang der Privatarbeiten hergestellt wird und sich damit die gesellschaftliche Nützlichkeit der verschiednen Waren auf den Märkten realisiert. Das Kapital und damit das Engagement der Kapitalbesitzer zieht sich immer dorthin, wo sich eine "Marktlücke" (Gebrauchswertseite) auftut und wo die Profitraten (Wertseite) am höchsten sind. Durch diese Bewegung findet tendenziell ein Ausgleich der Profitraten und eine Erfüllung der Bedürfnisse statt. Allerdings werden diese Bedürfnisse, um sie mit Waren zu befriedigen, zunehmend mit viel Geldaufwand und steigender Raffinesse erst hervorgerufen.

f) Die Folge, dass ein wachsender Teil des gesellschaftlichen Zusammenhanges über Waren und Geld erst "realisiert" (verwirklicht) wird, ist dass ein direkterer gesellschaftlicher Zusammenhang immer unwirklicher wird. Die meisten Menschen als Verkäufer und Käufer (lotto- und ebay-kundig) ohnehin gewohnt gemeinschaftlich-gesellschaftliche Entscheidungen "Spezialisten" zu überlassen, verlernen, ihren gesellschaftlichen Zusammenhang selbst wahr zu nehmen. Das bildet eine elastische, auf dem Boden der Wertvergesellschaftung kaum aufzuhebende Grenze aller vordergründigen Demokratisierungsbemühungen.

Weblinks

Zitate

Wir Menschen haben es verlernt, wirklich zu leben. Denn dort, wo wir es am wenigsten erwartet hätten: im Vollbesitz unserer Macht und technischen Errungenschaften stellen wir jäh fest, daß wir zu einer Zusammenballung von Menschen geworden sind, die gar nicht mehr wirklich leben und nicht mehr sie selber sind. Jeder, der an dieser Krankheit leidet, wird mit all seinen noch so gut gemeinten Aktionen immer wieder nur Krankes und Krankmachendes hervorbringen, solange er diese Krankheit nicht bei sich selbst überwunden hat. --Thomas Merton