Der Markt, der Mensch, die Schule

Version 3, toka am 1.7.2007 09:11
Daten
web: http://www.jungewelt.de/beilage/art/1450

Buch von Hans-Peter Waldrich

Dass neben dem offiziellen Lehrplan an Schulen nach einem »heimlicher Lehrplan« mitunterrichtet wird, ist bekannt. Die »Ziele« dieses Lehrplans ? etwa zu lernen, wie man Wissen vortäuscht, sich auf Kosten anderer profiliert etcetera ? stehen zwar teilweise in Widerspruch zu dem, was an Schulen verkündet wird, sind für die Schüler allerdings unerlässlich, um im »Biotop Schule« zu überleben.

Hans-Peter Waldrich untersucht in seinem Buch »Der Markt, der Mensch, die Schule«, wie den Kindern dieses Verhalten antrainiert wird und warum. Dabei geht es weniger darum, duckmäuserisches Verhalten zu belohnen, als vielmehr darum, eine Haltung zu fördern, die sich in absoluter Gleichgültigkeit gegenüber dem gerade behandelten »Stoff« äußert. Dieser Wahnsinn macht natürlich auch vor den Lehrern selber nicht halt und so verschleißt das System Schule Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

junge Welt

Rezension junge Welt

Aus: kinder, Beilage der jW vom 30.05.2007 via S G:

Alles ist Job

In »Der Markt, der Mensch, die Schule« zeigt Hans Peter Waldrich, wie man Gleichgültigkeit unterrichtet

von Alexander Subtil

Dass neben dem offiziellen Lehrplan an Schulen nach einem »heimlicher Lehrplan« mitunterrichtet wird, ist bekannt. Die »Ziele« dieses Lehrplans ? etwa zu lernen, wie man Wissen vortäuscht, sich auf Kosten anderer profiliert etcetera ? stehen zwar teilweise in Widerspruch zu dem, was an Schulen verkündet wird, sind für die Schüler allerdings unerlässlich, um im »Biotop Schule« zu überleben.

Hans-Peter Waldrich untersucht in seinem Buch »Der Markt, der Mensch, die Schule«, wie den Kindern dieses Verhalten antrainiert wird und warum. Dabei geht es weniger darum, duckmäuserisches Verhalten zu belohnen, als vielmehr darum, eine Haltung zu fördern, die sich in absoluter Gleichgültigkeit gegenüber dem gerade behandelten »Stoff« äußert. Dieser Wahnsinn macht natürlich auch vor den Lehrern selber nicht halt und so verschleißt das System Schule Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Waldrich arbeitet zunächst heraus, wie es an (deutschen) Schulen systematisch zu einer Zielverschiebung kommt: Nicht mehr das gerade unterrichtete Thema an sich ist interessant, sondern es ist einzig Mittel zum Zweck, um eine gute Note zu bekommen: Ob Thomas Mann gelesen wird oder Zeitungsartikel zum Thema »Flughafenausbau« erörtert werden, ist letztlich herzlich egal. Den Schülern wird eingetrichtert, sich ein beliebiges Thema innerhalb kurzer Zeit so anzueignen, dass es für eine gute Note reicht, danach kann und muss man den Stoff ad acta legen, da die nächste Klassenarbeit ansteht. Persönlicher Bezug, Interesse und Anteilnahme werden in der Regel nicht nur nicht gefördert, sondern schaden mitunter, wie Waldrich unter anderem an folgendem Beispiel illustriert: Eine Klasse hatte sich im Geschichtsunterrich t mit dem deutschen Faschismus beschäftigt und einen Film gesehen, der auch Bilder von Auschwitz und KZ-Überlebenden zeigte. Die Möglichkeit über das Gesehene zu reden und es in irgendeiner Form emotional zu verarbeiten, gab es allerdings nicht: Nach 45 Minuten stand »Physik« auf dem Stundenplan und wer da nicht aufpasste, weil seine Gedanken verständlicherweise noch woanders waren, bekam den Unmut des Physiklehrers zu spüren.

Warum wird ein solches Verhalten belohnt? Es ist notwendig in unserer Gesellschaft, die fordert, sich ständig anzupassen und möglichst »flexibel« auf die Wünsche der Wirtschaft zu reagieren. Wo die normale Erwerbsbiographie, in der man einen aus Interesse gewählten Beruf ein Leben lang ausführt, zur Seltenheit wird, verkommt alles zu einem »Job«, der irgendwie getan werden muss ? nicht weil es sinnvoll wäre, ihn zu tun, sondern weil man das Geld braucht, um über die Runden zu kommen.

Insofern bereitet die Schule tatsächlich optimal auf das Leben danach vor: Anstelle von aus Interesse gewonnenem Wissen über ein Thema stehen »Kompetenzen«, die es ermöglichen, sich chamäleonartig an das anzupassen, was gerade verlangt wird ? für das nächste Vorstellungsgesprä ch oder Projekt, die nächste Leistungsevaluierun g oder Präsentation. Diese Haltung allerdings ist charakteristisch für ein totalitäres System; es ist die Haltung etwa eines Folterknechts, der völlig emotionslos seinen »Job« machen konnte, zu dem er keinen Bezug hatte.

Waldrichs bitteres Fazit ist nun, dass es zwar von cleveren Schülern und engagierten Lehrern möglich ist, das System teilweise auszutricksen, dass aber Freude an Wissen und an einem Erkenntnisprozess ? im Gegensatz zum bloßen »Stoff«, der durchgenommen werden muss ? immer nur trotz und nicht aufgrund der Schule zustande kommen.

Hans Peter Waldrich: Der Markt, der Mensch, die Schule PapyRossa Verlag, Köln 2007 180 S., 13,90 Euro

thorsten:

im literaturverzeichnis des buches habe ich das buch "Erziehung im Kapitalismus" von Freerk Huisken gefunden. ich kann es sehr empfehlen ( allerdings scheint es fehlerhaft gebunden zu sein, in meiner ausgabe fehlen die seiten 73-80 ).