Vroni Hänggi Rüdiger

Version 12, 88.65.23.57 am 20.8.2008 01:58
Daten
Adresse: Kapuzinergasse 31, CH 4310 Rheinfelden
email: vroni.haenggi (ät) gmail.com

Durch google alert zu Antipädagogik wurde ich auf euch aufmerksam gemacht. Ich bin eine alte Kinder- und Frauenrechtlerin, eine Antipädagogin, Jahrgang 1949. Ich würde mich gerne bei euch registrieren, weil mir sehr gefällt, was ihr macht. Habe aber nicht herausgefunden wie die Neuregistrierung geht. Für alle an Antipädagogik interessierten, es gibt momentan ein Spiegel online Forum zum Thema Summerhill. Dort setzte ich mich als "janewayn" für die Antipädagogik ein, aber es ist ziemlich frustrierend. Es kommen nur einfältigste Argumente gegen Antipädagogik von Menschen, die gar nicht bereit sind, wirklich über diese Sache nachzudenken sondern nur von ihren Vorurteilen aus agieren.

Thomas:

Willkommen Vroni. Du kannst gerne auf allen Seiten kommentieren und Fragen stellen ... dadurch wächst das ganze.

Du findest Informationen zu Stichwörtern im CoForum über das ContextMenue. Zu Antipädagogik gibt es zur Zeit wenige Einträge – aber vieles was unter Pädagogik eingetragen ist, geht in eine ähnliche Richtung.

Über die Schweiz gibt es wenige Infos hier im CoForum. Wenn Du etwas weist, was zur Sammlung passt, freue ich mich über einen Hinweis.

karl:

hi vroni, welcome im coforum. einem feinen wiki! lg karl

Helmut:

Könntest du eine für mich als Laien verdauliche Erklärung geben, was Antipädagogik ist, wenn es nicht als Protest, sondern positiv definiert wird? Wenn Pädagogik verschwinden würde, dann bliebe das Problem "wie gehen Menschen miteinander um?" das von einer Verneinung der Pädagogik ja noch nicht gelöst wird. Andererseits bleibt die Aufgabe bestehen, Kindern eine fürsorglichere Entfaltung und Lernen zu ermöglichen. Ob das in einer Schule stattfindet oder nicht. Wenn man sagt "man kann nicht nicht-kommunizieren" gilt nicht im gesellschaftlichen Lernen vielleicht auch "man kann nicht nicht-lehren" oder "man kann nicht nicht-beeinflussen" ? Ist ein Ablehnen von Pädagogik nicht das gleiche, als würde man das Recht wegen fortdauernder Ungerechtigkeit oder den Staat wegen seiner Mängel abschaffen wollen, auch wenn man keinen Ersatz besitzt?

Vroni:

Hallo Helmut, hier eine Definition von Antipädagogik, sie ist nicht von mir, ich finde sie gut.

Antipädagogik - Was ist das? Eingetragen von kga. | 11 Oktober, 2005 - 17:53 Erziehung | KGA

Antipädagogik ist als Alternative zur herkömmlichen und anti-authoritären Erziehung zu sehen. Die Antipädagogik kritisiert das Verhältnis ErzieherIn / Zögling als Machtverhältnis von oben nach unten, dessen Überwindung als Weg zu einem gleichberechtigten Zusammenleben zwischen Erwachsenen und Kindern angesehen wird. In der Antipädagogik wird zwischen 2 verschiedenen Arten von Grenzen unterschieden: den aggressiven Grenzen, die gesetzt werden, um das Kind "vor sich selbst zu bewahren", z. B.: "Du darfst keine laute Musik hören weil es schlecht für dich ist.", und den defensiven Grenzen, die automatisch enstehen wenn Handlungen die Freiheit anderer einschränken würden, z. B.: "Du sollst nicht mitten in der Nacht laute Musik hören, weil du dann andere Menschen am Einschlafen hinderst.". Die Antipädagogik lehnt aggressive Grenzen ab, defensive bleiben jedoch erhalten. Das Fehlen dieser defensiven Grenzen (und damit auch oft der fehlende Respekt der Freiheit anderer Menschen) ist einer der Kritikpunkte der Antipädagogik an anti-authoritärer Erziehung.

Weiters wird der herkömmliche Zugang zu Kindern als Objekten, deren Eigenschaften durch Erziehung geformt werden müssen, damit diese zu "guten" Menschen heranwachsen, abgelehnt. Die einzige Möglichkeit ein Kind zu "formen" besteht darin, Zwang anzuwenden. Dies geschieht entweder durch (physische und/oder psychische) Gewalt, Erpressung, Belohnung (bei "richtigem" Handeln) oder Bestrafung (bei "falschem" Handeln). Der/Die Erwachsene entscheidet hierbei, was gut und richtig bzw falsch und schlecht für das Kind ist. Es ist unmöglich, einem Kind durch Erziehung Werte wie Toleranz, Frieden, Gleichberechtigung, ... näherzubringen, wenn die Erziehung selber in krassem Widerspruch zu eben diesen Werten steht. Begreift ein Kind diese Werte doch (falls das einem heutigen Menschen überhaupt möglich ist), so ist das mit Sicherheit nicht auf die Erziehung, sondern vielmehr auf andere Erfahrungen zurückzuführen. Das einzige, was ein Kind durch Erziehung lernt, ist das Kinder erzogen werden müssen ("Von oben eine am Deckel bekommen, nach unten weitertreten"-Prinzip). Die Spirale der Kinderdiskriminierung erhält sich quasi selbst.

Im Gegensatz dazu versucht die Antipädagogik Kinder als eigenständig handelnde Subjekte zu betrachten. Daher werden Sowohl Ver- als auch Gebote abgelehnt. Diese könnten nur mit Zwang durchgesetzt werden, und verleiten Kinder außerdem im Allgemeinen eher dazu sie zu ignorieren oder sich ihnen zu widersetzen, was zu für die Kinder gefährlichen Situationen führen kann. Im Ernstfall kann natürlich schützendes Eingreifen notwendig werden, dabei ist aber immer darauf zu achten, durch (nachträgliche) Kommunikation dem Kind die Gefahr/Situation zu erklären. Ratschläge und Kritik/Lob sind auf jeden Fall gegenüber Befehlen oder anderen Zwangsmitteln vorzuziehen, sie führen auch eher zu Einsicht seitens des Kindes. Hierbei ist auch darauf zu achten, dass in einer gleichberechtigten Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern Kritik natürlich auch von seiten der Kinder geäußert werden kann und soll. In beiden Fällen sind diese Ratschläge/diese Kritik allerdings nicht bindend, daher ist ausreichende Kommunikation der Schlüssel zu einer funktionierenden Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass Kinder natürlich keineswegs gleich wie Erwachsene behandelt werden sollen. Es geht vielmehr um ein gegenseitig gleichberechtigtes Behandeln bzw. um die Auflösung des hierarchischen (Erziehungs-)Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern. Kinder denken und sehen Dinge oft anders als Erwachsene, und das ist auch gut so.

Für mehr Gleichberechtigung, gegen jegliche Form von Ageism und Kinderunterdrückung!

Ich hoffe, Du kannst damit etwas anfangen. Wenn Du Dich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen willst, rate ich Dir die Bücher vom Erfinder, von Ekkehard von Braunmühl zu lesen. Sein "Zeit für Kinder" war "meine Bibel" für die aktive Zeit der Kinderbetreuung, damals war die ältere meiner Töchter noch ein Baby, jetzt ist sie 25 Jahre alt. Ich bin diesen Weg gegangen, auf dem mensch sehr einsam ist, weil die meisten finden, dass das doch nicht geht, dass das schadet, überfordert oder weiss ich, was da alles für Einwände kamen, aber, ich kann Dir versichern, für mich und meine Töchter ging es hervorragend, wir mögen uns, ich bin immer noch ein gefragte Beraterin, worauf ich enorm stolz bin!

Helmut:

Vroni, danke für deine Antwort. Gefühlsmäßig kann ich mich in ein "lieber Kumpel" als "Aufseher" hineindenken, aber als intellektuelles Programm kann ich es nicht verstehen. Ich verstehe den Unterschied zur Neill'schen antiautoritäten Erziehung auch nicht. Er würde nicht abstrakt defensiv sagen "dreh' die Musik leiser, weil sonst andere Menschen nicht schlafen können", sondern seine persönlichen Interessen verteidigen "dreh' die Musik leiser, weil sonst kann ich nicht schlafen", was meiner Meinung nach korrekter ist. Die Aussage, dass nur "Zwang" Kinder formen könne, verstehe ich auch nicht. Dahinter müsste ja eine Theorie kindlicher Entfaltung stecken, die aber nicht sehe. Natürlich kann auch ein Vorbild ein Kind formen, oder ein Trauma es verformen. Wie gesagt, das "gegen schlechte Erziehung" ist mir klar, aber die positive Seite wäre noch zu klären.

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Mir ist heute ein Zitat eingefallen:

"Dummheit ist rettungslos. Wenn der Dumme begreifen könnte, dass er dumm ist, wäre er's nicht mehr". (von mir!)

Ich setzte mich seit 1984 für die Antipädagogik ein. Sehr unfruchtbar. Der Teufel steckt im Wort. Deshalb nie mehr Antipädagogik benützen, ich nenne es seit gestern den konfuzianischen Approach, oder auf deutsch, die konfuzianische Haltung. Dann kann nicht jeder meinen, das kenne er schon und sein Erziehungswissen vom Stapel lassen.

Herzliche Grüsse an die Menschen hier.

Vroni Hänggi Rüdiger, Kapuzinergasse 31, CG 4310 Rheinfelden

12.8.2008 Namenstag der heiligen Klara.

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via ox

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